4 Monate, 2 Männer, 1 Ziel - Abenteuer Südamerika

Endlich ist es soweit! Soeben konnten Dani, mein Weggefährte für die nächsten vier Monate, und ich nach zähen Verhandlungen mit dem Chilenischen Zoll und einer Woche Verspätung unsere Motorräder aus dem Zollfreilager in Valparaiso bei Santiago de Chile loseisen.

Nun sind wir gespannt auf die viermonatige Motorradtour quer durch Südamerika und ich kann kaum fassen, dass ich von jetzt an für mehr als 16 Wochen nicht mehr nach dem Takt der Geschäftswelt ticken muss.

Voller innerer Zufriedenheit schnallen wir all unser Gepäck auf unsere zuverlässigen Africa Twins (ATs), nachdem wir zuvor die für den Transport entfernten Vorderräder wieder montiert haben, und geben ein erstes Mal Stoff in der für uns neuen Welt.

Einige Male wollen wir in den kommenden Wochen die Anden überwinden, bevor wir uns in Richtung Brasilien aufmachen und dabei den ganzen Kontinent überqueren. Doch zuerst müssen wir uns noch an die vollkommen anderen Strassenverhältnisse und das sehr spezielle Verhalten der anderen Verkehrsteilnehmer hier in Chile gewöhnen. Dabei ist uns als erstes der Weg hinüber ins Argentinische Mendoza behilflich.

Die Strecke st super, aber nicht ungefährlich. Dies bekommen wir schon am ersten richtigen Fahrtag mit. Hinter einer Kurve ist plötzlich Stau. Wir steigen in die eisen und wundern uns, dass dies hier bei dem wenigen Verkehr überhaupt vorkommen kann. Wie sonst auch, fahren wir an der stehenden Kolonne vorbei. Eine Ambulanz, die uns in rasantem Tempo überholt, lässt uns den Grund erahnen. Als wir an der Spitze ankommen wird unser Verdacht bestätigt. Ein Kleinbüschen mit Touristen ist von der Strasse abgekommen und ist ins etwa 4 m tiefer liegende trockene Flussbett neben der Strasse gestürzt. Offenbar hat es bis dahin nur Verletzte gegeben, die nun gerade eben mit den schon anwesenden Ambulanzen abtransportiert werden.

Mit einem etwas mulmigen Gefühl steigen wir wieder auf. Der Pass führt uns zum Schluss, will man nicht durch den Tunnel fahren, über eine unbefestigte Strasse. Unsere Herzen schlagen nun gleich höher, als wir zum ersten Mal auf Schotterwegen Gas geben dürfen. Dani hat noch nicht so viel Erfahrung damit und hält sich daher eher zurück, während ich mich sogleich wie zu Hause fühle.

Kaum haben wir den „El Cristo Retendor“-Pass hinter uns gelassen, müssen wir uns bereits ein erstes Mal mit technischen Problemen herumschlagen. Genauer gesagt, will Danis AT beim ersten Zollübergang einfach nicht mehr anspringen. Während ich die mit dem Zoll die Dokumente durchgehe und abstempeln lasse, schraubt Dani an seiner AT rum und versucht ziemlich entnervt dem Problem auf die Schliche zu kommen. Doch alles tüfteln hilft nichts und wir denken schon mit einem unguten Gefühl daran, dass wir unser Lager für diese Nacht wohl auf dem Pass aufschlagen müssen.

Bei einem letzten Versuch springt sie völlig unerklärlich zufällig doch wieder an, jedoch haben wir keine Ahnung, weshalb. Es dunkelt schon ein und so müssen wir bereits am ersten Reisetag das machen, was wir eigentlich auf unserer gesamten Reise vermeiden wollten: Eine Fahrt durch unbekanntes Gelände in der Dunkelheit.

Nachdem wir von halsbrecherisch den Pass hinunter jagenden LKWs überholt werden (die haben über 100 km/h drauf) und die Strasse plötzlich ohne Vorwarnung von Asphalt auf Kies und zurück wechselt und zudem hin und wieder Schlaglöcher aufweist, wissen wir auch, weshalb einem überall davon abgeraten wird, nachts zu fahren.

In Mendoza suchen wir einen Mechaniker, der uns evtl. eine Erklärung für den rätselhaften Aussetzer von Danis AT geben kann. Der zu Rate gezogene Mechaniker einer Honda-Vertretung kann uns jedoch nicht helfen, er findet nichts Aussergewöhnliches. Ohne Antwort müssen wir mit einem etwas flauen Gefühl in der Magengegend wieder aufsitzen. So rollen wir bereits kurze Zeit später über lange, einsame Strecken parallel zu den westlich neben uns verlaufenden Anden gegen Norden.

Bei San Juan, und somit einige Übernachtungen später, zieht es uns wieder direkt auf die Anden zu. Ein weiteres Highlight lässt uns das Tempo hoch halten: Der nächste Pass, der Paso del Agua Negra, steht an. Das Wort „Gegenverkehr“ verschwindet ob des seltenen Gebrauchs allmählich aus unserem Wortschatz. Andere Wörter wie „Ersatzkanister“ und „Höhenkrankheit“ (vor allem bei unseren Motos = höhenbedingte Leistungseinbusse) machen auf dessen Kosten einen gewaltigen Sprung aufwärts in unserer „Beliebtheitsskala“.

Regenwolken begleiten uns von Zeit zu Zeit und entleeren sich vor und hinter uns, doch wir werden nie verregnet. Trotzdem hat unsere super Schutzausrüstung bald den ersten Einsatz, allerdings nicht wegen des Regens, sondern um uns als weitere Isolationsschicht gegen die Kälte in den grossen Höhen von bis zu 4800m zu dienen.

Die Regenausrüstung hatten wir eigentlich hinsichtlich der in Südamerika momentan herrschenden Regenzeit mitgenommen, aber die hält sich bisher glücklicherweise zuvorkommend zurück. Auf dem Pass machen wir dann die ersten speziellen Bekanntschaften mit dem Chilenischen Zoll. Speziell deswegen, weil wir dort alle unsere Lebensmittel vor Ort essen oder sonst entsorgen müssen. Das SAG, die Chilenische Behörde für die Einfuhrkontrolle von organischen Stoffen, will das so. Der Grund ist schnell ermittelt. Überall an den Wänden hängen Plakate, die vor der Übertragung der bei uns unter dem Namen „Maul- und Klauenseuche“ bekannten Krankheit von Huftieren warnt. In Chile ist diese inzwischen offenbar so gut wie ausgerottet, was uns jedoch nicht hilft, unser entstehendes Nahrungsmitteldefizit zukompensieren. Einen Laden hat es auf dieser Höhe nicht und so machen wir uns mit zum Platzen vollen Mägen auf den Weg nach la Serena, wo wir auch gleich neu einkaufen und übernachten werden.

Diese Unannehmlichkeiten sind jedoch schnell vergessen und wir werden auf dem Weg ans Meer mit sehr beeindruckenden Naturregionen belohnt. Nicht umsonst heisst diese Gegend „La Colorada“. Extreme Farbkontraste von violettem, gelbem, grünem und grauem Gestein zaubert eine fabelhafte Kulisse herbei, die sich stark vom dunkelblauen Himmel abhebt.

Die Strände um La Serena laden zum Verweilen ein, aber bei uns heisst es „Der Weg ist das Ziel“ und so nehmen wir schon bald wieder Fahrt auf in Richtung Norden. Hier in Chile sind die Hauptverkehrsachsen sehr gut ausgebaut und die weltberühmte Panamericana ist zeitweise eine vierspurige Autobahn. So ist es für uns ein Leichtes in die Nähe unseres nächsten Ziels zu gelangen: der Paso San Francisco, erneut ein Grenzpass zwischen Chile und Argentinien. 500 km keine Tankstelle, keine Läden und Häuser um Wasser zu ergattern. Zudem, wie zu vermuten war, kaum Verkehr, denn der meiste Grenzverkehr konzentriert sich auf den Pass zwischen Santiago und Mendoza, den wir ja schon hinter uns haben.

Schon kurz nach Copiapo, einem kleinen ruhigen Städtchen, wird die Strasse schlechter. Kies und hart gefahrener Dreck bestimmen für die nächsten zwei Tage unsere Fahrunterlage. Immer höher lotst uns der Weg in Richtung Grenze. Mit 4750 m gibt er uns einen Vorgeschmack auf das, was uns bezüglich Motorenleistung in Bolivien erwarten wird. So kraxeln wir halt weiter den Pass hinauf in Richtung Argentinien.

Das erste Mal in meinem Leben erfahre ich hier, wo wir auf rund 500 km weder eine Tankstelle finden, noch sonst irgendetwas in dieser völligen Abgeschiedenheit unseres Übernachtungsplatzes auf 1700 m die absolute Stille. Kein Motorenlärm vom Verkehr, kein Vogelgezwitscher, nicht mal ein Rascheln von Blättern im Wind getraut sich diese Ruhe zu stören. Es ist so ruhig, dass ich ohne weiteres meinen eigenen Herzschlag hören kann.

Die unwirkliche, graue Natur, ohne Bäume, Büsche oder bewirtschaftete Felder kann auf manche Leute sicherlich befremdend wirken, auf mich aber wirkt sie sehr beruhigend ja irgendwie befreiend. Völlig unerwartet überfällt uns da das unrealistisch wirkende, leuchtende Grün der Laguna Verde kurz vor der Grenze zu Argentinien. Neben dem kalten Lagunenwasser laden heisse Quellen zum Bad. Dieser Verlockung kann ich im Gegensatz zu Dani unmöglich widerstehen. Wer hat schon die Möglichkeit, in einem natürlich heissen Bad auf über 4700 m.ü.M. in der freien Natur mit Ausblick auf diverse schneebedeckte Andengipfel zu entspannen? Eben!

Die Argentinische Seite des Passes wartet seinerseits mit einer zusätzlichen Eigenheit auf. Extrem starke Seitenwinde können einen schon mal um zwei Meter auf die andere Strassenseite zwingen. Sogar ein spezielles Strassenschild, mit im Wind gebeugtem Baum darauf, macht auf sehr Wind gefährdete Stellen aufmerksam.

Einige Tage später hat die schlechte Strassenqualität unangenehme Spuren an meiner Maschine hinterlassen. Weil wir keine Ersatzradlager dabei haben, fahre ich rund 400 km über den 4`000 m hohen Paso Sico bis ins Chilenische San Pedro de Atacama. Fahren ist wohl nicht ganz die richtige Bezeichung für dieses ruckelnde und schlagende Vorankommen. Zudem wird es von Kilometer zu Kilometer schlimmer, weil sich das Radlager immer mehr in seine Einzelteile auflöst.

Mit knapp 40 km/h hotternd erreichen wir die Oase in der trockensten Wüste der Erde am frühen Morgen, nachdem wir am Abend zuvor wegen einem kleineren technischen Defekt etwa 30 km davor nicht mehr weiter gekommen sind und das Zelt aufschlagen mussten. 

Keinen Meter weiter traue ich mich. Ich befürchte ein blockierendes Hinterrad, würde ich der AT nur noch einen Kilometer zumuten. Immerhin 5 mm Spiel am Hinterrad und einige heraus gefallene, halbierte Kugeln aus dem Lager erhärten die Vermutung.

Eine ganze Woche brauchen wir, um in der 100 km entfernten Stadt Calama bei mehreren Besuchen passende Ersatzteile zu organisieren und einbauen zu lassen. Doch wären wir keine guten Reisenden, wüssten wir uns nicht zu helfen. Während der langen Wartezeiten besuchen wir die El Tatio Geysiere, die Banos de Puritama, das Valle de la Luna und andere Sehenswürdigkeiten um die Oase herum und unterhalten uns mit Reto aus Luzern, einem ebenfalls per Moto reisenden Schweizer, der von Feuerland nach Mexiko unterwegs ist und zur Zeit hier auf einen neuen Hinterreifen wartet.

Nun aber folgt die grösste Herausforderung unserer Tour: Bolivien. Über den Paso de Yama gelangen wir an die Grenze zu Bolivien. Schon da zeichnet sich ab, was uns bevor steht. War die Strasse bisher asphaltiert, so wechselt sie einige Meter nach dem Richtungsschild nach Bolivien auf Dreck.

Von hier aus müssen wir bis nach Uyuni auf richtig befestigte Wege verzichten. Doch dies ist momentan eher nebensächlich. Mehr Fragen wirft zur Zeit die rasant zunehmende Höhe und deren Auswirkungen auf Mensch und Maschine auf. Erst auf 5`065 m.ü.M. erreichen wir das zweite Zollgebäude, wo wir unsere Motorräder einschreiben müssen. Die Höhe macht uns ziemlich zu schaffen. Wir sind extrem schlapp und müde und würden am liebsten gleich schlafen gehen. Den Motos geht es nicht anders. Ihre Leistung hat enorm nachgelassen, aber im Gegensatz zu meinem Kollegen kann ich wenigstens noch im zweiten Gang fahren. Er quält sich mühsam im ersten Gang über die Kuppen.

Auf das Angebot eines kurzen Fussballspiels gegen die Arbeiter der nebenan stehenden Schwefelsäurefabrik müssen wir Forfait geben. Wir sehen schon ohne Spiel alt genug aus.

So schnell es halt möglich ist, flüchten wir aus dieser Höhe. Vorbei an grünen, blauen und weissen Lagunen geht es zur Laguna Colorada. Von weitem zu sehen, scheint diese in tiefem Rot zu uns herüber. Auf dem glitzernden Wasser waten Flamingos auf Futtersuche durch das rote Nass und filtern dabei kleine rote Krebschen, welche für deren Rosafärbung verantwortlich sind, heraus.

Waren die Strassen bisher bloss schlecht, aber mit der entsprechenden Vorsicht gut zu befahren, so treiben sie uns jetzt teilweise den Schweiss auf die Stirn. „Schwierig“ ist dabei nur mehr der Vorname. Da hat es Reto, den wir in San Pedro getroffen hatten, mit seiner KTM640 Adventure doch einiges leichter. Das Verhältnis unserer Un-FALL-Statistik ändert sich nun schlagartig von  4:6 auf 6:7 immer noch zu meinen Gunsten, bevor wir gegen Abend bei strahlendem Sonnenschein endlich Uyuni erreichen. Dieses kleine Städtchen liegt am grössten Salzsee der Welt, dem Salar de Uyuni, und lebt hauptsächlich vom Tourismus.
Schnell finden wir das unter Motorradfahrern bekannte und beliebte Hotel Avenida gleich gegenüber der Bahnstation. Wie so oft parken wir unsere Motos im Hotel, d.h. hier im Innenhof, um zu verhindern, dass diese oder auch nur Teile davon nachts abtransportiert werden.

Der Salzsee ist zur Zeit, im Gegensatz zu anderen Jahreszeiten, tatsächlich ein See, denn das viele Wasser vom Winter ist noch nicht verdunstet und bedeckt den ganzen See bis zum Horizont. Mit einer Tiefe von 15-30 cm erlaubt er uns gerademal einen Besuch (per Jeep) im Salzhotel und dem bekannten, gleich ausserhalb der Ortschaft liegenden Zugfriedhof. Die interessante Isla de Pescado bleibt mir verwehrt.

Bald zieht es uns weiter nach Potosi. Wieder führt uns eine unbefestigte Strasse über viele 4`500 m Anhöhen an vereinzelt stehenden Bergdörfern vorbei. Auch müssen wir nun immer mal wieder eine Militärkontrolle über uns ergehen lassen. Meistens lassen sich die Soldaten aber mit einem kleinen Schmiergeld zufrieden stellen und ausserdem zu schnellerer Arbeit und einer Abkürzung des Kontrollprozederes motivieren. Für sie eine zusätzliche Geldquelle, mit welcher sie ihr spärliches Einkommen aufbessern können. Wer allerdings Zeit und Nerven hat, kann es auch ohne Schmiergeld schaffen.

Auf dem Weg machen wir am einen oder anderen bis auf das Allernötigste reduzierten Ort Halt, und lassen die Eindrücke dieser Siedlungen, wo Luxus noch ein Fremdwort ist, auf uns wirken. Luxus hat hier eine andere Bedeutung, als bei uns. Hier ist Luxus, heute zu wissen, dass man auch morgen etwas zu Essen auf dem Tisch hat!

Die Stadt Potosi, mit einer Höhe zwischen 3`980 und 4`070m die höchst gelegenste Grossstadt der Welt, liegt am Cerro Rico, was auch „reicher Berg“ bedeutet. Alte verfallene Prunkbauten lassen auf den einstigen Reichtum der Stadt schliessen, welchen sie durch den Silberabbau in eben diesem Berg generiert hatte. Inzwischen leben die Arbeiter eher schlecht als recht vom Silber, und durch die katastrophalen Arbeitsbedingungen ist die Lebenserwartung der Minenarbeiter auf unter 40 Jahre gesunken.

Unser Aufenthalt hier wird etwas länger als geplant. Grund dafür ist mein momentan schlechter Gesundheitszustand. Nachdem ich mich bei der Besichtigung der Minen infolge schlechten Essens mehrfach übergeben musste, verschieben wir unsere Weiterfahrt um einen Tag. Ich merke kaum, wie die Zeit vergeht. Während Dani sich mit einer anderen Schweizerin, die wir im Hotel getroffen haben, in einem Thermalbad entspannt, liege ich den ganzen Tag auf einer ungemütlich harten Matraze. Erst am nächsten Morgen geht es mir etwas besser, doch auch so muss Dani mein Gepäck runter zum Motorrad bringen. Immerhin soll die Strasse nach Sucre in gutem Zustand sein. Nur deshalb lasse ich mich überhaupt überreden, weiter zu reisen. Zudem haben wir vernommen, dass aus politischen Gründen an vereinzelten Orten Strassensperren aufgestellt wurden. Naja, bald werden wir wissen, wie schlimm es wirklich ist. Um zu verstehen, wie wirkungsvoll solche Sperren hier sind, muss man wissen, dass Bolivien über ein äusserst geringes Netz an guten Strassen verfügt. Es ist daher also möglich, mit wenig Aufwand, in diesem Fall einigen Strassensperren, den gesamten Verkehr in diesem Land lahm zu legen.

Soweit so gut. Ich halte mich auf dem Moto und während Dani die grösste Freude hat, als wir einen enorm langen und kurvigen Pass runter fahren, habe ich Mühe, diese unwillige Kiste überhaupt um die Kurven zu kriegen. Erst jetzt fällt mir auf, wie viel es dafür eigentlich benötigt. Je näher wir Sucre kommen, desto mehr Sperren haben wir zu umfahren. Anfangs bestanden die Sperren nur aus Ästen und Dornenbüschen, später kamen dann zusätzlich grosse Steine dazu. Meistens lassen die Campesinos, also die Bauern und Feldarbeiter, jedoch mit sich reden und wir dürfen passieren. Erst 20 km vor der Stadt, sozusagen einen Katzensprung davor, wollen einige junge Radaumacher uns nicht passieren lassen. Auch meine üble Verfassung beeindruckt sie nicht im geringsten. Sie drohen sogar, uns mit Steinen zu bewerfen und uns zu verprügeln. Dani gerät dabei fast aus der Fassung, so wütend ist er, denn die meisten dieser Zwerge erreichen nicht mal Danis Schulterhöhe, geschweige denn seine Breite. Doch als die Ersten ihre Steine in die Höhe heben, kann ich Dani endlich überzeugen, dass es wohl besser ist, umzukehren.

Was folgt, sind klar die schlimmsten zwei Kilometer, die ich je gefahren bin. Wir folgen zwei Moto-crossern mit ihren leichten 125er-Maschinen entlang eines Bachbettes, das aussieht, wie ein Wildbach nach der Schneeschmelze: übersäht mit grossen Steinbrocken und überall ausgewaschen. Wir brauchen für die kurze Distanz sage und schreibe zwei Stunden!!! Wahrscheinlich waren das gleichzeitig die langsamsten Kilometer meiner gesamten Motorradkarriere. Als wir dann endlich in Sucre ankommen, melde ich mich völlig ausgepumpt im Spital. Total ausgetrocknet und mit hohem Fieber wird mir eine einwöchige, hochdosierte Antibiotikakur verschrieben. Glücklicherweise schlägt diese schon bald an.

Die Unruhen nehmen zu, man spricht gar von nahendem Bürgerkrieg. Wir verbringen viel Zeit im Internetcaffee, um so viele Infos, wie möglich zu sammeln, damit wir die Lage etwas besser beurteilen können. Während andere Touristen aus unserer Absteige mit einem Postflieger aus der Stadt bzw. Bolivien fliehen, warten wir erst einmal ab. Die Stadt ist isoliert, es gibt weder ein Rein noch ein Raus. Alles ist blockiert! Erst nach gut einer Woche werden die Strassen wieder einigermassen geöffnet und wir nutzen die Gelegenheit, endlich raus zu kommen. Inzwischen hat sich meine Kur ausgezahlt und ich bin wieder fit. Sofort packen wir unsere sieben Sachen und fahren los. Allerdings zuerst ein wenig nach Süden, denn man hat uns gesagt, dass die direkte Verbindungsstrasse nach la Paz nach wie vor blockiert sei. So haben wir das Glück, über eine eher unübliche Reiseroute nach Oruro zu gelangen.

Die Strecke ist fantastisch und ich kann es auch endlich wieder geniessen. Zeitweise habe ich das Gefühl, ich befände mich in der Schweiz, kurz darauf fahren wir durch Schlammabschnitte, wie wir sie uns gar nie hätten vorstellen können. Nur die Bollensteine auf der Strasse, die von den Blockaden herrühren, lassen uns nicht vergessen, wo wir uns befinden. Absolute Abgelegenheit und kaum Verkehr haben aber auch ihre Kehrseite. So müssen wir beispielsweise verschmutztes Benzin kaufen und hoffen, dass unsere ATs dieses schlucken, ohne Probleme zu machen.

Da Dani meist hinter mir fährt, hat er vermehrt Probleme mit dem Luftfilter. Der Filter ist derart voll mit von mir, als Vorausfahrender, aufgewirbeltem Staub, dass er zeitweise nur noch in einem schmalen Drehzahlbereich fahren kann, ohne dass ihm der Motor abstirbt. Erst in Oruro können wir den Filter mit Druckluft wieder ausblasen und ab da läuft die Maschine wieder, wie mit Zuckerwassermotor.

Oruro selbst gefällt uns gar nicht, weshalb wir gleich weiter düsen. Von hier aus ist die Strasse wieder gut asphaltiert und so kommen wir schnell vorwärts. Nur einmal kommen wir kurz ins Grübeln, als wir zwei riesige, vom Schmelzwasser gut gefüllte und reissende Flüsse überqueren sollen. Offenbar hatte die Regierung aber auch schon ein Einsehen, dass diese etwas gefährlich sind, und so hat man zu unserem Glück schon vor einiger Zeit mit dem Bau von zwei Brücken begonnen. Inzwischen sind die soweit, dass wir uns nach Rücksprache mit den Bauarbeitern über die Brücke und zwischen den vielen Baumaschinen durch mogeln können.

Erst bei Dunkelheit erreichen wir la Paz, bzw. das oben liegende El Alto, die Armenviertel der Millionenstadt. Weshalb die Armen hier die Berghänge besiedeln dürfen resp. müssen hat einen einfachen Grund; Die Stadt erstreckt sich von 3`500 m.ü.M. bis auf über 4`100 m.ü.M. Naja, und auf 3500 m hat es halt mehr Luft und es lässt sich einfacher Leben und somit ist es dort teuerer, weil alle dorthin wollen.

Braune, einstöckige Lehmhäuser säumen die Strasse. Nachdem wir an der Zahlstelle die zwei Bolivianos Maut hinblättern, führt uns die Strasse an den Rand des Tals. Ein fantastisches Lichtermeer erglitzert unter uns. Genau wie die Autobahn zieht sich auch das Lichtermeer die Hänge hinab. Die Suche nach einer Unterkunft gestaltet sich nicht gerade einfach in diesem Gewühl, doch schliesslich finden wir ein schönes und sauberes Hostal, wo wir auch unsere Motos hinein nehmen können. Dass dafür sogar die Reception verschoben werden muss, kümmert uns nicht.

Wir bleiben einige Tage hier, um uns etwas zu erholen. Zudem müssen wir noch die neuen Koffer abholen, welche meine Freundin für mich nach La Paz geschickt hat. Nach einigem Hin und Her und mühsamen Verhandlungen mit dem Zoll über die Einfuhrsteuern kann ich die neuen Kisten dann mitnehmen.

Am Tag darauf geht es endlich weiter. Es kribbelt schon wieder in den Fingerspitzen. Heute soll es so weit wie möglich in Richtung Cuzco gehen. Unser nächstes Ziel, der Machu Picchu, wartet. Am Morgen zeigt sich das Wetter noch von seiner guten Seite, doch je näher wir der Peruanischen Grenze kommen, desto mehr Wolken ziehen auf. Den ganzen Tag fahren wir und der Tacho dreht und dreht am Kilometerzähler. Als es bereits eindunkelt, fragen wir Leute am Strassenrand, wie weit es noch bis nach Cuzco sei. Offenbar nur noch 50 km. Es beginnt zu tropfen. Da es aber nicht mehr weit zu sein scheint, entscheiden wir uns weiter zu fahren. Nicht lange und es regnet derart stark, dass man meinen könnte, es gebe ab morgen nie mehr Regen. Nun hat uns die Regenzeit doch noch eingeholt. Es schüttet, wie ich es noch nie in meinem Leben erlebt habe. Es klatscht auf unsere Helme, so dass man den Motor des Motos nicht mehr hören kann.

Als ich nach gut 50 km immer noch keine Erhellung einer Stadt am Horizont ausmachen kann, glaube ich nicht mehr an die Distanzangabe des Passanten. Es sind dann noch weitere 100 km, bis wir unser Ziel unter einer Dauerdusche erreichen. Völlig durchnässt und mit 710 km die längste Tagesetappe unserer Reise hinter uns gebracht, lassen wir uns zum Schluss von einem Polizisten ein günstiges Hostal zeigen, natürlich gegen Bezahlung.

Wir wären keine richtigen Touristen, würden wir uns den im Regenwald gelegenen Machu Picchu entgehen lassen. Wir organisieren also eine Fahrt dorthin und besuchen das gigantische Bauwerk aus Inkazeiten. Schon früh morgens stehen wir auf, um uns den ganzen Tag für die Besichtigung Zeit nehmen zu können. Am Morgen ziehen Wolken aus dem Tal den Hängen entlang hinauf und regnen aus. Aber genau zum Mittag kämpft sich die Sonne durch und wir können vom sogenannten Sonnentor aus die überwältigende Aussicht auf die alten Ruinen geniessen. Überaus eindrücklich ist die von vielen bewunderte Massgenauigkeit der ineinander greifenden Steine. Das kann man ohne jegliche vorbehalte noch Bau-Kunst nennen.

In Aguas Calientes, dem kleinen Ausgangsdorf, von wo fast alle starten, genehmigen wir uns ein warmes Bad in den heissen Quellen. Unsere malträtierten Beinmuskeln, die bei der Rückwanderung über die scheinbar tausenden Treppenstufen ziemlich überanstrengt wurden, danken es uns. Erst am frühen nächsten Morgen geht es zurück nach Cuzco, und so sitzen wir auch lange nach dem Eindunkeln noch in den warmen, wenn auch nicht gerade schönen Becken.

In Cuzco sind inzwischen unsere von der Regenfahrt nassen Kleider getrocknet und so sind wir wieder fahrtüchtig. Wir machen uns auf nach Arequipa. Da wir heute aber spät dran sind, kommen wir auf der sehr gut ausgebauten Strasse nur bis Juliaca, einer schmudelig wirkenden Schmugglerstadt. Umso mehr freuen wir uns, als wir am nächsten Tag den Weg bis nach Arequipa in Angriff nehmen können. Die Strecke führt grundsätzlich vom Hochland in tiefere Gefielde. Aber bevor man ins Tiefland kommt, dürfen wir mehrmals einige hohe Pässe überwinden. Der Belag ist ziemlich neu, griffig und schlicht ein Traum für jeden Kurvenfetischisten. Erst dann erreichen wir auf 2500 m unser Ziel.

Arequipa selbst ist eine schöne Stadt und hat auch viel zu bieten. Neben diversen besteigbaren 5000 und  6000er Vulkanen in der Umgebung, kann man auch den Colca-Canyon besichtigen. Wir wollen beides tun. Zumindest einmal wollen wir einen 6000er versuchen oder ihn wenigstens aus der Nähe sehen. So machen wir uns also an die Organisation. Wir benötigen nicht lange, da haben wir jemanden gefunden, der uns eine Tour auf den 6075 m hohen Chachani anbieten kann. Schon am nächsten Tag soll es los gehen.

Wir machen alles bereit. Gegen 10.00 Uhr werden wir abgeholt und dann geht es mit dem Jeep aus der Stadt. Nach gut zwei Stunden Fahrt erreichen wir unseren Ausgangspunkt auf 5100 m. Wir laden alles ab, und während sich unser Fahrer wieder auf den Heimweg macht, bauen wir das Zelt auf. Dani geht scheinbar wortwörtlich die Luft aus, aber auch ich merke, dass nicht mehr so viel Luft da ist, wie zuvor. Während ich auf Anraten unseres Guides ein Steinmäuerchen rund ums Zelt baue, liegt Dani wie ein Toter nebendran und überlegt sich jede Bewegung zweimal, bevor er sie ausführt.

Als die Sonne dann untergeht, wird es schlagartig kalt. Ein Glück, dass wir einen guten Schlafsack haben. Unser Guide bringt uns vor dem Schlafen noch Teigwaren mit Tomatensauce und erklärt uns nochmals, wie wir morgen früh vorgehen werden. Schön aufgewärmt schlüpfe ich in meinen Schlafsack. Anfangs ist es noch etwas kühl, doch es vergeht nicht viel Zeit, da schlafe ich trotz des um unser Zelt pfeifenden Windes ein, während sich Dani unaufhörlich wälzt.

Um 3.30 Uhr weckt uns schliesslich unser Guide. Dani friert sich fast die Ohren ab und ist froh, dass es endlich los geht. Ich dagegen wäre gerne weiter in meinem warmen Kokon geblieben. Aber was solls. Ich packe alles zusammen: Rucksack, Handschuhe, Stirnlampe, Sonnencreme, Wassersack mit vier Litern Wasser, drei Snickers, Toastbrot, etc. Dann hinaus aus dem warmen Zelt. Es ist schweinekalt, der Wind pfeift uns gnadenlos um die Ohren und wir nehmen das Angebot von heissem Cocatee (=Doping) und einem Marmeladebrötchen gerne an.

Doch dann geht es los. Jesus, so heisst unser Guide, führt uns anfangs auf einem falschen Pfad den Berg hinauf. Bald erreichen wir jedoch die Campingstelle auf 5400 m. Ein einziges Zelt steht da. Ein privater Bergsteiger hat sich mit seinem Guide gestern hier nieder gelassen, ist allerdings schon vor uns aufgebrochen.

Wir passieren Schneefelder, die jetzt noch hart und eisig, jedoch auf dem Rückweg trotz Steigeisen äusserst tükisch sind. Dani macht auf 5500 m schlapp und lässt sich weder von Jesus noch von mir überreden noch einen Schritt weiter zu gehen. Gut zureden hilft da nicht weiter und so beschliessen wir gemeinsam, dass er hier auf uns warten soll.

Je höher es geht, desto härter wird es. Nicht etwa, dass ich müde Beine hätte, nein, ich habe kaum Luft, das ist das Problem. Wie muss es da jenen gehen, die auf 8000er hinauf kraxeln? Irgendwie schaffe ich es dann nach 5 Stunden und 15 langen Minuten auf den Gipfel, und das erst noch vor den anderen Bergsteigern. Das Wetter ist super und die Aussicht fantastisch. Man sieht gar bis nach Arequipa hinunter. Auch den etwa 200 m weniger hohen Vulkan Misti hat man schön im Blick.

Alle zusammen machen wir uns nach einer halbstündigen Pause auf den Rückweg, mit super Bildern auf Film gebannt und in den Erinnerungen verankert. Zwischendurch sammeln wir Dani auf, der sich inzwischen ziemlich gut erholt hat.

Gegen Abend erreichen wir dann wieder Arequipa und so schnell wie wir am Morgen aufgestanden sind, so schnell fallen wir nun ins Bett.

Unsere Reise geht weiter. Eigentlich wollten wir über den Colca-Canyon ans Meer fahren, doch als uns in Chivay auffällt, dass Danis AT eine komische Umwucht im Rad hat, ist uns schnell klar, dass wir gleich wieder umkehren können. Und so sind wir nach einem eintägigen Ausflug schon wieder auf dem Rückweg nach Arequipa, allerdings nicht, ohne unterwegs auf einer üblen Schlaglochpiste meinen Vorderpneu durch zu stanzen. Wir erreichen die Staadt erst mitten in der Nacht. Immerhin hat eine von Danis Kurzzeitgeliebten vom mehrtägigen Aufenthalt kurz vorher im Hostal ein Zimmer für uns reserviert, das wir nun beziehen können.

Erst zwei Tage später können wir dann doch endlich weiter. Diesmal allerdings direkt in Richtung Meer. Nächstes Ziel ist Arica, die nördlichste Stadt Chiles. Doch die Reise wäre nicht aufregend, wenn nicht kurz ausserhalb Arequipas ein Knall meine Fahrt abrupt beenden würde. Dem Knall folgt eine äusserst schwammige Lenkung, die auf einen geplatzten Vorderpneu zurück zu führen ist. Nun ja, nicht umsonst habe ich gelernt, wie man Schläuche repariert. Da kommt mir gerade recht, dass in der Nähe eine Polizeiwache steht, mit einem vor der Sonne geschützten Vorplatz.

Wie ich feststelle, hat sich der Schlauch am kaputten Pneu aufgerieben. Dieser wurde beim letzten Plattfuss offenbar vom Schlag ebenfalls gleich durchgestanzt. Allerdings habe ich das beim Flicken in der Nacht damals übersehen. Behelfsmässig repariere ich die Innenseite des Pneus mit einem Flicken für LKW-Pneus, den ich in der Nähe bei einem LKW-Reparaturdienst erstehen kann. Wenn das mal gut geht. Es muss, denn einen neuen Pneu bekomme ich hier bestimmt nicht. Unglücklicherweise bricht Dani beim Anziehen der Muttern an den Holmschrauben auch noch gleich eines der Gewinde der vier Schrauben ab. Nun bleibt mir nichts mehr anderes übrig, als zu hoffen, dass die Honda-Ingenieure bei der Entwicklung dieses Bikes nicht zu knapp kalkuliert haben. Denn leider kann man die Schraube nicht auswechseln, da sie mit dem Holm verschweisst war.

Durch unglaubliche Weiten düsen wir nun in Richtung Süden. Oft verläuft die Strasse bis zum Horizont absolut gerade über Sandebenen. Dies sind erneut die Ausläufer der trockensten Wüste der Welt, der Atacamawüste, die wir schon in San Pedro kennen gelernt haben. Unglaublich, nicht mal einen vertrockneten Grashalm findet man hier. Nur Sand, Sand und nochmals Sand. Erst gegen Abend erreichen wir den Zoll von Arica. Nach einem Hin und Her wegen nicht vorhandener Zollformulare, die wir offenbar in der letzten Stadt vor dem Zoll hätten besorgen müssen, können wir eben jene Formulare dann am nahe gelegenen Kiosk kaufen, und das auch noch ganz offiziell. Wenn das mal keine Mafia ist. Aber was solls, Hauptsache ist, wir kommen schnell und unbürokratisch durch den Zoll nach Chile.

Am nächsten Tag reisen wir trotz traumhaften Stränden bereits wieder weiter. Indirekt via Putre, einem kleinen Bergstädtchen, wollen wir nach La Paz. Die Strecke bis da hin hat es aber in sich. Sie führt von Meereshöhe an Putre vorbei über 4`500m-Pässe bis auf das Altiplano, die Hochebene von Bolivien. Bevor es soweit ist, folgt man vorerst einem schönen, dank eines Flusses begrünten Tal, um danach auf hunderten, wenn nicht tausenden Kurven die Höhe zu erklimmen. Der Belag ist gut, griffig und für Kurvenlagen ideal. Dabei ist es fast nicht erwähnenswert, dass ich heute schon wieder einen platten Vorderpneu auf meiner Liste notieren kann. Erneut ein Riss im Pneu, der den Schlauch aufgerieben hat. Allmählich geht mir das Ganze auf die Nerven. Dani donnert wie ein Irrer mit vollem Risiko einfach über alles drüber und holt sich keinen einzigen Plattfuss, während ich vorsichtig bin und einen nach dem anderen kassiere. Vorsicht ist wohl doch nicht überall die Mutter der Porzelanvase.

Nach einer ziemlich kühlen Nacht unter immerhin drei bis vier Decken in der Ortschaft Putre, erreichen wir dann über anfangs üble und später wieder bessere Strassen zum zweiten Mal auf dieser Reise La Paz. Diesmal kennen wir uns zum Glück gut aus, und so können wir die gesparte Zeit bei der Hotelsuche gleich für eine anschliessende Shoppingtour verwenden. Zwischendurch wird an meiner AT noch der Vorderpneu ersetzt und die abgebrochene Schraube am Holm schweisst uns der uns inzwischen bekannte Mechaniker auch noch an.

Nach zwei Tagen Aufenthalt in der Metropole zuckt es uns derart in den Handgelenken, dass wir weiter müssen. Erneut hätten wir ja nichts zu erzählen, wenn alles glatt verlaufen würde. Wir sind eben 70 km von La Paz entfernt, ich überhole gerade ein Auto und schwenke wieder ein, da kündigen sich mit einer extrem schwammigen und absolut unkontrollierebaren Lenkung plötzlich Probleme an, und ich realisiere, dass ich keine Luft mehr im Vorderpneu habe. Das Ganze geht jedoch dermassen schnell, dass ich überhaupt nicht mehr reagieren kann. Mit knapp über 100 Sachen komme ich von der gut ausgebauten Strasse ab und donnere hinaus ins Gelände. Gegenzulenken versuche ich zwar, aber dabei drehe ich mehr oder weniger nur den Felgen im Pneu , während dieser stabil seine Laufrichtung ab der Strasse beibehält.

Anfangs kann ich die auf dem üblen Untergrund wild bockende Maschine noch erstaunlich gerade halten, doch irgendwann fällt sie. Einer der Alukoffer hakt im Boden ein und die ganze Maschine überschlägt sich. Dabei werde ich Kopf voran durch die Luft geschleudert und die AT wirbelt so herum, dass sie nach dieser krachenden Landung sicherlich keinen Schönheitswettbewerb mehr gewinnen könnte.

Dani beobachtet das ganze Schauspiel, das ich ihm biete, fassungslos. Nun, immerhin hatte ich Glück im Unglück. Mir ist nicht viel passiert. Neben diverser kleinerer Schürfungen und Prellungen habe ich nichts sonderlich Gravierendes ausser einem Blackout im Hirn bzgl. des genauen Unfallablaufes. Da soll nochmal einer behaupten es gäbe keine Engel. Ohne diese und meine Schutzkleidung hätte ich einen solchen Sturz wohl nicht mal ansatzweise überlebt. Diesen Tag kann ich wohl als zweiten Geburtstag im Kalender eintragen!

Das Motorrad ist nach dieser Showeinlage nicht mehr fahrtauglich und wir organisieren einen Rücktransport nach La Paz zu unserem altbekannten Mechaniker Nosiglia. Während ich mich im Hotel und im Spital untersuchen lasse, und mich anschliessend erhole, gehen wieder einige Tage ins Land. Dani hat inzwischen regelrecht „Heimweh“ nach Brasilien, welches er vor einiger Zeit schon einmal besuchte, und will unbedingt weiter. Mir geht es kaum anders. Nach den äusserst unangenehmen Erfahrungen, die ich hier in der letzten Tagen gesammelt habe, kann es ja nur noch besser werden. Allerdings müsste es bei mir nicht unbedingt Brasilien sein, es geht mehr darum, weg von diesem unfallträchtigen Ort zu kommen.

Die absolut zerstörten Kisten ersetzen wir mit meinen „neuen“ alten Kisten, die ich beim vorletzten Aufenthalt in La Paz hier gelassen habe. Das Motorrad wird so repariert, dass ich weiter reisen kann. Doch kein Motorrad-Make-up der Welt kann die hinterlassenen Spuren überdecken: Man sieht, dass die AT gelitten hat. Aber was will man dazu schon sagen, welche Maschine überlebt schon einen Unfall bei 100 km/h und kann nach einigen Tagen Reparatur wieder in solchem Gelände gefahren werden? Das muss man den Hondaleuten lassen: Mit der Africa Twin haben sie einfach einsame Spitzenarbeit geleistet!

Obwohl ich zwar noch ziemlich unsicher auf dem Hobel bin, machen wir uns wieder auf den Weg und mit jedem Kilometer geht es besser. Vom Hochland geht es dann allmählich runter in den Dschungel. Die Vegetation ändert sich um 180 Grad. Zuerst lebt um uns herum fast nichts, dann wuchert es nur so im Regenwald und zum Schluss erwarten eine Palmen und beinahe Strandfeeling vor Santa Cruz. Fehlt eigentlich nur noch das Meer.

Von hier aus geht es weiter mit dem „Todeszug“ bis nach Corumba an die Grenze zu Brasilien. Als könnten wir auch wirklich kein Abenteuer auslassen, erleben wir nun auch noch, weshalb man dieser Zuglinie den etwas abschreckenden Namen gegeben hat. Wie könnte es anders sein, unser Zug entgleist. Zu unserem Glück fahren wir aber nicht allzu schnell und so hält sich der Schaden in Grenzen. Mit dem entsprechenden Werkzeug sind die Wagen bald wieder auf den Schienen und die Fahrt kann weiter gehen.

Neben dem Namen „Todeszug“ hätte er allerdings zusätzlich die Bezeichnung „Schüttelbecher“ verdient. Den ganzen Tag über und auch durch die Nacht wankt es, als gelte es, im Schaukeln einen neuen Weltrekord aufzustellen. So haben wir denn auch kaum ein Auge zugetan, als wir am nächsten Morgen in Corumba ankommen.

Der Zoll ist nach gut fünf Stunden überwunden und dann geht es per Bike endlich in Danis ersehntem, ja fast geheiligtem Land in Richtung Meer. Alles quer durch das Pantanal, eine flache Steppe mit tausenden und Abermillionen von Mücken (abgesehen von den Trilliarden anderer Insekten). In Sao Paulo, der drittgrössten Stadt der Welt, treffen wir Willson, einen brasilianischen Biker, den wir kurz nach meinem Unfall in Bolivien bei seiner Heimfahrt vom Urlaub getroffen hatten. Er hat uns eingeladen, uns die Stadt zu zeigen, und führt uns gekonnt und zielsicher in der City umher, so dass wir uns neben dem Verkehr nur auf das touristische Glotzen beschränken können.

Mit ihm und einem seiner Freunde, ebenfalls stolzer Eigner einer Africa Twin, die es laut seiner Angabe nur 16 mal in ganz Brasilien gibt, machen wir auch gleich die anstehenden Wartungsarbeiten an unseren Bikes. Neben dem Öl werden auch diverse kaputte Lämpchen ausgetauscht, so dass sich die ATs danach wie neue Maschinen anfühlen.

Jedem Töfffahrer sei versichert: Sao Paulo ist das ultimative Motorradfahrerparadies! Nicht nur, dass man fahren kann, wie man will, sondern auch der Fakt, dass es hier ein ganzes Stadtviertel gibt, welches einen Motorradladen neben dem anderen beherbergt, unterstützt meine Ansicht. Unglaublich und einfach ein Traum.

Unser nächster Traum, Rio de Janeiro, ist zum Glück nicht allzu weit entfernt und so können wir uns dann doch noch von Sao Paulo trennen. Wer wollte nicht auch schon mit seinem Bike vor dem Zuckerhut an der Copacabana entlang cruisen und dabei das Gefühl der absoluten Freiheit geniessen? Eben, und genau das haben wir gemacht. Aber nicht nur an der Copacabana hinterlassen wir unseren Pneuabrieb, sondern auch entlang der Praia Ipanema, an der pyramidenförmigen Kirche, der Catedral de Sao Sebastiao de R.J., dem weltberühmten Strassenbahnvidukt Arcos de Lapa und an diversen anderen Stellen.

Schlussendlich sind aber Städte nicht das, was wir auf unserer Reise gesucht haben. Brasilien soll ja noch einiges mehr zu bieten haben, und das wollen wir nun entdecken, unter anderem einige der schönsten Strände der Welt.

Der Küste entlang zieht es uns nach Norden und erst Salvador, welches wir über eine kleine Fähre erreichen, ist die nächste grössere Stadt. Bevor wir allerdings zu dieser gelangen, müssen wir uns von einem Polizisten noch eine Standpauke anhören, weil wir das Licht nicht eingeschaltet haben, was offenbar strafbar ist. Nach etwas gutem Zureden und viel Geschwafel über dies und das, lässt er sich beruhigen. Allerdings bekommt Dani noch eine Einzelabreibung, nachdem der Gesetzeshüter mitbekommt, dass Danis Tacho gar nicht angeschlossen ist. Aber auch dieses Problem ist schnell gelöst. Nachdem Dani das Werkzeug aus der Tasche gekramt und die Sache behoben hat, kann es weiter gehen.

Salvador ist eine für seine farbigen Häuser und für sein pulsierendes Leben mit starkem afrikanischen Einfluss bekannte Stadt. Ich kann das nur bestätigen. Die Leute sind nett, haben Freude an uns und zeigen das auch. Sie sind so hilfsbereit, dass uns ein einheimischer Biker, den wir nach einem Hotel fragen, nicht nur eine gute Unterkunft zeigt, sondern uns an den folgenden Tagen auch gleich mit seiner Tenere eine kostenlose Touristenführung gibt. Vor allem aber sollte man die Altstadt nicht auslassen. Gerade im berühmten Pelorino gibt es viel zu sehen und ist auch am Abend etwas los.

Nachdem Dani sich von einem kurzen Fieberschub erholt hat, hält es uns auch hier nicht mehr lange, zumal unsere Reise ja langsam dem Ende zugeht. 

In Canoa Quebrada, einem kleinen ehemaligen Fischerdörfchen, das erst vor einigen Jahren ans offizielle Stromnetz angeschlossen wurde, machen wir das letzte Mal Halt, bevor wir ans Endziel unserer Reise gelangen. Hier wollen wir noch mal richtig ausspannen und gleichzeitig etwas erleben. Prädestiniert dafür scheint es zu sein: Immerhin kommen laut Aussagen von Einheimischen an Wochenenden sogar Cars mit Partyvolk aus Fortaleza hierher.

Zuerst organisieren wir uns allerdings für einen ganzen Tag einen Buggy. Immerhin können wir den Preis für einen Tag auf 80 Pesos herunter handeln. Nach einer kurzen Einführung dürfen wir alleine mit dem Sandgefährt rumdonnern. Als wir gerade am Strand entlang düsen, sehen wir, wie ein junger Mann neben einem Fischerboot den Kopf eines anderen Jungen auf dem Schoss hält und ziemlich verängstigt wirkt. Erst als ich knapp an ihnen vorbei bin, realisiere ich, dass der liegende Junge ziemlich tot aussieht. Ich trete brüsk auf die Bremse und kehre um. Der Junge hat Schaum vor dem Mund und liegt völlig reglos da, die Augen weit offen, und reagiert auf nichts mehr. Wir verstehen rasch, dass er offenbar einen epileptischen Anfall hatte (immerhin, er lebt noch) und wir ihn so schnell wie möglich ins Dorf bringen müssen. So rollen wir vorsichtig mit ihm hinten drauf dem Dorf entgegen. Unterdessen erholt sich der Typ aber von selber so schnell, dass er im Ort angelangt bereits selbst ins Haus verschwindet.

Nun, alles nochmals gut gegangen. Wir knattern weiter über die Dünen. Doch wir wären nicht wir, wenn alles reibungslos ginge. Etwa eine Stunde, bevor wir den Buggy abgeben sollten, geht uns ca. einen Kilometer vor dem Dorf der Most aus. Keine Chance, auch rütteln bringt da nichts mehr. Da ich im Rennen und im Sandfahren (mit dem Moto) besser bin als Dani, entscheiden wir uns, dass ich ins Dorf laufe, meine Maschine hole, mit einem kleinen Ersatztank zur Tankstelle rausche und den Treibstoff auf schlingernden Wegen zum Buggy bringe. Gesagt, getan. Nach etwa 20 Minuten bin ich wieder beim Buggy und wir können unseren Buggytag doch noch positiv abschliessen.

Nach einigen erholsamen Tagen verlassen wir Canoa, um Fortaleza, unser endgültiges Ziel, zu erreichen. Erst als wir unsere Motorräder nach fast 10-tägigen zähen Verhandlungen mit dem Zoll und den Kistenbauern endlich fest verschnürt und in Kisten verpackt hinter uns im Hafengelände lassen, wird uns bewusst, dass diese Zeit wohl schneller vorüber gegangen ist, als uns lieb war. Andererseits freue ich mich bereits, meine Freundin endlich wieder in die Arme schliessen zu dürfen. Eines ist klar: Auch wenn ich in Zukunft vielleicht wieder einmal eine ähnliche Tour machen sollte, dann doch sicherlich nicht mehr so, dass ich dadurch vier Monate von ihr getrennt sein werde.

Resumé meiner Reise:

  • 16`000 unbeschreibliche Kilometer on- und off-road mit insgesamt fünf „Vorder“-Plattfüssen
  • einen 6`000er Vulkan erfolgreich erklummen
  • eine Zugentgleisung am eigenen Leib miterlebt und heil überstanden
  • das Leben zweier paar Aluminium-Transportkisten kaltblütig beendet
  • zwei Radlager komplett demoliert
  • ein Motorrad bis zum Totalschaden gefahren und dabei einen zweiten Geburtstag ergattert
  • viele schöne, auch erschreckende, vor allem aber unvergessliche Erfahrungen gemacht


Und nur ein einziges Fazit:    Ich würde es jederzeit wieder tun!!!