Pyrenäen - Schotter fahren, Schotter sparen

 

Die Pyrenäen sind noch ein wahres Motorradfahrerparadies. Selten traf ich auf so viele, abgelegene Strecken und Wege wie hier. Abgesehen von Südamerika kann hier gerade mal Nordskandinavien oder Rumänien mithalten. Aber nicht nur weg von der Zivilisation gibt es mächtig viel Schotter. In den Pyrenäen liegt wohl das Zentrum des Schotters, nämlich Andorra. Der kleine Staat ist selbsternanntes Zollfreigebiet, weshalb sich hier halb Frankreich, wie auch das angrenzende Spanien mit günstigen Gütern ausstattet und dabei dem kleinen Reich zu einem wahren Geldsegen verhalf. Hier ist es aber eben eine win-win-Situation, denn da alles so günstig ist, kann man sich so ganz nebenbei, sozusagen zwischen den Schotterpisten, noch kurz komplett neu ausrüsten und dabei mächtig Schotter sparen.

Aber nicht nur die Pyrenäen selbst sind eine Reise wert. Alleine die Hin- und die Rückfahrt durch die Ardèche und durch die bekannten französischen Schluchten machen etwas her. Aber lest selbst.....

 

1. Tag - Hinfahrt

Von Genf aus brettern wir bis runter nach Tournon sur Rôhne. Das Ganze ohne Pause, denn wir wollen endlich Kurven auf den Asphalt brennen und nicht nur den mittleren Teil des Pneus abfahren, wie wir das immer wieder an Bikes von Hardcore-easyridern sehen können.

Nach einer kleinen Pause bei der Rôhnebrücke folgen wir der D532 bzw. wechseln schon kurz darauf auf die D534 entlang des Flusses Doux, nicht zu verwechseln mit dem Doubs im Jura.

Endlich werden unsere Pneus richtig warm. Auch wenn es sich um den bekannten Stollenpneu TKC80 handelt, so bieten die Stollenreifen doch einen wunderbaren Grip und es lassen sich auch noch die äussersten Noppen abrasieren. Adieu Respektrand, sag ich da nur.

Flüssig gleiten wir entlang dem Flusstal, dass sich zu unserer Rechten auftut bis runter nach Lamastre. Dort wechseln wir auf die D578, welche in der gleichen Richtung weiter nach Südwesten führt. Nächstes Ziel ist Le Cheylard. Aber bis dahin sind es unzählige Kurven, viele Schräglagen und endlich auch viel, viel Spass. So haben wir uns die Ardèche vorgestellt!

Bei diesem Kurvenangebot vergisst man sogar das Essen. Ausserdem schlägt unser Wetterglück mal wieder derart masslos zu, dass es einem Angst und Bange werden könnte. Es ist so heiss, dass uns der Fahrtwind beinahe zu Dörrfleisch werden lässt. Wollen wir nicht als Mumien enden, so bleibt es uns nicht erspart, den Fahrgenuss hin und wieder für exzessive Trinkpausen zu unterbrechen.

Was uns hier besonders auffällt ist, dass wir fast ganz alleine sind. Ok, es ist Freitag und es werden viele Leute arbeiten müssen. Das erklärt, weshalb es wenig Einheimische hat. Aber es ist Ferienzeit, dies wiederum sollte zumindest einige Biker mit ausländischen Kennzeichen auf die Strasse locken. Doch weit gefehlt, wir ziehen unsere Kurven für uns alleine durch dichte Wälder und Ebenen. Das ist einerseits natürlich gut, da man die Strassen und Panoramen mehr geniessen kann. Andererseits hätte es uns danach gelüstet, einige andere Biker auf diesen Strecken vor unsere Kameralinsen zu kriegen und nicht nur immer uns selbst. Ausserdem wollten wir aber auch testen, wie gut die TKC80 auf Asphalt mit Strassenreifen mithalten können. Das müssen wir wohl oder übel auf später verschieben.

Kurz vor Mézilhac gibt es dann noch ein kleines Kurvenfest. Nach der sehr überschaubaren Ortschaft Sardige legt die sonst schon kurvenfreudige Strecke nochmals einen Zacken zu.

In Mende ist es dann bereits gegen 18.30 Uhr und wir entscheiden uns im Ort eine Unterkunft zu suchen. Vorab aber tanken wir auf, denn auf eines wollen wir uns nicht einlassen, nämlich auf das Glücksspiel, ob am nächsten Morgen auch tatsächlich eine Tankstelle offen hat. Dieses Spiel haben wir schon mal verloren – und die Suche nach einer offenen Tankstelle kann einen wirklich mächtig auf den Wecker gehen.

Im Zentrum finden wir vor dem ersten Hotel eine schöne Chopper. Ein portugiesischer Biker hatte offenbar die gleiche Idee bzgl. Übernachtungsort. Doch leider ist das ziemlich chic aussehende Hotel schon voll ausgebucht. Da er aber erst vor kurzem schon einmal in dieser Ortschaft vorbei kam, kennt er ein weiteres Hotel nicht weit entfernt, das für Biker sogar eine Garage bietet.

Keine 500 Meter weiter finden wir das Hotel Urbain V, wo wir auch tatsächlich noch ein Zimmer kriegen. Bevor wir uns allerdings den Betten widmen, machen wir noch einen kleinen Spaziergang in das schöne mittelalterliche Altstädtchen.

Leider ist die Auswahl an geöffneten Restaurants nicht gerade berauschend, was offenbar auch der Koch des Restaurants weiss, in welchem wir uns verköstigen. Nicht mal einen anständigen Hamburger bringt der Zustande. Naja, immerhin wiegt die grosse, sehenswerte Kathedrale des Ortes diesen Missgriff teilweise wieder auf.

 

2. Tag Anfahrt

Von Mende geht’s gleich kurvig los. Wir folgen der D25, welche sich gleich nach dem Ortsausgang in einigen Kehren in die Höhe schraubt. Danach geht es eher weniger spektakulär bis zum Col de Montmira. Schade dass unsere Fahrtrichtung hier nicht umgekehrt ist, denn die Abfahrt des Passes wäre ein wunderbarer Happen, um hochzudüsen und dabei die möglichen Schräglagen aus zu loten. Klar können wir die Kehren und Kurven auch geniessen, aber wir beide haben irgendwie mehr Spass einen Berg hoch zu ziehen als runter zu gurken, aber das ist wohl Geschmackssache.

Im Tal angekommen zweigen wir nach Westen ab in die bekannte Tarnschlucht. Sie ist zwar schön, aber so umwerfend, wie sie schon in so manchen Berichten beschrieben wurde, finden wir sie nun doch nicht. Vor allem am Anfang ist sie eher unscheinbar. Das mag allerdings auch daran liegen, dass wir bisher kein Frühstück gehabt haben. Dies holen wir nämlich erst in St. Enimie nach und ab dort bzw. kurz vorher fängt auch uns die Schlucht an zu gefallen.

Wer übrigens möchte, der hat hier, wie auch entlang dem weiteren Verlauf der Schlucht, die Möglichkeit, den Fluss per Boot zu erkunden. Touren können gleich in der Ortschaft gebucht werden. Wir allerdings nutzen nur das Café und die Boulangerie im Ort, um uns mit Kalorien für den Tag zu versorgen.

Nebenbei bietet die Ortschaft einige schöne Fotomotive, so wie sie sich in die Schlucht einschmiegt und vor allem auch mit der schönen Steinbrücke über den Fluss Tarn. Eine ebenfalls sehr schöne Brücke findet man nur einige Kilometer den Fluss runter in Saint Chély du Tarn. Dazu gibt es dort auch noch eine schöne Steinkapelle, die in eine Felsnische gebaut wurde. Wem die Sonne zu sehr auf den Helm geschienen hat, der kann hier übrigens wunderbar im Fluss baden gehen. Diese Möglichkeit bietet sich allerdings an diversen Plätzen in der Schlucht. Also Badehose nicht vergessen!

Flüssig geht es nun weiter entlang der kurvigen Strasse. Die Strecke gleicht lokal leicht der Scala de Regina auf Korsika, nur dass der Belag etwas besser ist. Ausserdem haben die Autofahrer hier ein Einsehen gegenüber den Bikern und lassen diese meist sehr schnell passieren. Das kann uns nur recht sein, denn wenn sie wollten, könnten sie einen auf Grund der engen Platz- und Kurvenverhältnisse schon mal eine längere Zeit sperren.

Ca. 1 Kilometer vor Les Vignes trumpft die Natur dann doch noch einmal mächtig auf. Am sogenannten Cirque des Baumes führt die Strasse dann unter riesigen, über die Strasse überhängenden Felswänden hindurch. Echt beeindruckend. Vor allem wenn man sich vorstellt, dass es doch tatsächlich Menschen gibt, die solche Wände erklettern! An diesen Wänden gibt es nämlich diverse Kletterrouten, die bei gutem Wetter emsig bestiegen werden. Aber noch schauriger dünkt mich dabei der Gedanke, dass es auch solche gibt, die sich an einem Seil wieder in die Tiefe stürzen: Eine Bungee-Brücke gibt es da nämlich auch.

Unser nächstes Ziel ist Millau. Nicht wegen der Ortschaft selbst, die ist eher gewöhnlich. Seit einigen Jahren gibt es dort aber ein vom Architekten Norman Foster entworfenes Bauwerk (http://www.fosterandpartners.com/Practice/Default.aspx), das uns schon auf den vorab gesehenen Landschaftsbildern ziemlich beeindruckt hat: Das Autobahn-Viadukt, das in den Jahren 1993-2004 die ausführenden Ingenieure mehrfach vor die Herausforderung stellte, gutes Design noch irgendwie technisch umsetzbar zu machen, geschweige denn finanzierbar verwirklichen zu können.

Die riesige Brücke, die etwas östlich der Ortschaft gebaut wurde, beeindruckt allein mit ihren Dimensionen. Die maximale Pfeilerhöhe beträgt 343 Meter. Das ist um ca. 20 Meter höher als der Eiffelturm in Paris! Die Fahrbahn selbst überspannt das Tal aber „nur“ in ca. 270 Metern Höhe. Vom Tarntal aus kann man ein Visitor-Center besuchen, dass allerdings Eintritt kostet. Auch wer sich das Geld sparen will, sollte den Ausflug zur Brücke nicht auslassen.

Zurück in Millau füllen wir unsere Flüssigkeitsvorräte nochmals auf, bevor es weiter Richtung Süden geht. Wir fahren auf eben jene Autobahn auf, welche vorher die Brücke überquerte, und düsen in Richtung Narbonne. Die Fahrt ist meist eher langweilig, dafür halten uns die Autofahrer auf Trab. Ein Stau jagt (oder besser stoppt) den nächsten und wir versuchen uns mittendrin irgendwie durch zu schlängeln. Erst als wir in Richtung Carcasonne gegen Westen abzweigen, wird es etwas besser. Interessanterweise fahren fast alle Franzosen bei einem Stau an den Rand der eignen Fahrbahn, um die Motos passieren zu lassen. Nur Touristen machen nicht mit. Besonders auffällig verhalten sich hier Urlauber mit Schweizer Kennzeichen VS für den Kanton Wallis. Sie gehen nicht nur nicht auf die Seite, nein sie blockieren sogar absichtlich die Mitte, um Biker hinter sich zu halten, als fühlten sie sich persönlich beleidigt, wenn ein Zweiradfahrer einmal etwas schneller vorankommt als der Automobilist. Dabei könnten sich die beleidigten Autofahrer einfach daran erinnern, dass ihnen die ausgleichende Gerechtigkeit schon beim nächsten Regen wieder das schadenfreudige Lächeln ins Gesicht zaubert…. Ein Glück, dass es Franzosen gibt, die dementsprechend sogar fast auf den Pannenstreifen ausweichen, um dies auszugleichen – ein Hoch auf die französischen Dosenfahrer!

Carcasonne dürfte dem Einen oder Anderen ein Begriff sein. Es handelt sich um eine der am besten erhaltenen Festungsstädte Europas. Im Mittelalter wohnten hier gegen 4000 Leute, heute sind es immerhin noch um die 200. Das soll aber nicht bedeuten, dass es wenig Leute hier hat. Es ist genau umgekehrt! Es wimmelt wie in einem Ameisenhaufen.

Aber die Ortschaft hat es wirklich in sich und schafft es, ein mittelalterliches Flair zu verbreiten. Kein Wunder findet sich die Stadt im Inventar des Unesco-Weltkulturerbes. Auch Hollywood hat sich hier schon gezeigt. Grössere Teile des Filmes „Robin Hood, Prince of the thieves“ wurden in Carcasonne gedreht.

Nach einer längeren Pause zieht es uns weiter. Über eine geniale Strecke fahren wir von Limoux nach Quillan, dann durch die völlig abgelegene Gorges du Rebenty. Über den kurvigen, aber wenig befahrenen Col du Pradel erreichen wir Ax-les Thermes. Dort schliessen wir uns dem Verkehr in Richtung Andorra an, der über die N20 zum Pas de la Casa führt. Auch die Autofahrer hier scheinen entweder sehr Moto-freundlich, oder aber zumindest sehr stark an diese gewohnt zu sein. Sobald sie ein Bike im Rückspiegel erblicken, fahren sie so nahe an den Strassenrand, um ein Überholen selbst bei Gegenverkehr zu ermöglichen. Das finden wir allerdings etwas heikel, denn wenn man sich diese Praxis angewöhnt, kann das in unseren Breitengraden sehr schnell zum vorzeitigen Ende einer Motorradfahrerkarriere führen.

Wir geniessen die Tour zur Grenze Andorras sehr, zumal wir endlich einmal einige einheimische Bikes vor uns vorfinden. Aber Achtung: An heissen Tagen können Bitumenfugen auch Enduroreifen zum Schlingern bringen. Dies ist grundsätzlich kein Problem, wenn man sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen lässt. Die lokalen Biker fahren hier meist grossvolumige Naked Bikes, zischen auf den Geraden ab, um zu zeigen dass sie ihre PS im Griff haben. Allerdings sind wir problemlos in der Lage aufgerissene Lücken trotz Stollenbereifung in den Kurvenkombinationen wieder zu schliessen und steigen ihnen gegen Ende der Schräglagenorgien regelmässig fast in die Getriebebox. Vielleicht haben sie ja doch nur den Gasgriff auf der Gerade, nicht aber das ganze Gefährt mit der doch speziellen Fahrphysik in der Schräglage, wirklich im Griff…

Nach einer Weile haben wir dann genug von der Hatz und nutzen den Umstand, dass der Pas de la Casa von Norden her über zwei fast gleichwertige Passstrassen erschlossen ist. Beinahe der ganze Verkehr nimmt die etwas neuere, direktere Route. Wir bevorzugen die etwas ältere, kurvigere Passstrasse, die etwas östlich den Berg hochzieht. Das wirklich Tolle daran: Wir haben die Strasse fast vollständig für uns alleine und können die regelmässigen, schön geschwungenen Kurven voll auf Zug nehmen und die Rutschgrenze der TKC80 gut testen. Die Kontrolle des „Angststreifens“ an unseren Reifen beim nächsten Halt zeigt: Streifen inexistent…

Die Ankunft in Andorra ist dann mehr als ernüchternd. Eine lange blechnerne Schlange, scchlängelt sich im Zeitlupentempo in Richtung französischem Zoll. Dazu folgt ein grosses Einkaufszentrum auf das nächste und zeigt uns nicht gerade die beste Seite Andorras. Andorra la Vella auf der anderen Seite des Passes ist dann zwar nicht mehr ganz so übel, aber auch hier überwiegen grosse Einkaufszentren und Parfümerien. Uns erscheinen die Ortschaften Andorras in etwa wie ein grosses Duty-Free Einkaufsparadies, das sich über viele Kilometer begeh- und befahrbar dahin zieht.

Als krönender Abschluss dieses Tages bietet sich uns der bereits in Spanien liegende Col del Canto zwischen Adrall und Sort, süd-südwestlich von Andorra, an. Anfangs ein fantastisches Kurvenknäuel, dass langsam in die Form eines gut gebogenen Spaghettis übergeht. Von Osten her, zwar mit etwas weniger engen Kurvenverläufen als die Nordrampe des Pas de la Casa, dafür aber angenehmerem, wärmerem Klima und mit sensationellen Aussichten in unserer Fahrtrichtung nach Westen.

Die Strasse ins Val de Cardos, wieder in Richtung Norden, zieht sich mehr in die Länge als man denkt. Wie wir später feststellen werden, wären wir schneller gewesen, wir wären bereits in Andorra la Vella nach Westen abgebogen und hätten den direkten Weg nach Tor und Noris genommen. Der Weg über die Hügel ist auf Andorras Seite bis Port de Cabus geteert und von dort bis zur kleinen Ortschaft Tor unbefestigt. Dazu aber später.

Wir fahren also die ganzen rund 100 km von Andorra la Vella über Seo de Urgel, Sort, Llavorsi und Esteri de Cardos und erreichen unseren Stützpunkt für die kommenden Tage müde und erschöpft mit dem Eindunkeln kurz nach 21 Uhr. Wir sind überglücklich, endlich im Motorradfahrereldorado angelangt zu sein, und nehmen die Unterkunft in Beschlag.

 

3. Tag (1. Tag vor Ort):

Wir legen wegen der langen Anfahrt eine Pause ein. Wir merken beide, dass wir heute nicht wirklich frisch und konzentriert auf den Mopeds sitzen würden. Das ist für die angepeilten Kiesstrecken nicht wirklich das Rezept, um mit unseren schweren Brummern Spass zu haben und gesund zurück zu kommen. Mit mittelmässigem Wetter, zwar ohne Regen, aber mit teils starker Bewölkung, fällt uns die Entscheidung ohnehin nicht schwer.

Und wir haben dank mitgeführter EDV Mittel auch die Möglichkeit, den einen oder anderen Film, für den wir sonst nie Zeit hatten, zu schauen.

 

4. Tag (2. Tag vor Ort):

Route: Ginestarre – Lladorre – Alins – Tor – Port de Cabus – Coll la Botella – la Massana – Andorra la Vella – Sant Julia de Loria – Bosc de la rabassa (Nordstrecke) – Port negre – Obaga de nou Fonts – Bosc de la rabassa Juberri – Sant Julia de Loria – Andorra la Vella – Coll la Botella – Port de Cabus – Tor – Ginestarre

Bis nach Alins folgen wir der Asphaltstrasse in der Talsohle. In Alins zweigen wir dann nach Osten ab in Richtung Noris. Es handelt sich dabei um eine rüttelnde Betonstrasse, die auch schon mal so eng ist, dass Auto und Motorrad nur mit Vorsicht aneinander vorbei kommen. Ausserdem ist sie sehr kurvig und unübersichtlich. Daher ist beim Fahren grosse Vorsicht geboten. Die Sichtweite beträgt häufig nur ca. 100 Meter, kann aber um Felsvorsprünge herum durchaus mal auf unter 15 Meter sinken.

Die Strecke zwischen Noris und Tor ist anfangs ein Betonspurweg, später dann nur noch eine Dreck und Kiestrasse, die auch mittels 4WD gut zu befahren ist. Die Strecke folgt dem Fluss, der sich gleich unterhalb der Strasse durch ins Tal frisst. Tor selbst ist eine kleine Häuseransammlung (ca. 10 Häuser) eingebettet in ein enges Tal.

Von hier aus startet die unbefestigte Strasse in Richtung Passhöhe. Meist ist sie in einem guten Zustand und auch für Dickschiffe wie die R1200GS-Adv problemlos zu meistern. In nassem Zustand könnte es am einen oder anderen Punkt etwas glitschig werden. Aber dafür haben wir ja Stollen montiert.

Auch auf dieser Strasse sollte man nicht zu schnell fahren, auch wenn eine höhere Geschwindigkeit durchaus möglich wäre. Doch trifft man hier des Öfteren auf Kühe mit Kälbern oder Pferde, die ihre Fohlen auf der Strasse säugen und nicht etwa wegen eines Motorrades weglaufen würden. Die bleiben meist einfach stehen.

In diversen Serpentinen, welche etwas an den oberen Teil des Col de Sommeiller erinnern, geht es den Berg hinauf. Wir treffen immer mal wieder auf 4WD-Fahrer, unter anderem auch die Guardia Civil, welche die Grenze kontrolliert. Für uns machen aber eigentlich alle Autos schnell Platz. Zwei fette Adventures mit eingeschalteten Nebelscheinwerfern sehen halt auch im Rückspiegel beeindruckend aus, vor allem wenn sie mit Tempo 50, also etwa doppelt so schnell wie die Geländewagen, den Berg hoch dampfen. Da fährt sogar die Polizei zur Seite.

Auf der Passhöhe, und damit an der Grenze zu Andorra, angelangt wechselt der Belag wieder auf Asphalt. Von nun an sind wir sozusagen wieder im „Zollfreigebiet“. Die Sonne brennt auf uns runter und wir können es kaum erwarten, mehr von der bergigen Welt zu sehen.

Auf der Abfahrt nach Andorra zweigen wir nach dem Col de Estella noch kurz rechts ab und fahren hinauf zur Skistation Vollnord. Leider ist es hier nicht erlaubt, mit dem eigenen Motor die Pisten und Kiesstrecken zu befahren. Ausserdem erklären uns einheimische Enduristen, dass dies wenn überhaupt nur mit leichten Enduros möglich wäre. Wir hatten das befürchtet. Denn die Routenplanung mit Unterstützung von Google hat zwar viele Vorteile, aber die Steilheit des Geländes lässt sich im Grenzbereich noch zu wenig genau einschätzen. Also müssen wir von einigen Alternativen, die wir abseits der befestigten Verbindung geplant hatten, Abschied nehmen.

Durch die uns schon bekannte Ortschaft Andorra la Villa fahren wir etwas in den Süden Andorras (was ja nicht weit ist) bis nach Sand Julia de Liberia. Dabei sollte man sich bewusst sein, dass in Andorra mehr Polizisten anzutreffen sind, als anderswo auf der ganzen Tour. Ausserdem sind auch mehr Blitzkasten installiert, als im angrenzenden Spanien, was uns in einem Tunnel sozusagen blitzartig bewusst wird. Da es sich bei den Fotos allerdings um Portraits von vorne handelt, also von vorn geknipst wurde, machen wir uns für einmal keine Sorgen ums Portemonnaie. Wäre wohl auch so nicht teuer geworden, denn wir waren kaum 2 km/h zu schnell.

Noch in der Ortschaft Sant Julìa de Lòria zweigen wir nach Osten ab und erklimmen in unzähligen Kehren und Kurven und auf griffigem Asphalt die Strecke hinauf zur La Rabassa. Dabei handelt es sich um einen grossen Parkplatz. Es bieten sich dem geneigten Besucher eine Vielzahl von Möglichkeiten, seine Freizeit zu gestalten. Zum Beispiel kann man sich einen Quad mieten und damit noch weiter den Berg hochfahren, auf einer Sommer-Rodelbahn wieder in Richtung Tal fahren oder aber Wandern gehen. In der kostenlosen (sprich: Maut-freien) Auffahrt ist eine geniale Aussicht auf das Tal und die Hänge gegenüber inbegriffen.

Wir sind ja eigentlich nur hierher gefahren, weil wir in Andorra la Vella leider genau die Siesta getroffen haben, in der alles geschlossen ist. Wir entschliessen uns nach kurzem Trinkstopp, den unbefestigten Weg, auf dem wohl Touristen das erste Mal einen Quad auf Kies bewegen dürfen, den Berg hoch zu nehmen. Die Strasse ist anfangs noch ziemlich gut und breit und wird mit der Zeit enger, das heisst bis auf etwas mehr als Fahrzeugbreite, denn auch hier quälen sich die 4WDs hoch. Kein Wunder, geniesst man doch oberhalb der Baumgrenze eine Weitsicht, die sich sprichwörtlich sehen lassen kann.

Schon bald treffen wir auf einen Schweizer Toyota Landcruiser. Die drei jungen Leute sind ebenfalls auf dem Weg zum Pic Negre (Schwarzer Berg). Die Strecke da hinauf hält aber für Elefanten wie uns noch die eine oder andere heikle Stelle bereit. Dabei handelt es sich vor allem um Anstiege mit grobem, lockerem Schotter. Mit viel Schwung geht’s am besten. Mein Bruder erwischt in einer solchen Passage einen Querimpuls und wirft beinahe sein Moped weg. Er kann die BMW gerade noch abfangen und kommt halb quer zur Fahrbahn zum Stehen. Damit hat er sich das nächste Problem eingehandelt. Wer hier stecken bleibt, muss schon mal das lockere Gestein unter dem Rad wegkratzen, auf dass der Pneu wieder etwas Gripp für den Vortrieb aufbauen kann. Ich helfe ihm dabei, denn er kann das Moped wohl halten, aber nicht absteigen. Beim Anfahren geht es darum, möglichst schnell genügend Schwung für die nächsten Hopser des Hinterrades zu holen, damit man die Übung nicht allzu häufig wiederholen muss. Aber schliesslich schaffen wir es im zweiten Versuch heil auf das nächste Plateau.

Wir folgen der Fahrspur noch etwas weiter bis wir auf die rostigen Überreste eines alten VW-Busses stossen. Nach einer kleine Pause, in welcher sich einige Wolken von hinten an uns ran schleichen, kehren wir um. Der Wind treibt die Wolken in Fetzen über den Bergkamm und es entsteht eine fast mystisch anmutende Stimmung.

Vielleicht hätte ich besser auf meinen Bruder hören sollen, denn theoretisch wäre eine Rückfahrt auf einer einfacheren Route machbar gewesen, doch irgendein kleiner Teufel hat mir ins Ohr geflüstert, dass ich die steilere Variante versuchen soll. Gesagt, getan und gefallen. Schon fast zu oberst erwische ich mit dem Vorderrad einen grösseren Stein und meine BMW kippt auf die linke Seite weg, ohne dass ich sie halten kann. Wenigstens liegt das Moped so im Weg, dass mein Bruder passieren kann und vom nächst höheren Plateau zu Fuss zurückrennt, um mir beim Aufstellen und wieder Anfahren (das kennt er ja aus eigener Erfahrung) zu helfen.

Naja, versucht habe ich es, was ich eben besser hätte sein lassen sollen, denn nun habe ich mir auch noch heftig das Knie verstaucht. Aber wie wenn ich daraus nicht meine Erfahrungen gezogen hätte, mache ich den gleichen Fehler ca. 2 Kilometer weiter nach dem Pic Negre nochmals und wiederum ist es die Linke Seite, die herhalten muss. Es zeigt sich an diesem Tag, dass die BMW wesentlich widerstandsfähiger ist, als die 990 Adventure von KTM, die wir früher fuhren. Sie trägt auch nach dem zweiten Absteiger, der doch mit Anlauf erfolgte, keine Blessuren davon.

Sowas kann vorkommen, damit muss man rechnen, aber am ersten Tag in den Pyrenäen ist das echt nicht lustig. Unsere Rückfahrt fällt daher einiges ruhiger aus. In Andorra kaufe ich noch schnell eine grosse Tube Voltaren; vorher in La Rabassa konnte ich auf den eisernen Vorrat von meinem Bruder zurückgreifen, der eine Babytube tatsächlich ständig in seinem Tankrucksack durch die Gegend schaukelt. Nun weiss ich auch warum. Dann fahren wir wieder über den Schmugglerpass, denn der Zoll und das damit verbundene Anstehen bei diesen hohen Temperaturen im Tal lassen in voller Kampfmontur kaum Freude aufkommen. Wir wollen ja schliesslich nicht gegart werden. Zudem sind wir über die Port de Cabus ca. 1 Stunde schneller als über die Umfahrung.

Ziemlich müde aber trotzdem voller neuer Eindrücke erreichen wir wieder Ginestarre.

 

5. Tag (3. Tag vor Ort)

Auf Grund des kleinen, leidigen Missgeschickes von gestern legen wir heute gezwungenermassen einen Ruhetag ein. Mein Knie soll sich etwas entspannen können. Wir geniessen gerade einen Kaffee am Tisch vor unserer Loge, da bringt uns Andreu, unser Vermieter, eine ganze Harrasse voll frisch geerntetem Gemüse aus dem eigenen Garten. Klar, dass wir dies nicht ablehnen können. Damit hat sich die bereits beschlossene Fahrt ins Tal für ein Nachtessen auch erledigt: Schnell ist das Gemüse gerüstet und schon kocht alles zu einem feinen, würzigen Gemüseeintopf, von dem wir noch zwei Tage geniessen können. Andreu, der das mitgekriegt hat, bringt daher auch noch frische Eier, die er zuvor seinen Hühnern abgeknüpft hat.

Andreu zeigt uns danach stolz seinen hoch gelegenen aber reichhaltigen Garten, in dem er alles zum Gedeihen bringt, was man als Hobbykoch als Zutaten verwenden kann, z.B. Karotten, Kartoffeln, Fenchel, Blumenkohl, diverse Früchte und Kräuter.

Um mein Knie wieder etwas in Schwung zu bringen wandere ich etwas mit Andreu durch die Hänge um das Dorf und lausche den Geschichten, die das Leben hier so schrieb.

 

6. Tag (4. Tag vor Ort):

Heute geht’s mal wieder los. Wir düsen erneut die kleine Serpentinenstrasse ins Tal und fahren bis nach Tirvia. Im Dorf nehmen wir eine kleine Strasse hinauf nach Burg und von dort aus geht es dann auf einer Kiesstrecke über Farrera immer ungefähr in Richtung ost, leicht ansteigend der südexponierten Bergflanke entlang. Die Piste ist meist angenehm zu fahren und bietet durchaus zwischendurch die Möglichkeit, den Blick über die weite Bergwelt schweifen zu lassen. Dann endlich erreichen wir unser heutiges Schmankerl, die Flussdurchfahrt knapp unterhalb des Weilers Bordes de Conflent (Alt Urgell). Ein kurzer Stopp um sicher zu stellen, dass die Kameras laufen und dann geben wir unseren Motoren zur Abwechslung eine Wasserkühlung.

Danach wird der Schotter etwas gröber und die Strecke bis kurz hinter Bordes de Conflent etwas steiler und verläuft dann bis zur höchsten Stelle der Ruta des Contrabandistes wieder recht flach ansteigend. Die allradgetriebenen Buggies voller Touristen, die uns auf dem Streckenabschnitt begegnen, bringen uns trotz enger Platzverhältnisse auf der Piste nicht aus der Ruhe. Die Piloten der Überrollbügel-geschützten Gefährte machen hingegen einen etwas verschreckten Gesichtsausdruck, als sie erkennen, dass wir mit unseren Mopeds nicht beabsichtigen, anzuhalten, um sie passieren zu lassen. Tja, Fahrzeugbeherrschung geht halt leichter, wenn man sein eigenes Gerät bewegt und das nicht erst seit einer Stunde.

Nach einer kurzen Trinkpause führt uns die Route erst über zum Teil ziemlich steile Abschnitte nach Os de Civis hinunter und von dort auf wieder befestigten Strassen nach Andorra.

Heute wollen wir den aktuellen Wechselkurs Franken zu Euro (1.05) etwas nutzen und beim BMW Händler per Freitag einen frischen Satz Strassenreifen für die Heimfahrt ordern. Wir werden an ein anderes Geschäft verwiesen, das offenbar in Andorra das Monopol auf Motorradreifen hält, MotoSam. Dafür decken wir uns bei BMW Andorra zu unschlagbar günstigen Preisen noch mit neuen Sommer- und Winterhandschuhen ein. Auf dem Weg zu MotoSam erstehen wir auch noch eine Kommunkationanlage, mit der wir unsere Helme nachrüsten können. Das System von Scala verspricht verständliche Kommunikation bis max. 1.5 km. Da sind wir noch skeptisch, aber wir werden sehen.

Dann schaffen wir es tatsächlich, und vereinbaren bei MotoSam einen Termin zum Reifenwechsel am Freitag Nachmittag. Der genannte Preis lässt uns erst stutzen, und wir fragen nach. Aber es stellt sich heraus, dass wir in Andorra tatsächlich unsere Markenreifen montiert erhalten werden, zu einem Preis bei dem wir in der Schweiz gerade mal die Hälfte bekommen hätten. Die Preisdifferenzen sind enorm.

Unsere Rückfahrt führt über Sant Julìa e Lòria, Fonmtaneda, in Richtung Colle de la Gallina; das oberste Drittel der Strecke führt endlich wieder über unbefestigte Strecken. Kurz vor Passhöhe biegen wir links ab, auf einen unscheinbaren Kiesweg, der uns über malerische Almen runter nach Civis führt. In Civis kommen wir wieder auf Asphalt und geniessen einige Haarnadelkurven gleich unterhalb der Ortschaft.


Der weitere Weg führt uns nach der Talsohle wieder in die Höhe nach Ars und Ermita de Santa Magdalena. Nach Santa Magdalena führt der Weg dem Fluss entlang. Da hat es viele Wasserlöcher, die ziemlich schlammig sind und daher vor allem mit dem schweren Motorrad heikel. Nick verschätzt sich bei der Beurteilung der Bodenbeschaffenheit und legt das Moped am Rande eine Wasserloches mit Anlauf hin. Dabei bricht er sich den linken Nebenscheinwerfer ab. Ansonsten kommen wir gut voran. Und dann wartet ein paar Kilometer vor San Joan Del’Erm das zweite Highlight des Tages auf uns: eine grosse Flussdurchfahrt, die bei mehr Wasser sicherlich heikel wäre. Bei uns ist sie allerdings eher gut, da sie uns lediglich etwas abkühlt. Schade nur, dass die Batterien unserer Helmkameras bereits vorher den Geist aufgegeben haben und dieses Geplansche nicht mehr aufzeichnen.

Die Strecke zieht sich nun doch langsam in die Länge bis wir endlich in den kleinen Ort Roni gelangen, von dem wir in wenigen Kilometern wieder die nach Norden führende C-13 erreichen. Für heute hatten wir genug Schotter und wir geniessen die Rückfahrt zu unserer Unterkunft auf Asphalt.

Zuhause stellt Nick fest, dass seine linke Hand bei seinem Absteiger doch was abbekommen hat. Sie ist etwas dicker als üblich. Gerne spende ich ihm etwas Voltaren…

 

7. Tag (5. Tag vor Ort):

Für die Heilung unserer Blessuren legen wir nochmals einen Ruhetag ein. Oder doch nicht. Andreu, unser Vermieter, hat uns ja nicht nur seine lokalen Landkarten zur Verfügung gestellt. Er hat auch organisiert, dass wir trotz eigentlich geltendem Fahrverbot den Hausberg namens Coll de Tudela befahren können. Dafür fahren wir ein Dorf runter von Ginestarre nach Esteri de Cardos und nehmen dort einen ganz unscheinbaren Weg, der in langen Serpentinen zur Pla de Negua hochführt. Dort zweigen wir links ab, müssen, wie von Andreu beschrieben, eine Barriere umfahren, was für zwei Räder problemlos machbar ist, und erreichen erst nach weiteren etwa 300 m die eigentliche Hochebene, die der Stelle den Namen gab. Die Aussicht nach Osten ist von hier aus phänomenal, nach Westen wäre sie es wohl auch, aber der Tannenwald hat ja auch seinen Reiz.

Nach einer weiteren Strassensperre in Form einer in ca. 50cm Höhe gespannten Kette, die auch wir nicht umfahren können (Anreu hat uns genau erklärt wie man sie öffnet), führt ein kleiner, offensichtlich kaum unterhaltener Weg, durchsetzt mit ganz ordentlich grobem Schotter, zum Teil recht steil und anspruchsvoll in die Höhe, die einige Kilometer nördlich liegt. Nach dem höchsten Punkt könnte man zu Fuss weiter, für uns ist der Coll de Tudela aber eine Sackgasse. Aber eine mit einem Rundblick, der einen die Sackgasse vergessen lässt. Bei dem typisch „wernerschen-Reisewetter“ ist die Aussicht einfach genial.

Den Rückweg nehmen wir ganz vorsichtig unter die Räder. Die Kette schliessen wir ordentlich ab und sind bald an der Pla de Negua. Nach der Barriere biegen wir aber wieder links ab. Das heisst, wir fahren nicht direkt nach Esteri de Cardos zurück, sondern nehmen die Südrampe dieses „Passes“, der anfangs relativ flach aber zunehmend steiler und in immer engeren und vor allem stark verwaschenen Serpentinen nach Cassibros hinunterführt. Eigentlich wäre die umgekehrte Fahrtrichtung eher nach unserem Geschmack, aber es ist so schon ein Leckerbissen.

Die letzten Kilometer im Talkessel und wieder hoch nach Ginestarre sind auf Asphalt im Vergleich zur Abfahrt vorher pure Erholung.

 

8. Tag (6. Tag vor Ort):

Wir wollen nach verschiedenen Wegen nach und von Andorra in westlicher Richtung nun noch einen inoffiziellen Grenzübergang von Osten her nach Andorra hinein ergründen. Dafür fahren wir zuerst Richtung Süden nach Sort und dann nach Osten via Seo de Urgel, El Pont de Bar und Martinet bis zur Abzweigung nach Prullans. Von dort folgen wir einer nur via GoogleEarth erkundeten Strecke via Ardevol, Corborin de la Llosa, Viliella, bis zum Refugi de Cap del Rec. Dabei wechseln sich auf unserer Routenwahl Schotter und Asphalt regelmässig ab.

Beim Cap del Rec stellen wir fest, dass sich zumindest die ersten Kilometer der nun folgenden Kies- und Schotterpiste auch bei Automobilisten ein offenbar begehrtes Ziel für einen Spaziergang und/oder ein Picknick ist. Mit zunehmender Distanz vom Asphalt nimmt aber die Anzahl „nicht-Geländewagen“ ab und von den 4WDs hatte es von Anfang an schon nur wenige.

Bald sind wir wieder völlig allein. Und es ist eigentlich schon eine positive Überraschung, wie gut die Navigation klappt. Wir haben relativ eng gesetzte Wegpunkte von GoogleEarth ins MapSource umgesetzt und dann die Route rechnen lassen. Dabei lohnt es sich, dem Navi das Kommando Luftliniennavigation zu geben. Ansonsten versucht es nach jedem Wegpunkt auf eine von MapSource akzeptierte Strasse zu kommen, was in diesem Fall nun völlig in die Binsen führen würde.

Auf der Plana de l’Urgellet, welche auf dem Col de les Fonts de Bescaran liegt, machen wir eine kurze Pause, um die erneut einmalige Aussicht über die südlich und westlich gelegene Bergwelt zu geniessen. Gegen Ende dieser Pause sehen wir zum ersten Mal auf dieser Reise einen anderen Enduristen, der, zwar um etwa eine halbe Stunde zeitversetzt, einen gleichen Routenabschnitt auf einer unbefestigten Strecke befährt, wie wir. Es wird der einzige bleiben.

Wir stechen in ein Hochtal hinunter, um kurze Zeit später wieder in die Höhe zu zielen. Und dann erkennen wir plötzlich die Gegend wieder. Hier hatten wir an unserem ersten Ausflug auf den Pic Negre den Aargauer Land Cruiser gesehen. Wir sind also knapp oberhalb La Rabassa. Wir fahren aber direkt ohne grosse Pause weiter,denn wir möchten noch vor 13 Uhr die Mopeds bei MotoSam in die Garage hinein parken können. Das schaffen wir hauchdünn; und so können wir unseren letzten Aufenthalt in Andorra la Vella ohne das Herumschleppen der ganzen Ausrüstung geniessen.

Um halb Fünf können wir unsere Mopeds mit frischen Reifen abholen. Wir haben nun gute 100 km, auf denen wir die Schmierschicht abfahren können, bevor wir morgen mit vollgepackten Gummikühen den Heimweg antreten.

Das war`s dann aber doch noch nicht. In Rialp, einem kleinen Ort ein Paar Kilometer vor unserer Unterkunft, werden wir auf der Strasse von Andreu abgefangen. Natürlich halten wir sofort an. Es ist aber nicht der befürchtete Notfall, sondern er will uns die Möglichkeit geben, die Ausstellung seiner Frau mit den von ihr hergestellten Tüchern zu besuchen. Die Gelegenheit nutzen wir natürlich gerne, um für unsere daheimgebliebenen Frauen ein paar schöne Andenken einzukaufen.

Doch auch das war es noch nicht. Andreu und seine Frau bereiten am gleichen Abend noch ein Nachtessen aus lokalen Spezialitäten, das es dank des ebenfalls lokalen Weins in sich hat. Wir verständigen uns mit später werdendem Abend trotz Sprachdifferenzen immer besser. Ob es wirklich am Wein liegt, lässt sich aber nicht beweisen.

 

Rückfahrt:

9. Tag (1. Rückfahrt):

Schon früh quälen wir uns aus dem Bett. Zum Glück haben wir uns gestern die Mühe gemacht und schon alles vorbereitet, verpackt und auf die Bikes verstaut. So müssen wir heute Morgen nur noch den Schlüssel auf den Tisch legen und es kann losgehen.

Als erster Leckerbissen wartet heute der Coll del Canto zwischen Sort und Adrall. Dieser Pass ist echt cool zu fahren, wenn er auch von der anderen Seite noch besser ist. Von La Seu d`Urgell folgen wir der N260. Heute hat es merklich mehr Verkehr, als beim letzten Mal. Auch finden sich heute mehr Motorräder. Wir fahren bis nach Mont Louis, wo wir auf die D118 nach Norden wechseln. Es geht längere Zeit durch schöne Gegenden, eine Art Hochebene, bevor es wieder kurvig wird. Ab Escouloubre folgt die Strasse dann dem Fluss Aude, was vor allem den Seitenkanten der Pneus zu Gute kommt. Allerdings sind hier vor allem Können beim Überholen gefragt. Da lohnt sich doch die Gegensprechanlage, welche uns ermöglicht, vom vorderen Biker Infos bzgl. des weiteren Gegenverkehrs zu erhalten.

Kurz vor Axat fährt man dann durch die Gorges de St. Georges. Eine sehr enge, aber leider eher kurze Schlucht mit überhängenden und hochaufragenden Felswänden.

Keine 30 Kilometer weiter wartet eines der heutigen Highlights, die Gorges du Galamus. Sie führt von St. Paul de Fenouillet nach Norden. Diese Schlucht hat es wirklich in sich. Sie ist so eng, dass ein Moto und ein Auto nur an speziellen Ausweichstellen aneinander vorbei passen. Aber auch sonst ist sie eine Pause wert. In der Schlucht befindet sich die „Hermitage des St. Antoine“ aus dem 7. Jahrhundert. Man kann sie über einen kleinen Weg erreichen, was uns in Motocross-Stiefeln einfach zu beschwerlich ist. Das Bauwerk sieht auch von aussen gut aus und erinnert bezüglich seiner Exponiertheit an das Kloster aus dem Film „Der Name der Rose“.

Da wir heute noch weit fahren möchten, geht es für uns bald weiter. Wir fahren nördlich der Schlucht nach Osten bis nach Cucugnan, wo wir wieder nach Süden halten. Auf dem Weg zurück zur D117, die uns ans Meer bringen soll, wollen wir noch die Brug „Chateau de Queribus“ besichtigen. Sie liegt an der D19, erhaben über den Tälern, und gibt neben einem super Panorama auch ein gutes Fotosujet ab.

Kaum auf der D117 geht es nördlich von Perpignan vorbei ans Meer. Auf der D627 fahren wir zwischen Meeresarmen und Brackwasserseen auf der einen Seite und dem Meer auf der anderen Seite nach Norden. Ein Unfall auf der Strecke vor uns hält uns mangels Umfahrungsmöglichkeit zwar etwas länger auf, als geplant, aber bei dieser Aussicht lassen wir den Stau für einmal Stau sein und geniessen die salzhaltige Luft, die uns um die Nasen weht

Ab Sigean wählen wir die Autobahn und bleiben ihr bis nach Marseille treu. Ein ganz schönes Stück, was auch unsere Hintern mit zunehmenden Schmerzsignalen an das Gehirn quittieren. Einen ungleich intensiveren Schmerzreiz liefern aber unsere Ohren, welche sich noch nicht an die kleinen Flachlautsprechen in den Helmen gewöhnt haben. Aber das wird schon noch.

Marseille selbst kündigt sich dann schon von weitem mit einer brauen Dunstglocke an. Wir wollen zwar zur Grand Gorges du Verdon, aber wir wollen vor allem den Stau umfahren. Daher wählen wir nicht die stark befahrene direktere Autobahn, sondern die weniger befahrene, welche zuerst nach Marseille geht.

Erst als es eindunkelt gelangen wir nach gut 12 Stunden im Sattel in das kleine Örtchen Regusse in der Nähe von Aubs. In der kleinen Altstadt fragen wir nach einem Hotel und tatsächlich soll es eines an der kleinen Umfahrungsstrasse haben. Schnell sind wir dort und bekommen vom Inhaber leider eine Absage auf unser Begehren. Alles ausgebucht. Aber er lässt uns nicht einfach auf dem Trockenen sitzen. Nein, er telefoniert sicher 5 Minuten rum und kommt mit der Adresse eines Bed & Breakfast zurück, welches noch ein Zimmer haben soll. Es liegt nicht weit weg am anderen Ende desselben Ortes.

Die Unterkunft ist zwar etwas speziell vom Stil her, aber für uns zählt nur, dass das Zimmer zwei Betten hat, die sich zum Schlafen eignen. Ausserdem sind die Besitzer äusserst zuvorkommend und nett. Sie machen sogar eine Ausnahme für uns und machen uns extra früher Frühstück am nächsten Morgen, da wir zeitig weiter wollen – es steht eine 850 km Etappe an.

Bevor wir aber am Kissen horchen, schlagen wir uns noch die Bäuche im Garten eines Bistro im kleinen Zentrum der Altstadt voll. Und dort tanzt der Bär auf dem Tresen; irgendein Sommer-Dorf-Fest, mit DJ und Lichtprojektionen an die alte Stadtmauer. Da ist, so scheint es für uns fliegende Reporter, die Welt noch in Ordnung.

 

10. Tag (2. Tag der Rückreise):

Bereits um 7.15 Uhr fahren wir ab. Um diese Zeit sind die Strassen weitgehend leer, was uns sehr gelegen kommt, wollen wir doch noch das eine oder andere Foto der grossen Schlucht des Verdon schiessen und das ist bei starkem Verkehr etwas mühsam.

Wir fahren bis nach Aubs und wechseln dort auf die D957 nach Norden. Links und rechts der Strasse wachsen Nadelbäume, es ist warm und richt nach Harz. Wir könnten uns ebensogut in den Ausläufern der Grampians (Australien, westlich von Melbourne) befinden.

Als wir den hellblauen Lac de Saint Croix erreichen, wissen wir, dass es nicht mehr weit ist. Bald erreichen wir die allseits bekannten Parkplätze in den Kehren, auf deren Aussenseite die Abseilpisten bis zur Talsohle runter und gleich daneben die Kletterrouten ab dem 6. Schwierigkeitsgrad wieder hoch kommen. Ein Kletterparadies. Aber heute Morgen ist hier alles ruhig.

Für die weitere Heimfahrt zielen wir in Richtung Col d`Allos. Auf der Anfahrt dahin scheint uns das Wernersche Reisewetter mitteilen zu wollen, dass wir nun genug lange unterwegs gewesen seien - es beginnt zu nieseln. Nach einigen Kilometern beschliessen wir dann doch, die Regenausrüstung zu montieren. Es ist einfach noch zu weit, um schon durchnässt zu werden. Im Dorf Allos, das eingangs der Südrampe zum Pass liegt bremst uns ein Umzug der Dorffeuerwehr ein, eine Durchfahrt ist für eine knappe halbe Stunde nicht möglich. Das Positive an der Sache ist, dass das Nieseln wieder nachlässt und einem mässig bewölkten Himmel Platz macht. Ab Allos den Pass hoch sind auch alle Strassen trocken. Unser Entscheid, die Regenkombis wieder zu verstauen, war also richtig.

Diesen Pass hatten wir bei all unseren Fahrten in die Westalpen immer links liegen lassen. Eine sträfliche Sünde, wie wir übereinstimmend zum Schluss kommen. Die Route hagelt nur so von engen Kurven, auf einer Strecke, die in weiten Teilen zu schmal gebaut ist, als dass sich zwei Autos in ungebremster Fahrt kreuzen könnten. Auch als Motorrad muss man für das Überholen eines anderen Motorrades sehr weit vorausschauen um den passenden Ort zu finden und das Manöver sauber vorbereitet zu haben. Aber das lassen wir uns natürlich nicht nehmen, vor allem deshalb, weil hier doch ein paar stärker motorisierte Boliden unterwegs sind, deren Fahrer aber offenbar Mühe bekunden die Kraft der Supersportler kontrolliert auf den Boden zu bringen.

 

Wir erreichen Barcelonette und fahren weiter über Jausiers und Meyronnes in Richtung Col de Larche. Eine letzte Pause nutzen wir auf der Ostrampe des Col de Larche um in einem Abschnitt von einigen Haarnadelkurven Stilstudien bei anderen Motorradfahrern zu betreiben. Manchmal wundert es mich schon, dass nicht mehr Unfälle durch Verschulden der Motorradfahrer passieren. Wie da blind über Sicherheitslinien geräubert wird, weil der Scheitelpunkt der Kurve bös versemmelt wurde, aiaiai.

 

Wir fahren weiter über Demonte nach Cuneo wo wir die Autobahn Richtung Chiasso nehmen. Bei Bellinzona ist für den Gotthard Tunnel Stau von 4 km notiert. Wir ziehen aber doch bis Airolo durch, und schlängeln uns dort zur Ausfahrt. Wir wollen unseren Lungen statt des Tunnelgestankes eine letzte Höhenkur schenken und nehmen die alte Passstrasse, die Tremola, zum Passo del Gottardo hinauf. Es ist auch hier schon wieder kurz vor der Abenddämmerung bis wir nach ein paar tollen Überholmanövern Hospental, dann Andermatt erreichen und ab Göschenen die Autobahn nach Hause nehmen.

 

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