Pässekarusell

Schon früh morgens schrillt neben meinen Ohren mein unbarmherziger Wecker. Wie kann ich mir das bloss antun, an einem Samstag freiwillig schon in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett zu steigen. In schlaftrunkenem Zustand mache ich mich auf und bereite mir mein Frühstück zu.  Das Wetter ist schön und schon bald ändert sich meine Einstellung zum Tag. Ja, ich fühle gar ein Kribbeln in den Händen und mein Hintern braucht schon lange mal wieder eine richtige Massage. Die KTM ist da der richtige Sparringpartner für dieses Vorhaben.


Erst kürzlich war sie noch im Service, was aber nicht heisst, dass sie deshalb ruhiger zu fahren ist. Sie hängt am Gas wie ein Kleinkind an der Milchflasche. Entweder Gas oder Bremse, dazwischen gibt’s nichts, zumindest nichts, was wirklich angenehm ist.  Ich freue mich wie ein Kleinkind, dass ich seit langer Zeit zum ersten Mal wieder auf der Einzylinder-Viertakt-Maschine ausfahren kann. Das Drehmoment dieser leichten 640er ist einfach himmlisch. Dazu kommt die unglaubliche Wendigkeit in engen Kurvenbereichen, wo man unbestritten der Schrecken jeder Touren- oder Rennmaschine ist.

In Schlieren treffe ich auf meinen Kollegen Stefan, welcher mich am ersten Tag auf dieser Tour begleiten wird. Sein Spielzeug ist eine alte Yamaha XJ900, also ein indirekter Vorfahre der FJR1300, nur viel kleiner und eben viel älter. Aber trotzdem ein 4-Zylinder. Ein ungleiches Verhältnis, ja fast unfair, ist diese Tour doch eher was für Monobikes. Zudem ist er nicht mehr so routiniert, denn er hat seine KTM660 vor einiger Zeit verkauft. Wir werden sehen, wie er sich schlägt.

Als erstes geht es in den Aargau. Dieser Kanton hat übrigens, obwohl man den ansässigen Fahrern einen zweifelhaften Ruf und nur mässiges fahrerisches Können nachsagt, mehr zu bieten, als mancher erwarten würde. Viele kleine Strassen mit engen Bögen und rassigen Zwischenstrecken verleiten einen, zu fest am Gashahn zu drehen. Doch es ist noch früh und so lassen wir es gemächlich angehen. Wir wollen die Pneus ja zuerst schön warm fahren und sie erst an den Pässen richtig rauchen lassen. Doch glücklicherweise kann auch schon Mosen im Aargau mit einem Minipass aufwarten und so kann ich schon das erste Mal an diesem Tag im Supermotostil einige Kurven erschleifen.

Über eine leicht hügelige Landschaft geht es nach Beromünster, wo Stefan eine negative Erfahrung mit der Schwerkraft macht. Für ein schönes Foto will er kurz die Maschine drehen und macht dabei aufgrund des extrem hohen Gewichts der XJ ungewollte Bekanntschaft mit dem Boden. Es scheint, das Moto will sich am Boden festkrallen, denn erst zu zweit gelingt es uns, das über 270kg schwere Monster davon zu überzeugen, dass es ihm (und dem Fahrer) in aufrechter Position bestimmt besser geht. Doch Stefan nimmt es eher gelassen, schliesslich haben wir beide schon gemeinsam an der Sattelegg gröbere Nahbodenerfahrungen gemacht.

Es geht also weiter in Richtung Sursee. In Büron, kurz vor Sursee findet jährlich unser Tourenfahrer-Testtag statt findet. Ein Muss für jeden Motorradfreak, kann man dort doch kostenlos die neuesten Bikes von vielen Marken zur Probe ausreiten. Und schon sind wir in der Region Entlebuch. Hier fühlt sich meine KTM so richtig heimisch. Bei der alten XJ machen sich aber die Jahre bemerkbar. So funktioniert die Zündung nicht mehr richtig und ich muss nach jedem Mal Motor abschalten Anschiebehilfe leisten. Freundlicherweise hilft uns Herr Knüsel von Knüsel Motos in Ebnet aus der Patsche. Als Yamahamechaniker haben wir per Zufall gleich den Richtigen erwischt. Kostenlos repariert er uns eine schlechte Stromverdrahtung und bewahrt Stefan so vor der unnötigen Anschaffung einer teuren Batterie. Einen solchen kundenorientierten Service kann man heute lange suchen. Besten Dank nochmals nach Ebnet!

Wir machen eine kleine Schlaufe um Wolhusen am Anfang des Entlebuchs. Es lockt der Steinhuserberg. Die Auffahrt ist schön und erinnert an enge Gebirgsstrassen, obwohl man sich nicht weit weg von der Hauptstrasse ins Entlebuch befindet. Die Aussicht wird immer grandioser, je weiter man nach oben kommt. Allerdings kann man sich in dieser Gegend leicht verfahren. Glücklicherweise kommt man jedoch nicht allzu weit, da fast alle Abzweiger in einer Sackgasse enden. Trotzdem lohnt sich dieser kleine Umweg auf jeden Fall.

Konnte die 900er Tourenmaschine bis hierher immer gut mithalten, so ist am Glaubenbergpass für den fein abgestimmten 4-Zylinder Motor Schluss mit Lustig. Das ruhige Schnurren des Tourenbikes verliert sich schon nach wenigen Windungen in der Ferne und nur noch das zum Böllern angewachsene Knattern meiner heiss gelaufenen 1-Zylinder Sumo lässt meine Trommelfelle erzittern.

Ideale Strassen finden wir hier vor, was man vom Wetter nicht behaupten kann. Die Glaubenberg-Passstrasse bietet trotz Bewölkung unerwartet schöne An- und Aussichten. Man hat das Gefühl in eine andere Welt einzutauchen. Die Strecke führt durch ein anfangs weites, dann immer enger werdendes Tal an vereinzelt stehenden Häusern vorbei. Der tief liegende Nebel tut sein Bestes eine schaurige Stimmung zu verbreiten und hat auch irgendwie Erfolg damit. Kaum ein Auto verirrt sich heute hierher. Auch auf Motorräder treffen wir kaum, das Wetter lädt heute halt mehr zum gemütlichen Fernsehen im warmen, trockenen Heim, als zur feuchten Tour in den Alpen.

Kurz vor Erreichen der Passhöhe ändert der Asphaltbelag auf Kies. Die besten Voraussetzungen, um die drehmomentstarke KTM auszutesten. Wer will nicht mal mit driftendem Hinterrad um einen Platz fegen, wie die Profis der Supermotoszene? Ja eben, dacht ichs mir doch!  Eine anschliessende kurze Pause im engen, dafür aber warmen und gemütlich heimeligen Beizli erfrischt unsere Kräfte, so dass wir auch die Abfahrt in Richtung Giswil trotz Nebel, Kuh- und  deren Fladengefahr auf der Strasse ohne Probleme meistern.   

Bevor wir aber zum nächsten Supermoto-Traumpass kommen, machen wir Mittagshalt in Giswil, gleich unterhalb des Glaubenbielenpasses. Kaum sind Wienerli und Kartoffelsalat fertig verdrückt, sitzen wir wieder im Sattel, um einem neuen Abenteuer ins Auge zu blicken. Der Glaubenbielenpass (oder Glaubenbüelen) lockt mit verführerisch engen Kehren und wir sind sofort wieder Feuer und Flamme. Er führt an der Mörlialp vorbei nach Sörenberg zurück ins Entlebuch, von wo man direkt ins Emmental gelangt. Die Strasse wird ganz offiziell auch Panoramastrasse genannt. Leider wird beim heutigen Wetter nichts aus dem super Panorama, das man bei wolkenlosem Himmel normalerweise bewundern kann.

Trotz nicht idealen Strassenverhältnissen werfe ich meine Maschine von der einen auf die andere Seite. Nur schade, dass ich jetzt nicht auf eine Gruppe Rennmaschinen treffe. Doch was nicht ist, kann ja noch werden. Die Pneus geben ihr Letztes, ich verlange ihnen aber auch alles ab, was möglich ist, und so schmelzen die Angsträndchen dahin wie Butter in der Bratpfanne.

Aber jeder Spass hat einmal ein Ende und so erreiche ich –  leider ohne Strassensportler-Demütigung – nach ein paar rund gefahrenen 180ern die Passhöhe auf 1621m. Auf meinen Mitstreiter mit seiner XJ muss ich zwar nur gerade vier Minuten warten, aber die enormen Handlingunterschiede zwischen den Bikes sind auf einer solchen Strecke nicht zu vertuschen. Immerhin hat sich unser Strassenkämpfer trotz seiner geringen diesjährigen Übung im herrschenden Nebel gut geschlagen.

Wir geniessen kurz die Ruhe, machen uns aber dann ob des kalt trüben Nebelmeers, in dem wir uns befinden, bald wieder an die Rückfahrt. Die Abfahrt nehmen wir gemütlich, arbeitet doch die Erdanziehungskraft beim Talfahren gegen uns. Erst jetzt fällt uns die grandiose Aussicht auf den Sarnersee auf. Auch die Dutzenden von engen 180°-Kehren werden uns jetzt viel mehr bewusst. Eine wirklich schöne Strecke! Bei der Abfahrt treffen wir dann endlich doch noch auf die Strassenrenner, leider aber kommen die ein wenig spät und erst noch in entgegen gesetzter Richtung. Wir lassen sie also unbehelligt ziehen, auch wenn es mich reizt , noch mal umzukehren.

Über den Brünig schleichen wir hinter ein paar langsamen Sonntagsfahrern her. Wie immer ist die Brünigpassstrasse hoffnungslos überfüllt und so bleibt uns gar nichts anderes übrig, als mit dem Strom bis nach Meiringen zu schwimmen. Immer wieder tröpfelt es und Petrus lässt es sich nicht nehmen, uns vor Augen zu führen, wie es auch noch sein könnte… Bisher hat es sich ja ziemlich in Grenzen gehalten, doch nun wird es immer dunkler. Ich ziehe also doch noch den ganzen Regenschutz an, nachdem ich vorher je nach Wetterlage und innerer Wärmeentwicklung Jacke oder Hose weggelassen habe.

Bevor wir uns nun allerdings dem Susten widmen können, muss noch der Durst unserer Funbikes gestillt werden, wollen wir nicht mitten in einem Überholmanöver ins Stottern geraten. Unsere kleinen Kraftstofftanks kurz nachgefüllt, und schon geht es ab in die Höhe. Die Strasse zieht sich gleich nach Innertkirchen den Berg hinauf. Die Gegend wird schroffer und bald sind wir auf beiden Seiten von locker zwischen Felsbrocken stehendem Wald umzingelt. Doch der kurvige Teil, also der eigentliche Pass, fängt erst rund 14 km nach Innertkirchen an. Die Strasse glänzt vor Nässe und die Abblendlichter entgegen kommender Fahrzeuge blenden mich. Anfangs fahren wir noch wie auf Eiern, doch mit der Zeit gewinnen wir auch das Vertrauen auf regennasser Strasse und lassen ein Auto nach dem anderen stehen.

Etwa auf halber Strecke zur Passhöhe befindet sich das Restaurant beim Steingletscher, welches sich bei Bikern, wie auch bei verschiedenen 4-Rad-Sonntagsfahrern grosser Beliebtheit erfreut. Schön aufgereiht, als gelte es eine Jury von den Vorzügen des eigenen Fortbewegungsmittels zu überzeugen, stehen bei schönem Wetter viele auf Hochglanz polierte 2- und 4-rädrige Prestigeobjekte entlang der gesamten, langgezogenen Kurve. Normalerweise finden sich hier auch einige schwer bepackte Reisemaschinen aus dem Ausland und werben um die Aufmerksamkeit der Passanten. Doch heute krümeln sich nur eine Handvoll PKWs vor dem Restaurant. Es lockt auch wirklich nicht viele Leute hinaus in dieses Wetter. Mir passt es aber nicht schlecht, immerhin habe ich die Strassen so nur für mich. Von diesem Restaurant aus gibt es übrigens die Möglichkeit, über eine kostenpflichtige Privatstrasse (~5 CHF) bis zum Steingletscher zu fahren.

Wir überlassen also diesen regenreichen und momentan trostlos wirkenden Ort dem restlichen, spärlichen Verkehr und machen uns auf den Weg. Wir folgen der Strasse in Richtung Tunnel, welcher etwa 800 m weiter bergauf vom Restaurant aus zu sehen ist. Von dort hört man an schönen Sonntagen, wie über einen Verstärker die grollenden Schreie der diversen Bikes, welche dort im Wissen um diese Schallwirkung mit Vorliebe hochgedreht werden.

Die folgende Panoramastrasse bietet wirklich einiges. Neben der prunkvollen Aussicht ist besonders der kleine Wasserfall, unter welchem man durch einen kleinen Felsdurchbruch durchfährt, einen kurzen Foto-Halt wert. Danach kann man sich jedoch ganz dem Kurvenschwingen hingeben. Auf der Passhöhe befindet sich, wie fast auf jedem Schweizer Pass, ein kleines Restaurant. Die meisten Leute jedoch wissen nicht, dass gleich oberhalb der Strasse auch noch ein kleineres, aber umso schöneres, ja fast romantisch wirkendes Hospiz liegt. Es braucht nicht viel Überzeugungsarbeit und Stefan steht neben mir im Hospiz. Wir gönnen uns dort eine warme Ovomaltine und lauschen dem gemütlichen Knistern und Brutzeln des Cheminées. Während draussen ein grauer Vorhang vorbei zieht, trocknen die Velofahrer ihre nasse Kleidung am Feuer und der zutrauliche Hüttenhund lässt sich von mir eine Massage mit Krauleinlagen verpassen. Der Hüttenwart ist übrigens äusserst zuvorkommend und man fühlt sich gleich wie zu Hause. Stefan bekundet aufgrund fehlender Praxis inzwischen Mühe mit seiner Kupplungshand und entscheidet sich, nach diesem Pass nach Hause zu fahren.

Ich entscheide mich spontan hier zu nächtigen. Je nach Budget kann zwischen günstigem Massenlager bis hin zum Einzelzimmer mit eigenem Bad/Dusche gewählt werden (für nähere Infos siehe auch www.sustenpass-hospiz.ch). Vom Juni bis Oktober während 7 Tagen in der Woche geöffnet. Wer es rustikaler mag, der kann auch bis nach Hospental weiterfahren und sich dort in der Jugendherberge einquartieren.

Da es noch nicht spät ist, begleite ich Stefan noch vom Pass runter bis nach Wassen. Die Abfahrt ist wieder gemächlich. Jedoch wird es immer düsterer und die nasse Strasse reflektiert unseren Lichtkegel so stark, dass wir kaum eine Erhellung vor uns sehen. Obwohl noch nicht mal 18.00 h, scheint es unter den undurchdringlichen Wolken, als wäre es bereits 22.00 h. In Wassen teilen sich unsere Wege und ich mache mich auf in Richtung Andermatt. Auch um diese Zeit ist man hier nicht vor Stau gefeit. Stockender Ferienverkehr quält sich langsam die schöne, kurvenreiche Schöllenschlucht hinauf. An den meisten Stellen herrscht dort unangenhemerweise auch noch Überholverbot. In Andermatt tanke ich dann kurz auf, um in Hospental dem Gotthard den Rücken zu kehren. Ich ziehe heute den Furka vor. Mit Dampf ablassen ist aber nichts, da ist mir wortwörtlich schon jemand zuvorgekommen. Schon kurz nach Realp herrscht so dichter Nebel, dass es mir zu gefährlich ist, den Einheimischen vor mir zu überholen und so folge ich dem Walliser bis fast zur Passhöhe in ungefährlichem Abstand. Dies kann man von dem mir nachfolgenden Deutschen nicht behaupten. Zeitweise trennen ihn kaum zwei Meter von meinem Hinterrad, weshalb ich im Rückspiegel sogar sein Nummernschild lesen kann. Er scheint Angst zu haben den Anschluss zu verlieren. Das kann man ihm nicht verdenken, beträgt die Sichtweite teilweise kaum noch 20 m.

Die Kurven sind meist lang gezogen und führen geruhsam den Felswänden entlang aufwärts. Allerdings bekomme ich von der sonst so schönen Aussicht kaum etwas mit, so sehr muss ich mich auf das voraus fahrende Fahrzeug und die Fahrstreifen am Boden konzentrieren. Auf der Passhöhe halte ich nur kurz, um ein Beweisfoto zu machen, dass ich auch tatsächlich da war, und fahre danach gleich weiter. Doch was sehe ich da? Plötzlich lichtet sich der Nebel und ich blicke problemlos bis runter nach Gletsch. Die Wolken scheinen das Wallis verschont zu haben. Einmal mehr bestätigt sich der Ruf dieses Tals als Sonnenstube der Schweiz.

Die gut und breit ausgebaute Strasse schlängelt sich behutsam den Abhang hinunter. Nach einigen Kehren erreiche ich das berühmte Hotel Belverde. Von hier hat man für einen kleinen Betrag Zutritt zum berühmten Aletschgletscher. Fast jedes Jahr kann man hier in einen kleinen extra angelegten Stollen ins ewige Eis eintauchen. Bei gutem Wetter schimmert der Sonnenschein darin kalt bläulich durch das Eis und überall tropft es eiskalt auf einen herab. Da ist man dann froh, dass man wieder den weichen und warmen Sattel besteigen kann.

Heute ist mir jedoch gar nicht nach einer solchen Abkühlung zumute. Wegen des Nebels ist es ohnehin schon ziemlich frisch. Auf den Weg weiter ins Tal überhole ich einige Tourenmaschinen, welche schon einen weiten Weg hinter sich haben. Sie kommen aus der Tschechei und scheinen gerade auf dem Weg in den Süden zu sein. Wie gerne würde ich mich ihnen anschliessen und ebenfalls ein wenig durch Europa gondeln und jeden Tag neu festlegen, wo es mich noch hin verschlagen könnte.

In Gletsch wende ich mich dem Grimselpass zu. Dunkle Wolken ziehen gespenstisch über den Kamm herab ins Tal und tauchen den Hang in eine trügerische Ruhe. Ich traue der Stille nicht so ganz und ziehe meinen Regenschutz präventiv komplett an. Die schön langen Geraden zwischen den z.T. langgezogenen 180ern sind genau das, was sich alle Supersportlerfans wünschen können. Die meisten Kurven hingegen sind des Supermotos Stärke. Leider kann ich die aber nicht lange geniessen, denn schon bald fängt mich der undurchdringliche Dunst wieder ein.

Da ich noch ein wenig Zeit habe, mache ich von der Grimselpasshöhe noch einen kleinen Abstecher zum Oberaarstausee. Die Sackgassenstrecke ist eng und eher selten von Fahrzeugen befahren. Zu unrecht, wie ich finde. Das Strässchen führt hoch über dem höchsten Stausee in ein separates Tal. Eine kleine Seilbahn (militärischer Herkunft) begleitet einen ein ganzes Stück. Rechts sackt die Strasse zum See ab, während sich links die Felswand breit macht. Zum Glück hat es zwischendurch auch mal eine Ausfahrt, so dass man von sicheren Orten aus seinen Blick schweifen lassen kann, ohne Angst haben zu müssen, im nächsten Augenblick von einem Auto „abgeschossen“ zu werden. Die Gegend ist sehr still. Das hat auch ein Holländischer Camper gemerkt und hat sich auf einem kleinen Kiesparkplatz installiert. Fast am Schluss des Wegleins befindet sich dann das Gasthaus Oberaar.

Die Strasse ist übrigens nur jede halbe Stunde für jeweils eine Richtung für zehn Minuten. freigegeben. Wer sich nicht dran hält, riskiert vom nichts ahnenden Gegenverkehr in die Enge getrieben zu werden. Heute ist bestimmt auch nichts mehr mit Pneus zum qualmen zu bringen. Dies scheint mir bei dieser Nässe so ziemlich unmöglich. Ich mache mich entlang der diversen Stauseen retour auf den Weg nach Innertkirchen. Während es langsam eindunkelt erreiche ich schlussendlich in ziemlich dickem Nebel wieder das Hospiz, wo ich mich nach einer kleinen Dusche und einem super feinen, im Cheminée gebratenen Steak gemütlich in die weichen Kissen lege und für morgen auf besseres Wetter hoffe.

Schon um 08.00 h weckt mich die Helligkeit und nach einem Bütsch-Bull (Migros Pendat zum Red Bull) mache ich mich gleich auf den Weg. Meine Maschine scheint mir böse zu sein, dass ich sie über Nacht in der unerbittlichen Kälte habe stehen lassen. Mühsam lässt sich die KTM dann aber doch noch überreden, wieder zum Laufen zu kommen. Nur selten treffe ich um diese Zeit auf Motorradfahrer und bis Wassen bleibt das auch so. Die Strecke bis Altdorf fahre ich neben der Autobahn her und geniesse es, dass ich die Strasse fast für mich habe. Doch wie könnte es anders sein, auch des Menschen „Freund und Helfer“ (oder eben auch nicht) ist schon munter. Allerdings hat er sich zum Ziel gemacht, meinen Gegenverkehr zu terrorisieren und so komme ich einmal mehr ungeschoren davon. Viel hätten sie mir aber auch nicht anhaben können.

Den nun folgenden Klausenpass muss ich wohl oder übel in die Klasse der schizophrenen Pässe einteilen. Dies aus verschiedenen Gründen: Man kann bei seiner Überfahrt von sehr engen bis sehr weiten Kurven alles finden. Es scheint sogar, als könne er sich nicht entscheiden, für wen er sich eigentlich „schön machen will“. Die langen Geraden zwischen den Sumo-gerechten Kurven eignen sich definitiv besser für Strassenflitzer. Aber auch über den Belag kann man das sagen. Meistens gleitet man angenehm drüber, ohne viel von ihm mitzubekommen. Auf dem Urnerboden jedoch, schütteln einem die vielen Bodenwellen den Magen derart durch, dass man danach nicht mehr weiss, wo oben und wo unten ist. Ok,das ist evtl. ein wenig übertrieben, aber prüft es selbst mal nach. Noch ein Merkmal seiner Schizophrenie:

Fast überall ist er asphaltiert, doch man findet unter anderem auf der Glarnerseite ziemlich zu Beginn nicht nur Kopfsteinpflasterbereiche, nein, diese befinden sich ausgerechnet auch noch in den Kurven. Vor allem an nassen Tagen sind diese Stellen äusserst „hilfreich“ dabei, den Belag auch mal näher unter die Lupe nehmen zu können – wenn auch bestimmt ungewollt.

Dies kann einem allerdings auch weiter oben passieren. Auf den engen Strassen des Klausenpasses muss man nicht nur mit enorm grossen Reisecars rechnen, sondern eben auch sehr oft mit frei über die Strasse laufenden Kühen, welche dort gemeinerweise auch ihre Markierungen hinterlassen. Diese „Alpenpizzas“ können einem in Kurven schon mal schräg reinkommen. Denn eine Kurvenfahrt über einen frischen Kuhfladen endet meistens mit einem Ausflug in die grüne Natur, sofern man nicht auch gleich einen Freiflug dazu spendiert bekommt. Also immer schön vorsichtig!

Auf der Innerschweizerseite schlängelt sich die Strasse eine Weile ganz nah dem Fels entlang. Dieser Strassenabschnitt ist zwar wegen seiner Panorama-Aussichten sehr schön, jedoch ist er leider aufgrund der extrem schlechten Absicherung (ein dünnes Rohrgestell) absolut ungenügend gesichert. Gerade deshalb sollte man dort auf hohe Geschwindigkeiten verzichten und sich an die Ausfahrstellen halten, um die Aussicht zu geniessen. Schon so manchem Biker dürften die Blumen an einer Stelle aufgefallen sein. An eben dieser schmalen Stelle ist ein Biker schon seinem Hobby zum Opfer gefallen.

Auch für das Auge gibt es hier einige Abwechslung. An etlichen Orten machen Plakate Biker darauf aufmerksam, dass dies keine abgesperrte Rennstrecke ist, sondern eben eine normale Passstrasse. So geifern dem Motorradfahrer in verschiedenen Kurven eine Handvoll Geier von den Plakaten entgegen. Darauf steht passend dazu zu lesen: „Hallo Raser, wir warten“. Ich kann dazu nur folgenden Tipp geben: Fahre immer nur so schnell, wie dein Schutzengel mitfliegen kann!

Wer nach dem Klausen immer noch Zeit und Energie übrig hat, kann sich die Rückfahrt nach Zürich noch mit einem kleinen Umweg versüssen. Die Sattelegg lockt nochmals mit schönen satten Kurven und engen Strässchen. Für mich solls aber direkt nach Hause gehen und so hottere ich etwa zwei Stunden später in Effi ein.