Centovalli - Valle Onsernone und andere Tessiner Traumdestinationen

Tag 1 - Sonne, dass man sich im Kombi wie ein Schmorbraten fühlt und Strassen, die von einer Kurve zur nächsten fliegen, was will man nach einem langen und kalten Winter mehr. Eigentlich ist man genau damit glücklich. Doch leider gibt es das nicht gleich bei mir um die Ecke, und so habe ich mich entschieden, mich den ultimativen Kurventest zu unterziehen, dem Centovalli! 


Regen und wolkenverhangener Himmel verheissen nichts Gutes für die kommenden Ostertage und so schliessen wir uns dem Herdentrieb an, wenn es alle nach Süden zieht. Doch wir haben nicht im geringsten vor, uns hinten an die Stauschlange an zu stellen. Es wird sich mit dem Moto bestimmt ein Weg finden, um daran vorbei zu kommen.

Es ist bereits 19.00 Uhr, am Gotthard hat sich gemäss Strassenverkehrsinfo die längste Stauschlange eingefunden, als wir unsere KTM satteln in voller Regenmontur losbrausen. Unser Ziel ist das Sonnen verheissende Bellinzona im Tessin.

Es hat zwar viel Verkehr auf der Strasse und ich komme kaum nach mit dem Visierwischen, aber immerhin fliesst er sehr flüssig. Wir nehmen den Weg quer durch die Stadt Zürich und das nicht zu Unrecht. So schnell wie zu dieser Wochen- und Tageszeit kommt man sonst selten durch. Über den Hirzel erreichen wir Sihlbrugg, von wo wir nach einem letzten Tankstopp für heute durchfahren wollen.

Schon kurz vor Schwyz ist es dunkel und so brausen wir ohne viel Aussicht und im Regen dahin, als plötzlich vor mir, und vor allem auf meiner Fahrseite, Schweinwerferlichter auszumachen sind. Ich glaube zuerst, mich zu irren, aber je näher wir kommen, desto sicherer werde ich, dass ich in Kürze auf einen Geisterfahrer treffen muss. Sofort gehe ich auf die Bremse und da sehe ich vor mir auf der Fahrbahn einiges an Dreck, sowie Glasscherben. Nun erkenne ich genaueres. Die Scheinwerfer bewegen sich nicht, sondern stammen von einem Fahrzeug, das in verkehrter Richtung auf dem Pannenstreifen steht und bei näherem Hinsehen auch ziemlich lädiert aussieht. Die Leitplanken sind stark in Mitleidenschaft gezogen worden und der Fahrer sitzt noch im Auto. Ich steige voll in die Eisen und ziehe auf eine kurz dahinter liegende Ausfahrbucht.

Ich stelle das Moto ab, renne mit meinem zum Glück leuchtgelben und reflektierenden Regenkombi auf den Unfallwagen zu. Inzwischen hat sich der Fahrer aus dem Auto befreit und torkelt etwas benommen auf der Fahrspur umher, um abgerissene Teile des Autos aufzusammeln. Bisher sind keine weiteren Autos gekommen, aber wer weiss wie schnell die begreifen, dass eben erst ein Unfall geschehen ist.

Ich schreie dem Typen schon von weiter weg zu er soll sich auf die Seite weg von der Fahrbahn bewegen, was er zum Glück auch macht. Als ich bei ihm bin, frage ich ihn zuerst nach dem Pannendreieck. Doch er steht unter Schock und hört mir kaum zu. Er erzählt nur, dass sein Anhänger angefangen habe zu schwanken und er dann plötzlich die Beherrschung über das Fahrzeug verloren habe. Anhänger? Den habe ich gar nicht gesehen. Ach ja, vor meinem Moto in der Ausfahrbucht steht einer. Wow, der ist von selbst so weit weiter gerollt, oder wohl eher geschleudert? Der muss aber ziemlich schnell gefahren sein!

Während ich nun den Verkehr herunterwinke und verlangsame, fährt der andere, der sich inzwischen etwas gefangen hat, sein Auto in die Ausfahrbucht. Uff, alles gut gegangen. Nur, als ich zum Moto zurück kehre, liegt dieses am Boden. Als ich abstieg, habe ich in der Eile nicht den besten Abstellplatz gewählt und so ist es umgefallen. Na macht nichts, Hauptsache keine Verletzten.

Der Unfallverursacher, ein Einheimischer auf dem Weg einen kleinen Schneepflug zu verschieben, versucht inzwischen seinen Bruder und die Polizei anzurufen und wir machen wir uns mit etwas mehr Adrenalin im Blut wieder auf den Weg.

Am Gotthard angelangt warten wir schon darauf, uns einen Weg nach vorn am Stau vorbei zu bahnen, doch nichts da. Wir stehen fast zu vorderst vor dem Lichtsignal am Nordportal, einige Fernsehübertragungswagen stehen verlassen da, um über den nicht mehr vorhandenen Stau zu berichten und keine fünf Minuten später fahren wir ein in den bislang noch längsten Tunnel der Schweiz.

Im Innern wird es so warm, dass wir vollkommen trocken sind, als wir auf der anderen Seite rausschiessen. Was für eine Sicht, einige Wolken schieben sich am Mond vorbei, und kein tropfen Regen verschleiert uns die Sicht.

Nach 215 Kilometer und 3 Stunden erreichen wir die Unterkunft und können mit etwas Glück sogar noch einchecken, denn eigentlich schliesst die Jugi um 22.00 Uhr ihre Pforten. Aber mit etwas gut zureden lässt sich der Jugi-Leiter überreden, uns das Portal nochmals zu öffnen.


Tag 2 - Für den heutigen Tag ist super Wetter angesagt und das wollen wir voll auskosten, weshalb wir schon um halb Acht aus den Federn sind. Schnell sind wir wieder auf unserem Skunktier, wie wir unsere KTM getauft haben. Dies nicht ohne Grund: Vom Tanküberlauf, der unter dem Kühler hervor kommt, riecht es oftmals etwas streng nach Benzin und der heisse Motor hat auch nicht die beste Duftnote.

Auf Nebenstrassen geht es nach Locarno, wo sich gefährlich eng gebaute Hauptverkehrsachsen wie unwichtige Gassen durch die Stadt zwängen. Von da an halten wir stehts in Richtung Centovalli. Wer übrigens noch Lust hat auf etwas mehr Adrenalinkick, der kann in Gordola auch nach rechts einige Kehren hinauf ins Vercascatal fahren. Dort bietet sich die aus dem James Bond Film „Goldeneye“ bekannte Vercascastaumauer für einen Bungeesprung an.

Wir lassen dies allerdings aus, die kommende Strecke ist Abenteuer genug für uns. Das berühmt berüchtigte Centovalli betrügen wir heute mit dem ebenso fantastischen, aber um einiges weniger bekannten Valle Onsernone. Ausgangs Cavigliano stechen wir deshalb rechts hinauf ins ruhig gelegene Tal.

Kaum von der Abzweigung weg, da geht es los mit Kurvenarien. Unglaublich, warum konnten nicht alle Strassenbauer sich ein Vorbild an diesem Traum nehmen? Da fällt mir nur ein: Strassenbauer aller Kantone, vereiniget Euch, seht, staunt und lernt! Brücken, Ortschaften, Verengungen und alles sehr unübersichtlich, so stellt sich uns dieses Tal vor. Einfach himmlisch, um die Pneus warm zu kriegen und den Angstrand zu verringern bzw. ganz zu verdrängen. Dank wenig Verkehr ist das Ganze ein wahrer Genuss. Immer wieder bringen Wasserfälle und grosse Felsflanken Abwechslung ins Spiel. Die Strassen sind für mich Flachlandschweizer so verrückt, dass ich mich nicht mal richtig wundere, als ich am Eingang einer Ortschaft „Loco“ lese, was auf Spanisch „verrückt“ heisst. Nomen est omen (der Name ist die Bestimmung) sage ich da nur.

Aber Achtung, trotz wunderbaren Kurven muss man immer mit Steinen auf der Strasse rechnen. Das ist die Kehrseite der Strassen im felsigen Gelände. So findet man öfters mal eine von herab gefallenen Felsen zertrümmerte Leitplanke. Gemäss Info des Besitzers des einzigen und winzigen Ladens in Spruga ist aber noch nie jemand von herunter kommenden Steinen erschlagen worden, wenn’s auch schon manchmal knapp war.

Nach einer kleinen Pause geht es aus der Sackgasse wieder retour. Erneut können wir uns an den hunderten von Kurven erfreuen, diesmal in umgekehrter Reihenfolge. Doch das ist nicht etwa schon alles gewesen. Nein, denn etwa auf halbem Weg findet sich erneut die Brücke über die Schlucht, wo man ins Vergelettotal einbiegen kann. Das lassen wir uns natürlich nicht entgehen.

Die schmale Strasse klebt anfangs eng an der schroffen Felswand, um sich kurz vor Gresso in einigen herrlichen 180ern mit gutem Belag die Steigung hinauf zu winden. Danach folgt sie dem ruhig in der Talsole dahin fliessenden Flüsschen. Ich kann mir gut vorstellen, wie dieser Bach beim Schmelzen der Schneevorräte zum reissenden Fluss anschwillt und alles mit sich reisst, was im Weg steht. Die grossen Gesteinsbrocken und die abgeschliffenen Felswände zeichnen ein gutes Bild von der Wucht der Wassermassen, die sich alljährlich hier durch zwängen.

Obwohl uns die nun offenen Strecken zu höheren Drehzahlen verleiten, sind wir zweimal gezwungen, etwas ruppig zu bremsen, da sich ohne Voranmeldung die Strasse auf ganzer Breite zu einer eineinhalb Meter tiefen Mulde formt. Dieser Bereich ist nicht ohne Grund mit grossen Steinblöcken ausgelegt, wird hier doch jedes Jahr mit der Schneeschmelze viel Geschiebe vom Berg herunter gespült. Wäre hier normaler Asphalt, würde das Geschiebe den Strassenbelag innert Kürze zerstören. Wer neben dem Biken auch das Wandern zu seinen Hobbys zählt, der kann seine Tour mit dem erklimmen eines Hügels versüssen und kann sich einen der vielen Hügel zum besteigen aussuchen, denn daran mangelt es hier sicherlich nicht. Angst um sein Moto braucht hier aber keiner zu haben. Man kann es sich je nach Jahreszeit und Wochentag aber auch etwas einfacher machen, indem man mit der Funivia Salei, einer kleinen Gondelbahn, gemütlich den Ponte Zucchero bzw. die Alp Salei er“fährt“.

Wir hingegen wollen tiefer ins Tal hinein und werden bald dafür belohnt. Esel und Schaffherden tummeln sich auf den Weideflächen neben der Strasse und die „Eagle Ranch“, ein Freizeitreiterhof, wie es scheint, lässt in uns Wildweststimmung aufkommen. Schöne, starke Pferde, die ruhig in der Sonne stehen geniessen die Ruhe und verstärken das Gefühl, gleich um die nächste Ecke die berühmte Bonanzaranch vorzufinden. Schlussendlich endet die Strecke aber in einer weiteren Sackgasse, wobei mein Enduroherz noch kurz aufjauchzt, da noch etwa 500m Kiesstrasse zu bewältigen sind, bevor das endgültige Fahrverbot ein Weiterkommen untersagt.

Langsam macht sich ein Hungergefühl bemerkbar und mit leerem Magen ist nicht gut reisen. Wir beschliessen also, uns bei Gelegenheit nach einem guten Grotto umzusehen. Diese sind im Tessin fast überall zu finden, aber hier kann man sie an einer Hand abzählen. Bis zu diesem Zeitpunkt haben wir auch noch keinen anderen Biker zu Gesicht bekommen. Nicht dass ich mich so sehr danach sehnen würde, aber irgendwie hätte ich gedacht, dass es hier, in einem solchen Paradis, davon nur so wimmeln muss. Erst als wir uns in Russo, einer kleinen Häuseransammlung, mit feiner Pasta verwöhnen, hören wir zum ersten Mal einen fremden Bikermotor das Tal erklimmen. Wenn diese Gegend mal kein Geheimtipp für Biker ist.

Gut gestärkt machen wir uns auf, um weitere Bikerträume zu erforschen. Bei Ponte Brolla biegen wir nach links ins Maggiatal ein und werden gleich vom grossen Verkehr einverleibt. Hier läuft gleich wieder einiges mehr. An der Maggia hat es Leute, die sich über Mittag an der Sonne bräunen und die Füsse, nach Erfrischung suchend, ins kalte Wasser tauchen.

Die Strecke ist im Vergleich zu vorher ausgebaut wie eine Autobahn, und die lang gezogenen Kurven lassen einem Zeit, seine Gedanken zu sortieren und die vielen Eindrücke zu verarbeiten. Bis nach Cevio hat man dazu genügend Zeit, doch dann geht es ins Valle Campo hinein. Der Weg führt in der Art der Südflanke des Stilfserjochs in die Höhe nach Bosco Gurin.

Eine Kehre ist enger als die Andere und sie folgen dicht auf dicht. Man bewegt sich im ersten oder zweiten Gang und geschaltet wird im Kurventakt. In Cerentino bleibt einem die Wahl sich allenfalls für Cimalmotto zu entscheiden. Unser Motto ist aber eben so hoch hinaus wie möglich und Cimalmotto liegt etwa 100 Höhenmeter tiefer, was uns die Entscheidung abnimmt und es ist klar wo es lang geht.

Die Strasse wird schmaler und jetzt ähnelt sie eher dem Klausenpass. Wobei dieser Vergleich nicht mal so abwegig ist, da auch hier mit Getier auf der Strasse zu rechnen ist. Als ich ein Warnschild, dass ich hier zum ersten mal sehe und dass vor Geissen und Schafen auf der Strasse warnt, nicht ganz so erst nehme, hätte es fast Lammgehacktes gegeben, denn hinter einer Kurve stehen tatsächlich Schafe auf der schmalen Strasse und geniessen die guten Bergkräuter am Strassenrand.

Bosco Gurin, als weitere Endstation, ist ein verschlafenes, kleines Örtchen, dass neben einer Bergbahn auch einige Übernachtungsmöglichkeiten zu bieten hat. Zu dieser Jahreszeit, da noch immer Schnee liegt, haben aber leider alle Hotels geschlossen, sonst hätten wir uns hier mit Sicherheit einquartiert. In drei Wochen ist aber alles wieder offen und wir nehmen uns vor, ein anderes mal wieder hier vorbei zu schauen.

Inzwischen ist der Nachmittag schon fortgeschritten, die Sonne steht nicht mehr so hoch und die Schatten kriechen die steilen Berghänge hinunter. Wir sitzen wieder auf und gondeln gemütlich hinunter ins Tal bis nach Cevio, der ersten Möglichkeit für ein Übernachtungsmöglichkeit. Gerade als sich die Sonne dem Schatten geschlagen geben muss und sich aus dem kleinen Dörfchen an der Hauptstrasse zurück zieht, finden wir eine Unterkunft.

Leider war in Cevio schon alles einigermassen anständige ausgebucht und so müssen wir mit einem sehr kargen Zimmer und zu ziemlich hohem Preis vorlieb nehmen. Welch Wunder an Ostern, da müssen wir uns wohl selbst an der Nase nehmen. So müssen wir uns halt für ein Zimmer entscheiden, dass für den Preis nicht ganz das abgibt, was man leichthin erwartet. Naja, aber schlafen können wir sicherlich. Für das Nachtessen sitzen wir nochmals auf unseren Skunk und düsen ins fünf Minuten entfernte Cavergno bei Bignasco und kehren in der feinen Pizzeria Al Torche ein. Auf der Terasse lassen wir den Tag in gemütlicher Atmosphäre ausklingen.

Tag 3 - Erbarmungslos piepst uns das Händy schon früh aus dem ruhigen Schlaf. Schnell haben wir gegessen und gepackt. Da wir ja Gestern bloss ein Seitental erkundeten geht es heute weiter auf der Hauptstrasse ins Tal hinauf. Der Belag ist gut und wir treffen kaum Verkehr an. Der meiste Verkehr geht bloss bis nach Bignasco und ab da ist man meist allein. Schon kurz nach Bignasco werden die Pneus das erste mal auf die Probe gestellt. Zwei scharfe Kehren fordern ihren Abrieb und wir geben ihnen, nach was sie verlangen.

Schon am Dorfeingang von Peccia fallen uns einige Steinskulpturen auf, die den Weg zieren. Auch bei der weiteren Fahrt durch die kleine Ortschaft begleiten uns z.T. sehr ideenreiche Figuren, an denen man sich erfreuen kann. Die richtigen Freunden kommen aber erst nach der Ortschaft Peccia auf. Ein gutes Dutzend Kehren warten auf Ihre Erkundung durch erprobte Pneus. Steil steigt die Strasse an und überwindet mit den Kehren eine ziemliche Höhendifferenz. Davon kann man kaum genug bekommen. Am liebsten würde ich gleich nochmals umkehren und das Ganze nochmals von vorn geniessen, doch das will ich zu dieser frühen Stunde den bestimmt noch schlafenden oder beim Kaffee sitzenden Einheimischen nicht  antun.

In Mogno liegt zur Linken eine etwas spezielle Kirche, die aber nur durch Laufen erkundet werden kann, weshalb wir sie boykottieren denn zu dieser frühen Stunde ist uns das Fahren schliesslich noch lange nicht verleidet. Kurz danach bäumt sich die Strasse ein letztes Mal auf und will uns mit einigen schnellen Kehren aus dem Takt bringen. Doch darauf waren wir gefasst und haben auch diese erfolgreich zur Strecke gebracht. Gleich darauf sehen wir Fusio.

Das kleine Dorf sitzt eingepfercht zwischen den Bergflanken und unterhalb fliesst der Fluss. Weiter oben soll es dazu noch einen passenden Stausee geben und den wollen wir uns ansehen. Also weiter. Leider ist aber schon bald danach das Ende erreicht. Nachdem wir uns noch durch die ersten Schneemaden durch gespult hatten, ist am Eingang zu einem kleinen Tunnel Endefeuer. Ein Meter Schnee ist allzu viel des Guten. Wer aber etwas später im Jahr unterwegs ist, der kann noch weiter hinauf.

Wir wenden und rollen wieder durch den engen Taleinschnitt hinunter, bevor wir erneut die schönen 180er beehren dürfen. Zum ersten Mal heute treffen wir hier auf andere Biker, die sich mit heulenden Motoren ankündigen. Zwei BMW1150er GS geben ihr Bestes um der Strasse Paroli zu bieten.

In Peccia zweigen wir nach rechts ab und schon folgt der nächste Spass. Bis nach Piano di Peccia begleitet uns guter Belag und so lassen wir unsere Pneus entsprechend quitschen. Na ja, Piano kann man dem nun nicht sagen, aber die Ausnahme bestätigt bekanntlich die Regel. Am Ausgang von San Antonio erreichen wir das Grotto Al Corte. Schottische Hochlandrinder und Esel begutachten uns von Ihrem Freilaufstall aus und können sich wohl kaum vorstellen, dass wir freiwillig in diese abgelegene Gegend kommen. Doch das ist noch nicht das Ende dieser Strecke. Gute vier Kilometer geht es noch weiter und zu guter Letzt sogar auf Kies druch einen Steinbruch, bevor uns erneut der berühmte runde, rote Kreis ausbremst. Auch hier finden sich Steinskulpturen. Irgendwie fehl am Platz und doch vollkommen passend. Jetzt endlich geben wir auf und machen uns zufrieden ob unserer Eroberungen auf den Rückweg nach Cavilgiano.

Wir biegen ein auf die Strasse ins Centovalli. Nun folgt die Krönung der Tour, die Strecke von hier über Malesco bis nach Cannobio. Ich kenne die Strecke schon von früher und auch in entgegen gesetzter Richtung und bin jedes mal wieder richtig auf Nadeln, wenn’s endlich los geht. Der Belag ist super, griffig und die Strasse hat genau die ideale Breite. Es wird immer besser, wir schwingen von einer Kurve gleich in die nächste. Gas geben, kurz bremsen, reinliegen, Gas geben, bremsen, reinligen,.... und das im Sekundentakt.

Einfach fantastisch. Das Ganze kann für Anfänger aber etwas ermüdend sein, also bei Gelegenheit ein Pause einlegen und die schöne Gegend geniessen. An einem sonnigen Wochenende kann es hier übrigens so viele Biker unterwegs haben, dass man sich am Strassenrand fast vorkommt wie an einem 24 Stundenrennen.

Da hier noch zwei Fahrspuren sind, muss man sich auch über den Gegenverkehr kaum Gedanken machen. Dies ändert sich jedoch abrupt, wenn man den italienischen Zoll hinter sich gelassen hat Der Strassenbelag lässt sofort zu wünschen übrig und die zweite Fahrspur verschmilzt mit der eigenen. Das sehen aber leider auch die entgegen kommenden Fahrzeuge so. Da muss man schon mal öfters in einer unübersichtlichen Kurve seine ursprüngliche Spur verlassen und nah am Felsen gedrängt fahren, um von den rücksichtslosen Fiatrasern nicht über den Haufen gefahren zu werden. Grundsätzlich aber gilt, wer Reserven hat und mit Vorsicht fährt hat kaum etwas zu befürchten.

Am Dorfeingang von Re bietet sich die Möglichkeit für eine gute Pizza, die auch oft von anderen Bikern wahrgenommen wird. Auf der rechten Strassenseite hat es ein kleines Restaurant und gegenüber kann man sein Bike hinstellen und gleich vom Esstisch aus mitverfolgen, wer sonst noch alles auf der Strecke ist und sein Motorrad zeigen will. Und für jene, die nach dem Essen nicht gleich mit vollem Magen weiter donnern wollen, denen sei der Besuch der Kirche „Santuario della Madonna di Re“ empfohlen. Sie entstand offenbar auf Grund eines Wunders vom 29. April 1494. Ein Steinwurf traf dabei die Stirn eines Marienbildes vor der örtlichen Kapelle. Während sich Blut über das Marienbild und das Jesuskind ergoss, geschahen Heilungswunder an den herbeigeeilten Menschen. Auf jeden Fall ist die Kirche äusserst sehenswert und dominiert das Ortsbild. Wer nicht hinein will, braucht einfach der Strasse zu folgen um sie von aussen zu begutachten, denn diese führt direkt daran vorbei.

Unsere Strecke führt weiter. Überholen ist auf den folgenden Kilometern zum Teil schwierig und man sollte sich seiner Sache sicher sein, wenn man überholt, denn auf den schmalen Strassen ist das eine heikle Sache. Bald aber verbreitert sich der Weg und man erreicht allzu früh Malesco, wo die Abzweigung nach Cannobio liegt. Wir genehmigen uns eine Pause und in einer kleinen Konditorei und der nebenan liegenden Metzgerei versorgen wir uns mit Köstlichkeiten für die Weiterreise.

Auch der nun folgende Abschnitt hat es voll in sich. Die Route führt durch Wälder, mal licht, mal dicht, aber immer interessant. Die Strasse wird wieder schmaler und schon sind wir wieder gefangen vom hemmungslosem Kurvenfieber. Zwar hat es hier einiges weniger Verkehr, doch ist der Weg manchmal sehr schmal. Unter uns fliesst der Fluss Cannobino und er gibt die Kurven vor. Uns kann es nur recht sein, je mehr desto besser! Eine Gruppe umgebauter KTM Adventure braust an uns vorüber. Sie sehen aus als kämen sie direkt von einer Ralley, so staubig sind sie. Kurz gegrüsst und schon wird die Hand wieder am Lenker verlangt um auf die nächste Kurve zu bremsen. Diese Strecke verlangt einem doch noch einiges ab und vor allem sollte nicht vergessen werden zu trinken. In einem solchen Kurvenrausch geht das gerne mal vergessen.

Viel zu schnell tauchen die ersten Häuser von Cannobio auf und wir werden wieder vom Verkehr geschluckt. Langsam im langen Tatzelwurm geht es dem Lago Maggiore entlang der Schweizer Grenze entgegen. Wer auf Schweizer Seite noch Lust auf eine schöne Aussicht hat, der kann von Brissago aus noch einige Kehren in die Höhe klettern und auf den See mit den Brissagoinseln runterschauen. Für uns lohnt sich das nicht, da sich seit Malesco die Wolken am Himmel verdichtet haben und sich etwas zusammen braut.

Bevor wir aber dem angekündigten Regen nach Norden entfliehen wollen, hocken wir uns noch in eine kleine Pizzeria. Als wir uns nach dem essen endlich aufraffen, können wir gleich das Regenkombi überziehen, denn es beginnt zu tropfen. Auf der ganzen Heimfahrt regnet es wenigstens nur einmal, nämlich von Brissago bis nach Hause.

Ein Fazit bleibt: Kurventaumel und Tornatis bis zum Abwinken!