Night Rider


Night Rider – Alpenpässe bei Nacht – das letzte grosse Abenteuer! 

Die Sonne ist vor einigen Minuten hinter der Bergkette versunken schon wird es kühler. Wir füllen gerade noch den Tank in der Raststätte Heidiland (Autobahn Richtung Chur) und verstauen die letzten Red Bulls in unseren Rucksäcken, denn ab jetzt geht es eine geraume Weile ohne Stopp weiter. Ziel ist es, uns eigentlich gut bekannte Pässe mal bei Nacht zu „erkunden“, sozusagen die letzte Herausforderung für erfahrene Pässeflitzer.

Wir verlassen die Autobahn in Richtung Flüelapass und es hat bereits stark eingedunkelt, also genau so, wie ich es geplant habe. Vor uns türmen sich riesige Felswände auf und die Strasse quetscht sich neben dem Fluss durch eine schmale Schlucht. Nicht lange danach sehen wir die Lichter der nächsten Ortschaft Grüsch zu unserer Linken und vor uns tut sich ein breites Tal auf. Allerdings verschwimmen die Konturen der Umgebung immer mehr, denn es wird zunehmend dunkler.

Kurz nach Jenaz kommt wieder eine engere, kurvigere Strecke. Schmal und dunkel führt uns die Strasse bis nach Dalvazza bei Küblis. Ab Saas wird die Strasse dann endlich interessant. Kurvig und nicht allzu breit schlängelt sich der Weg dem Hang entlang und wir gondeln zwischen dem abendlichen Heimreiseverkehr mit. Überholen ist hier schwierig, kennen wir doch nicht jede Kurve. So sehen wir die Fahrt nach Klosters sozusagen als Aufwärmstrecke, bevor wir richtig loslegen können.

Dafür geniessen wir die immer stärker herein brechende Nacht mit dem beinahe vollen Mond. Das fahle Licht wirft über alles eine Art silbernes Tuch und lässt in mir Erinnerungen aus den Kindergartenmärchenstunden aufkommen, als es um Wölfe im schneebedeckten Winterwald ging. Allerdings währt dieser Gedanke nicht lange, denn kurz vor der Passhöhe überholt mein Bruder in einer leichten Linkskurve ein Auto. Kein Problem an und für sich, doch plötzlich schneidet das Auto die Kurve, als er mit seinem Moto bereits auf Höhe der Hintertür ist.

Wie eine Billardkugel prallt mein Bruder von der Fahrertürseite ab, kann sein Moto wie durch ein Wunder aber stabil halten und kommt doch noch am Auto vorbei. Wie in Trance schaue ich dem Ganzen aus der Distanz zu, denn ich bin zwei Autos weiter hinten ebenfalls am Überholen.

Eine Kurve später erreichen wir die Passhöhe und damit eine Tankstelle. Hinter meinem Bruder und dem Auto fahre ich ebenfalls raus. Wow, das fängt ja mal gut an. Sofort springe ich ab und sehe zum Glück, dass meinem Bruder nichts passiert ist. Das Auto hat nur geringe Schäden von der Hüfte, mit welcher er sich gegen das Auto gestemmt hat. Der noch junge Fahrer erklärt schuldbewusst, dass er ihn nicht gesehen habe und will ebenfalls wissen, ob alles ok ist. Immerhin ist er sich seiner Schuld bewusst, hat er doch weder in den Seitenspiegel geblickt, noch den obligaten Seitenblick gemacht. Hätte er dies gemacht, hätte er auch die Lichter gesehen, u.a. den extrahellen Xenonscheinwerfer am Motorrad. Naja, am Bike hat es kaum Kratzer und so machen wir uns nach einer kleinen Stärkung wieder auf den Weg, mit einem etwas mulmigen Gefühl – wenn das mal nur nicht so weiter geht!

In St. Moritz biegen wir eingangs Ortschaft nach links ab in Richtung Flüelapass. Ich habe diesen Pass schon so oft unter dieRäder genommen, dass ich eigentlich schon fast jede Kurve kenne – aber nur fast, denn inzwischen ist es absolut dunkel und da keine Strassenlaternen den Weg erhellen, sind wir auf unsere mageren Scheinwerfer angewiesen, um uns zu orientieren. Die Augen heften sich auf den hellen Flecken Asphalt vor mir und natürlich auf das Rücklicht meines Bruders. Wenn ich nicht wüsste, dass ich diese Strasse schon x-mal gefahren bin, dann würde ich felsenfest überzeugt behaupten, ich sei hier noch nie gewesen!

Glücklicherweise sagt mir wenigstens mein Zumo noch, wo es langgeht. In diesem Fall ist es sogar echt super. Immerhin habe ich die zu absolvierende Route noch auf dem PC vorbereitet und auf das kleine GPS geladen. Und eins kann ich sagen, da hat Garmin mal wieder brilliante Arbeit geleistet. Mit einer Auflösung von 80 bis 120m sehe ich jede Kurve schon voraus, bevor diese in den Lichtkegel des Scheinwerfers fällt. Auch wie eng eine Kurve ist, kann man so abschätzen. Trotzdem sei jedem empfohlen, sich nicht alleine darauf zu verlassen. Ich habe schon von Dosenfahrern gehört, die in einen Fluss gefahren sind, weil auf dem GPS die Fähre halt nicht richtig markiert war. Da ist die Warntafel am Strassenrand dann doch noch ein Stückchen wichtiger.

Auf halber Höhe müssen wir dann anhalten. Ich kanns mal wieder nicht lassen und jage meinen Bruder eine gut einsehbare Strecke wieder runter, nur damit ich meine Gier nach einem Nachtfoto des Passes mit einigen schönen Kurven befriedigen kann. Ok, immerhin, selbst er muss zugeben, dass es sich gelohnt hat.

Auf der Abfahrt von Flüela crashen wir nach einer Kurve noch beinahe von hinten in einen grossen Pickup. Allerdings fragen wir uns schon etwas, was ein solches Ungetüm ohne jegliche rückseitige Beleuchtung, mit knapp 40 km/h nachts auf dieser Strasse verloren hat. So stellen wir ihn unten angekommen zur Rede. Etwas ertappt versucht er sich zu entschuldigen, man sehe von Innen ja nicht, ob das Rücklicht brenne oder nicht – ja das nützt ihm auch nichts mehr, wenn er von hinten angefahren wird, weil er nachts ohne Licht mitten in der Strasse steht.

Nicht lange und wir stehen am Fusse des wohlbekannten Ofenpasses. Alle die das Stilfserjoch anfahren und nicht überaus grosse Umwege fahren wollen, kennen diesen Pass. Aber nicht nur deswegen, immerhin war diese Region vor einiger Zeit in den Schlagzeilen, als Braunbär Bruno die Grenzregion unsicher machte.

Nun holt mich der Tunnelblick endgültig ein. Wir rauschen über die Piste. Neben uns ziehen Bäume und Buschwerk vorbei und langsam wird es kühl. Immerzu folge ich dem roten Lichtlein vor mir, immer darauf achtend, was das GPS mir an Kurveninfos zugesteht, um ja keinen Bremspunkt zu überfahren. Denn genau das ist in der Nacht eine der grössten Gefahren, wie wir merken. Man schätzt auf Grund der fehlenden Umgebung im Blickfeld die Distanzen geringfügig anders ein und das könnte schnell schlimme Folgen haben, wenn man sich nicht von Anfang an darauf einstellt.

Natürlich darf man auch das Wild in der Nacht nicht vergessen, immerhin hat es besonders in dieser Region sicherlich viel davon. In diesem Fall hilft nur nicht zu schnell sein, den Scheinwerfer weg und voll in die Eisen. Letzteres kann ich aber nur jenen Empfehlen, die wie ich ein ABS haben, denn sonst passieren wahrscheinlich mehr Schäden infolge eines falschen Bremsmanövers, als auf Grund eines Zusammenstosses mit einem Tier. Glücklicherweise sehe ich nur einmal ein Reh am Strassenrand, aber das verzieht sich schnell beim Anblick unserer zwei KTMs. Echt interessant finde ich vor allem die Abfahrt vom Ofenpass nach Osten. Viele Kurven, die ich oft in die Gegenrichtung gefahren bin, erinnern mich irgendwie an den Col d`Izoard in Frankreich. Der Belag ist nicht überall perfekt und da man die Schlaglöcher bzw. die Bodenwellen in der Dunkelheit nicht kommen sieht, ist äusserste Konzentration gefragt, damit es einem nicht den Lenker aus den Händen schlägt. Zudem sind die Kurvenkombis wirklich super und ich bin voll bei der Sache. Irgendwie kommt man sich vor wie auf der Rennstrecke, bloss, dass man hier schon mit 60 Sachen voll im Rennfieber ist. Eines halte ich mir aber trotzdem immer vor Augen: Hier gibt es weder Sturzräume, Sicherheitszäune noch andere Knautschzonen, entsprechend passe ich meine Geschwindigkeit den Gegebenheiten an.

Verkehr hat es inzwischen kaum mehr. Dafür leuchten die kleinen Ortschaften bis hinunter nach Santa Maria wie Weihnachtskrippen, wenn man von weitem auf sie zufährt. Ich habe total vergessen, wie viel Zeit schon vergangen ist. Es fehlt ja auch die  Sonne, die uns das anhand ihres Sonnenstandes sagen könnte. Irgendwann sind wir dann in Santa Maria, wo wir unsere Tanks noch mal mit „günstigem“ Schweizer Benzin auftanken, bevor wir uns an den Umbrailpass heranwagen.

Den haben wir uns ausgesucht, weil er so ziemlich der einzige grössere Schweizer Pass ist, der nicht komplett durchasphaltiert ist. Die letzten Lichter von Santa Maria verschwinden aus dem Rückspiegel und die Strasse enger und steigt immer mehr an. Im Dunkel der Nacht flitzen Baumstämme an uns vorbei, die zunehmend von steinernen Mauern aus dem Blickfeld des Scheinwerfers verdrängt werden. Grauweiss kalt und mit schattigen Kanten starren sie uns aus der Dunkelheit an, als wären wir Zootiere.
Ich konzentriere mich wieder auf die Kurven, denn die folgen jetzt im Sekundentakt.  Immerhin achtzehn Spitzkehren reihen sich hier aneinander, bevor man nach einer kleinen Zwischenebene auf die Kiesstrecke kommt. Von dann an wird es aber eigentlich erst richtig interessant.

Als wir endlich den Kiesbereich des Passes erreichen, steigen in mir Erinnerungen an Südamerika auf. Da sind wir auch hin und wieder nachts, wenn auch ungewollt, über übelste Strassen gefahren, nur um noch einen einigermassen menschenfreundlichen Übernachtungsort zu finden und haben uns dabei wie die grössten Abenteurer aller Zeiten gefühlt.

Mein Hinterrad dreht durch und ich drifte leicht um die Kurve. Ja, genau so soll es sein. Je länger ich so fahre, desto wohler fühle ich mich dabei. Ich überhole meinen Bruder und versuche trotz meines fehlenden Xenonscheinwerfers mal, wie es sich anfühlt vorne zu fahren. Das Blickfeld ist nun noch viel enger geworden. Es ist, als müsstest du dich auf eine extrem schwierige, aber hochinteressante Knobelaufgabe konzentrieren. Adrenalin pur. Jetzt überschätz dich nur ja nicht, denk ich mir und nehme etwas Druck aus der Gashand. Die 990er wird sofort ruhiger und ich kann auch mal in den Rückspiegel blicken. Nötig wäre es ja nicht, denn ich sehe auch so, dass mein Bruder noch an meinem Hinterrad klebt, so hell ist sein Xenonlicht. Immerhin weitere sechzehn 180-Grad Kurven sind so noch zu bewältigen, bevor man den Schweizer und kurz darauf den Italienischen Zoll erreicht.

Doch wer jetzt denkt, wir hätten den grössten Teil unserer Tour nun hinter uns, der irrt. Denn zwar können wir den offenen Schweizerzoll problemlos überqueren, aber die italienischen Zöllner lassen uns nicht durch. Nicht etwa, dass der Zoll unbesetzt wäre, nein ganze fünf Möchtegerngenerale sitzen gemütlich im Zollgebäude und lassen sich vom TV berieseln. Aber keiner ist gewillt, unsere Pässe zu begutachten. Sie verweisen strickt auf das Schild mit den Öffnungszeiten. Als ich dann so zu meinem Bruder sage, das sei mal wieder typisch italienisch, wird der Zöllner fuchsteufelswild. Er scheint offenbar gerade genug Deutsch zu verstehen, um meiner Aussage zu folgen. Wir lachen beide über den meckernden „Pepone“ und kehren zu unseren Bikes zurück, was diesen nun nur noch weiter in Rage bringt. Endgültig zum Überlaufen des Fasses bringt dann offenbar meine Fotoaktion, als ich das Schild mit den Öffnungszeiten zur Erinnerung fotografiere. Wie eine Furie, die auch noch von Wespen verfolgt zu werden scheint, schiesst er aus dem Gebäude, rast auf uns zu und schimpft und wettert dabei auf uns ein. Wir dürften hier nicht fotografieren, das sei militärisches Gelände und daher fotografieren strengstens verboten. Nun, da wir uns aber auf neutralem Niemandsland befinden, also nicht in Italien, kann er uns nichts anhaben. Gemütlich verpacken wir daher unter ständigem Gemaule unsere Kameras und grinsen ihn an, was auch nicht gerade zur Entspannung der Situation beiträgt. Beim Abfahren notiert er sich noch unsere Nummern. Na dann, viel Glück bei einer Klage gegen diese Fotoaktion vor dem internationalen Gerichtshof.

Wir fahren also wieder hinunter nach Santa Maria. Dort besprechen wir unser weiteres Vorgehen. Von so einem Affen lassen wir uns doch nicht unsere Tour vermiesen. Wir wollen ja nach Bormio, also gibt es nichts anderes, als das Stilfserjoch von hinten zu erklimmen. So kommen wir gerade mal etwa drei Meter an der Stelle vorbei, an welcher uns der wütende Zöllner nicht rein lassen wollte. Na, das wird aber ein Fest werden.

Wir sitzen auf und düsen los. Über Prad am Stilfserjoch greifen wir nun von hinten an. Anfangs noch etwas genervt über den Umweg, der uns aufgezwungen wurde, ändere ich meine Meinung schon nach kurzer Zeit. Das Stilfserjoch bei Nacht, einfach der Hammer. Nicht nur, weil ich wohl noch nie in meinem Leben so schnell diesen Pass hinauf düsen konnte, schliesslich sieht man in der Nacht jeglichen Gegenverkehr schon von weitem anhand des Lichtes. Oder hattet ihr Nachts um 1 Uhr schon mal Gegenverkehr an diesem Pass. Eben, ihr wart zu dieser Zeit wohl zu Hause, wie alle anderen ausser uns.

Wieder schlägt der Tunnelblick zu. Absolute Konzentration ist gefragt. Hier darf man einfach bei keiner Kurve falsch oder sogar zu spät anbremsen, sonst gibts gratis mit zum gemachten Fehler noch einen Freiflug dazu.

Die Kolben hämmern wie wild in den Zylindern und immer wenn mein Bruder vor mir bremst und dafür schnell vom Gas geht, züngeln fünf bis zehn Zentimeter lange, hellblaue Stichflämmchen aus seinen BOS-Schalldämpfern, als wollten sie mir sagen, bleib mir ja fern, sonst wachse ich am Ende noch über mich hinaus... Naja, und das wollen wir ja nicht und so halte ich gebührenden Abstand.

Nach gut 45 engen, aber ebenso hoch interessanten Spitzkehren kommen wir oben an. Wir sind alleine, wie nicht anders zu erwarten war. Inzwischen ist es wirklich kühl geworden. Wir machen noch einige Erinnerungsfotos und schon geht es weiter. Die Zöllner am Grenzübergang werden unsere Motoren gehört haben, können wir es uns doch nicht verkneifen, extra laut die Motoren aufheulen zu lassen, als wir an ihnen vorbei donnern.

Schon kurz nach dem Zollübergang kommt eine wahre Horde Kehren auf uns zu. Mehr als ein Dutzend an der Zahl und alle kurz aufeinander folgend. Eine wahre Pracht und das Genialste dabei, wir können sie dank fehlendem Gegenverkehr voll ausnutzen. Tief liegen wir in die Kurve, so dass wir hinter uns jeweils einen Funkenregen herziehen, der von unseren Metallplatten an den Motorradstiefeln stammt.  

Nur kurz wird uns etwas mulmig, als wir die stockfinsteren, unbeleuchteten einspurigen Tunnels durchfahren. Schliesslich kennen wir die italienischen Pappenheimer, die würden auch zu dieser Zeit ungehemmt einen Pass hinauf heizen und Geschwindigkeitslimiten kennen die nicht. Normalerweise macht mir das nichts aus, aber hier könnten wir ihnen nicht mal ausweichen, daher die Vorsicht.

Als nächstes steht der Passo d`Eira an. Ein relativ kleiner und eher unspektakulärer Pass. Nicht mal fünf Kehren buhlen um die minimale Aufmerksamkeit, die wir ihnen schenken. Schnell sind wir auch auf der anderen Seite bei Livigno. Bevor wir uns an die erneute Überquerung der Grenze in Richtung Bernina machen, legen wir noch einen Halt ein. Inzwischen ist es ziemlich kühl und ich muss eine weitere Isolationsschicht anziehen. Ausserdem muss ich meine Energievorräte mittels Red Bull und Brot auffüllen. Natürlich muss meine 990er da nicht zusehen, auch ihr „Magen“ wird mit feinstem 95er Oktan gefüllt.

Die Strecke bis zur Grenze beim Forcla di Livigno zieht sich dann etwas hin. Ausserdem ist der Belag in Fahrtrichtung teilweise abgetragen bzw. abgekratzt worden, was unangenehme Schwingungen und ein unaufhörliches Zerren am Lenker in Richtung der Rillen zur Folge hat. Doch auch das geht vorbei und bald werden wir wieder von absoluter Dunkelheit eingefangen. Sie begleitet uns bis fast ganz hinauf auf die Passhöhe. Von weitem leuchtet ein orangenes Lämpchen und markiert so den Zoll, ansonsten ist kaum etwas zu sehen, ausser wenn der Mond gerade eine grauweisse Felsfläche anstrahlt. Eigentlich hätten wir es uns denken können, die Italiener schlafen und lassen uns nicht passieren. Es gibt kein Durchkommen, auf jeden Fall kein legales.

Etwas mühsam finde ich das schon, schliesslich sollte es doch möglich sein, rund um die Uhr von Italien in die Schweiz zu kommen, zwischen Deutschland und der Schweiz funktioniert das ja auch. Nun, eine Chance gibt es vielleicht noch, der Tunnel hinter Livigno, der zurück ins Graubünden führt. So fahren wir also die ganze Strecke zurück und an Livigno vorbei in Richtung Tunnel.

Die Strasse führt eine ganze Weile einem See entlang, allerdings sieht man davon wenig, denn erstens schluckt die Dunkelheit das meiste Licht weg, zweitens liegt der See einiges tiefer und drittens führt die Strasse die meiste Zeit durch „Lawinen-Tunnels“. Wie nicht anders zu erwarten war, ist auch dieser Grenzübergang geschlossen und es lässt sich nun leicht ausmahlen, was für Möglichkeiten offen bleiben: Einerseits könnten wir den gleichen Weg wie wir gekommen sind zurück fahren, oder wir fahren zurück nach Bormio und dann alles runter bis Tirano und hoffen, dass der Zoll ins Poschiavo dort offen ist. Die letzte Möglichkeit ist, wir bleiben hier und übernachten in Livigno. Da es inzwischen 2 Uhr früh ist, entscheiden wir uns aus Sicherheitsgründen für die Übernachtung, denn Müdigkeit ist ein schlechter Begleiter auf einer solchen Tour.

In Livingo strahlen die Natriumdampflampen ein warmes Licht in die Nacht hinaus, nichts desto trotz, sind wir fast die einzigen, die sich um diese Zeit noch draussen herum drücken. Es ist ja auch ziemlich kalt, sicherlich unter Null Grad und es machen nicht gerade viele Hotels den Anschein, als hätten sie geöffnet. Bei einem bleiben wir hängen. Es hat einen kleinen Vorraum und es ist hell drinnen. Wir drücken auf die Nachtklingel... nichts passiert. Wir wiederholen das Ganze zweimal... keine Regung, dafür wird das Licht im Vorraum gelöscht. Nun sitzen wir im Dunkeln. Na gut, wers nicht anders haben will... Wir holen unsere Esswaren, setzen uns in den Vorraum, verdrücken die letzten Brötchen und legen uns hin. Ich mache es mir auf dem Teppich gemütlich. Mein Bruder hat sich ein Holzbänkchen ausgesucht.

Tag 2:
Drei Stunden Hin- und Hergewälze später schütteln wir uns die Müdigkeit aus den Augen. Versteift und etwas unterkühlt beginnen wir unsere müden Knochen wieder auf Betriebstemperatur zu bringen. Draussen ist es eisig kalt, der Atem gefriert sofort zu Eiswölkchen und wir beschliessen im erstbesten Kaffee ein Frühstück reinzuziehen.

Naja, um diese Zeit hat hier alles noch zu, dafür dürfte der Pass in einer halben Stunde öffnen. Wir packen also alles zusammen und befreien unsere Sattel vom Eis, das sich inzwischen darauf gebildet hat. Als Bestrafung für das nicht reagieren auf unseren Eintrittsversuch müssen sich der Hotelier (und wohl auch einige unschuldige Gäste) durch das Knattern unserer noch kalten, sich aber langsam warmlaufenden KTM-Motoren belästigen lassen, aber irgendwie lässt mich das wortwörtlich völlig kalt.

Kaum 20 Minuten später rasseln wir über den Zoll. Ein Zöllner ist nicht zu sehen, Kontrolle gibt es keine, dafür wird es wieder heller. Die Sonne kämpft sich aus dem Bett, hat es aber noch nicht über die Bergkante geschafft. In der Hoffnung noch vor ihr auf der Bernina-Passhöhe anzukommen, geben wir unseren Bikes die Sporen.

Es ist ruhig und nur ein feiner Wind weht mir durch die Haare, als wir kurze Zeit später auf der Berninapasshöhe mit Kamera im Anschlag auf die ersten Sonnenstrahlen warten. Neben uns hat sich ein deutsches Ehepaar eingefunden, das in einem VW-Bus gleich nebenan übernachtet hat. Naja, wir sind zwar sicherlich wacher, aber frischer aussehen tun eindeutig die anderen zwei.

Langsam aber unaufhörlich klettert die Sonne höher und dann ist es soweit. Die ersten Strahlen kitzeln den Motor meiner 990er. In helles Orange getaucht, als wäre der Himmel von KTM gekauft und eingefärbt worden, erstrahlt der Morgen in neuer frische. Für uns wird es allerdings langsam sehr frisch, vor allem, weil wir noch nichts gegessen haben. Keine zwei Minuten später sitzen wir auf unseren Maschinen und düsen nach Norden den Pass hinab.

Die Ebene vor Samaden wirkt gespenstisch. Wolkenschleier ziehen langsam über den Boden, vereinzelt fliegt eine Krähe von einem Baum zum nächsten. Da tut es uns schon fast leid, mit unseren klopfenden Motoren diese Ruhe zu durchbrechen, aber wer Hunger hat, den kümmert das wenig und wir sind immer noch auf der Suche nach einem Frühstück.

Das finden wir dann in Samaden. Zwar müssen wir noch rund 15 Minuten vor geschlossener Tür warten, dafür haben wir das Privileg auf die ersten noch warmen Croissants, hat ja auch etwas für sich.

Frisch gestärkt und mit gutem Gefühl im Bauch machen wir uns wieder auf den Weg. Das nächste Ziel ist Silvaplana, denn von dort solls den Julierpass hinauf gehen. Naja, Nacht ist nicht mehr, aber in diesem Fall zum Glück, denn sonst hätten wir in St. Moritz nicht die Superaussicht auf den See gehabt. Bei diesem Anblick übersehen wir den ganzen Schicki-Micki-Zirkus, der hier normalerweise herrscht, denn durch die eisige Morgenkälte dampft er überall und der Wind haucht dem Ganzen irgendwie Leben ein. Ein Maler könnte diesen Ausblick nicht besser erfinden.

In Silvaplana steuern wir über den Julier, der von dieser Seite her eigentlich nicht so speziell ist. Nur gerade drei schön gebogende 180er Kehren bietet er, schon fast eine Zumutung, dabei von einem „Pass“ zu sprechen. Immerhin, auf der anderen Seite ist er dafür viel besser, bloss haben wir davon nicht mehr soviel. Das einzig wirklich Erfreuliche ist, dass wir einem Porschefahrer mal zeigen können, dass er nicht der King auf der Strasse ist. Nun ja, ich gebs zu, er war wohl nicht der Geübteste. Nichts desto trotz freut es uns, dass wir wieder in normalem Tempo weiter fahren können, nachdem wir diesen Bremsklotz überholt haben.

In Tiefencastel nehmen wir die Auffahrt zur Lenzerheide, denn unser letztes Ziel ist Chur und dahin wollen wir natürlich möglichst schnell und trotzdem kurvenreich kommen. Die Sonne im Nacken geben wir nochmals alles. Allerdings muss man vor allem Anfangs aufpassen, denn die Sonne steht um diese morgendliche Zeit genau so, dass sie einem gerade aus ins Gesicht scheint und stark blenden kann. Für diesen Fall bin ich einmal mehr über das eingebaute Sonnenvisier in meinem Schuberth S1 froh, dass ich auf einfache Weise runterklappen kann. So lässt sich auch trotz direkter Sonneneinstrahlung noch sicher fahren.

Um 11Uhr erreichen wir endlich unser Ziel, das eigentlich noch in der Nacht hätte erreicht werden sollen. Aber eben, das kanns geben, bei solch speziellen Moto-Adventure-Touren, aber eines ist sicher nach diesem Abenteuer: Wir haben uns den Titel „Ritter der Alpenstrassen“, als K(N)ight Rider, ehr und redlich erfahren. Und machen wir in näherer Zukunft noch weitere solche Special-Touren, kann es gut möglich sein, dass wir gar in die kleine aber feine „Tapfere Runde der Alpenstrassenritter“ aufgenommen werden!