Aufwärmrunde durchs Zürcher Weinland

Wer hat schon Zeit, immer grosse Touren zu machen. Mal ruft die Arbeit im Garten, mal ist Familientreffen angesagt. Doch niemand will deshalb auf sein geliebtes Hobby verzichten. Zwischen Einkaufen und dem Besuch von Bekannten liegt meist nur noch ein Kurztripp am Nachmittag drin. Aber auch bei solchen Kurztripps kann man in nächster Nähe schöne Gebiete und Strecken er-fahren. Und gerade zum Start der neuen Motorradsaison im Frühjahr eignet sich eine Ausfahrt ins Zürcher Weinland hervorragend, um wieder das Gefühl fürs Bike und die Kurven zu gewinnen. Nach Unmengen von Regen in den letzten Wochen kann ich mir heute einige Stunden freischaufeln, und diese will ich gezielt einsetzen. Das Wetter scheint mir gut gesinnt zu sein, neben einigen dicken Wolken zwängt sich immer wieder die Sonne durch und verspricht einen schönen Nachmittag.

Ich entscheide mich für eine Kurzfahrt um den Irchel und einen kurzen Ausflug über die Grenze, welcher sich auf Grund meines Wohnortes anbietet. Schon beim Dorfausgang Brütten in Richtung Sonnenbühl treffen wir auf eine andere Spezies
der Sonnenanbeter. Dort befindet sich zu linker Hand nämlich ein Golfplatz und sticht wegen seinem schön flach gemähten Grün aus der Gegend heraus. Auf der weiteren Strecke befinden sich auch Pferdehöfe, doch was wollen wir mit Pferdehöfen, wir haben ja viel mehr Pferdestärken und das erst noch auf kleinerem Platz konzentriert.

Es ist ein sanfter Start über die Felder und durch die verschlafenen Weiler, eine ideale Einwärmstrecke. Nach Sonnenbühl, einer kleinen Häuseransammlung, die idyllisch auf einer Ebene liegt, mit wunderbarem 360° Panorama mit Sicht bis hin zu den noch verschneiten Alpen, geht es in rasant steigendem Kurvenfieber über die Ebene und alsbald tauchen wir in ein Tal ab. Zwei schöne, rund zu fahrende Kurven, die vor allem in entgegen gesetzter Richtung fahrend jede Menge Kurvenspass versprechen, leiten uns hinunter zur Abzweigung nach Pfungen.

Anstelle direkt nach Embrach zu donnern, was sicherlich auch seinen Reiz hätte, zwängen wir uns über die engere und holprige Strecke durch den Wald. Gut, hat die KTM einen bequemen Sitz und ist gut gepolstert, sonst würde ich bei meiner Fahrweise von meiner Sozia wohl hin und wieder einen Schlag auf den Hinterkopf riskieren. Im Wald ist es immer noch ziemlich kühl, obwohl schon bald Mittagszeit ist. Möglichweise hat auch der zur Rechten fliessende Bach seinen Einfluss auf das erfrischende Klima.

Entlang der grossen Strasse gelangen wir nach Embrach, aber anstatt ins Dorf hinein zu fahren, weichen wir am Kreisel zur Rechten aus und gelangen schon bald nach Rorbas, wo wir erneut nach rechts ins Tal nach Freienstein abtauchen. Obwohl es zu Beginn vielleicht nicht den Anschein haben mag, so ist Freienstein doch ein schönes und ruhiges Fleckchen Erde. Für einen kleinen Halt also ideal. Entschliesst man sich aber gleich weiter zu fahren, viel Zeit hat man ja sowieso nicht, so wird man nicht enttäuscht. Herrschaftlich thront das Schloss Teufen über seinem grosszügigen Weingut. Wir haben Glück und per Zufall knattert auch gleich noch ein Oldtimer die Strasse entlang und vervollkommnet unser Bild der alten Zeit.

Was nun kommt, ist wohl eher nach dem Geschmack von uns Bikern. Gute vier Kilometer reinstes Kurvenvergnügen. Durch  Wald und entlang abfallender Hänge schlängelt sich die Strecke in schönstem Slalom um den Irchel. Nur hin und wieder muss man sich vor zumachenden Kurvenverläufen in Acht nehmen, vor allem weil diese meist nicht einsehbar sind. Auch einige Velofahrer treten hier in die Pedale, aber der Verkehr hält sich stark in Grenzen. In Flaach biegen wir nach links ab und folgen dem Rhein, der sich gemächlich zu unserer Rechten dahin zieht. Die vielen Weinrebenstöcke zeigen uns nun deutlich auf, weshalb man diese Region auch das Zürcher Weinland nennt. Aber obwohl jedes Dorf seinen eigenen Wein zu haben scheint, ist diese Provinz auch für Weinunkundige sehr interessant.

Über eine schmale Brücke überqueren wir das erste Mal den Rhein und gelangen so nach Rüdlingen. Grosse, weisse Schwäne watscheln gemütlich über die Felder unterhalb des Ortes und zupfen an Grashalmen. In Rüdlingen selbst finden sich noch einige schöne, alte Riegelhäuser und es herrscht eine ruhige Stimmung. Über einen kleinen Hügel erreichen wir das Rafzerfeld, eine weite, flache Ebene, mit Rafz in seiner Mitte. Doch wir lassen Rafz aus und nehmen die schnellere Kantonsstrasse nach Eglisau, welches am Rhein liegt. Wäre nun schon Hochsommer und damit auch entsprechend heiss, so böte sich uns hier die Möglichkeit eines erfrischenden Bades im Rhein. Nicht weit oberhalb der Brücke befindet sich nämlich die kleine „Flussbadi“. Aber auch so hat Eglisau einiges zu bieten. Ein Spaziergang in der schönen Altstadt und ein kurzer Höck in einer Gartenwirtschaft unter den Kastanienbäumen gleich am Fluss lassen die Zeit nur zu schnell  verstreichen.

Gleich nach der zweiten Überquerung des Rheins zweigen wir rechts ab und gondeln zuerst durch die Quartiere, bevor wir an der „Thurella“ Abfüllerei vorbei und unter dem Bahnviadukt durch dem Rhein nach Westen folgen. Die Strecke führt uns sehr nah am Rhein entlang. Schwäne und Enten tummeln sich im seichten Wasser des langsam fliessenden Rheins.  Spaziergänger geniessen die Aussicht auf einem Sitzbank und wird schaukeln auf der wenig befahrenen Uferstrasse Rheinsfelden entgegen. Falls man sich bis dahin übrigens etwas den Hunger aufgehoben hat, so ist der Landgasthof
„Fähre“ gleich am Eingang dieser Ortschaft und direkt am Ufer beim alten Wasserkraftwerk ein Verpflegungsstopp wert. Im Sommer kann er auch mit einer Aussenwirtschaft Punkten.

Uns zieht es weiter in Richtung Weiach, entlang der imposant grossen Gruben der bekannten Weicher Kieswerke, die sich unaufhörlich in den Boden fressen. Bald schon steigt uns der heimelig anmutende Duft von frischem Holz in die Nase. Dieser stammt von einem ortsansässigen Holzverarbeitungsbetrieb. Das ist einer der Vorteile des Motorradfahrers, er ist einfach näher am Geschehen und an der Umwelt, als der Automobilist. Schon beim Einfahren nach Kaiserstuhl wird man
von Geschichte überrannt. Als erstes passiert man das spätgotische Amtshaus aus dem 16. Jahrhundet, um gleich darauf am «oberen Turm», einem Überbleibsel der alten Stadtbefestigung, vorbei zu fahren.

In Kaiserstuhl, der flächenmässig kleinsten Gemeinde des Kantons Aargau, wollen wir erneut über die Brücke und damit auch über die Grenze. Wer sich bisher ohne Halt auf dem Bike gehalten hat, sollte spätestens hier einmal absteigen. Denn Kaiserstuhl eignet sich vorzüglich für einen kleinen Rundgang. Der Hauptweg durch die mit Liebe gepflegten mittelalterlich anmutenden Bürgerhäuser steigt zwar steil an, aber man fühlt sich um viele Generationen zurück versetzt. Zumal hier Fahrverbot ist und man nicht die ganze Zeit den Autos ausweichen muss.

Auf der deutschen Seite geht es dann rassig weiter in Richtung Griessen. Rassig natürlich deshalb, weil in Deutschland ausserorts 100km/h erlaubt sind. Schon nach Kurzem zweigen wir von der „Schnellstrasse“ nach rechts ab, auf eine kleinere Nebenstrasse mit Ziel Bergöschingen, die bergan in den Wald führt. Eine kurvige z.T. etwas engere Strecke führt einen dann hinauf in eine etwa 3 Kilometer entfernte Ortschaft. Ohne Gegenverkehr kann man hier ziemlich am Gashahn drehen. Aber aufgepasst, im Wald leben auch Tiere, die hin und wieder die Strassenseite wechseln. Mühsam ist diese Strecke wahrscheinlich dann, wenn man einen langsamen Trödler vor sich hat und ihn wegen Platzmangels nicht überholen kann.

Oben angekommen, hat man eine wunderbare und weit reichende Aussicht bis in die Schweiz hinein, die man unbedingt geniessen sollte. Leider können wir dies nicht besonders lange, denn am Himmel haben sich inzwischen riesige Wolken
aufgetürmt und drohen uns mit einer Ladung kalten Wassers.

Wir lassen es uns nicht vermiesen und fahren weiter. Ab Griessen führt dann leider wieder eine etwas breitere, dafür ebenere Strasse über Dettighofen bis nach Jestetten. Etwas Gutes hat diese ausgebaute Strecke aber, denn man kommt
gut voran und hat trotzdem Zeit viel von der Umgebung mit zu kriegen. Dafür muss man die Strasse wieder vermehrt mit anderen Verkehrsteilnehmern teilen. Das kann aber auch ein Vorteil sein, vor allem wenn man, wie wir, das Überholen zum Sport macht. Mit der neuen KTM 990 macht es aber auch richtig Spass! Immerhin hat die Gute 100 PS und auch saftig Drehmoment. Da macht schnell auch mal ein Sportwagen den zweiten Platz. Und vor Bremsmanövern brauchen wir auch keine Angst mehr zu haben, könnte ich doch im Ernstfall auf ein sicheres ABS zurückgreifen.

In Jestetten können nun jene Wein-Feinschmecker erneut zuschlagen, die entweder im Schweizer Weinland noch nicht genug bekommen haben, oder aber jene, die den direkten Vergleich zur Schweizer Konkurrenz suchen. Gleich an der Strasse gibt es da nämlich eine Vinothek, die zum Kauf einlädt (sollte noch Platz in den Koffern sein). Im Zentrum zweigen wir ab nach Rheinau, das nicht mehr weit entfernt den erneuten Eintritt in die Schweiz ermöglicht. Die Leute, die noch schnell an den Rheinfall wollen, sollten hier einfach auf der Strasse bleiben und anstatt nach Rheinau nach Neuhausen fahren. Auf unserer Strecke kommen wir an Esel- und Schafweiden vorbei und eine kurvige Strecke führt uns durch den Wald hinunter zum kleinen Grenzort. Eine alte, knorrige Holzbrücke markiert die meist unbesetzte Grenzstation. Das Dorf selbst kann mit einem Benediktinerkloster bzw. der Klosterkirche, Barockbauten und spätgotischen Herrenhäusern mit den berühmten Treppengiebeln aufwarten. Nicht zu vergessen, das Waldreservat Watt, das durch sein Wachstum ohne kommerzielle Nutzung ein Rückzugsgebiet für gefährdete Tier- und Pflanzenarten ist.

Das Wetter meint es inzwischen nicht mehr gut mit uns: Es fallen die ersten Regentropfen. Der Himmel ist inzwischen ganz dunkel geworden und verheisst uns gar nichts Gutes. Anstatt über Ellikon, Flaach, und Buch am Irchel heimzureisen,
entscheiden wir uns, unsere Tour frühzeitig zu beenden und verlassen Rheinau in Richtung Benken, wo wir die Schnellstrasse in Richtung Winterthur nehmen. Ein weiterer Vorteil, wenn man nicht weit weg ist vom eigenen Wohnort.
Man ist bei Wetterumschwüngen rasch ausser Reichweite des Gewitters. Alles in allem ist diese Strecke eine ideale Aufwärmrunde im Frühjahr, aber auch im Herbst kann sie durch die farbigen Wälder glänzen.