361 Kurven Ferien

Heute, nach 2 Wochen üblem Wetter bäumt sich der Sommer nochmals auf und ich nehme die Gelegenheit war und stürze mich auf ein Kurvenparadies der Extraklasse. Schon seit einiger Zeit wollte ich die Strecke zwischen Chur und Arosa unter die Räder nehmen, aber immer kam etwas dazwischen. Nun ist es also soweit. Der Tank ist voll und der Motor knurrt unter dem Sattel. Er hat Lust auf einen Ritt und ich versuche ihm zu geben, wonach er verlangt.

Die gesamte Distanz von Chur bis nach Arosa ist nicht viel länger als 30km, und doch hat sie einen speziellen Reiz. Kaum eine andere Strecke weist eine derartige Kurvendichte auf, wie diese hier. Da kann gerade mal noch das Cento Valli mithalten, aber das wärs dann auch schon mit den vergleichbaren Orten.

Ich nehme mir für diese Strecke einen Tag Zeit, denn ich will nicht einfach nur nach Arosa, nein, mich reizen auch die vielen kleinen Seitensträsschen, die sich den Berg entlang in die Höhe schrauben, um zu guter Letzt in kleinen, netten Bergdörfchen zu enden.

Aus den Zentrum Churs geht’s in Richtung Osten. Die Strasse folgt zuerst den Gleisen der Bahnstrecke Chur - Arosa. Ein Haus mit Zwiebeldach, das ein wenig an den Kreml erinnert, markiert die Abzweigung zur Arosastrasse, die alsbald von der Ebene, auf welcher die Stadt steht, abhebt. Auf der anderen Talseite kann ich die vielen Fahrzeuge sehen, die über die Lenzerheide nach Tiefencastel gondeln. Bald verschwindet der herrliche Ausblick über Chur unter mir und ein kleiner Tunnel eröffnet die Kurvenjagd.

Nach gut 10 Minuten reinem Vergnügen erreicht man eine Abzweigung, die links den Berg hinauf wegführt, nach Malanders. Will jemand eine schöne Aussicht auf das folgende Tal geniessen, so soll er sich ruhig hinauf trauen. Ein sehr anmächeliges Heidi-Dörfchen erwartet einem. Im oberen Teil der Häuseransammlung plätschert das Wasser in einen Brunnen und einige kleine Kinder spielen Verstecken und bringen ein wenig Leben ins ruhige Dasein. So stellt man sich in etwa die Schweiz vor, wenn man der Werbetrommel des Tourismusverbandes Glauben schenken will. Doch auch hier hat die Moderne schon Einzug gehalten. Strassenlaternen stehen parat, um nachts die Dunkelheit aus den asphaltierten Strassen zu vertreiben.

Kaum 1 km weiter kann man wiederum einem kleinen Linksabzweiger folgen. Einige schöne 180°er sind auf dieser Strecke in Richtung Castiel mit dabei, allerdings erreicht man die kleine Siedlung schon nach etwa 3-4 Minuten, und ab dort ist Fahrverbot. Als Ausgangspunkt für Wanderungen ist es aber dennoch gut geeignet, wie auch für eine kleine Pause zwischendurch, allerdings ohne Restaurant, dafür mit vielen Kuhfladen und Natur.

Die Strecke nach Castiel ist zwar sehr kurvenreich, jedoch lässt der Belag zu wünschen übrig. Es ist ratsam, dort nur mit gemässigtem Tempo zu fahren, da es vorkommen kann, dass einem auf Grund der Bodenwellen fast der Lenker aus der Hand geschlagen wird. In Langwies besorge ich mir die für die Befahrung der folgenden Strecken benötigte Spezialgenehmigung. Diese ist in fast allen Restaurants sowie im Tourismusbüro zu bekommen und kostet 5 CHF/ Motorrad pro Tag.

Ich kann es kaum erwarten. Während andere Motorradfahrer an mir vorbei donnern nehme ich noch im Dorf die nächst Abzweigung links und schon bin ich allein auf weiter Flur. Ich mache mich auf und besuche die abgelegenen Orte Pirigen und Fondei.

Steil steigt die Strasse an. Die Strecke nach Fondei ist einfach und sogar mit jeder Strassenmaschine zu bezwingen. Nur eine kurze Strecke, ab der Verzweigung oberhalb Langwies ist Kies, danach ist wieder Asphalt angesagt. Auch wenn es nicht die beste Qualität ist, so reicht sie doch vollkommen aus. Die Strasse ist so eng, dass immer nur ein Auto durch passt, daneben hat mit Glück noch ein Fussgänger Platz. So muss auch ich von der Strasse abweichen, als der Jeep eines Bauern entgegen kommt.

Durch Lawinenverbauungen geht es Bergwärts. Dann kommt man plötzlich aus dem Wald. Braun-grün zeichnen sich die hügeligen Bergwiesen gegenüber dem blauen Himmel ab. Schon von hier aus sieht man weit oben auf einer kleinen Anhöhe eine Ansammlung von dunkelbraunen, sonnengegerbten Holzhäusern. Der letzte Kilometer bis zur Siedlung ist nochmals Kies, jedoch ist er in gemässigtem Tempo gut befahrbar.

Die Balken sind zerfurcht und ein leichtes Windchen weht mir einen feinen Holzduft um die Nase, als ich zwischen den ehemaligen Bauernhäusern umher spaziere. Einige Wochenendurlauber haben es sich im kleinen Gärtchen vor Ihrem Haus in der Sonne bequem gemacht. Ich schliesse mich ihnen an und geniesse einige Minuten die wärmende Sonne.

Nur eine Hand voll Solarpanels erinnern mich daran, dass ich mich in der Neuzeit befinde und nicht in einer lang vergangenen, weniger stressigen Welt. Ich reisse mich los und sitze wieder auf, denn es wartet noch mehr auf mich, als nur einige zusätzliche Sonnenstrahlen.

Zurück auf dem Kiesplatz oberhalb von Langwies wähle ich nun den Abzweiger zur Alp Pirigen. Dieser Weg ist vollständig Kies und kann nicht mit Asphaltteilen reizen. Das bedeutet, für Fahrer einer Enduromaschine ist es genau das Richtige. Vor allem für Anfänger, denn die Strasse ist nur geringfügig schwieriger zu befahren, als die andere nach Fondei. Jedoch darf man auch hier die z.T. unübersichtlichen und scharfen Kurven nicht unterschätzen.

Es finden sich an einige Stellen auch etwas grössere Steinbrocken, die von den Felswänden abgesprengt wurden, denen man sicherheitshalber lieber ausweichen sollte. Die Federung einer Enduro kann dies aber gut auskorrigieren und es ist bestimmt ein Spass, die etwa vier Kilometer hinauf zu wedeln. Einige Teile dieser kurzen Strecke erinnern gar an gewisse Bereiche der Ligurischen Grenzkammstrasse.

Da sich der Mittag von hinten an mich heran geschlichen hat und mich nun mit einem starken Hungergefühl in der Magengegend überfällt, nehme ich die Gelegenheit war, im Skihaus Pirigen, von wo man nicht mehr weiter fahren darf, auf eine kleine Mahlzeit einzukehren. Ich mache es mir auf der Veranda gemütlich, wo sich auch schon einige Wanderer nieder gelassen haben.

Während ein Huhn eifrig im Boden scharrt und ihren Kücken so den Weg zu den leckeren Würmern ebnet, stolziert ein riesiges Exemplar eines Hahns, vor den im Staub badenden Hennen umher. Ich lasse mir derweil eine Platte aus Salami, Käse, köstlichem Alpenspeck und Trockenfleisch schmecken. Die Aussicht ist fantastisch, der blaue Himmel hebt sich von den schneebedeckten Gipfeln der Alpen ab. Ein laues Lüftchen umstreicht mich und will mich zu einem Tagtraum verleiten. Irgendwann ist meine Speckplatte dann leer und ungerne verlasse ich dieses ruhige Plätzchen.

Bei der Fahrt hinunter kann man dann einen schönen Ausblick auf das Bahnviadukt, das sich quer über die im Tal dahin fliessende Plessur spannt erhaschen, welches einst vor längerer Zeit für die Bahnverbindung nach Arosa errichtet wurde. Aber obwohl dies eine Weile her ist, sticht die Brücke auch heute noch sehr imposant aus der Umgebung hervor.

In Langwies folge ich kurz der Hauptstrasse in Richtung Arosa. Nicht weit ausserhalb des Dorfkerns, vor einer engen Rechtskurve, folgt schon wieder eine Abzweigung nach links. Ein kleines Schild am Strassenrad kündigt „Sapün“ an, mein nächstes Ziel.

Diesmal geht es über einen Platz und am Restaurant vorbei. Einige Vögel, die nach Brotkrümel gesucht haben, stäuben davon und ich mache mich an den Aufstieg zur Siedlung Sapün.

Die Strasse ist vollkommen gekiest und weist einige steilere Kurven auf. Zudem liegen hier öfters faustgrosse Steine im Weg, so dass man zum Slalom gezwungen wird, will man kein springendes Vorderrad riskieren. Im Tobel, durch welches sich der steile Weg hinauf windet, schlängelt sich der kleine Sapünerbach. Nun ziemlich ruhig vor sich hin gurgelnd, verweisen diverse quer liegende Baumstämme im aus dem Fels gefressenen Flussbett auf seine extreme Wucht während der Schneeschmelze. Pfützen aus Schlamm und nassem Dreck sind Zeugen davon, dass die Sonne offenbar selten den Weg hinein ins enge Tal findet.

Über einige schmale Holzbrücken, über deren Tragfähigkeit man sich streiten kann, erreiche ich eine kleine waldfreie Wiese, bzw. die Waldgrenze. Schon von weitem sehe ich einige kleine Hütten. Nur wenige Dächer sind sichtbar, und es scheint, als duckten sich die Behausungen in eine kleine Vertiefung, um sich zu verstecken.

Ich stelle meine SV, die mich ohne Probleme auch über diese Strecke transportiert hat, auf den Parkplatz vor dem Dörfchen. Gemächlich schlendere ich zwischen den eng stehenden Häusern umher. Bereits im Jahre 1273 wurde Sapün, damals Sampuin genannt, erstmals erwähnt. Im 17 Jahrhundert sollen hier gar bis zu 250 Personen ganzjährig im „Dörfchen“ gewohnt haben, was man sich nach einem kurzen Rundgang allerdings nur schwer vorstellen kann. Die Häuser wirken stabil, obwohl sie zum Teil sehr alt sind. Leider herrscht aber in diesem Gebiet auf Grund des abgeholzten Waldes oberhalb des Dorfes inzwischen jeden Winter Lawinengefahr. Will man selbst mal wissen, wie das Leben in so abgeschiedenen Orten ist, besteht die Möglichkeit, ein Haus zu mieten.

Auf einer Liegematte vor einem Häuschen liegt ein älterer Herr in der Sonne und lässt sich von den Strahlen wärmen. Ich treffe auf eine, ruhig vor sich hin strickende, alte Frau, sozusagen Peters Grossmutter aus der bekannten Heidigeschichte. Im Gespräch erfahre ich von der Dame mit dem sonnengebräunten Gesicht, dass sie inzwischen seit 1922 jedes Jahr hier oben ist. Früher ganzjährig, derzeit nur noch im Sommer. Heute sei das Leben hier aber einiges angenehmer, erklärt sie mir schliesslich, muss man nicht mehr mit Holz heizen, da das Dorf ans elektrische Netz angeschlossen sei. Genau so stelle ich mir die Schweiz in meinen Träumen vor. Da kennt noch jeder jeden und immer scheint die Sonne und erhellt einem das Gemüt. Doch der Schein trügt: Durch die eingekesselte Lage, so erfahre ich, tauche hier die Sonne im Winter bis zu fünf Wochen lang nicht mehr hinter dem nahen Bergkamm auf und Kälte halte hier Einzug.

Ich reisse mich einmal mehr los, von dieser unglaublichen Idylle, wartet doch noch das Tourismusangebot von Arosa auf mich. Richtig froh bin ich, als ich bei Langwies endlich wieder auf festem Asphaltbelag fahren kann. Der Kurvenrausch ergreift vollends Besitz von mir, und der nun sehr gute Strassenbelag bereitet einem das reinste Vergnügen. Da die Strasse nach Arosa eigentlich als Sackgasse bezeichnet werden kann, hat es kaum viel Verkehr und so bin ich mit meinem Hobel mir selbst überlassen. Hin und wieder ein Auto stehen lassen und ansonsten eine Kurve an der anderen schwingend hinter mich bringen. Diese Strecke bekommt von mir 95 von 100 möglichen „Gau Mio-Moto“-Punkte! Einfach super!

Kurz nach Litzirüti, nachdem man die Bahn durch eine Unterführung gequert hat, kommt unvermittelt die ernüchternde Aufschrift auf einem kleinen Häuschen an der Strasse: „Nur noch 6 Kurven bis Arosa“. Wie schade! Es hätten gern nochmals so viele sein dürfen. Aber was sage ich da, es sind ja nochmals so viele, zurück muss oder besser „darf“ ich ja nachher auch wieder!

Arosa selbst lockt übrigens mit diversen interessanten Angeboten. Für 2-Rad-Fans bietet sich die Abfahrt von der Mittelstation der Seilbahn bis nach Litzirüti mit einem „Enduro“- Trotinett. Ein echt lustiges Abenteuer, für welches man sich Zeit nehmen sollte. Für ruhigere Sportler bietet Arosa aber auch einen Golfkurs. Für Tierliebhaber oder mitfahrende Kinder gibt es hier in Arosa aber auch einen Eichörnchenweg, auf welchem man mit Nüssen und Dörrfrüchten die niedlichen, wild lebenden Tiere selber füttern kann.

Wer sich nun genug in Arosa ausgetobt hat und sich auf den Rückweg machen will, der kann sich entweder nochmals auf die insgesamt über 360 Kurven freuen, oder aber er kann nach etwa 2/3 der Rückfahrt in Sankt Peter nach Molinis abzweigen und dort über Tschiertschen bis nach Passugg die zweite Talseite nach Chur erkunden. Diese Route würde ich auf jeden Fall empfehlen, da sie über eine kurven- und abwechslungsreiche Strecke die Reise noch auf genussvolle Weise etwas verlängert. Wer seine Tour im für sein Mineralwasser bekannten Passugg noch nicht beenden will, kann kurz oberhalb Chur, wo man auf die Hauptstrasse trifft, links den Berg hoch und in Richtung Churwalden einschwenken. So kann der Abstecher nach Arosa gekonnt in eine Mehrpässetour integriert werden, wartet doch dahinter die Lenzerheide als Einstiegstor zu diversen weiteren Alpenpässen.