Südschweden pur

Riesige Wälder, einsame Seen undgemütliche Städte – 2 Wochen Südschweden pur

Tag 1: Hamburg – Kiel
Mit Schrecken stelle ich unter dem Motorrad einen Ölflecken fest. Das darf doch nicht wahr sein, hat es mich nun tatsächlich auch erwischt? Das Öl tropft vom Kupplungsnehmerzylindergehäuse der KTM runter auf den Boden und breitet sich langsam aus. Vor nicht allzu langer Zeit hat mir mein Bruder, ebefnalls eigentümer einer KTM990 Adventure von einer unschönen Situation erzählt. Als er eben auf eine Kreuzung zufuhr stellte er mit Erschrecken fest, dass er plötzlich nicht mehr Kuppeln konnte. Also den Kupplungshebel konnte er schon ziehen, nur hat dies am eingekuppelten Motor nichts geändert – die Kupplung war tot!

Ja und genau das ist mir vor zwei Minuten auch passiert. Allerdings nicht vor einer Kreuzung, sondern bei der Autobahnauffahrt Hamburg-Altona in Richtung Kiel. Eben erst heute morgen um 9 Uhr fuhren wir vom Autozug aus Lörrach und knatterten mit einem Grinsen im Gesicht durch die Bahnhofshalle Hamburg-Altona mit dem Wissen, dass die Ferien nun begonnen haben. Keine 15 Minuten später ist uns das Grinsen vergangen auf eben erwähnten Autobahnauffahrt. Die tote Kupplung zwingt mich zu einem Notstopp auf dem Pannenstreifen.

Das kann ja heiter werden. In 4 Stunden müssen wir allerspätestens in Kiel sein, dann fährt unsere Fähre nach Oslo. Wie soll ich denn in so kurzer Zeit einen Abschleppdienst organisieren. Ganz zu schweigen von einem Ersatazkupplungsnehmerzylinder und einem Mechaniker, der das ganze wieder in Ordnung bringt.

Jammern hilft da bekanntlich wenig. Zuerst wird die Versicherung kontaktiert, die Lage geschildert und dann folgen einige Telefonate mit meinem daheim gebliebenen Bruder. Der macht mir in der Zwischenzeit mögliche Adressen und Standorte von KTM-Mechs in der Stadt ausfindig.

Gefühlte 5 Stunden (tatsächlich sind seit dem Schadenereigniss ca. 1h 15 Minuten vergangen) später kommt der Abschleppwagen und schon sind wir auf dem Weg zu einem von zwei Mechs. Er hat nicht nur das Ersatzteil auf Lager, sondern ist auch bereit mich bevorzugt zu behandeln in der Hoffnung, dass wir dann noch genügend Zeit haben, um die Fähre zu erreichen.

Die Uhr tickt. Als wir den Mech erreichen bleiben knappe 2h und 20 Minuten, bis wir die Fähre erricht haben müssen. Das Motorrad wird von der Rampe geholt und aufgebockt. Das Abgeladen und schon macht sich der Mech an die Arbeit. Wir nutzen die Zwangspause um uns vor der folgenden Weiterfahrt zu stärken. Noch eine Stunde und 30 Minuten haben wir Zeit um die Strecke von rund 100 km nach Kiel zu schaffen. Der Mech gibt uns noch einige Tipps, um einige Verkehrstechnisch heikle Stellen zu umfahren und schon sitzen wir wieder auf.

Nun heisst es aber Gas zu geben. Glücklicherweise ist fast die gesamte Strecke Autobahn, da könnte man es so richtig sausen lassen, wären da nicht plötzlich die Unmegen an dunklen Regenwolken, die sich ausgerechnet unsere Fahrstrecke zum Abregnen Ihrer Last ausgesucht hätten. Da wir Stollenpneus drauf haben müssen wir zwar keine Angst Vor Aquaplaning haben, aber leider haben alle anderen Autofahrer Angst davor und so werden wir von diesen des öfteren ausgebremst.

Ungklücklicherweise habe ich auch noch vergessen meine Regenmembran in die Jacke einzulegen. So bekommen ich die ganze, eiskalte und nasse Pracht ab und die Sauce läuft mir auch gleich über den ganzen Rücken in die Hose und bis runter in die Stiefel.

Es sind noch 20 Minuten bis zum Check-in-schluss für Motorräder als wir die Ortstafel von Kiel erreichen. Ca. 10 Minuten später erreiche ich unter anderem auch Schweissgebadet die Einfahrt auf das Fährgelände. Auf Grund des Staus vor dem Check-in zur Fähre mache ich dann zum ersten Mal auf dieser Tour Gebrauch von der Off-Road-Tauglichkeit meiner KTM. Vor lauter querstehender Autos gibt es auf dem Asphalt einfach kein Durchkommen zu einer wettergeschützten Stelle. Da ich aber auf keinen Fall noch länger frieren will, mache ich kurzen Prozess mit einer kleinen Blumenrabatte, die zu ihrem Pech im Weg ist. Immerhin habe ich ja auch Stollenpneus drauf, da kann sich der Gärtner das Umgraben gleich sparen.

5 Minuten vor Check-in-Schluss haben wir es geschafft und werden zum Unverständnis einiger Deutscher vom Hafenpersonal wie selbstverständlich an der rund 400 Meter langen Warteschlange vorbei bis ganz nach vorn gelotst und können uns schon bald an der trockenen Wärme der Fähre erfreuen, während es draussen munter weiter prasselt.

Schnell noch das Motorrad gut festzurren und schon sind wir auf dem Weg in die Kabine, wo wir erst mal den Fön heiss und die Klimaanlage auf Volldampf laufen lassen, um unsere klammen Motorradkleider trocken zu legen. Mit vibrierendem Motor läuft die Colorfantasy aus dem Hafen und aufs offene Meer hinaus. Nun endlich haben unsere Ferien wirklich begonnen.

Tag 2: Oslo – Wildcamping Grenze Schweden/Norwegen
Im Internet begutachten wir die gemein dunkeln Wolken, welche sich immer dichter über den Norden Schwedens zusammen ballen. Wie eine Herde Schafe, die sich gegenseitig das saftigste Plätzchen einer Weide abjagen wollen, drängen sie alle genau in der Region, in welche wir eigentlich fahren wollen. Im Vertrauen auf meine bisher guten Beziehungen zu Petrus machen wir uns dennoch auf in Richtung Schweden.

Und diesmal steht keiner auf der Leitung. Je weiter wir uns von Oslo entfernen, desto mehr reissen die Wolken auf. Wir folgen der Autobahn durch das felsige Hinterland der Norwegischen Hauptstadt und fühlen uns wie Könige auf Eroberungstour. Die Freiheit hat uns wieder.

Knackiges Grün und goldgelbes, reifes Getreide auf den Feldern umgibt uns und Wind rauscht um unsere Ohren, während wir genüsslich die frische, kühle Luft einsaugen. Rot getünchte Häuser mit weissen Fensterläden laden unsere Blicke auf eine Reise in die Zeit der Wikinger ein. Ach ja, die roten Häuser kamen wohl erst nach den Wikingern, aber in meinen Vorstellungen passen die eben sehr gut in diese roten Holzhäuser. Ich sehe sie sogar mit ihren mit Hörnern bestückten Helmen vor dem Haus an einem grossen Feuer stehen und an einer Keule rumkauen…

Eine Tafel mit der Aufschrift „Kongsvinger“ holt mich in die Gegenwart zurück. Unser erstes Zwischenziel ist erreicht und damit ist auch der Zeitpunkt für den ersten Tankstopp gekommen, denn die KTM war mal wieder durstig. Kein Wunder, waren die Strassen bisher doch so gut, dass man durchschnittlich fast wie auf der Autobahn vorwärts kam.

Nachdem wir von einem einheimischen Biker an der Tanke noch einige kleine Insidertipps gesteckt bekommen haben (und da sagen manche, Nordländer seien Kontaktscheu, davon kann wohl keine Rede sein!), geht es weiter in Richtung Westen. Schon kurz nach Ende der Ortschaft beginnt der grosse Wald. Und damit meine ich nicht, einen Wald von 2 Kilometern Länge, wie man ihn mit Glück in der Schweiz noch zu finden vermag, sondern einen wirklich grossen Wald. Und der endet auch nicht, als wir in Masterud nach Nordosten abbiegen.

Wir verlieren das Gefühl für die bereits zurück gelegte Distanz immer mehr, sieht doch ein  Baum aus wie der andere. Weit und breit keine Menschenseele. Gegenverkehr – absolute Fehlanzeige! Eigentlich die ideale Ausgangslage für ein Zusammentreffen mit einem mächtigen Elchmännchen. Doch auch meine Sozia, die sich voll und ganz der Suchaufgabe widmet, kann keinen Erfolg verbuchen.

An uns rauschen in kurzem Abstand zwei blaue Schilder vorbei. Irgendwas von „Riksgränse“ stand da drauf, aber sicher sind wir uns nicht. Da laust mich doch der Affe. War das eben wirklich die ach so gut gesicherte EU-Grenze, immerhin gehört Norwegen ja nicht zur EU und es müsste demnach massive Kontrollen geben. Wir kehren um und kontrollieren, ob uns unsere Sinne evtl. getäuscht haben, denn an der EU-Aussengrenze hätten wir doch eine etwas üppigere Sicherheitsstaffel erwartet. Doch da stehen als einzige Grenzwächter doch tatsächlich nur zwei blaue, stolze und aufrecht Wind und Wetter trotzende Schilder mit dem Hinweis, dass man nun eben jene „Reichsgrenze“ von Norwegen bzw. Schweden überquert hätte.

Wir lassen es gut sein und fahren weiter. Nur einige kurze Kilometer weiter glaube ich eine ideale Übernachtungsmöglichkeit auf meinem GPS erspäht zu haben. Wir zweigen von der kaum befahrenen „Haupt“strasse ab und folgen einem kleinen Kiesweg ca. 500 Meter bis zu einem gemütlichen Fluss. Der Weg endet in einer Sackgasse, aber wir haben Glück. Beim Wasser hat es einen kleinen Platz, als wäre er extra so für uns angelegt worden. Mehr als ein grosses oder maximal zwei kleine Zelte haben allerdings keinen Platz. Aber mehr müssen heute auch nicht hier hin. Uns gefällt`s, vor allem, dass niemand anders unseren besonders idyllischen Platz streitig machen könnte. Seit wir in Norwegen oberhalb Geiranger mal eine Annäherung eines allzu aufdringlichen, offensichtlich auf Freundessuche befindlichen Campers abwehren mussten, bevorzugen wir Stellen und Orte, bei welchen man(n) schon gar keine Möglichkeit hat, sich in der unmittelbaren Nähe niederzulassen und uns auf die Pelle zu rücken.

Schnell ist unser Zelt aufgestellt und der Kocher ausgepackt. Während ich Holz für ein gemütliches Feuer zusammen suche, macht sich meine Sozia ans Einräumen des Zeltes. Das Feuer sollte eigentlich besonders aufdringliche Mücken fernhalten, aber davon hat es eigentlich fast keine und so geniessen wir unser Abendessen mit heimeligem Feuerduft in der Nase und Knistern in den Ohren am friedlich glitzernden Wasser.

Zwischenzeitlich findet sich noch der Eigentümer des Landstückes ein, welcher auf dem Fluss noch kurz einige Fische rausziehen will. Er ist zur Zeit in Urlaub und so offen und zuvorkommend (und einmal mehr absolut gar nicht verschlossen), dass er uns sogar noch zu sich ins nahe gelegene Ferienhaus einladen will. Auch mit Feuerholz möchte er uns versorgen, hat er als Transportmöglichkeit doch einen Quad, mit dem er durch das Unterholz brettert.

Wir lehnen mit Verweis auf unseren inzwischen langen und kilometerreichen Tag dankend ab, was er gut verstehen kann. So ziehen wir uns dann auch bald ins Zelt zurück, wo unsere erste, absolut stille, schwedische Nacht über uns herein bricht.

Tag 3: Wildcamping – Mora
Während ich nochmals einheize, um in der Glut einen heissen Latte Macchiato zu köcheln und unseren Gaumen damit zu verwöhnen, bereitet sich meine Sozia schon mal psychisch und physisch auf den kommenden Tag vor – sie liegt in ihrem Schlafsack direkt am Wasser auf der faulen Haut herum und geniesst neben dem glucksenden Wasser die herrlich wärmende Morgensonne. Ich packe derweil alles zusammen, auf dass wir nach ihrer „Vorbereitungsphase“ schnell losdüsen können. (Anmerkung der Sozia: Der letzte Satz ist so nicht ganz korrekt. Eigentlich packe ich nach einer äusserst kurzen Aufwachphase alles alleine zusammen, während Sevi genüsslich seinen Latte Macchiato schlürft und mich bei der Arbeit mit prüfenden Blicken beobachtet, ob ich auch sicher alle Heringe aus dem Boden ziehe).

Wir folgen der Strasse in Richtung Torsby. Zuerst fliesst der Fluss, welchen wir gestern auf Grund seines trägen Fliessverhaltens noch als See eingestuft haben, links der Strasse entlang. Später finden sich die typischen, seeähnlichen Verbreiterungen auf der rechten Strassenseite. Auch hier liesse es sich wunderbar übernachten.

Gute 35 Kilometer später fallen wir ins Einkaufszentrum von Torsby ein und füllen erst mal alle Reserven wieder auf. Noch während wir unter dem Vordach unsere Eroberungen einpacken, beginnt es wie von Sinnen zu regnen. Ein übles Gewitter hat sich innert Kürze und hinterrücks angeschlichen und lässt uns spüren, was es von unseren Ferienplänen hält. Na das lassen wir doch mal eben an uns vorbei ziehen, bevor wir uns wieder auf die Socken machen.

Ganz so schnell wie erhofft verzieht sich das Gewitter dann aber leider auch nicht. Ganze eineinhalb Stunden schauen wir dem wilden Treiben zu. Dann, als es sich einigermassen beruhigt hat, sitzen wir wieder auf. Allerdings nicht ohne vorher unseren Regenschutz zu montieren. In ein solches Gewitter möchten wir ohne einen zusätzlichen Schutz nicht geraten!

Als wir nach einem kleinen Zwischenhalt den Motor wieder starten wollen, läuft gar nichts mehr. Der Motor gluckst noch kurz einmal, dann ist Ruhe. Benzin ist zwar im Tank, aber der Motor scheint davon nichts zu wissen. Ich kontrolliere alles mögliche, krieche unter das Moto, schiebe es an, doch da lässt sich Moment nichts machen. Nach einer Weile rumschieben, einigen Telefonaten zu meinem KTM-Mechaniker läuft plötzliche alles wieder, ohne dass wir herausfinden woran es liegen mag. Wie wir später von einem besseren Mechaniker erfahren, der mein Motorrad nach der Tour genauer unter die Luppe hat mein Mechaniker beim Service, der noch kurz vor den Ferien durchgeführt wurde, den Benzinschlauch nicht ganz korrekt angeschlossen, was dazu führte, dass der Motor mal mehr mal weniger mit Benzin versorgt wurde. Blöde nur, dass man den ganzen Tank hätte abmontieren müssen, um dies rauszufinden. Dieses Problem führt dann auch dazu, dass wir auf der Rückreise nicht mehr vom Autozug werden fahren können, sondern die KTM werden runterschieben und per Zug nach Hause werden fahren müssen.

Das Wetter hält sich leider nicht lange zurück. Als wieder alles rund läuft, donnert es wieder runter. Von der Strecke kriegen wir gar nicht allzu viel mit, denn ich muss mich ziemlich auf die Strasse konzentrieren, auf welcher man nun immer mal wieder kleine Bäche durchqueren muss, die sich von der einen auf die andere Seite stürzen. Meine Sozia hingegen bekommt nichts mit, weil sie nach kurzer Zeit auf Grund des andauernden Trommelns und wegen der schlechten Sicht aus dem Visier kurzerhand einnickt und erst Eingangs Mora wieder aufwacht. Für mich vergeht die Zeit allerdings nicht so schnell.

Das monströse Gewitter hat uns die Lust auf Camping massig vergällt. Nicht nur, dass auf den Wiesen Wasser liegt, das nicht aufgenommen werden kann, wir müssten auch den Zeltaufbau im Regen durchziehen und darauf haben wir defintiv keine Lust.

Bald ist ein zwar etwas teures, aber wohl das günstigste noch verfügbare und ausserdem zentral liegende Hotel gefunden und ein Zimmer bezogen. Im Hoteleigenen Wellnessbereich testen wir neben Sauna, Dampf- und Sprudelbad das grosszügige Schwimmbad, bevor wir uns auf unser Zimmer verziehen und den Regen draussen alleine lassen.

Tag 4: Mora – Rundtour – Mora
Der Wetterbericht sagt uns einen leicht bedeckten, aber meist regenfreien Tag voraus. Sofort schlüpfen wir in unsere Kombis und schon sind wir auf dem Weg zu unserer Umrundung des berühmten Siljansees. Dieser See geht auf einen Meteoriteneinschlag zurück, was auch erklärt, weshalb man (z.B. auf Google Earth) auf der Karte eine kreisartige Rundung erkennen kann, die aus Gewässer besteht. Da dieser Meteoriteneinschlag allerdings schon eine kurze Weile zurück liegt (nur so ca. 390 Mio. Jahre), ist heutzutage vor allem sein bei schönem Wetter dunkelblaues Wasser zu bewundern. Ausserdem findet man an seiner „Küste“ immer mal wieder ganz hübsche, verlassene Örtchen, welche sich auch zum Campen eigenen.

An typischen weiss-roten Häusern geht es vorbei nach Südosten. Über eine Brücke gelangt man auf die rund 7,5 km lange und 4 km breite Insel Sollerön. Im gleichnamigen Ort machen wir kurz Halt und füllen unseren Verpflegungsbeutel im kleinen örtlichen Laden auf.

Wir folgen der Strasse nach Süden und gelangen somit wieder auf Festland. Meist führt uns die Strecke nicht direkt dem Ufer entlang. Zwischen Bäumen glitzert aber immer wieder mal blaues Wasser hindurch. Um noch etwas näher ans Wasser zu kommen folgen wir einer Waldstrasse und verlassen den asphaltierten Bereich.

Hier sind wir wirklich allein. Kaum einer verirrt sich hierher, es sei denn, er sei ebenfalls auf der Suche nach einem gemütlichen, ruhigen und abgelegenen Plätzchen. Auf dem Weg von Leksand bis Rättvik nach Norden um den See herum versuchen wir wo immer möglich so nahe am See zu bleiben, wie es die Strassen und Kieswege erlauben. Das ist nicht immer ganz einfach und führt schon mal dazu, dass man einen Weg, der sich als Sackgasse entpuppt, wieder zurück fahren muss. Aber wir haben ja Zeit.

Von Rätvik folgen wir der Strasse 298 bis etwa 3 Kilometer vor Arvet. Hier zweigen wir nach Westen ab und gelangen in die einsamen Wälder. Wir sind völlig alleine, kein Verkehr, denn alle fahren auf den grossen, asphaltierten Strassen. Doch genau das wollen wir ja nicht. Uns gefallen die einsamen, verlassenen Waldwege. Abgesehen davon, dass man auf diesen Strecken um einiges schneller fahren kann (wir sind zumindest noch nie auf eine Geschwindigkeitskontrolle im Wald gestossen), kann man auch Pause machen wo man gerade will.

Für eine solche Waldstrecke sollte man allerdings entweder einen sehr guten Orientierungssinn haben, oder aber ein GPS, dem man vertrauen kann (und ausserdem genügend Benzin im Tank, den eine Tankstelle gibt es hier nicht).

Nach diesem Ritt durch Schwedens Urwald geniessen wir dann umso mehr den Luxus, den wir im SPA des Hotels geniessen können.


Tag 5: Mora – Wildcamping südl. Appelbö
Ausgangs Mora tanken wir nochmals auf, dann geht es weiter nach Süden. Das Wetter ist traumhaft, ja es könnte kaum besser sein, die Sonne scheint und der skandinavische Sommer zeigt sich von seiner besten Seite.

Heute soll es etwas weg von der Zivilisation gehen. Nicht, dass wir die Schweden nicht mögen würden, aber Leute treffen können wir auch in der Schweiz, dafür müssen wir nicht so weit reisen. Daher versuchen wir mal die etwas einsamer gelegenen Wege einzuschlagen. Kurz nach Gesunda, das selbst etwas südlich von Mora liegt, biegen wir auf eine kleine Waldstrasse ab. Genau das haben wir gesucht. Wir sind völlig uns selbst überlassen. Kein Verkehr weit und breit, dafür umso mehr Wald und hin und wieder ein hübscher, versteckter See, der zum Picknick einlädt.

Hierhin also ziehen sich die Schweden an den Wochenenden zurück, in die unendlichen Weiten der Wälder Schwedens. An einem grösseren Gewässer machen wir Pause. Nicht ein Auto zeigte sich bisher auf unserem Weg. Sollte man hier eine gröbere Panne haben, heisst es entweder warten oder marschieren. Naja, immerhin gibt es hier genügend Wasser. Verdursten muss man definitiv nicht. Dafür hört man die Ameisen rumschlurfen. Das ist kein Witz, es ist tatsächlich so ruhig, dass man das leise Knabbern von Wespen oder eben Ameisen hört, die Tannennadeln über den Boden ziehen.

Sinnvoll ist aber auf jeden Fall auch hier, eine gute Karte bei sich zu haben. Der Waldweg verzweigt sich alle paar Kilometer und da hier absolut keine Wegweiser vorzufinden sind, ist es ansonsten fast unumgänglich, immer mal wieder umzukehren und ein Teilstück zurück zu fahren. Denn die meisten abzweigenden Wege sind Sackgassen, die zu einsam gelegenen Wochenendhäusern führen.

Leider treffen wir dann aber irgendwann in der Nähe von Noret wieder auf eine asphaltierte Strasse. Schade eigentlich, denn unser Motorrad hatte sich gerade eben wunderbar an den losen Untergrund gewöhnt. Im nahe gelegenen Dala-Järna legen wir in einem kleinen Park Mittagspause ein, lassen das gemütliche Dorfleben auf uns wirken. Es ist so warm, dass wir in den Schatten flüchten müssen und Sonnencreme wäre bestimmt auch kein Luxus.

In Vansbrö füllen wir alle unsere Reserven wieder voll auf, damit wir, sollten wir eine geeignete Übernachtungsstelle finden, diese sofort in Beschlag nehmen können. Das warme Wetter macht uns irgendwie schläfrig und wir haben ja noch genug Ferientage, da lassen wir uns doch lieber die Sonne auf den Bauch scheinen als in unserem eigenen Saft, sorry Schweiss zu schoren.

Das Glück scheint auch heute auf unserer Seite zu sein. Ca. ein Dutzend Kilometer südlich von Näset finden wir eine wirklich idyllische kleine Campingstelle, wo gerade mal ein Zelt Platz findet. Zwischen uns und der nächsten kleinen Ortschaft liegen mehr als 10 Kilometer stiller, einsamer Wald mit kleinen Seen dazwischen und ausser uns wohl keiner Menschenseele. Es ist der ideale Platz. Eine kleine Abzweigung führt uns ca. 500 Meter weg von der Kiesstrecke direkt zum Rand eines wunderschönen Sees. Wildgänse schnattern auf der anderen Seite des Gewässers und wir entdecken sogar einen kleinen, eigenen Sandstrand.

Hier machen wir es uns gemütlich. Während meine Sozia sich um das Innenleben des Zeltes kümmert, schleppe ich altes, trockenes Holz herbei, bereite eine Feuerstelle vor und koche Kaffee mitten in der Wildnis. Die Sonne schimmert über die sich leicht kräuselnde Wasseroberfläche. Nur das Knacken des Holzes im Feuer durchbricht hin und wieder die Stille. Hätte es eine Mücke in der Nähe, uns würde ihr Gesumme wohl wie das Dröhnen eines startenden Düsenjets vorkommen.

Langsam bricht der Abend über Schweden herein. Der Mond geht auf und wandert langsam über den Himmel. Wir rösten etwas Brot über der Glut des immer noch glimmenden Feuers, während uns der Mond nun auch von der inzwischen spiegelglatten Wasseroberfläche entgegen blinzelt.

Bevor wir uns in unsere Schlafsäcke verkriechen, heizen wir noch einmal kräftig ein, legen dicken Scheite nach, es soll ja noch so lange wie möglich brennen, knistern und vor allem ggf. in der Nähe befindliche Bären abhalten.

Tag 6: Wildcamping am einsamen See
Den ganzen nächsten Tag verbringen wir eigentlich hauptsächlich mit sonnenbaden, sssen und uns im erfrischend kühlen See abkühlen. Heute bleiben wir noch hier. Ganz auf Kontakt mit der Zivilisation müssen wir allerdings trotzdem nicht verzichten. Einmal „verirrt“ sich ein schwedisches Paar zu unserem Zeltplatz auf der Suche nach Beeren. Offenbar befindet sich in unserer nächsten Umgebung ein sehr ergiebiges Beerenfeld (wobei Feld evtl. etwas falsche Assoziationen hervorruft, stacheliger Bodenbewuchs trifft es besser!). Naja, die Beeren sind auch wirklich sehr schmackhaft, wie wir selbst ausprobieren dürfen, denn sie lassen uns eine handvoll da. Allerdings habe ich vor allem am Nachmittag dann doch noch anderes zu tun, als Beeren zu verkosten. Es will ja wieder eine ganze Menge Holz zum Feuerplatz geschafft werden. Etwas körperliche Betätigung tut mir ausserdem auch ganz gut.

Holz hat es ja mehr als genug und ausser den Mücken (die sich allerdings auch heute bemerkenswert zurückhalten) wird sich kaum jemand am Rauch unseres Feuers stören.

Viel zu schnell vergeht der schöne Tag und schon ist wieder Schlafenszeit.

Tag 7: Wildcamping – Äppelbo – Karlstad
Da wir ja ausser Wald und Seen auch sonst noch etwas von Schweden sehen wollen, geht es heute weiter. Wie uns Gestern unsere „Besucher“ erklärten, führt diese Strasse nicht nach Süden bzw. ist eine Sackgasse. Kein Wunder also, dass wir kaum jemanden hier angetroffen haben.

Wir fahren zurück bis nach Äppelbo und stechen in Opsaheden, dass nur einige Kilometer weiter westlich liegt, erneut südlich in den Wald. Wir sind beinahe alleine. Nur wenige Autos treffen wir an. Zwischendurch greifen die Pneus allerdings auch ins Kies. Die Strasse ist zu unserer Freude nicht durchgehend asphaltiert. Die Strecke ist aber auch mit einer Strassenmaschine gut zu befahren, auf unserer macht es allerdings klar mehr Spass.

Kurz vor Dagfors treffen wir wieder auf eine stärker befahrene Strasse. Über Udeholm gelangen wir auf die 62 nach Süden  Ihr entlang fahren wir bis runter an die Ostsee. Wir folgen mehr oder weniger immer dem nahe gelegenen, meist sehr ruhig dahin fliessenden Fluss Klarälven. Entlang dieses Flusses bietet die Region übrigens einiges an Interessantem zum machen. Unter anderen kann man hier auch mit dem Kanu oder auf gemütlichen Flossen Touren unternehmen. Aber auch wer einfach ein erfrischendes Bad oder einfach einen gemütlichen Picknickplatz an einem heissen Tag sucht wird entlang dieses Flusses sehr schnell fündig.  

Am späteren Nachmittag treffen wir am Meer in der Nähe von Karlsbad ein. Doch bevor wir uns ins Stadtgetümmel stürzen, füllen wir unsere Vorräte im Bergviks Einkaufszentrum auf. Da es sich dabei um eines der grössten Einkaufszentren Nordeuropas handelt, kann man hier nicht nur ganz viel Zeit, sondern auch ganz viel Geld liegen lassen. Ein Glück sind wir mit dem Motorrad hier, so wird das Einkaufsvergnügen zumindest durch die limitierten Transportkapazitäten begrenzt.

Einige leider kaum vernachlässigbare Schwedische Kronen später räumen wir unsere Sachen auf das Zimmer in unserem Hotel. Glücklicherweise finden wir ein Zimmer absolut im Zentrum Karlstads. Das lohnt sich schon deshalb, weil man dann eben nicht weit laufen muss, um einige der interessanten Orte der Stadt auszukundschaften. Das allerdings verschieben wir lieber auf den nächsten Tag.

Tag 8 Karlstad:
Der heutige Tag ist für die Besichtigung der Stadt vorgesehen. Am einfachsten geht das (da ja vielerorts Fahrverbot für Motorfahrzeuge herrscht) per Fahrrad. Und diese wiederum kann man am ganz in der Nähe liegenden Hauptplatz kostenlos für einen Tag ausleihen. Gesagt, getan und schon düsen wir mit unseren neuen, leider etwas untermotorisierten Untersätzen durch die zum Glück flache Innenstadt. Wir visieren den Stadtpark an. Unterwegs besuchen wir noch schnell die älteste Brücke Schwedens, die auch heute noch in „Betrieb“ ist. Die „Östra bron“ besteht aus Stein und bietet mit ihren 12 gewölbte Bogen ein schönes Fotomotiv.  

Beim Stadtpark gibt es dann nicht nur ein Volleyballfeld für die noch sportlicheren, sondern eben auch anderes Interessantes. Unter anderem findet man hier zum Beispiel einen kleinen Zoo aber auch für Schweden typische Häuschen, wie in einem Freilichtmueseum und ausserdem ein kleines Naturmueseum. Naturfreunde kommen auch sonst auf ihre Rechnung. Im hinteren Teil des Parks gibt es einen naturbelassenen Teil eines Moors, welchen man über Holzstege bewandern kann. Von einem Aussichtsturm aus lassen sich dann zum Beispiel die Vögel beobachten. Der Besuch des ganzen Parks ist übrigens kostenlos.

Wer sich auf andere Weise einen gemütlichen Tag machen will, der sollte sich an den Fluss Kläralven begeben, der durch die Stadt fliesst. Auf der Landspitze nördlich des „Museigatan“ gibt es verschiedene „Liegeplätze“, die geradezu zum Sonnenbaden einladen. Und wer sich mal mit der aktuellen Mode auseinander setzten möchte, dem sei die gleich neben dem Hotel beginnende Haupt-Einkaufmeile der Stadt empfohlen, wo sich die trendigsten Shops befinden.


Tag 9 Karlstad – Grönbo – Wildcamping
Das Wetter meint es inzwischen fast dauerhaft sehr gut mit uns. Vielleicht vor allem deshalb, weil wir unsere eigentlich für Mittel- und Nordschweden geplante Tour auf Grund des dort herrschenden schlechten Wetters  kurzerhand in den Süden verlegt haben. Internet in den Hotel sei Dank, können wir unsere Route unterwegs spontan entsprechnde den kleinen Sonnensymbolen auf der Wetterkarte anpassen. Auch heute Morgen, als wir unser Motorrad wieder reisefertig machen, brennt sie uns fast die Haut vom Leib. Naja, besser als eiskalter Regen ist das allemal.

Schon bald sitzen wir auf der gemütlich vor sich hin schnurrenden KTM. Wenn das mal ein KTM-Marketing-Spezialist liest, werde ich wohl einen bösen Brief kassieren. Eine KTM hat doch wohl eher bösartig und aggressiv zu knurren, als gemütlich zu schnurren. Nun ja, heute ist eben Kuscheltag (grins).

Eigentlich soll es Richtung Stockholm gehen, aber den ganzen Tag auf der Autobahn nach Westen zu donnern, dafür sind mir meine Ferientage dann doch zu schade. Ausserdem möchten wir in Stockholm ja wieder in ein Hotel, um möglichst nah im Zentrum zu sein. Davor allerdings möchten wir nochmals irgendwo abseits der grossen Strassen unser Zelt aufschlagen.

Also folgen wir nur einem kleinen Teil der direkten Strecke nach Stockholm und zweigen dann in Karlskoga gegen Norden ab. Bisher haben wir ausser den bekannten Schildern, die vor Elchen warnen, noch nie einen richtigen Elch in der Wildbahn gesehen. Deshalb sind wir je länger desto mehr der Überzeugung, dass der Elch im Allgemeinen wohl nur ein kleiner Marketingscherz der Skandinavier ist, wohlbemerkt, ein Scherz, der wirkt! Wieviele Leute sind wohl schon, in der Hoffnung einen Elch zu sehen, in den Norden gefahren und enttäuscht zurück gekehrt?

Wir düsen über eine kleine, schmale Asphaltstrecke. Es ist inzwischen wieder so warm, dass wir in einem kleinen Dorf einen Notstopp einlegen müssen. Unser Grosshirn braucht dringend Kühlung unter dem Helm. Was liegt da näher, als den kleinen Tante-Emmaladen zu stürmen und sich mit eisigen Galces bewaffnet den Weg zum Ausgang zu erkämpfen. Kaum draussen steckt des Glace bereits im Mund und ist auch schon halb zerflossen. Man, ich wusste ja schon vom Wetterfrosch, dass es sonnig werden würde. So extrem aber, dass ich mich mitten in Schweden ins Sizilianischen Innenland versetzt fühle, hätte ich das wirklich nicht erwartet.

Nachdem wir unsere Körpertemperaturen wieder einigermassen unter Kontrolle gebracht haben (dafür war sogar noch ein zweites Eis von Nöten), kaufen wir auch noch gleich einige Kleinigkeiten für den Abend, und schon geht es weiter.

In Lindesberg meldet sich nicht nur der Hunger unserer KTM (und der ist nicht zu unterschätzen, vor allem bei den nordländischen Spritpreisen), sondern auch unsere eigenen Mägen beginnen langsam zu rebellieren, nachdem wir sie ausdauernd vertröstet haben. So fahren wir nach der Tanke etwas in das kleine Städtchen hinein und bändigen den inneren Aufstand mit einem Burger vom Türken. Soweit ist die Globalisierung also schon fortgeschritten, dass wir in den Ferien in Schweden beim Südländer essen gehen. Nun ja, verständlich ist das ja, schliesslich ist es schnell, günstig (ein wichtiges Kriterium in einem Land, in welchem eine Dose Bier schnell mal 6 Euro kostet) und zu all dem noch gut.

Die KTM ist zufrieden, die Mägen sind beruhigt, nur die Pneus sind inzwischen wieder erkaltet. Nichts wie rauf auf den Bock und ran ans Gas. Südlich des Ortes biegen wir nach Osten ab. Auf dem GPS habe ich eine mögliche Sackgasse entdeckt. Dort könnten wir ggf. Glück haben mit unserer Suche nach einem etwas abgelegenen Lagerplatz.

Unser treues 550er Zumo leitet uns ohne Probleme direkt zu der ausgemachten Stelle und zu unserer Freude finden wir wirklich ein kleines Plätzchen gleich an einem langsam dahin fliessenden Gewässer. Das mit dem langsamen Gewässer sollte uns etwas später noch ärgerlich in Erinnerung gerufen werden. Sobald nämlich das laue Lüftchen ausbleibt, summen tausende Bremen um uns herum. Na gut, das ist etwas übertrieben, tausende sind es nicht, aber doch so viele, dass wir uns nach dem Entzünden eines stark rauchenden Feuers sofort ins Zelt zurück ziehen. So verbringen wir den restlichen Abend noch mit gemütlichem Lesen, genüsslichem Kaffee schlürfen und dem hämischen Auslachen der ausgesperrten Bremen!

Tag 10, Grönbo – Wildcamping – Stockholm
Als ich aus dem Zelt blinzle, erhasche ich das Funkeln einer Glut im sonst erloschenen Feuer. Sofort klettere ich aus dem Zelt. Ein neues Feuer ist so natürlich schnell entfacht. Das muss heute einfach sein, denn was gibt es Gemütlicheres, als an einem ruhigen, kühlen Morgen einen auf dem Feuer geköchelten, heissen Kaffee zu schlürfen und die freie, ruhige Natur um sich herum zu geniessen.

Nachdem wir uns die letzte Müdigkeit aus den Augen gerieben haben, packen wir (etwas später als ursprünglich geplant) alles zusammen. Schliesslich wollen wir den Bremen ja nicht zu viel Zeit geben, um sich an unseren Blut“spenden“ zu laben.

Heute haben wir die Hauptstadt Schwedens als Ziel. Zuerst geht es wieder über kleine Nebenstrassen durch verschlafen wirkende Dörfer. Man kann sich noch so gut vorstellen, wie es Michel von Lönneberga hier gehabt hätte, wäre er denn nicht nur Astrid Lindgrens Fantasie entsprungen.

Die Felder fliegen an uns vorbei und zwischendurch gönnen wir uns, ob der inzwischen stark angestiegenen Temperatur, ein Eis. Wenn das mal keine Stresstherapie ist. Jeder überarbeitete Bankmanager sollte seine Ferien so verbringen, dann würde manch ein Assistent seinen Chef nach dessen Ferien nicht mehr in die Hölle wünschen.

Endlich, vor uns liegt Stockholm. Auf x Inseln verteilt und über unzählige Brücken miteinander verbunden zieht sich die Stadt dahin. Schnell geben wir die Koordinaten der Jugendherberge ein, die wir vorab per Internet gebucht haben, und im Nu führt uns das Zumo hin. Wir wollen gleich heute noch ins Zentrum gondeln und uns etwas in dieser Stadt umsehen. Doch auf die grosse Freude folgt der Frust. Die Jugi hat keine Reservation auf unseren Namen und das, obwohl wir eine entsprechende Bestätigung erhalten haben. Zumindest glauben wir das, denn als wir unseren Emailaccount öffnen und uns die „Bestätigung genauer durchlesen, steht da deutlich, dass dies nur eine Bestätigung der Reservationsanfrage und nicht der Buchung ist. Leider haben wir danach aber keine Bestätigung der Zimmerbuchung erhalten und wie man uns sagt, ist die Jugi für heute Nacht bis auf den letzten Platz, womit wir sozusagen ohne Unterkunft dastehen, obwohl wir uns sehr auf die Jugi gefreut haben.

Sei’s drum, ändern können wir eh nichts daran. Ziemlich grummlig sitzen wir wieder auf, sehen unseren Stadtbummel schon den Bach runter gehen. Uns bleibt nichts anderes übrig, als ein neues Hotel zu suchen. Der Einfachheit halber fahren wir zum Hauptbahnhof. Dort findet sich meist ein Internetkaffee, von wo man Zugriff auf Ebookers und Co. hat.

Nach gut 20 Minuten im Netz kann uns die Jugi gestohlen bleiben, wir haben zu einem günstigeren Preis ein 4-Stern-Hotel keine 400 Meter Luftlinie vom Bahnhof entfernt gefunden. Klar, das war nur möglich, weil wir für den gleichen Abend noch gebucht haben, aber Luxus ist Luxus und Schnäppchen ist Schnäppchen.

Minuten Später halten wir vor dem mächtigen Eingangportal des Rica-Hotel. Wow, hoffentlich lassen die uns da rein, so schmutzig wie wir sind. Von anderen Touris schief angeäugt, stellen wir uns vor die Rezeption, das Bike gleich vor der Tür abgestellt. Ich gebe meine Reservationsnummer durch.... da liegt keine Reservation vor. Was soll denn das jetzt? Hat es Ebookers nun auch noch auf uns abgesehen? Alles nur halb so schlimm. Da wir ja erst gerade vor einigen Minuten gebucht haben, war die Buchung noch nicht bis ins Hotelsystem vorgedrungen. Einige Minuten später schliessen wir die Tür zu unserem Zimmer auf und sind begeistert. Es ist zwar nicht gross, dafür ist es mit allem ausgerüstet, was man sich wünschen kann: Man hat Sicht auf den riesigen Innenhof, wo Morgens jeweils das Frühstück stattfindet, und es ist absolut ruhig.

Bald haben wir alles verräumt, das Motorrad konnten wir gleich neben dem Eingang parken, sicherer geht’s kaum und billiger auch nicht. Nach einer obligaten Dusche, wir möchten den Rezeptionisten unseren rauchigen Waldfeuergeruch ja nicht nochmals zumuten, geht es auf die Pirsch und zum Abschluss des Tages legen wir in der Pizzeria gegenüber noch einige Kalorien nach.

Tag 11, Stockholm
Nachdem wir gestern noch etwas durch die Stadt gestolpert sind und uns bei bestem Wetter das Schloss inkl. Wachablösung zu Gemüte geführt haben, geht es heute etwas weiter, nämlich auf Entdeckungstour unseres ersten richtigen, sprich lebendigen, Elchs.

Warum wir gerade in Stockholm erfolgreich sein wollen mit unserer Elchjagd, wird sich der eine oder andere nun fragen. Ja nun, nicht im Zentrum, aber gleich etwas ausserhalb, im Freilichtmuseum „Skansen“. Dort findet man nicht nur kulturell interessante Häuser und die Haushistorie im ähnlichen Stile des Schweizerischen „Ballenberg“, sondern eben auch einen kleinen Zoo mit dem einen oder anderen interessanten Tier, auf welches man in Schweden mit viel Glück treffen könnte, würden sich diese nicht so unwillig verstecken (mit einer Ausnahme: Beim Bären kann ich auf eine Begegnung in freier Wildbahn verzichten!).

Nach einem langen, spannenden und abwechslungsreichen Tag haben wir leider immer noch lange nicht alles gesehen. Wir haben erlebt, wie man aus Milch bzw. Rahm Butter schlägt, uns wurde gezeigt, wie man Wolle spinnt, wir haben altertümliche Süssigkeiten ausprobiert, uns in kleinen „Jurten“ zusammen gepresst und uns vorgestellt, wie es wohl wäre, mit den anwesenden Rentieren die Jahreszeiten in der Natur zu verbringen. Auch einen, ja sogar mehrere Elche (sofern es denn nicht genmutierte Hirsche waren) haben wir zu Gesicht bekommen. Trotzdem müssen wir uns von unserer Reise durch die schwedische Vergangenheit verabschieden, denn es warten noch andere interessante Erkundungen auf uns.

Tag 12 Stockholm - Gränna
Nach einem wahrhaft fürstlichen Frühstück, wie wir es hier präsentiert kriegen, machen wir uns auf und beladen unsere KTM, die voller Tatendrang auf unsere Weiterfahrt wartet. Etwas wehmütig kehren wir Stockholm den Rücken, im Wissen, dass wir uns nun definitiv schon wieder auf dem Heimweg befinden.

Wir fahren in Richtung Süden. Allerdings haben wir es ja auch nicht eilig, denn heute geht es nur bis runter nach Gränna. Das liegt malerisch an einem grossen See in Schwedens Innenland.

Vorerst aber gönnen wir uns eine Überlandfahrt. Eigentlich hatten wir im Sinn, möglichst entlang des Wassers, sprich Meer, zu fahren. Das ist in Schweden aber gar nicht so einfach, wie man vermuten könnte. Die meisten Strassen halten den Verkehr im Landesinneren und reservieren die meist malerische Küste für die typischen Wochenendhäuser der Schweden. Die meisten Strassen ans Meer führen daher nur im rechten Winkel als Sackgassen zu diesen Weekendbehausungen. Das hat natürlich wiederum den Vorteil, dass wenn man mal ein schönes Örtchen entdeckt hat, dieses meist auch alleine für sich geniessen kann.

Trotzdem ist es auf die Dauer zu langweilig. Wir ziehen, wenn immer möglich, über kleine, verschlungene Wege nach Süden. Da Schweden, wie auch Norwegen, über diverse Flüsse, Fjorde und andere Wasser“strassen“ verfügt, gehören die meisten Fähren zu den Öffentlichen Verkehrsmitteln. Idealerweise, da man diese ja nicht umgehen kann (es sei denn, man will schwimmen), sind die Fähren dann auch gleich kostenlos, sozusagen ein Teil des normalen Strassennetzes.

Wir lassen uns diese Grosszügigkeit gerne gefallen, schont sie doch auch unser Ferienbudget, welches in den teuren skandinavischen Ländern meist arg strapaziert wird.

Im Norden, unserem ursprünglichen Ziel in Schweden, soll es immer noch mächtig regnen. Und zwar seit unserer Ankunft in Schweden fast ohne Unterbruch. Da sind wir doch froh, dass sich die Sonne bei uns eigentlich jeden Tag durchsetzt. Auch heute wieder, brennt die Sonne heiss vom Himmel, so dass wir schon fast regelmässig Hitzepausen einlegen müssen.

Bevor wir in die Nähe des grossen Vättern-Sees gelangen, verlassen wir die Autobahn, denn diese Region kenne ich von meiner letzten Tour durch Schweden. Die Sonne glitzert und glänzt auf den keinen Wellen des gekräuselten Wassers. Vor uns liegt die Insel Visingsö und gemächlich pflügt eine Fähre durch das kleine Meer und strahlt Wellen in alle Richtungen.

Hier hat es im Vergleich zu den einsamen Wäldern ganze Heerscharen von Touristen. Kein Wunder, lockt der Zeltplatz ob seines zentralen Ortes auch viele Durchreisende an, die anschliessend weiter in den Norden ziehen werden.

Trotzdem finden wir mit unserem Zelt noch ein ruhiges Plätzchen gleich am Seerand und können aus unserem Zelt den herrlichen Sonnenuntergang über dem See bzw. der Insel geniessen.


Tag 13 Gränna – Göteborg
Während wir wieder die ruhigen, erfrischenden Morgenstunden für unser Frühstück nutzen, kommen wir schnell mit anderen Nomaden ins Gespräch. Die einen können sich kaum vorstellen, wie man mehrere Wochen aus den „Koffern“ eines Motorrades leben kann, andere wiederum würden am liebsten ihr Wohnmobil gegen unser Motorrad eintauschen und auf unbestimmte Zeit davon düsen. Eines jedoch stellen wir auch hier wieder fest, als Motorradfahrer hat man bei den Schweden meist einen Stein im Brett.

Die Strecke nach Süden, unser heutiges Ziel ist Göteborg, ist vor allem Anfangs wirklich sehr schön, obwohl wir schon nach kurzem auf die Autobahn wechseln. Zu unserer Rechten begleitet uns bis runter nach Jönköping das blaue Glitzern. Danach folgen wir hauptsächlich der Autobahn. Das ist zwar fahrtechnisch nicht besonders interessant, geschweige denn herausfordernd, dafür kann man die unglaubliche Weite des Landes etwas mehr auf sich wirken lassen. Wälder so weit das Auge reicht, das ist genau das, was mir etwas fehlt in der Schweiz. Dieses Feeling erhält man in der Schweiz nur, wenn man an einem Nachtmittag unter der Woche über den Ofenpass fährt, aber selbst das ist noch lange nicht mit dem hier vergleichbar.

In Göteborg ist zuerst wieder Hotel suchen angesagt. Doch inzwischen sind wir ein eingespieltes Team und das Internet ist äusserst hilfreich. Schnell ist der Hauptbahnhof und damit ein Internetkaffee gefunden. Innerhalb von 20 Minuten lässt sich aus dem Übernachtungsbudget doch einiges herausholen. Wichtig ist uns auch die Lage, wollen wir doch nicht lange Gehdistanzen auf uns nehmen, schliesslich sind wir ja nicht mit dem Rucksack unterwegs, sondern mit dem Motorrad (mit Betonung auf MOTOR). Trotzdem wollen wir auch nicht im hinterletzten Loch übernachten. Kein Problem mit den Hilfsmitteln des WWW.

Wir erwischen ein absolut perfekt gelegenes super Angebot für ein 4*-Hotel. Ich kann es kaum glauben, aber wer Nachmittags um 16.30 Uhr für den gleichen Abend noch ein Zimmer sucht, der kommt echt an ungeahnte Schnäppchen!

Im Hotel Opera, das gleich in Gehdistanz liegt, bekommen wir sogar ein besonders gutes Zimmer, weil eine der beiden Rezeptionistinnen in einem Schweizer Internat in die Schule ging und Fan der Schweiz ist. Glück muss man haben!


Tag 14 Göteborg
Auch den heutigen Tag beginnen wir mit einem wieder einmal wunderbaren Frühstück. Zum Frühstücksei wird Fleur du Sel gereicht und der Lachs ist vom feinsten. Die KTM wird wohl jeden Tag mit etwas mehr Gewicht beladen, immerhin kann sie sich langsam an meine Gewichtszunahme gewöhnen. Um es nicht gar so ausarten zu lassen, machen wir den heutigen Stadtrundgang zu Fuss. Wie soll man auch anders, das Zentrum ist fast komplett autofrei.

Meine Sozia geniesst den Bummel durch die Einkaufsmeile. Wer sich gerne etwas mehr „Kultur“ zu Gemüte führen will, der sollte einen Besuch der Festung „Älvsborg“ ins Auge fassen. Diese „Burg“ liegt im Mündungsgebiet des „Göta“-Flusses und kann auf eine bewegte Geschichte zurück blicken. Heutzutage ist es eine der meist besuchten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Wer seine Freude mehr am Kulinarischen hat, der könnte einen Besuch in der „Fischkirche“ genannten Fischmarkthalle wagen. Da warten, vor allem für Liebhaber von Meeresgetier, unzählige Delikatessen darauf, verspiesen zu werden.

Aber auch wer nicht spezifisch etwas besucht, kann in Göteborg viel erleben: So wehren wir zum Beispiel einen Taschendieb erfolgreich ab, indem wir (nachdem wir ihn entdeckt haben) vom Gässchen in ein Geschäft abbiegen. Während der Dieb draussen auf uns wartet schlüpfen wir auf der anderen Seite des Ladens in eine andere, nicht einsehbare Strasse hinaus. Was für ein Ärger muss das für ihn gewesen sein, zu erkennen, dass wir ihn ausgetrickst haben und nicht er uns.

Nur so nebenbei: Unser Hotel (Grand Hotel Opera) liegt gleich neben einer grossen Einkaufsmall. Dies hat den grossen Vorteil, dass, sollte es mal schlechtes Wetter sein, man sich trotzdem gut unterhalten kann (zumindest die Frauen unter den Motorradreisenden ;-) ). Alle anderen werden darin weniger die Fülle an Kleidershops sehen, sondern wohl eher die optimale Möglichkeit, sich mit wenig Aufwand mit feinsten Köstlichkeiten bis hin zum kühlen Bier zu versorgen.


Tag 15 Göteborg – Oslo
Leider gehen alle Ferien einmal zu Ende und wir sind schon ganz nah dran. So nah, dass wir wieder einmal das Ziehen nach Hause haben. Nun ja, nach Hause können wir ja von hier aus nicht gerade, aber wir können nach Oslo zurück, von wo wir unsere Tour gestartet haben.

Nachdem unser Bike gesattelt ist und wir uns selbst in unsere Bikerkluft geworfen haben, geht es los. Wir wählen den kürzesten Weg nach Norden. Irgendwie zieht es uns wie mit einem Magnet nach Norwegen. Oslo kennen wir inzwischen ziemlich gut, und da unsere Fähre erst morgen fährt, möchten wir nach der Autobahnfahrt mal wieder etwas durch die schöne Hauptstadt schlendern.

Auch Oslo bietet dem geneigten Besucher wirklich eine Unmenge an Möglichkeiten. Wir geniessen gerne die Altstadt und den Hafen von Oslo sowie die Festung Akerhuset. Da kann man schöne Sonnenuntergänge geniessen oder einfach etwas spazieren gehen. Wers aktiver mag, der kann auch in einen der Vergnügungsparks oder ins nahe gelegene Freilichtmuseum gehen.

So lassen wir schlussendlich unsere Ferien auf der Fähre Oslo-Kiel ausklingen, geniessen den salzigen Wind in unseren Haaren und lauschen dem lustigen gekreische der Möwen, die sich um ein paar Brocken hartes Brot balgen.

Irgendwann jedoch werden wir wieder hier hinauf kommen und uns auch mal bis ganz in den Norden vorwagen, und dann wird hoffentlich auch das Wetter anständig mitspielen, auf dass wir diese Tour dann auch geniessen können.