Toskana - Auf verschlungenen Wegen zurück ins Mittelalter

Tag 1 Eintauchen ins mediterrane Feriengefühl
Nachdem wir gestern Abend noch rund 5 Kilometer mühsamster Feiertagsstau den Gotthard hinauf zwischen den Spuren durchpflügt haben, sind wir gegen 21 Uhr im Hotel angekommen. Schnell haben wir das Zimmer bezogen und ohne gross etwas zu essen haben wir uns hingehauen. Logisch, dass wir uns heute Morgen ziemlich heisshungrig über das riesige Frühstücksbuffet hermachten.

Inzwischen haben wir aber schon gut 100 km auf der Autobahn A1 nach Süden hinter uns gebracht und sind eben an einem üblen Unfall vorbei gekommen. Wir sitzen auf einem kleinen Rastplatz und bestaunen die aufgerissene Seite des hierhin abgeschleppten Espace, der kurz zuvor seitlich von einem Schweinetransporter geküsst wurde.

Wir haben schon öfters gedacht, die LKWs hier zögen besonders rasch auf die Mittelspur, wenn sie das Gefühl haben, diese sei frei. Dabei wird dann eben manchmal der Eine oder Andere übersehen. Na ja, immerhin gab’s keine Verletzten.

Kurz nach Rubiano wird die Autobahn so richtig lustig. Immer kurviger zwängt sich die Spur durch die Täler. Auf Grund der teilweise engeren Kurven gibt es auch hin und wieder Temporeduktionen bis runter auf 80. Für uns heisst das meist nicht unbedingt 80, sondern viel eher tiefere Kurvenlagen. Die BMW ist einfach wunderbar zu fahren. Gemütlich schwingt sie sich von Kurve zu Kurve und man merkt dank sehr guter Fahrwerkabstimmung eigentlich kaum wie schnell man tatsächlich unterwegs ist. Ganz im Gegensatz zur KTM990, die wir früher hatten. Sie zierte sich besonders bei schwerer Beladung und hohem Tempo. Ja sie bockte gar, wenn’s mit Vollbeladung etwas zügiger um die Autobahnkurven gehen sollte. Ich erinnere mich da noch gut an unsere Tour nach Korsika. Aber das ist eine andere Geschichte...

Nur allzu schnell erreichen wir Aulla, unseren eigentlichen Startort für unsere Toskanatour finden. Noch schnell volltanken, denke ich. Doch nach 17 Litern ist Schluss. Da wären also noch gut 330km ohne Tankstop drin gelegen. Ich bin mir halt immer noch den kleinen KTM-Tank gewohnt. Schaden kann’s nicht, mit vollem Tank weiter zu düsen.

Schon bald entdecken wir die ersten toskanischen Örtchen, welche nun definitiv für die ultimative Ferienstimmung sorgen. Dazu kommt die zunehmende Hitze. Das Thermometer im Cockpit zeigt uns inzwischen Werte weit jenseits der 30°C-Marke. Wir hechten jedem noch so kleinen Schatten auf der Strasse nach. So verwundert es denn auch kaum, dass wir im kleinen, friedlichen da liegenden Örtchen Pugliano in den Schatten sitzen und uns mit frischen Gellati und Cola wieder etwas runterkühlen.

Hier hat es kaum Verkehr. Während unserer Pause fahren gerade mal zwei Autos vorbei. Bikes gibt es gar keine. Eigentliche in Wunder, denn gäbe es diese Strecke mit ihren unglaublich vielen Kurven in der Schweiz, so hätte sie bestimmt innert Kürze Kultstatus erreicht. Dazu kommt, dass sie daneben auch noch ein geniales Panorama zu bieten hat. Schneeberge begrenzen in der Ferne die grünen Hügel, in welche malerische Örtchen eingebetet liegen.  

An Kurven mangelt es hier wahrlich nicht. Die Strasse ist sogar derart extrem „verbogen“, dass es zu einer wahren Kunst wird, einen LKW zu überholen, der zwar weder schnell unterwegs ist, noch einen Anhänger hat. Doch wegen seiner Breite und den kurzen Distanzen bis zur nächsten nicht einsehbaren Kurve, gelingt uns dies tatsächlich erst nach gut einem Kilometer. Und so ein Kilometer kann seeeeehhhhr lange sein!

Als wir zwischendurch mal wieder auf eine stärker befahrene Strecke geraten, wissen wir, weshalb wir mehrheitlich einsame Strecken bevorzugen. Nicht etwa den Bikern wegen, denn solche finden sich hier fast gar keine. Und das die einfache Sicherheitslinie in Italien nicht den gleichen Stellenwert hat, wie in der Schweiz, dass wissen und beherzigen selbst wir das eine oder andere Mal. Nein, wir meiden sie wegen den halsbrecherischen Überholmanövern der eher risikoliebenden Italiener. Nachgeben? So ein Wort gibt es nicht im Wortschatz dieser Leute nicht, die sich früher oder später sicherlich mit der eher zweifelhaften Ehre des Darwin-Awards schmücken darf! Warum soll er denn auch von seinem Überholmanöver ablassen, auch wenn er nichts sieht und es sicherlich viel Gegenverkehr hat? So laufen mir ein oder zweimal richtige Schauer über den Rücken, wenn ich solche selbstmörderische Überhol-Attacken von hinten beobachte.

Schnell zweigen wir daher wieder ab und machen uns auf kleinen Waldsträsschen davon. Und wow, das sind echt coole Strecken. Besonders jene kleinen Pässchen, welche anfangs mit Kies und Schotter brillieren, bieten später wahres Kurvenadrenalin! Besonders das Pässchen oberhalb Pracchia, der Paso del Oppi und die folgende Strecke bis nach Barbernio di Mugello. Die Strasse führt uns hauptsächlich durch Wald, was eigentlich nur deshalb schade ist, weil sich so wegen der schattigen Lichtverhältnisse keine perfekten Fotoszenerien ergeben. Ansonsten kann man von der perfekten, wenn auch über längere Zeit sicherlich etwas ermüdenden Strecke sprechen.

Obwohl uns das GPS vor dem Paso del Oppi noch eine Ankunft um 20 Uhr „versprochen“ hat, schaffen wir es bis um 19 Uhr ins Castellucio, unsere Unterkunft für heute Nacht. Nun ja, mit dem Moto lässt sich auf dieser Strecke die eine oder andere Minute eben ohne weiteres einsparen und das bei vollem Kurven-Genuss!

Zufrieden beziehen wir unser Turmzimmer im Agriturismo und geniessen dann die schöne Aussicht von der Terrasse, während wir einige Toskanische Leckereien verspeisen.

Tag 2: Shopping - Shopping - Shopping

Heute ist Shopping angesagt. Während andere ganze Touren machen, um von einem zum anderen Outlet-Store zu gelangen und dabei soviel Kilometergeld ausgeben, dass sie ohne weiteres an der Zürcher Bahnhofstrasse zum vollen Preis hätten einkaufen können, machen wir es etwas einfacher. An der Abzweigung zu unserer Unterkunft in Barberino liegt ein bekanntes Designer Outlet-Center. Es bietet rund 100 Unterschiedliche Läden – alles Designer-Outlet-Stores. Ein richtiges kleines Dorf wurde extra dafür erbaut. Ja sogar ein Motobekleidungs-Outlet-Shop hat es zu bieten (neben all jenen bekannten Grössen wie CK, Adidas, Puma, Lacoste, Roberto Cavalli usw.).

So verbringen wir den Tag mit der Befriedigung der weiblichen Einkaufsbedürfnisse meiner Sozia und lassen es uns gut gehen. Einfach mal ausspannen ist angesagt. Wer dies aber auslassen möchte, dem seien die vielen, unzähligen Strassen und Strässchen empfohlen, es gibt wahrlich genug.

Eines ist uns aber heute klar geworden: Erstens muss Gott definitiv Motorradfahrer gewesen sein und zweites hat Gott als Himmel die Toskana erkoren!

Tag 3 – 200 km Kurven à Discretion

Schon kurz nach Barberino beginnen die Kurvenorgien, wenn’s in Richtung Passo della Futa geht. Kurvenreich schlängelt sich die schmale Strasse den Berg hinauf. Da kann schon mal ein langsam fahrender LKW zur Nervenprobe werden! Denn es gibt kaum lange Geraden, in welchen ein sicheres Überholen möglich wäre. Gut haben wir genügend Drehmoment, um auch mal auf kurzen, aber überschaubaren Gerädchen mit anschliessenden Linkskurven nach vorne zu huschen.

Kaum gelangt man auf die richtige Passstrasse ist es aber vorbei mit der Kurvenromantik. Eine Moto-Horde folgt der nächsten, die Eine tiefer fliegend als die Andere. Nun ändert sich auch das Bild der Strecke. Wenn zuvor der eine oder andere Ungeübte wohl ziemlich am Lenker hin und her zerren musste, so ziehen sich die Kurven nun in die Länge und bilden das ideale Abbild einer Motorradübungsstrecke, auf der sich wohl jeder wie zu Hause fühlt.

Die Strasse ist gut ausgebaut und es verkehren vornehmlich Tourenfahrer. Kein Wunder, bietet sich einem doch eine fantastische Aussicht. Überall blitzt wieder ein super Panorama zwischen den Bäumen hindurch. Das würde ein Hobby-Rossi wohl kaum wahrnehmen.

Auf der Passhöhe angekommen machen wir kurz rast am Deutschen Soldatenfriedhof, der dort mit einem riesigen Mahnmal an die Kriegerische Vergangenheit der Region erinnert. Über Traversa, wo ein gewaltiger Steinbruch oberhalb der Strasse zu sehen ist, geniessen wir den ersten Teil der Abfahrt runter nach Firenzuola.

Von da an geht es wieder in die Höhe auf den Passo di Giogo. Ein echtes Vergnügen. Neudeutsch auch einfach nur „geil“. Mit dieser Meinung scheinen wir keinesfalls allein zu sein. Ob Superbike oder lottrige Zündapp, alle scheint es hier hinauf zu ziehen. Natürlich müssen wir zwischendurch auch das eine oder andere Foto schiessen. Und genau da treffen wir mal wieder auf eine liegen gebliebene KTM. Diesmal eine Duke mit Kupplungsproblemen. Bin ich froh, dass bei mir diese Ära inzwischen vorbei ist und auf meinem Tank nun ein BMW-Logo prangert. Auf dass ich die folgenden Touren nicht mehr per Abschleppdienst beenden muss!

Etwas weiter, auf der Passhöhe angekommen, treffen wir auf eine riesige Töffversammlung, die sich durchaus mit jene der Schweizer Alpenpässe messen kann. Eine Maschine reiht sich an die Nächste. Die Strecke scheint ja ein wahrer Reisser zu sein.

Genau so ist es auch. Wir geniessen wieder feinste Asphaltbeläge in tiefen Kurvenlagen, nur von Olivenbäumen eingeschränkte Fernsichten und italienisches Flair.

Auf dem Weg nach Borgo San Lorenzo statten wir der Teststrecke von Ferrari, dem Autodromo di Mugello, noch einen Besuch ab. Leider findet heute nichts statt und so bewundern wir nur den überdimensional grossen Helm beim Eingang.

In Borgo San Lorenzo knurrt der Magen derart, dass wir einen Halt einlegen müssen. Ein Glück, dass gleich an der Strasse ein gemütliches Restaurant liegt. Wir sind neben zwei Einheimischen zwar die einzigen Gäste, aber das Essen ist dennoch spitze. Neben den obligaten Pestospaghetti gibt es auch Tortelli, eine Spezialität, welche es nur in dieser Region gibt (Ravioli mit Kartoffelfüllung, Spezialität der Region Mugello, etwas mastig).

Gut gesättigt geht es auf den zweiten Teil des heutigen Ausfluges. Nach zuerst etwas langgezogenen Strecken, beginnen ab Madonna di Tre Fiumi schon bald die Kurvenarien, hinauf auf den Colle dell`Alpe. Diese scheinen definitiv zur Abendunterhaltung der Florenzer Motorradfanatiker zu gehören. Wohl eine Art Feierabend oder Wochenendrunde für die nahen Städter. So mischen sich unter die „normalen“ auch viele kranke, ja lebensmüde Supersportfahrer. Es kann einem manchmal wirklich Angst und bange werden, wenn man die Herrschaften, um die Kurven „fliegen“ sieht.

Kurz nach Fonte dell`Alpe zweigen wir ab von der viel befahrenen Strecke. Wer möchte, kann sich die Kurven aber noch bis nach Palazzuolo sul Senio reinziehen und dann von dort über Sant`Illarion nach Maradi gelangen. Ebenfalls eine fantastische und vor allem vor Kurven strotzende Strecke.

Entlang des Flusses Lamone folgen wir meist ziemlich alleine einer sehr kurvenreichen Strasse. Das einzige Highlight (abgesehen von der Strasse selbst natürlich) ist ein Roller, der einer Rennmaschine das Fürchten lehrt. In kurzen Hosen und Badelatschen gibt er dem Eingelederten richtig Saures. Leider können wir die Klatsche ins Gesicht des „Edel“-Bikers selbst auch nicht allzu lange geniessen, denn unser Tempo ist noch viel geringer, als jenes dieser beiden. Aber lustig anzusehen ist kurze Intermezzo auf alle Fälle.

In Maradi zweigen wir nach Osten ab und geniessen die Fahrt über den Monte di Gamogna und den Passo dell`Eremo. Es lohnt sich übrigens, die Pausen auf Pässen einzulegen, denn im Tal staut sich die Hitze und macht aus einem eingekleideten Biker schnell eine Art Hotdog – auf jeden Fall fühlt man sich bald wie ein gekochtes Würstchen.

In San Benedetto in Alpe trifft man wieder auf die viel befahrene Hauptstrecke in Richtung Passo del Muraglione und damit auch auf die „Feierabendründeler“ auf dem Heimweg. Inzwischen voll aufgewärmt und die Pneus heiss gefahren, legen die Biker nun noch einen Zacken zu. Nicht selten trifft man in engeren Kurven auch mal auf einen Biker auf der falschen Strassenseite.

Die Abfahrt runter nach Dicomano ist nochmals einen Happen halsbrecherischer in Sachen Racer. Hier kommen uns die Motos gar regelmässig auf unserer eigenen Strassenseite mit horrendem Tempo entgegen. Dementsprechend hupt auch der Linienbus beinahe vor jeder Kurve. Er wird wohl seine Erfahrungen gemacht haben. Wir zwängen uns mit unserem breiten „Bumblebee“ an die Felswand, um den emsig bergwärts rasenden Bikern weniger Angrifffläche zu bieten. Gemäss Einheimischen ist hier in der Saison auch fast jedes Weekend mindestens ein Todesopfer zu beklagen – für mich nach dieser Erfahrung schon fast verwunderlich: Ich erwartete deutlich mehr!

Unser Fazit für heute lautet nach dieser Erfahrung auf jeden Fall: Die spinnen, die Italiener! Aber ansonsten eine super und besonders zu empfehlende Strecke!

Tag 4 – Ab durchs Mittelalter

Via Autobahn gelangen wir ins Herzen von Florenz. Wie nicht anders zu erwarten war herrscht hier ein wahres Strassenchaos. Florenz selbst zeigt vor allem in den Aussenbezirken ein recht hässliches Gesicht. Besonders lustig finden wir jedoch einmal mehr die Parkmanieren der Italiener. Während sich die Vespas zu Dutzenden in Reih und Glied entlang der Strassen aufreihen, stellen die Autofahrer Ihre Autos schon mal in der Mitte von Verkehrskreiseln ab.

Durch etwas mehrbessere Quartiere an Hanglage, mit schönen, alten Villen und Aussicht über die ganze Stadt hinweg, gelangen wir dann doch noch ins Zentrum. Allerdings macht uns die wirre Verkehrsführung in der Innenstadt etwas Kopfzerbrechen. Es bleibt mir ein Rätsel, wie die Leute trotz Schilderwald noch wissen können, wer wo reinfahren darf und wer nicht. Auf jeden all finden wir uns ziemlich bald mitten in der Fussgängerzone wieder. Nachdem wir uns erfolgreich als „nicht des Italienischen mächtig“ zu verstehen geben, lassen die beiden herbei geeilten Carabinieri davon ab, uns eine Busse aufzubrummen. Glücklicherweise können wir uns auch hier darauf verlassen, dass sich die Carabinieri kaum in Englischen verständigen können. Stattdessen helfen sie uns nun mit einer Erklärung mit Händen und Füssen den Weg aus dem Einbahndschungel zu finden.

Noch ein paar äusserst freiwillige Ehrenrunden zu den „Sehenswürdigkeiten“, die sich wirklich sehen lassen können und dann finden wir tatsächlich einen Ausweg aus der Stadt.

Auf der „Superstrada Firenze-Siena“ gelangen wir bis nach Poggibonsi. Die Strasse an sich ist nicht mal schlecht. Schade finden wir allerdings, dass es kaum die Möglichkeit für Pausen gibt. Denn die einzigen Ausfahrstellen liegen alle voll in der Sonne und direkt an der „Autobahn“. Schnell voran kommt man auch nicht gerade, da auf der Strecke durchgehend 90-er Beschränkung herrscht. Da wären wir wohl mit der beinahe parallel verlaufenden Landstrasse besser bedient gewesen. Zudem hätte es sicherlich weniger Radar-Geräte gehabt.

Schon von Poggibonsi Nord aus sieht man auf das mittelalterliche San Gimignano. Erkennen kann man es anhand der hohen Türme, die in den Himmel ragen. Die Landschaft ändert sich im Vergleich zu jener der letzten Tage. Immer mehr kommt mir die Gegend typisch Toskanisch vor. Auf jeden Fall so typisch, wie ich mir die Toskana anhand vieler Erzählungen und Filme vorgestellt habe.

Hier ist es eher hügelig und einiges trockener. Überall findet man Rebberge. Kein Wunder, befinden wir uns doch im absoluten Zentrum der bekannten Chianti-Produktion. Auch gibt es hier viele Pappeln und  Olivenplantagen. Kurz gesagt, hier gefällt es uns wirklich gut.

San Gimignano selbst erleben wir dann leider trotz Vorsaison als völlig überlaufenes, obertouristisches, aber nichts desto trotz sehr hübsches, mittelalterliches Städtchen. Leider sind hier die Polizisten richtiggehend auf der Suche nach Parksündern (mit besonderem Blick für Motorrad-„Falschparker“, wie uns Einheimische anvertrauen). Es ist auch ein wahrlich lukratives Geschäft. Auch mit Motorrädern dürfen nur die dafür gekennzeichneten Motorrad-Parkplätze benutzt werden und wenn, dann müssen die Räder genau innerhalb der Parkfeldbegrenzungen sein, ansonsten regnet es eine hohe Busse. Man sollte sich deshalb aber keinesfalls abschrecken lassen. Der Ort, an dem es sich im Mittelalter einst schickte, als reiche Familie einen solchen Megaturm sein Eigen zu nennen, ist auf jeden Fall sehenswert. Leider stehen heutzutage nur mehr 15 Türme. Vor 650 Jahren waren es deren noch 72 Stück. Nach Florenz, wo schon eine leicht mittelalterlich angehauchte Atmosphäre herrschte, sind wir nun definitiv und komplett im Mittelalter angekommen.

Kleine, schmale Gassen führen zwischen kühlen, grau-beigen Steinmauern hinauf ins Zentrum. Zwischen Torbogen hindurch erhascht man immer wieder einen Blick auf einen der hohen Türme. In kleinen Ateliers kann man sich mit guten Weinen eindecken oder sich Skulpturen aus weiss leuchtendem Alabaster erstehen. Wer Hunger hat, kann sich in einem der dutzenden kleinen Restaurants (relativ teuer) verköstigen lassen oder die ganze Szenerie in einem gemütlichen, ruhigen Park auf sich wirken lassen.

Nach diesem Highlight geht es auf Nebenstrassen weiter in Richtung Süden. Mit jedem Kilometer wird es wärmer. Dafür werden wir mit vielen Kurven und Kürvchen belohnt. Ein Glück, dass wir immer mal wieder in kühlere Wälder eintauchen können. Als wir uns mal wieder wie gekochte Kartoffeln aus unserer Überhaut pellen, zeigt das Thermometer an Motorrad, und wie als Bestätigung auch an einem Kiosk, stolze 38°C. Mit einer eiskalten, sprudelnden Cola und einem Gellati kühlen wir uns langsam wieder runter. Trotz der Hitze geniessen wir unsere Tour. Kaum ein anderes Motorrad findet den Weg hier über diese einsamen Strecken. Auch sind wir über das grosse Tankvolumen unserer BMW froh, denn gerade über Mittag machen viele Italiener Siesta und schliessen die Tankstellen. Doch mit rund 650 Kilometer Reichweite kann uns das wirklich egal sein.

Wir füllen an einer kühlen Quelle in Montieri eine Wasserflasche auf, um uns gegen Hitze zu übergiessen, was einen wunderbaren Kühleffekt ergibt.

In Grossetto angekommen decken wir uns in einem Conad-Lebensmittelmarkt mit neuen Vorräten ein. Dieser hat übrigens auch Sonntags offen (bis 13 Uhr und dann wieder ab 17 bis 20 Uhr). Unweit von Grossetto übernehmen wir dann unsere Unterkunft für die nächsten Tage und nach einem erfrischenden Bad im Pool lassen wir den Tag auf unserer kleinen Veranda ausklingen.

Tag 5 – Pizza-Notstand bei den Etruskern
Nach einer durch anhaltende Mückenjagd etwas verkürzten Nacht machen wir uns ziemlich früh auf den Weg. Denn sollte es heute genauso heiß werden wie gestern, so wollen wir möglichst früh wieder zurück sein bzw. die heisseste Tageszeit nicht unbedingt auf dem Moto, sondern an unserem schönen Pool verbringen.

Leider macht uns das GPS keine 100 Meter von der Unterkunft entfernt einen ersten Strich durch die Rechnung. Gut, dass wir uns nicht nur auf die sonst so angenehme Elektronik verlassen und auch eine Karte mit eingezeichneter Route mit eingepackt haben. So fahren wir nun halt nach bisher immer sehr zuverlässiger Sozia-Lotsung anstatt nach GPS.

Anfangs pflügen wir uns noch kurz durch den morgendlichen Arbeitsverkehr in Grossetto, dann geht es ab auf die 322. Was uns schon kurz nach Grossetto auffällt ist, dass wir hier offenbar tatsächlich in einem richtigen Weingebiet gelandet sind. Über die leichten Hügel ziehen sich häufig locker stehende Weinreben. Allzu fest darf man sich davon aber nicht ablenken lassen, denn auch hier kommen die Kurven nicht rudelweise, sondern meist lang anhaltend und dazu noch fordernd. Die Kurven lassen sich meist auch in tiefen Lagen gut nehmen, es sei denn, der Strassenbelag lässt zu wünschen übrig. Nicht nur einmal findet sich genau in einer haarigen Kurve auch noch eine seitliche Abbruchstelle. Aber man fährt ja nicht ohne Grund mit etwas Reserve. Spass macht es auf jeden Fall, ob man jetzt ruhiger unterwegs ist, oder zwischendurch auch mal etwas sportliches Flair aufkommen lassen will.

Zwischendurch gibt es immer wieder gut verdauliche Happen „Toskana pur“. Pappelalleen führen hinauf zu grossen, teilweise etwas verfallenen Gehöften. Wer den Film Gladiator kennt, dem kommt hier automatisch die Szene in den Sinn, wo Russel Crow auf das heimatliche Gehöft zurück kehrt. Ausserdem duftet die Luft zwischenzeitlich herrlich nach harzigen Bäumen.

Unser Weg führt uns glücklicherweise immer wieder an die besten Aussichtspunkte der Region. Die Panoramen überbieten sich selbst. Dazu kommen die genialen Einfälle früherer Architekten, die ihre Bauten oftmals direkt auf Klippen gepflanzt haben und uns so von einem Fotomotiv zum nächsten geleiten. Leider kommt es auf den Fotos meist nicht so spektakulär daher, wie live. Na ja, man muss es eben selbst gesehen haben!

Schon gegen 10 Uhr erreichen wir die Quelle von Saturnia. Zuerst lassen wir uns kurz täuschen, und fahren beinahe in die kostenpflichtige Thermenlandschaft (Badeanstalt) ein. In letzter Sekunde kehren wir und lassen uns von unserem Instinkt zurück leiten. So gelangen wir an eben jene natürlichen Wasserbecken, welche mancher Tourist wohl nur von Bildern her kennt. Diese Becken sind und werden wohl nie ausgeschildert, da man dort kostenlos im Termalwasser baden kann. Und die Thermenbetreiber wollen sich selbst wohl kaum das „Wasser abgraben“, wie man so schön sagt.

Wir können der Versuchung nicht widerstehen und stürzen uns in die bis 39° heissen Fluten. Überraschenderweise beginnt man nicht etwa zu überhitzen. Nein, es hat sogar eine art kühlende Wirkung. Wir tummeln uns in den natürlichen Pools, lassen uns vom etwas milchig scheinenden Wasser umspülen, während uns ein feiner, schwefeliger Geruch in die Nasen steigt. Zum Abschluss  lassen wir den mehrere Meter hohen, ziemlich starken Wasserfalls auf uns niederprasseln.

Als nächstes steht die alte Stadt Pitigliano auf dem Plan. Wer sich neben Motororradfahren auch noch für Geschichte interessiert, der wird hier sicher fündig. Allerdings werden bis dahin erstmal wieder einige hundert Kurven fällig, was dem allgemeinen Glücksgefühl bestimmt nicht abträglich ist.

Unsere Pneus krallen sich erneut in die Strasse, kneten und walken sich für uns über das Asphaltband. Einen Angstrand gibt es schon lange keinen mehr am hinteren Reifen. Nur schade, dass ich nach dieser Tour einen neuen Pneusatz montieren muss. So gut eingefahren wird das Pneuprofil wohl selten.
 
Schon auf dem Weg nach Pitigliano finden sich die bekannten Tuffsteinfelsen am Wegesrand und damit auch gleich die für diese Region berühmten Etruskerhöhlen. Leider sind die meisten dieser Höhlen kostenpflichtig, will man sie besichtigen. Das ist auch ein Grund, welcher uns dann davon abhält, diese zu bestaunen. Wenn schon, dann möchten wir doch lieber die bekannten in Pitiglianio besuchen. Leider funktioniert dies dann aber auch nicht, da wir zu einer ungünstigen Zeit im Ort ankommen. Alles ist dicht. Weder Besichtigungen, noch eine anständige Pizzeria sind offen (wohlbemerkt über Mittag!). Nicht ein einziges Restaurant (sollte es denn über Mittag überhaupt geöffnet sein), bietet Pizza an. Wir durchforsten wirklich die ganze Altstadt, aber es ist nichts zu machen. Es gibt im Etruskergebiet über Mittag offenbar einfach keine Pizza.

Nach mühseliger Suche finden wir ein Abzockerrestaurant am Ortseingang, bei welchem wir für teures Geld wenigstens einen Teil unseres aggressiv knurrenden Hungers stillen können. Schon komisch, dass gerade über Mittag und in Italien keine Pizzeria aufzutreiben ist. Na ja und auf irgendwelche anderen, einheimischen Köstlichkeiten haben wir im Moment einfach keinen Bock. So stillen wir unseren Hunger halt schliesslich in einer Gellatieria.

Etwas ernüchtert geht es dann auf den Weg zurück ans Meer. Wieder stehen geniale Kurvenstrecken auf dem Programm. Tiefe Schräglagen gibt es hier zu Hauf, Polizisten leider auch und so bleibt der Zeiger im Tacho meist schön eingependelt bei ca. 90 Sachen. Aber auch so ist man teilweise echt flott unterwegs, wenn man alle Kurven so nehmen möchte.

Unseren letzten Stopp vor der Heimfahrt legen wir in Marina di Alberese ein. Dieser Strandabschnitt befindet sich im Naturpark der berühmten Maremma, einem grösseren Naturschutzgebiet am Mittelmeer. Zum Wandern soll das Gebiet ein Traum sein. Endurowandern ist damit leider nicht gemeint, was unseren „Bumblebee“ doch etwas kränkt. Doch zum Schluss lässt er sich mit einer traumhaften Meersicht am Strand wieder etwas besänftigen. Keine 20 Meter vom Strand stellen wir unser Gefährt in den Schatten grosser Pinien. Das Wasser ist glasklar und angenehm „warm“. Der Sand ist brühheiss doch unter den schattigen Bäumen lässt es sich wunderbar „sein“.

Mit einem erfrischenden Schwumm im Resorteigenen Pool lassen wir den Tag gemütlich ausklingen. Wieder mal viel gelaufen und wahrscheinlich einige Millimeter Pneuprofil abgefahren...

Tag 6: Rund um den Monte Argentario
Wer noch nicht genug hat, der kann sich an diesen Tag auf der Insel Elba austoben. Wir allerdings machen heute eine Pause und machen nur einen kleinen Ausflug auf die Halbinsel Monte Argentario.

Wir düsen die Autostrasse runter bis zur Halbinsel. Auch heute machen die Carabinieri Kasse und Blitzen am einen oder anderen Ort. Noch bevor wir die Landzunge zur Insel passieren, machen wir in Orbetello, dem ersten kleineren Ort auf der Verbindung zur Insel, Halt. Bereits hier ist es ziemlich touristisch, aber noch nicht so schlimm.

In einem Coop kaufen wir noch einige Kleinigkeiten, hängen uns in einen Imbiss und schlemmen Glacé und Pizza und spülen mit viel kühlem Cola nach. Nachdem es gestern nicht geklappt hat mit einer Pizza, hauen wir heute schon um 11 Uhr zwei grosse Stücke rein. Frisch gestärkt fahren wir rüber auf die (Halb-)Insel. Der Monte Argentario türmt sich mit seinen stattlichen, rund 580 Meter hoch vor uns auf. Nach kurzer Strecke der Küste entlang nach Osten, stechen direkt ins Herz der Insel. Kurvig schlängeln wir uns in die Höhe, geniessen den immer noch besser werdenden Ausblick hinunter auf Santa Liberata und das azurblaue Meer. Überall wuchert es grün neben der Strasse. Bäume, Sträucher vermitteln eine herrliche Natur. Verkehr gibt es sozusagen keinen, ist es doch keine Verbindungsstrasse, sondern eine Sackgasse. Gut geht ein leichtes Lüftchen, denn es wird schon wieder ziemlich warm.

Oben angekommen biegen wir in einen unbefestigten, holprigen, schmalen Weg ein, denn wir wollen ganz nach oben, zum „Il telegrafo“, dem Sendeturm. Dort machen wir Rast im Schatten einiger Büsche, bevor wir wieder hinunter rollen. Diesmal können wir das herrliche Mittelmeer noch mehr geniessen.

Wieder an der Küste halten wir Ausschau nach einer Badegelegenheit, denn die Hitze wird immer grösser. Während unserer Suche umrunden wir die Insel im Gegenuhrzeigersinn der Küstenstrasse entlang. Küstenstrasse bedeutet jedoch keinesfalls, dass wir dem Meer bzw. dem Strand entlang fahren könnten. Nein, meist gondeln wir in der Höhe den Felsen entlang, immer mit Blick auf das kühle Meer, in das wir gerne springen würden. Felsen und Klippen bestimmen allerdings meist da Bild, Sandstrand ist weit und breit nicht zu entdecken.

Auf der südlichen Seite der Insel finden sich dann die Ferienresidenzen und Villen der reichen Römer. Richtige Luxusanwesen teils mit Meeranstoss. Jetzt verstehe ich auch immer mehr den Sinn des Namens der Insel – Monte Argentario heisst nämlich übersetzt Silberberg.

Wir Normalsterblichen können das Meer leider nur aus der Ferne betrachten. Dafür haben wir von unserer Strasse aus einen fantastischen Fernblick. Kleine Segelboote tanzen auf dem Meer, mit denen wir manchmal gerne tauschen würden.

Plötzlich kommt das Schild „Ende der Strada comunale“ und nur einen halben Kilometer weiter das nächste „Beginn der Strada privata“ mit zahlreichen Warnhinweisen wegen Steinbruch, Schlaglöchern, etc. Geschwindigkeitsbegrenzung: 30 km/h. Wir lächeln innerlich, die Italiener wieder, 30 km/h, daran hält sich sowieso niemand. Noch als wir am Überlegen sind, ob Privatstrasse denn auch ein Fahrverbot für Unbefugte bedeutet und ob wir wohl, bei den vielen Polizisten, die wir die letzten Tage gesehen haben, eine Busse erhalten werden, spüren wir den Grund für die niedrige Geschwindigkeitsbegrenzung. Die Strasse ist nicht nur unbefestigt, nein, eigentlich ist es teilweise gar keine richtige Strasse mehr. Ein Band aus grossen und kleinen Steinbrocken, respektive den Löchern dazwischen kommt dem wohl am nächsten. Genau das, was unser Bumblebee sehnlichst erwartete. Holprig, dafür etwas gemächlicher geht die Fahrt weiter und der wenige Verkehr weicht der Einsamkeit. Nach nur 4 Kilometern ist die Show leider schon wieder vorbei und unser emsiges Brummeltier hat wieder Asphalt unter den Rädern. Nun geht es zügig weiter bis nach Porto Ercole.

Dieser touristische ausgebaute Hafen ist nicht anders als hässlich zu bezeichnen, nach den unberührten Kilometern zuvor. Unzählige Boote und Yachten reicher Meeresliebhaber schaukeln im Hafenbecken und es riecht nach abgestandenem Frittieröl. Plötzlich finden wir uns zwischen hupenden Fiats und sich durch die Gassen quetschenden LKWs wieder. Keine Ahnung, wo diese Fahrzeuge alle herkommen, gibt es doch gar nicht so viele Wege hier.

Kurz nach Porto Ercole biegen wir nach rechts zur Küste hin ab und fahren auf einer wieder einmal fälschlicherweise als Sackgasse gekennzeichneten, schmalen Strasse in Richtung des nationalen Reservates „Tamobolo de Feniglia“. Schon nach Kurzem werden wir mit Blick auf einen langen Sandstrand belohnt, der mich an die Strände Brasiliens erinnert. Zwar ist es auch hier äusserst touristisch, mit Imbissbuden, kostenpflichtigen Liegestühlen, Sonnenschirmen etc., doch da zur Zeit nicht Saison ist, finden sich nur einige Einheimische hier. Leider ist das Wasser aber nicht so klar wie gestern in Marina di Albarese. Aufgewirbelter Sand und an den Strand gespülter Seetang dämpfen den Drang nach einem erfrischenden Bad. Die Hitze ist aber so unerbärmlich, dass wir uns der magischen Kühle nicht entziehen können.

Das Wasser ist sehr lange seicht, so dass es nicht einmal bis zu den Knien reicht, dafür sehen wir zahlreiche kleinere und grössere Krebse. Um der gröbsten Hitze zu entgehen pausieren wir nach dem Bad im Schatten der Nadelbäume. Picknickend und lesend geniessen wir die Ruhe und lassen die Seele baumeln.

Etwas später sitzen wir wieder im Sattel und düsen von der Insel runter und noch etwas weiter nach Süden. Wir möchten gerne den Park von Niki de Saintphalle sehen. Im Park werden ihre Kunstobjekte gezeigt, sozusagen ihr Lebenswerk. Sobald wir die Autobahn verlassen, folgen wir der Ausschilderung zum „Giardino dei Tarocchi“. Dieser ist dann wegen seiner farbigen und z.T. sehr grossen Objekte schon von weitem zu sehen. Wir freuen uns, mal was anderes als nur Kunsthistorisches von den Etruskern zu sehen zu bekommen. Was folgt ist ein Schock am Eingang zum Park: 10.50 Euro pro Person für den Eintritt. Eine wahre Abzocke aus meinen Augen. In den schlechtbesuchten (Nichtsaison-)Monaten ist allerdings jeweils an einem Samstag pro Monat der Eintritt auf Wunsch der Künstlerin kostenlos. Das hilft uns im Moment allerdings reichlich wenig. Wir sind aber bei Weitem nicht die Einzigen, die sich vom Eintrittspreis abschrecken lassen und umkehren. Innerhalb weniger Minuten sehen wir gleich noch zwei weitere Paare, die vor der Eintrittspreis-Tafel wieder rechts umkehrt machen. Die meisten gehen jedoch fluchend rein, da sie teils von weit her angereist sind, dass es sich nun nicht lohnt, unverrichteter Dinge umzukehren.

Zurück in Grossetto lassen wir den Tag noch mit einem Sonnenbad ausklingen und holen bei der 2.5 km entfernten Pizzeria zwei grosse und knusprige Pizzas zum Znacht.

Tag 7: Auf dem Tummelplatz der Teufel
Heute schlafen wir etwas aus und packen mit etwas traurigem Gefühl. Hier hat es und echt gut gefallen. Nach dem Check out verabschieden wir uns bei den äusserst freundlichen Besitzern und machen uns auf in Richtung Norden. Nach einem kurzen Stück auf der grossen Schnellstrasse schauen wir, dass wir so schnell wie möglich ins Hinterland kommen. Dort ist es nicht nur kühler, sondern auch schattiger, kurviger und dank viel weniger Verkehr kommt man meistgleich schnell voran, wie auf den grossen Hauptverkehrsachsen.

Die Umbegung ist zwar hügelig, trotzdem kann man aber immer wieder wunderschöne Aussichten geniessen. Insgesamt ist es hier deutlich abwechslungsreicher in Bezug auf die Landschaft als weiter südlich. Dem Auge bieten sich nicht nur Ebenen, sondern auch Wald, Wiesen, Felder, Olivenplantagen und und und. Wir geniessen die Kurven, den guten Belag und allzu bald sind wir in Sasso Pisano. Hier erwartet uns sozusagen unser erster Zwischenhalt. Den „Aia dei diavoli“, oder auch den „Tummelplatz der Teufel“, riechen wir schon von weitem. Ein flauer Duft fauler Eier steigt uns in die Nasen. Man muss schon hier geboren sein, um hier dauerhaft wohnen zu können. Von der Strasse aus sieht man auch tagsüber die Dampfwölkchen aufsteigen. Die Löcher findet man nach dem Dorfzentrum auf der linken Strassenseite am Hang (von Osten kommend). Da es in der letzten Zeit ziemlich trocken war, kann man nur erahnen, wie der heisse schlackenartige Schlamm aus dem Löchern brodelt, wenn’s einmal tüchtig geregnet hat. Immerhin sieht man an beinahe jedem Loch, aus welchem ein stetes Zischen zu hören ist, gelbe Schwefelkristalle, die sich durch den anhaltenden, schwefelhaltigen Dampf gebildet haben.

Rote und gelbe Gesteinsschichten wechseln sich ab, zwischendurch glänzt schwarzer Fels hervor. Wer allerdings Geysire erwartet, wird enttäuscht werden. Einen Besuch ist es aber trotzdem wert.

Die ganze Region scheint von der Energie aus dem Boden zu leben. Auf den folgenden Kilometern treffen wir auf unzählige Kühltürme. Man scheint hier die Erdwärme gut zu nutzen. Die Kühltürme gehören zu Kraftwerken und Metallröhren, die zur Verteilung der Energie benötigt werden und die ganze Landschaft „verunstalten“. Nun ja, man kann nicht alles haben, kostengünstige Erdwärme und perfekte, unberührte Natur.

Unser Weg führt uns weiter nach Volterra. Die Strasse windet sich in Kurven der Stadt entgegen, welche schon von weitem sichtbar auf einer Hügelkuppe sitzt. Die Gründer der Stadt wussten ein gutes Panorama offensichtlich zu schätzen. Von hier aus geniesst man einen riesigen „unverbaubaren“ Ausblick über die Weiten der leicht hügeligen Landschaft. Die Strasse allerdings ist hier eher voll. LKWs, Lieferwägen, Reisecars, vor allem aber nicht einheimische Autos quälen sich den Hügel empor. Entsprechend touristisch empfängt uns dann auch der Ort selbst.

Volterra gilt als Hochburg der Alabasterverarbeitung. Logisch findet man auch viele Läden und Ateliers, wo man teilweise den Steinmetzen sogar bei der Arbeit zuschauen kann. Die Stadt selbst verströmt ebenfalls ein sehr mittelalterliches Flair. Eine riesige Stadtmauer umgibt den Kern. Teile davon gehen auf das Mittelalter zurück, andere Bereich werden den Etruskern zugeschrieben. Leider ist aber auch hier der Tourismus schon so weit fortgeschritten, dass man überall Eintritt bezahlen muss, wo man auch nur das geringste „Aussergewöhnliche“ sehen könnte. Teilweise gibt es sogar im Freien Fotografieverbote (als könnte man eine alte Stadtmauer wegfotografieren).

Daher sitzen wir bald wieder auf und fahren auf direktem Weg in Richtung nächster Unterkunft, anstatt Pisa noch einen Besuch abzustatten. Denn Petrus scheint heute noch etwas im Schild zu führen. Riesige Wolkentürme stehen am Horizont, genau da, wo wir hinfahren sollten. Auf dass wir heute keine neuen Unsitten aufkommen lassen müssen! Die Regenkombis sind weit unten in den Kisten verstaut und ich habe absolut keine Lust, diese noch für wenige Kilometer auszupacken.

Schnell kaufen wir noch etwas zum Nachtessen ein und machen uns dann auf direktestem Weg zu unserer nächsten Unterkunft für die kommenden zwei Nächte. Kaum haben wir das Zimmer bezogen, geht das Unwetter los. Es stürmt, donnert und hagelt, als gäbe es kein Morgen mehr. Es kommen solche Wasserfluten vom Himmel, dass weder Türe noch Fenster ihnen etwas entgegen zu sezten haben und das Wasser durch die Ritzen drücken. Mit Tüchern versuchen wir ihm Einhalt zu gebieten. Zum Glück ist es noch einigermassen hell, denn auch vor Stromausfällen werden wir nicht verschont. Einige kleine Vorteile hat das Ganze allerdings. Neben der tollen Lichtstimmungen mit Regenbogen über Montecarlo kühlt es auch merklich ab, was uns ganz gelegen kommt.

Tag 8: Städtebummel durchs Mittelalter
Heute schlafen wir wieder einmal etwas aus. Es steht auch nicht viel auf dem Programm. Nach einem ausgiebigen Frühstück mit feinem Cappuccino geht es los Richtung Pisa. Dafür erklimmen wir den Passo Monte Serra. Dieser liegt genau zwischen uns und der grossen Stadt. Auch hier hat das Unwetter seine Spuren hinterlassen. Überall liegen Blätter, Äste und Dreck auf den schmalen Strässchen. Durch Kühle spendenden Wald geht es über den ansehnlichen Pass und oben angekommen bietet sich uns eine weite Fernsicht bis runter auf das Meer.

Oben machen wir noch einen kurzen Abstecher zum Parco Santallago. Ein kleines Schottersträsschen führt uns in den Wald zu einer riesigen Lichtung mit Vergnügungseinrichtungen, Spielplatz, Restaurant und unzähligen Picknick-Bänken. Auf Grund der diversen Parkverbotsschilder der Strasse entlang schliessen wir, dass im Sommer an den Wochenenden die Anwohner der umliegenden Städte im Flachland (Lucca, Pisa, u.a.) in Scharen auf den Berg pilgern und hier die Kühle der Höhe geniessen. Wir fahren abwärts und geniessen die geniale Aussicht bis nach Pisa. Unten angekommen geht’s auf direktem Weg in die Stadt. Am Rande zur Fussgängerzone stellen wir unser Moto ab. Wieder mal sind wir froh um unsere Diebstahlwarnanlage. Bisher wurde sie zwar noch gar nie auf die Probe gestellt, aber sie gibt einem ein wenig mehr das Gefühl von Sicherheit.

Unsere Ausrüstung in den Boxen verstaut, geniessen wir den Stadtbummel befreit von Helm und Protektoren. So stürzen wir uns ins touristische Getümmel. Wirklich beeindruckend sind der schiefe Turm und der Dom daneben. Allerdings noch fast interessanter sind die vielen Touris, welche wie die Irren ihre „Ich allein stütze den schiefen Turm von Pisa“-Fotos machen. Dabei müssen sie fast zwangsweise auf die grüne Wiese trampen. Um genau dies zu verhindern ist eigens ein Carabinieri abkommandiert, der wohl als Strafe für irgendwelche angestellten Dummheiten hier die Touris hinter der Abschrankung halten muss. Was für eine Demütigung muss das sein!

Ausser den unglaublich vielen Ständen, die mehr oder weniger alle genau das Gleiche anbieten, hat Pisa in meinen Augen nur noch eine kleine Kirche und eine hübsche Sicht entlang des Flusses Fiume zu bieten.

Schon bald haben wir genug von den vielen Touristen und steigen wieder auf, fahren heimwärts bis nach Lucca. Dieses Örtchen ist zwar ebenfalls touristisch, aber nicht ganz so überlaufen. Ausserdem hat Lucca irgendwie seinen toskanischen Charme erhalten können. Eindrücklich sind hier die, dicken Stadtmauern, die imposant in die Höhe ragen. Wir schlendern durch das Städtchen, essen ein viel zu kleines Gellati für einen viel zu hohen Preis und geniessen eine Pizza als Nachmittagssnack  im Anfiteatro der Stadt, bevor wir uns wieder auf den Heimweg begeben.

Tag 9: Umarmungen sich doch nicht so schön – zumindest einige Spezielle
Heute geht es nun definitiv nach Hause zurück. Zuerst geht es nach Lucca, von wo wir in die Apunischen Alpen eintauchen. Ab San Martino in Freddana wird es kurvig. Sobald man aus der Ebene raus in den Wald kommt lässt auch die Temperatur etwas nach. Die Strasse wird auch bald einmal richtig steil, eine Haarnadelkurve jagt die nächste. Die Weglein werden schmaler, die Fiats immer kleiner, aber leider nicht langsamer. Kein Wunder also, dass wir in einer engen Rechtskurve fast hautengen Kontakt mit eben einem solchen aufnehmen „müssen“. Im letzten Moment und dank des Einsatztes eines guten ABS gelingt es uns, dieser Beinahe-Umarmung zu entkommen, indem wir uns noch mehr an den Rand unserer Strassenhälfte zurückziehen. Nach dem Fast-Knutscher bleiben wir beide aber zuerst einmal stehen, um uns zu vergewissern, dass uns da wirklich nicht mehr als nur ein Windhauch gestreift hat. Glücklicherweise ist es aber wirklich beim Wind geblieben – und einem, wenn auch wohl nur kurzanhaltenden, Lerneffekt beim Italiener. Er wird wohl die nächsten Kurven runter ins Tal nicht mehr schneiden.

Auf dem Weg nach Pescaglia winden wir uns in die Höhe. Weiter oben halten wir an, wir müssen einfach den herrlichen Ausblick über die naturbelassenen Wälder in uns aufsaugen. Diese Wälder erscheinen uns wie eine Art Urwald. Hier oben ist es angenehme 20-22 Grad kühl und es geht ein laues Lüftchen. Für diese schmale Nebenstrasse hat es aber noch einiges an Verkehr. Je weiter wir aber nach oben kommen, desto seltener wird er, ja er tendiert gar gegen Null. Man kommt sich vor wie im Niemandsland, weit und breit keine Zivilisation ausser dem schmalen Strässchen. Zwischendurch tauchen aus diesem Nichts plötzlich wieder verschlafene Örtchen auf. Kaum zu glauben, dass hier wirklich noch Leute wohnen. Wovon leben die hier wohl? Und erst im Winter?

In der Region gibt es relativ viele kleine Strässchen, aber es ist nie so ganz klar, wo diese hinführen. Dazu kommt die typisch italienische, absolut aussaglose Beschilderung. Inzwischen ist schon wieder Mittag und knurrend meldet sich der Magen zu Wort. Ein Glück taucht in diesem Moment am Wegrand (nahe Fornovolasco, 2 km von Grotta di Vento) ein kleines Ristorante. Im Innenraum finden sich nur Einheimische, was auf nicht allzu teures, dafür umso feineres Essen hindeutet.

Auf unseren speziellen Wunsch werden wir sogar mit frisch gemachten Bruscetta verwöhnt, obwohl diese gar nicht auf der Karte stehen. Die Auswahl an Essen ist zwar sehr beschränkt, aber von allem hat es etwas und eines ist sicher: Es ist alles super fein!

Weiter geht es auf den Weg zur Grota di Vento, einer der grössten Grotten Italiens. Eigentlich haben wir den Weg nach Massa gesucht, wie er auf der Karte eingezeichnet ist. Allerdings erweisen sich alle Versuche als sinnlos. Wir merken bald: Alle Wege führen nach Vergemoli! Egal in welche Richtung wir fahren, wir enden immer wieder bei einem Schild, das diese Richtung angibt. Nach einigen Runden geben wir uns geschlagen und nehmen den nächst besten Weg nach Aulla, schliesslich liegen auch so noch einige Kilometer vor uns.

Die Strasse nach Gallicano ist dann wieder etwas breiter, aber auch kaum befahren. Sie führt durch eine schöne Schlucht, entlang riesiger strassenüberragender Felsen. Im Tal ist ein Stausee. Wer will, kann aber auch über die Panoramastrasse fahren. Diese geht gleich von der Grotte aus weiter. In Gallicano fädeln wir uns dann wieder in den ost-west-Verkehr ein Richtung Castelnuovo. Von da an folgen wir der Hauptstrasse nach Aulla. Sie ist etwas stärker befahren und besser ausgebaut, aber immer noch recht kurvenreich und im Grünen. In einer Kurve driftet plötzlich und unerwartet unser Hinterrad weg. Das kann nicht sein, denke ich, und fahre an den Strassenrand. Die Pneudruckanzeige zeigt nichts Aussergewöhnliches. Während ich den Pneu prüfe, läuft meine Sozia kurz zurück und begutachtet den Kurvenbelag. Es scheint ein Doppelproblem zu geben. Der Belag ist glatt und glitschig. Dazu kommt, dass der Pneu auf dieser Tour seitlich bis ganz aussen stark abgefahren wurde. Ja, er ist seitlich gar mehr abgefahren, als in der Mitte und zeigt Haifischzähne, was sich nun als unvorteilhaft erweist. Zu Hause muss ich wohl die Pneus wechseln lassen.

Auf dem weiteren Weg folgen wir einem netten Kamikaze-Pflüger. Er erinnert mich etwas an den Opferroller von Korsika. Nur einmal haben wir leider keinen kranken Einheimischen vor uns, da kommt uns doch genau ein breiter Bus in einer engen unübersichtlichen Kurve entgegen, nicht mal mehr ein Fahrrad hätte Platz gehabt. Ein weiteres Mal rutscht unserem Bumblebee beinahe das ABS in die Hose, als uns in einem kleinen Örtchen auf typisch schmaler Strasse ein 40-Tönner entgegen donnert! Doch schlussendlich gelangen wir heil bis nach Aulla, wo wir die Autobahn nach Milano nehmen. Für einmal haben wir auch wirklich Glück. Auf der Gegenseite staut sich der Verkehr über dutzende Kilometer, während wir absolut freie Bahn geniessen. Na ja, Glück muss man haben.