Stella Alpina - Endurofieber am Col du Sommeiller

 

Tag 1 - Während andere gerade vom Einkaufen nach Hause kommen oder sich bereits auf ihren Ausgang am Samstagabend vorbereiten, passiere ich um 17 Uhr gerade das Zollhäuschen in Martigny am Forclazpass. Voller Enthusiasmus auf das bevorstehende, alljährliche Treffen der Endurofans oberhalb von Bardoneccia rausche ich durch das enge Tal entlang des Flüsschens „Trient“. Erst gerade vor kurzem habe ich noch von der sich majestätisch erhebenden Forclaz-Passstrasse auf Martigny herunter geschaut und jetzt komme ich mir selbst ziemlich klein vor neben den riesigen, steil aufragenden Bergen, die mich einkesseln. Allerdings währt diese Situation nicht lange und das Tal öffnet sich wieder.

In Argentière führt die Strasse quer durch das Dorfzentrum. Selbst zu dieser Jahreszeit ist der Ort stark von Touristen durchflutet, handelt es sich bei dem Ort doch um ein „Ganzjahresskigebiet“. So tummeln sich in den Strassen jene Leute, denen St. Moritz zu weit entfernt liegt und die doch nach einem langen Winter immer noch nicht genug vom Schnee bekommen können.

Lange zieht sich die Landstrasse in Richtung Chamonix dahin, bevor man nach einer kleinen Auffahrt mit vier Haarnadelkurven etwas nach dem Zentrum Chamonix ans Tunnelportal gelangt. Es wäre ziemlich unpassend, wenn man den Preis für die Durchfahrt des Tunnels als günstig abtun würde. Ganze 21.10 Euro muss ich hinblättern, um durch das 11,5 km lange Tunnel nach Courmayeur zu brettern. Immerhin kann ich so den Umweg über den grossen St. Bernhard sparen, obwohl, wenn ich’s mir so recht überlege, dann hätte ich es wohl besser gemacht. Zu Gute halten muss man den Tunnelinhabern allerdings, dass sie es mit der Sicherheit seit dem letzten grossen Unfall ernst genommen haben. Die Notausgänge sind gut markiert, das Tunnel gut beleuchtet und durch Radar gut gegen Geschwindigkeitsübertretungen gesichert.

In Courmayeur bzw. etwas weiter in Pré St. Didier angekommen wartet schon der nächste Leckerbissen auf mich. Der Colle del Piccolo St. Bernardo. Gleich oberhalb des Ortes kündigt der kleine St. Bernhard mit 8 dicht aufeinander folgenden Spitzkehren an, dass er nicht minderwertiger ist als sein etwas östlicher gelegener, grösserer Bruder. In meinen Augen ist er sogar noch besser.

Nach einer kleinen Verschnaufpause, in welcher es gemächlicher aufwärts geht,steigt der Adrenalinspiegel geht nach la Thuile noch einmal ab. Insgesamt gut 20 enge Kehren bereiten dem geneigten Kurvenenthusiasten Freude auf höchstem Niveau bis hinauf zur Passhöhe. Diese allerdings fällt eher etwas schwach aus. Nur ein altes Hotel und eine Statue des heiligen St. Bernhard etwas unterhalb auf der westlichen Seite der Passhöhe lassen darauf schliessen, wo man sich befindet. Allerdings sollte man die eigenen Gedanken zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu weit abschweifen lassen, denn schon kurz darauf folgt eine kurze, aber sehr enge S-Kurve. Danach allerdings kann man es gemütlich angehen lassen.
Auf der fast geraden, langsam aber stetig abfallenden Strasse bis nach Roisière freue ich mich schon auf das Feuerwerk an Kurven, welches kurz hinter dem Dorfausgang bis hinunter nach Seez auf mich wartet. Immerhin 19 180er-Kehren vom feinsten. Im Slalomstil wedle ich die langen Zwischenstücke entlang und kann dabei voll abschalten. Kaum Verkehr um diese Zeit und die Sonne im Gesicht vervollständigen die Ferienidylle.

In Seez tanke ich noch mal voll, bevor ich mich nach Val d`Isere aufmache. Als ich abfahre hat der Tankwart bereits das „Fermé“-Schild an die Tür des Wärterhäuschens gehängt. Uff, nochmals Glück gehabt. Mit gut 100 Sachen rausche ich entlang der Isère durch das Tal. Kurz vor und kurz nach Sainte-Foy Tarentaise bringen je ein Paar Serpentinen etwas Abwechslung in die monotone Fahrerei.

Die weitere Fahrt entlang der D902 ist eher langweilig. Auch die Aussicht ist nicht der Hit. Da kann mich nur die Vorfreude auf den als nächstes anstehenden Pass bei Laune halten. Drei relativ kurz aufeinander folgende, schlecht ausgeleuchtete Tunnels kündigen die baldige Ankunft im berühmten Skiort an.

Ich folge der Strasse quer durch den mässig bevölkerten Ort und kurz darauf bin ich mitten drin im Kurvenfieber. Die Sonne ist gesunken und es wird kühler. Doch dank der fortgeschrittenen Stunde habe ich weder Mit- noch Gegenverkehr und so kann ich die Strecke voll geniessen. Jedes Mal wenn ich hier vorbei komme, sehe ich die schönen off-road-Strecken am gegenüberliegenden „Le Dome“ und sag mir, dass ich irgendwann hierher kommen muss um diese zu befahren. Doch momentan habe ich ja anderes vor. Ich fliege um die Ecken, jage um die Felsen und bevor ich mich versehe erreiche ich die steinige und vom Wind immerzu gebeutelte Passhöhe auf 2764 m mit dem alten Hotel. Naja, ging zwar schnell, aber es war echt cool. Nur gut, dass ich dem einzigen Motorradfahrer, dem ich hier begegnet bin, ausweichen konnte, als er auf meiner Strassenseite die kurve nehmen wollte. Immerhin hat er es gerade noch genug früh erkannt und ist etwas schwankend zwar, aber schnell genug auf seine Seite zurück gewichen. Aber damit muss man hier eben immer rechnen, sind doch nicht nur die verrückten Italiener auf der Strasse, sondern auch noch die Franzosen.

Meine Pässeliste ist für heute abgearbeitet, aber wer noch Lust verspüren sollte, der kann zwischendurch über den Col de Mont Cenis und Susa fahren. Es ist zwar etwas länger, aber dafür spart man sich erneut 21.10 Euro für die Durchfahrt durch das Tunnel zwischen Modane und Bardoneccia. Aber auch die Fahrt nach Modane ist nicht übel. Immerhin lockt die Aussicht auf eine grosse Ruine einer ehemals gewaltigen Burg, die vor allem in der Abenddämmerung ein ganz spezielles Ambiente hervorzaubert.

Das 13 Kilometer lange Tunnel nach Bardoneccia ist die letzte Barriere, die es zu überwinden gilt, bevor man dem Endurofieber verfallen kann. Kaum aus dem Tunnelportal raus, zweige ich rechts ab nach Bardoneccia. Am ersten Kreisel gleich scharf rechts nach Rochemolles und schon bin ich alleine auf weiter Flur. Ein kleines, enges Asphaltbändchen schlängelt sich langsam den Berg hinauf. Mit meinem Scheinwerfer leuchte ich die zu fahrende Strecke fast vollständig aus und bald erstrahlen vor mir einige kleine orangene Lämpchen – Rochesmolles. Doch hier beginnt der lustige Teil eigentlich erst. Kurz nachdem ich das Dorf hinter mir gelassen habe, wechselt der Belag endlich vom Asphalt auf Kies.

Als erstes schalte ich mal das ABS an der KTM aus. Gut, dass es bei dieser möglich ist, ansonsten müsste ich mit extrem verlängerten Bremswegen rechnen, denn auf Kies kommt das Rad ja gewöhnlich schneller ist rutschen und blockiert auch ratz-fatz. Jetzt geht es los. Rochesmolles verschwindet im Staub hinter mir und ich kann nach jeder Kurve auf ein ausbrechendes Hinterrad hoffen. Mit meinen Halb-Strassenpneus sowieso. Langsam kurble ich mich den Berg hinauf, immer den grössten Steinbrocken ausweichend. Viel zu schnell erreiche ich die erste Zwischenanhöhe, wo sich auch schon einige andere Biker mit ihren Zelten niedergelassen haben.

Ich geselle mich zu ihnen, suche mir ein schönes Plätzchen und baue im Schein meiner Stirnlampe das Zelt auf. Gemütlich köchle ich mir danach noch eine Dose Ravioli, bevor ich mich nach einem kleinen Schwätzchen mit einigen Engländern, die extra zur Stella Alpina angereist sind, in meinen kuschelig weichen Schlafsack lege. Mit schlafen ist allerdings kaum etwas, wenn man keine Oropax mitgenommen hat, denn zu bikeverrückt sind viele Anwesende. So bollern bis spät in die Nacht, bzw. den Morgen Ein- und Zweizylindermotoren den Berg hinauf und verkünden allen Anwesenden, dass die einmal jährlich stattfindende Enduroparty in vollem Gang ist.


Tag 2 - Gegen 7 Uhr wecken mich, wie hätte es anders sein können, laut röhrende Motoren aus einem, dank Gehörschutzpfröpfen, ruhigen Schlaf. Schnell würge ich einige Brötchen runter und packe alles Unnötige aus den Kisten aus, schon bin auch ich unterwegs. Immer am Sonntagmorgen der Stella Alpina, die traditionsgemäss am zweiten Wochenende im Juli stattfindet, steht das gemeinschaftliche Erklimmen des Col du Someiller auf dem Plan. So auch heute. Allerdings sind es zu dieser Tageszeit nur einige Vereinzelte, die sich die Genüsslichkeit zu Gemüte führen. Doch bald wird sich das ändern.

Nachdem ich die zweite, obere Zwischenebene erreicht habe, wo sich die Hauptmenge der Enduristen am kleinen Seelein niedergelassen hat, beginnt das richtige Abenteuer. Der Kiesweg steigt steiler an und windet sich in gut 17 spitzen Kehren, die gut bedacht angesteuert sein wollen, da sonst der ungesicherte Absturz in tiefere Lagen droht. Immer höher hebt uns der Weg über das enge tal hinaus und bald erreichen wir die letzte Hochebene. Schon von hier aus kann man den Steinbruch gut sehen, der einen kurz darauf als Weg für den finalen Gipfelsturm dienen soll.

Je nach Zählweise sind es bis zu gut 20 Spitzkehren, von welchen einige unter ihnen es wirklich in sich haben, die noch von mir befahren werden wollen. Zwischendurch wird die Strecke etwas eng und viele grosse Felsbrocken, die der Schnee im Winter hierher verfrachtet hat, müssen umfahren werden. Das eigentliche Problem aber, wenn man es denn so nennen möchte, sind die vielen Faust grossen, scharfkantigen Steine. Sie drohen nicht nur das Motorrad beim Überrollen zu Fall zu bringen, sondern, was noch viel übler wäre, einen Schnitt in den Pneu zu machen.

Wie Narben ziehen sich die Serpentinen durch die Geröllhalde hinauf zum See. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge schaue ich zurück, als ich endlich oben angekommen bin. So schlimm wie befürchtet war es nicht, aber runter muss ich ja auch wieder.

Während ich mit meiner Strassenbereifung und Koffern am Moto auf das Erklimmen eines kleinen Hügels neben dem See verzichte, versuchen sich einige andere daran. Nun gut, mit Stollenpneus und 400-Kubik-Enduromaschine ist es leicht gemacht, aber es gibt auch einige wenige, die sich mit einer 950er KTM oder einer 1200GS daran wagen und es dann z.T. sogar schaffen. Andere wiederum geben nach einem vergeblichen Versuch und einigen Kratzern mehr am Bike auf.

Nachdem ich mit einer Hand voll anderer eine Weile die Erklimmversuche der Biker bestaunt habe, mache ich mich ob des aufkommenden Massenverkehrs langsam auf den Rückweg. Es ist ein Kommen und Gehen und je mehr Biker den Gipfel erstürmen, desto mehr hat es auch solche darunter, die meinen, sich und vor allem aber allen anderen beweisen zu müssen, wie gut sie sind. Ihnen scheint das Endurofieber wohl gewisse Partien, die im Hirn normalerweise für rücksichtsvolles Fahren zuständig sind, ausser Verkehr gesetzt zu haben. Auch ich werde beinahe Opfer eines solchen Kurvenräubers. Slidend und driftend kommt er aus einer Kurve auf mich zugeschossen und kann sein Gefährt im letzten Augenblick so unter Kontrolle bringen, dass er nicht an meinen Koffer hängen bleibt. Auch das gibt es hier.

Um nicht noch in einen ungewollten Unfall verwickelt zu werden, mache ich mich zusammen mit dem stolzen Besitzer einer KTM950 auf den Rückweg ins Tal. KTMs hat es hier zwar auch, aber vor allem ältere Enduromodelle von Honda kann man unter den Berg“steigern“ bestaunen. Was nicht heissen will, dass es nicht auch andere schaffen könnten. Ok, der Spanier, der es mit seiner GSXR 1000 inklusive Sozia bis auf die oberste Hochebene geschafft hat, der hat schon Respekt verdient, und wohl auch seine GSXR, die wohl kaum für solche Strecken konzipiert worden ist.

Wie jedes Jahr kann man danach unterhalb des Geröllfeldes ein offizielles Stella-Aplina T-Shirt kaufen. 10 Euro ist mir diese Erinnerung auf jeden Fall wert.

Nach der Abfahrt zu meinem Zeltplatz packe ich meine Sachen zusammen, sitze auf den Skunk (= wenn heiss gelaufen meine z.T. etwas komisch riechende KTM990) und rolle talwärts. In Bardoneccia sitze ich noch kurz mit einigen ins Kaffee, um mich vor der Rückfahrt mit einem kühlen Cola zu stärken, dann geht’s los in Richtung Heimat. Nachdem ich in Bardoneccia nochmals kurz aufgetankt habe, wähle ich einfachheitshalber den Weg über die Autobahn bis nach Airolo, wo ich dem alten Gotthardpass aber nicht widerstehen kann. Die Tremola aus Kopfsteinpflaster lässt sich wunderbar durchschwingen, da mir auf der ganzen Passstrasse gerade mal ein Motorrad und eine handvoll Autos begegnen.

Wer Zeit hat und will, kann sich eine schöne Route über diverse Pässe legen, genügend davon hat es auf jeden Fall in der Gegend. Eines ist jedoch sicher: Wer einmal mit seiner Enduro an der Stella Alpina war, der kommt wieder – also, bis zum nächsten Mal.