Ligurische Grenzkammstrasse - Ein Tagesausflug

Eigentlich wollten wir heute von Camporosso bei Ventimillia nur eine kleine Tour in Richtung Genua machen. Da wir aber nicht einfach dem Meer entlang düsen wollen, sondern für einmal etwas mehr die kurvenreichen Strecken durch das Hinterland geniessen möchten, fahren wir zuerst mal nach Norden und nach Dolceaqua. Dort bewundern wir kurz die alte Ruine, welche stolz auf einem kleinen Hügel über der Ortschaft thront und natürlich die schöne, steinerne Rundbogenbrücke über den „Torrente Nervia“.

Wir folgen der nun langsam kurviger werdenden Strasse nach Pigna. Von dort an geht es dann markant in die Höhe. Wir erklimmen den Passo di Langan. Während wir so gemütlich die zwar engere, aber gut asphaltierte Strasse zum Pass hinauf fahren, hätten uns die Pneus von drei Deutschen Enduristen auffallen müssen, die uns überholt haben, nachdem wir das Tempo auf der Strasse etwas reduzierten. Kein Wunder schrauben wir zurück, sind wir auf der sehr engen Strecke doch gleich zweimal nacheinander auf freilaufende Tiere getroffen und ich möchte ungern ein Schaff aus dem Kühlergrill meines Motos klauben. Ihre Wolle würde sich viel zu stark in den feinen Kühlrippen verheddern und meine Finger wären einfach zu klobig, um den Kühler wieder sauber zu kriegen.

Naja, die anderen Biker waren auf jeden Fall mit groben Stollenreifen im Stil des TKC80 unterwegs, wir mit normalen Strassenreifen mit etwas grösseren Rillen.

Leider, oder vielleicht auch zum Glück, verpassen wir eine kleine Abzweigung, die wir uns vorgenommen hatten. So gelangen wir schlussendlich auf die Passhöhe des Col du Langan und von dort ist es nur ein Katzensprung bis zum Beginn der Ligurischen Grenzkammstrasse. Nun wird uns auch klar, weshalb die Deutschen „so“ ausgerüstet rumgedüst sind.

Die Ligurische Grenzkammstrasse, auch LGKS genannt, wurde ursprünglich zu militärischen Zwecken entlang der italienisch-französischen Grenze gebaut und verbindet einige alte Militärforts miteinander. Der Strassenbelag besteht meist aus Kies und teilweise auch aus grobem Schotter. Zumindest Anfangs (von Süden her) ist sie aber so einfach zu befahren, dass wir uns nicht überwinden können, umzukehren. Immerhin sind wir die Strecke ja vor einigen Jahren schon mal gefahren, allerdings in umgekehrter Richtung und wir hatten unseren Spass daran.

So hottern wir also mal gemächlich über die ersten paar Kilometer die Kiesstrecke entlang und erklimmen Höhenmeter für Höhenmeter. Allein wegen der Aussicht hat sich dieser Ausflug schon gelohnt. Immer wieder sind wir von der weiten und schönen Fernsicht begeistert. Ist ja irgendwie auch logisch, führt die Strasse doch meist in einer Höhe von über 2000 Meter über rund 70 Kilometer mehr oder weniger entlang der Grenze.

Hin und wieder trifft man auf einige 4x4-Off-Roader. Kein Wunder, sind diese Fahrzeuge ja eigentlich genau für dieses Terrain gemacht und nicht für den Grossstadtdschungel. Die Leute, die man hier trifft, wollen ihr Fahrzeug mal abseits der asphaltierten Strecke ausprobieren und das ist hier absolut möglich. Auch eine Handvoll Schweizer sind darunter. Viel beeindruckender finden wir dann aber zwei Schweizer, die mit ihren Mountainbikes von Martigny her seit rund 10 Tagen unterwegs sind und nun die letzten zwei Tage noch über diese Strecke ans Mittelmeer runter radeln. Respekt! Oder anders gesagt, nun weiss ich, weshalb ich einen Motor unter dem Sattel habe, denn alleine für die Hinfahrt würde ich nie im Leben so viele Ferientage verbraten wollen ;-)

Zwischen dem Passo di Tanrello und dem Passo di Collardente befindet sich dann eine Strecke mit sehr viel Wald und auch längeren, ebene Abschnitten, die sich durch Wälder ziehen. Da kann man es dann schon mal richtig rauschen lassen.

Schon seit einiger Zeit knirscht es bei mir zwischen den Zähnen. Das kenne ich nur allzu gut von meinem Südamerikatrip. Da muss ein Fahrzeug vor uns unterwegs sein und ständig Staub aufwirbeln, den wir uns dann (unfreiwillig) einverleiben. Da, nach einer Kurve, tauchen die Übeltäter auf. Es handelt sich um die drei Deutschen, die uns vor nicht allzu langer Zeit überholt haben. Sehr erfreut scheinen sie allerdings nicht zu sein, von uns sozusagen „rücküberholt“ zu werden, zumal wir beiden Elefantentreiber offenbar nicht in ihr Bild vom gebirgsfähigen Motorradfahrer zu passen scheinen. Zu deren Entschuldigung muss ich allerdings auch eingestehen, dass ich nicht gedacht hätte, dass sich unsere Gummikühe mit ihrem im Verhältnis monströsen Gewicht so überaus gut schlagen. Aber sobald man fährt fühlen sie sich dank des niedrigen Schwerpunktes ganz leicht an und lassen sich wunderbar dirigieren. Ausserdem hilft er vorzüglich mit, gröberen Steinen, die sich manchmal genau hinter Kurven auf die Lauer gelegt haben, auszuweichen.

Was sich vor allem im Bereich von Schotterpassagen als besonders gut heraus gestellt hat, ist die Traktionskontrolle. Während die anderen Biker sich bevorzugt an diesen Passagen schweissüberströmt mit durchdrehenden Hinterrädern rumschlagen, fahren wir ohne einmal vom Gas gehen zu müssen genüsslich an ihnen vorbei und gönnen ihnen erst noch ein nettes, verständnisvolles Lächeln (nicht ohne einen hasserfüllt, aber trotzdem erstaunten und wohl etwas eifersüchtigen Blick zurück zu kassieren). Uns kanns egal sein, wir haben unseren Spass an der Freude.

Nach einer etwas anspruchsvolleren Passage, die wir soeben hinter uns gebracht haben, treffen wir auf zwei KTM990-Adv.-Fahrer. Na für diesen Tourenabschnitt sollte dieses Bike aber mehr als geeignet sein. Sofern es keine Mätzchen macht, ist diese Strecke ein wahres Paradies mit der Kati. Das konnten wir selbst schon feststellen, mühten wir uns zu unseren unwissenden Motorradzeiten doch auch noch mit diesen Böcken ab. Beide haben hochrote Köpfe, und pusten und saugen Luft in einem Affentempo, als wollten sie dem Vergleich mit einer Dampflock standhalten. Scheinen ziemlich überanstrengt zu sein, die beiden. Stellt sich nur die Frage, obs wegen ihnen oder wegen der Bikes so ist.

Der eine warnt uns netterweise, es komme dann noch einiges Heftiges auf uns zu. Da wir aber wissen, dass das Heftigste (sofern uns denn nicht die Natur einen Streich spielt) bereits hinter uns liegt, nehmen wir seine Warnung ziemlich gelassen. Da bleibt uns in dem Fall nur zu hoffen, dass sich die beiden nicht etwas zu viel zugemutet haben mit dieser Tour. Denn was sie uns prophezeien, wird sie selbst innert kürzester Zeit ereilen. Da wird ihnen wohl noch einiges an Sch(w)eiss, Stress und Adrenalin blühen. Ob die sich das unter einer spassigen Tour vorgestellt haben? Zu wünschen ist es ihnen. Denn wer nicht wirklich etwas Übung auf solchem Gelände hat, der kann die Ligurische nicht geniessen und das wäre zu schade. Solch geniale Eindrücke gibt es nicht überall.

Zwischenzeitlich halten wir irgendwo an einem Abhang an, stellen unseren BMWs an den Rand und setzen uns an die Strasse. Wir geniessen die Stille und das gewaltige Panorama. Kein Wunder kämpften die Italiener und die Franzosen um dieses Gebiet. Ok, für sie ging es mehr um strategische Punkte, aber wäre es einfach um den schönen Landstrich gegangen, ich hätte es auch verstanden.  

Nachdem sich noch ein weiterer Biker mit einer leichten Hardenduromaschine über unsere schweren Gefährte gefragt hat und so wohl wundert, ob wir uns nicht verfahren hätten (was ja auch beinahe stimmt), geht es weiter. Steil geht es links von uns runter. Hier fährt man nur einmal ab der Strasse, dann ist ein neues Bike fällig. Daher ist Vorsicht geboten, zumal auf der schmalen Strecke auch Gegenverkehr unterwegs ist.

Entweder sind die Sehnen meiner Augen ausgeleiert, oder mein Navi macht neuerdings Turnübungen. Man, das eiert vor mir auf und ab, als ob es unter einer massiven Dröhnung Extesy an einem Hardcoretechnopartywettbewerb teilnehmen würde. Ich halte kurz an und muss mit Erschrecken feststellen, dass leider weder das eine noch das andere zutrifft. Die Vibrationen haben eine Halterungsschraube der Touratech-Halterung rausvibriert. Na, das sollte aber nicht passieren. Ein Glück, dass ich gestern meine kleine Reisewerkzeugtasche im Topcase liegen gelassen habe. Eine Ersatzschraube habe ich leider dennoch nicht, und jene, die ursprünglich drin war wird sich wohl auf nimmer wieder sehen von mir verabschiedet haben und sich bei Gelegenheit einen Pneu suchen, um sich da rein zu bohren. Mit einem Klebeband kann ich das Teil immerhin so fixieren, dass es bis zum Abend durchhält.

Die Strasse führt uns weiter über weissen Schotter und wir gelangen zu einer kleinen Hochebene. Der Strassenbelag ist da, wo der Schotter nicht lose liegt, mit grossen im Boden eingelassenen Bollensteinen angenehm zu befahren. Wer jetzt keine Zeit hat die Umghebung zu geniessen,  war umsonst hier. Mir kommt die Gegend mit ihren flachen, abgeschliffenen, felsigen Hügeln und dem Gras zwischen dem weissen Gestein irgendwie vor wie in Norwegen bei den Gletschern.

Kurz darauf geht es um die bekannte Felshaarnadel am Col de la Boiare. Auch hier das typische Bild des felsigen, kantigen Untergrundes. Nicht gerade optimal für Costumbikes mit einem Federweg von knapp 20mm. Aber mit unseren Dickschiffen geht’s flüssig vorwärts und auch grössere Felsbrocken, die man hin und wieder auf dem Weg findet, sind höchstens eine positive Abwechslung. Nichts wovor man sich zu fürchten bräuchte.

Mir tun da manchmal die 4WDs leid. Die werden auf diesen Schotterstrecken so richtig durchgeschüttelt. Das tut einem schon vom Zuschauen weh! Nach rechts, dann links, rauf und runter, dann wird über die Diagonale gerollt, ein wahrer Schüttelbecher. Zum Glück haben wir auf dem Bike nur eine Achse, auf der geschüttelt wird. So haben wir den grossen Vorteil um einiges rassiger unterwegs sein zu können als alle Dosenfahrer. Die meisten, zumindest jene, die ihr Fahrzeug soweit unter Kontrolle haben, kann man ohne weiteres überholen und man wird auch kaum je daran gehindert. Hier wird nicht gedrängelt, sondern der Schnellere fährt vor.

Obwohl man meist nur einige Kilometer von der „Zivilisation“ entfernt, ist kann man auf der LGKS ein kleinwenig Abenteuer-Feeling erleben. Man fühlt sich halt ein Bisschen, wie wenn man irgendwo auf einem anderen Kontinenten (z.B. in den Anden Südamerikas) unterwegs wäre. Einfach traumhaft, ideal zum Abschalten. Wer will, kann ja auch sein Zelt mitnehmen und unterwegs übernachten. Das machen auch einige der 4WDler so.

Plötzlich treffen wir auf ein Fahrverbot wegen „Landslide“, also wegen Erdrutsches. Sogar ein Schlagbaum über die Strasse soll ein Weiterfahren verhindern. Das kommt uns mächtig seltsam vor, sind uns doch vorher sogar Autos entgegen gekommen. Ob das wohl der Hinweis der KTM-Biker entsprechen sollte? Werden wir heute doch noch ins Schwitzen kommen? Mit Fahrverboten auf der ligurischen Grenzkammstrasse verhält es sich im Allgemeinen in etwa gleich, wie mit der „Empfehlung“ in Italien bei einer einfachen Sicherheitslinie nicht zu überholen. Inzwischen sind die drei Deutschen wieder zu uns aufgeschlossen. Zusammen besprechen wir, wie wir weiter vorgehen möchten. Während wir noch diskutieren sehen wir an der Krete plötzlich, wie zwei Off-Roader um die Ecke kommen. Aha, dann ist da wohl doch nicht so viel im Argen. Irgendwie hat einer der Deutschen den Schlagbaum öffnen können. So scheint es, dass selbst Schranken, die die Strasse „blockieren“ meist nur angelehnt und bestenfalls als Empfehlung zu erachten sind. Denn die Autofahrer bestätigen, da ist überall gutes Durchkommen.

Wunderbar, dann also los. Schon bald darauf sehen wir von weitem die Passhöhe des Col di Tende. Dieser wird gekrönt durch ein massives, altes Fort, das Fort Centrale. Es stammt noch aus dem Jahre 1880, einer eher kriegerischen Zeit.

Natürlich lohnt es sich, auch mal einen Blick ins Innere des Forts zu werfen, allerdings auf eigene Gefahr. Auf Grund seines Alters ist auch nicht mehr alles so taufrisch und das eine oder andere ist auch schon eingestürzt!

Nach einem kleinen Schwatz mit den Deutschen, die wir ja unterwegs nun immer mal wieder getroffen haben, geht es bei uns wieder Richtung Süden, während die anderen Norden zufahren.

Bevor wir abfahren haben wir noch das Vergnügen, einen 4WDler zu beobachten, der sich um eine enge Kehre unterhalb des Forts zwängen will. Und eins ist sicher, etwas zu erzwingen ist auf diesen Strassen nie sinnvoll und endet oftmals ganz übel. Nur mit äusserst viel Glück kann die Fahrerin es im letzten Moment verhindern, dass ihr Landcruiser, der schon nur noch auf zwei Rändern steht, nicht ratzebutz über die Fahrbahnkante kippt und ins Tal stürzt. Auch Nick neben mir und einige andere, die das Manöver mitverfolgt haben, atmen erleichtert auf, als sich die Sache doch noch zum Guten wendet. Einmal mehr zeigt sich, dass man auf dieser Strecke besser nicht auf Glück, sondern auf Verstand setzten sollte. Insofern muss ich übrigens sagen, dass wir mit unseren Nicht-Enduro-Pneus nur deshalb weiter auf der LGKS gefahren sind, weil der Wetterbericht für die nächsten Tage keinen Regen vorausgesagt hatte. Anderenfalls wäre das Ganze ebenfalls ein Spiel mit einem überaus grossen „Glücksfaktor“ gewesen.

Die Abfahrt von der Passhöhe bis zur Tunnelausfahrt ist gespickt mit Kurven. Im oberen Teil noch etwas weniger als unten. Dafür ist (leider) ein Grossteil der Strecke inzwischen asphaltiert worden – welche Schande! Die kleinen Kehren lassen sich aber auch mit einer Strassenmaschine gut bewältigen, sofern das Kies dem geneigten Racer nicht zu sehr zu schaffen macht.

Von der Tunnelhöhe geht es dann auf gutem Belag um die Kurven. Da kommt man fast in den Kurvenrausch, nachdem man zuvor ja auf rutschiger Strecke unterwegs war, kann man hier mal wieder an den Angsträndern feilen.

Als Dessert geht’s auch heute wieder über das kleine, kaum befahrene, enge und schöne Pässchen Trinità und Camporosso, von welchem man eine sehr weite Sicht bis runter ins Tal und zum Meer geniesst, genau, was man nach einem interessanten, aber auch fordernden Tag braucht.