Einmal quer durchs Piemont



Tag 1 - Nach einem kleinen Frühstück sitzen wir schon ziemlich früh auf dem Bock, denn heute soll es ins viel umschwärmte Piemont gehen. Von Savosa aus, einer Jugendherberge ob Lugano, fahren wir los und geniessen den klaren Himmel und die saubere Luft. Wir schlängeln uns durch die noch völlig ruhigen und verschlafenen Häuserschluchten Luganos auf die Autobahn nach Süden. Den Gotthardstau haben wir gestern hinter uns gelassen und so sind wir voller Zuversicht, schon bald in Acqui Terme ins warme Wasser steigen zu können.

Doch weit gefehlt! Schon kurz vor Como beginnt ein übler Stau. So was haben wir erst vor Kurzem auf unserer Gardatour erlebt und eins ist sicher, diesmal bleiben wir nicht auf der Autobahn und spielen „Stop-and-go“ bis hinunter nach Milano. Bei der nächsten Ausfahrt geht’s also runter von der doppelspurigen Strasse. Wir lassen das Zumo 550 von Garmin die Reiseleitung übernehmen. Als Ziel geben wir ganz einfach Acqui Terme ein, den Rest überlassen wir dem GPS. Wo wird uns das kleine Wundergerät wohl durchlotsen?

Bisher kannte ich Milano eigentlich nur von Autobahnschildern und Staumeldungen, nun ermöglicht mir das GPS, mitten durch das Herz der pulsierenden Metropole zu fahren. Nun, fahren ist wohl etwas zu schön ausgedrückt. Wir quetschen, drücken, schlängeln und drängeln uns durch den dichten und ziemlich aggressiven Stadtverkehr. Hier gilt, Vorfahrt hat der Geschicktere bzw. Frechere. So soll es denn sein, das ist mir von Südamerika her wohl bekannt und da kenne ich noch einige Tricks. Angepasst habe ich mich daher schnell und schon bald liegt das Gewusel hinter uns. Diese Stadt-Erfahrung möchte ich nicht missen, es war mal eine Abwechslung und mal etwas Neues, durch diesen riesigen Pulk zu zirkeln, den alten, verrosteten Strassenbahnen in den Aussenbezirken zu folgen und sich durch das Gewühl der Italienischen Machos zu kämpfen. Nichts desto trotz würde ich das nächste Mal westlich der Stadt auf den meist leeren Landstrassen nach Süden heizen, denn das Ziel ist ja Acqui Terme und nicht Milano.

Südlich der Grossstadt begeben wir uns erneut auf die Autobahn und siehe da, alles frei. Mit gut 135km/h ziehen wir auf der A7 nach Süden. Die Poebene ist diesmal irgendwie weniger lang, als sie mir in Erinnerung war. Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass es nicht ganz so heiss ist, wie bei den letzten Durchquerungen. Ausserdem ist es heute viel Grüner, lebendiger und im Allgemeinen angenehmer als bei früheren Durchfahrten.

In Novi Ligure verlassen wir die Autobahn und suchen unseren Weg auf kleineren Strassen. Über Feldwege und durch kleine Dörfer führt uns unser kleiner, elekronischer Reiseführer. Irgendwie interessant, denn hätte ich meine Route selbst gewählt, so wäre ich sicherlich nie in so einsame, abgelegene Orte gekommen. Noch besser finde ich aber, dass ich so auf den Strassen beinahe alleine bin und mein Tempo entsprechend wählen kann.

Bei einem kleinen Mittagshalt auf einer Wiese, höre ich ein mir irgendwie bekanntes Brummen hinter den angrenzenden Bäumen. Mein Benzinanteil im Blut verrät mir sofort um was es sich handelt, keine Frage: das müssen warmgelaufene 2- und 4-Takter sein, die von ihren Reitern gequält werden. Da kann ich nicht mehr lange ruhig sitzen und wir verlegen unsere Pause in Richtung der Geräusche. Kaum biegen wir um die letzte Ecke des kleinen Wäldchens sehe ich, was es ist: Eine schöne Motocrosspiste, auf welcher ein halbes Dutzend Crosser ihre motorisierten Zweiräder über den Dreck und Staub dirigieren und dabei immer wieder zu hohen Sprüngen ansetzen. Einfach super, wenn ich das mal mit meiner 990er machen könnte.

Ich kann mich kaum sattsehen, meiner Sozia aber reicht es irgendwann und es geht weiter. Nach gut einer halben Stunde erreichen wir die Ausläufer von Acqui. Ursprünglich dachte ich, dass Acqui Terme schon so richtig in den Hügeln des Piemonts liegt, doch weit gefehlt, es liegt gerade an der Grenze zu ihnen.

Wir halten Ausschau nach einer geeigneten Unterkunft, denn reserviert haben wir nichts. Ich mache Halt an einem Touristen-Info-Büro, doch die haben geschlossen bis irgendwann am späten Abend, so ist das halt hier in Italien. Aber immerhin haben sie eine Liste mit Hotel und B+B-Adressen an die Tür geklebt. Mit eben jener machen wir uns daran, eins nach dem anderen abzuklappern.

Im Zentrum ist kaum mehr etwas anständiges zu finden und viel Zeit zum Suchen wollen wir nicht auf uns nehmen. Nach einigen erfolglosen Versuchen in B+B`s fragen wir im „viel versprechenden“ Hotel VIP nach. Die Zimmer sind weitgehend frei und da wir uns von Anfang an für ein der Strasse abgewandtes Zimmer erkundigen, macht die Besitzerin eine Ausnahme. Anstatt 130 Euro kriegen wir die „Junior-Suite“ für 70 Euro. „Junior-Suite“? Habe ich richtig gehört? Aber tatsächlich, es handelt sich um ein schön grosses Zimmer mit Sofa, bequemem Bett und viel Platz. Warum wir die Suite bekamen? Nun, sie hat keine anderen Zimmer, die nach hinten hinausliegen. Wieder einmal haben wir Glück bei der Wahl unseres Hotels. Von aussen sieht das Hotel nicht gerade zum Anbeissen aus, aber von Innen ist das Zimmer super.

Nach einem kleinen Bad in der eingebauten Sprudelwanne machen wir uns auf und erkunden den Rest des Tages die kleine Stadt Acqui Terme. Wir besuchen die Plaza de la Bollente, wo sich eine 74°C heisse Quelle ergiesst und beschliessen den Abend mit einem feinen Italienischen Essen in einem kleinen aber umso feineren Restaurant.

Tag 2- Wir kurven kleinen Strässchen folgend über die an Acqui Terme anschliessenden, Piemonttypischen Hügel. Was mich eigentlich wundert ist, dass wir kaum auf andere Motorradfahrer treffen. Ok, wir wählen auch extra die unscheinbaren „Feldwege“, aber eben genau diese bringen einen auf die Hügel hinauf und erlauben geniale Fernsichten auf die vielen, oft von Burgen begründeten Örtchen auf den Hügelspitzen. Die auf der Karte meist dick eingezeichneten Strecken führen zu-meist durch die Täler und sind ziemlich langweilig.

Der Motor schnurrt, als wir mal wieder an einem der vielen, typischen Steinhäuser mit den runden Dachziegeln vorbei fahren. Auf den Feldern steht das goldene Getreide und überall spriest die Natur. Die Düfte klammern sich in der Nase fest und Insekten schwirren über die Strasse und durch die Luft.

Auf den Hügelkuppen finden wir dann meist eine kleine Häuseransammlung vor, die eine alte Burgruine umgeben. Doch eins ist fast überall gleich, wir treffen kaum auf Leute, und wenn, dann sitzen diese an einem Tischchen, trinken Kaffee und geniessen den Tag.

Oft finden wir ganze Mohnfelder, die rot blühend Farbkontraste zwischen dem Beige der Felder und dem Grün der Bäume und Sträucher bilden. Für das Auge ist es hier einfach genial, ganz zu schweigen von den genialen, schmalen Strässchen, die sich ihren Weg quer durch die hügelige Landschaft suchen. Die Durchschnittsgeschwindigkeit ist heute um einiges geringer als gestern, als wir noch über die Autobahn düsten. Doch genau so muss es eigentlich sein, schlicht das Paradies für den kurvenliebenden Biker, der sich nicht hinter einem grossen Fernreisebus über vollgestopfte Alpenpässe quälen will.

In Roddino finden wir gleich an der Strasse eine unauffällige Trattoria, in welcher wir die einzigen Touristen sind, also genau das, was wir suchen. Für 10 Euro gibt es da das Tagesmenu. Wir sitzen in der wärmenden Sonne an der spärlich befahrenen Dorfstrasse, verwöhnen unsere Geschmacksknospen mit knackigem Salat mit dem würzigem Italienischen Essig und aromatischem Olivenöl und geniessen das berühmte Dolce Vita. So müsste es immer sein! Wer es übrigens etwas touristischer mag, der trifft etwa 10 Minuten weiter in Monforte d`Alba auf diverse Touristenrestaurants, inkl. vieler Touristen.

Allerdings ist Monforte auch sonst noch schön. Es lohnt sich mal von Bike zu steigen und das kleine Örtchen zu Fuss zu durchwandern. Auch Wanderfaule können dies noch meistern, schliesslich ist die Ortschaft wirklich nicht sehr gross. Aber die vielen schmalen, steinernen Häuser, welches eins am nächsten angebaut wurden, verkörpern das Piemont wirklich genauso, wie wir uns das vorstellen.

Nach dieser Ortschaft lohnt es sich übrigens über Perno nach Norden zu fahren. Einerseits, weil die Strasse über die Hügelkuppen geht und man eine schöne Aussicht geniessen kann, andererseits wegen der danach folgenden Kurven.

Mit der Überquerung des Flusses Tanaro verlässt man kurz die hügelige Gegend des Piemont. Nur kurz „bäumt“ es sich danach nochmals auf und offeriert uns von Pollenzo über Sommavilla bis Pralormo einige Kurvenkombinationen, die sich gewaschen haben. Vor allem die aneinanderhängende Kombination zwischen S. Stefano Roero und Tre Rivi (SP110) ist so gut, dass ich oben angekommen gleich nochmals umkehre, um sie erneut unter die Räder zu nehmen.

Ab da wird die Gegend immer flacher und für Motorradfahrer eher uninteressant. Das ist auch der Grund, weshalb sich ab hier unser Reisetempo erhöht. Unser eigentliches Tagesziel war Chieri, doch ist uns zur Zeit nicht nach Stadt zu Mute und so beschliessen wir, bis zu den Alpen weiter nach Norden zu fahren. Quer durch die kleine Stadt fahren wir also in Richtung Turin

Um Turin zu umgehen und nicht unbedingt durch das verkehrsreiche Zentrum zu durchqueren entscheiden wir uns, östlich davon nach Norden zu fahren. In Pino Torinese biegen wir also ab auf die Via die Colli, eine als sehr schön bezeichnete Strecke. Und wahrlich, sie ist super. Die Kurven sind schön rund geschwungen, allerdings teilweise auf der Kurvenaussenseite abfallend geneigt. Wir sind fast allein, nur selten kommt ein Auto entgegen, so richtig zum Geniessen. Wir schwingen gemütlich durch die Waldstücke, als vor uns plötzlich ein Polizist auf der Strasse steht und uns auf die Seite winkt. Natürlich halten wir an und fragen uns dabei, was wir auf dem letzten Kilometer evtl. alles für Verkehrsregeln missachtet haben. Mir wird nichts bewusst, sogar die maximale Geschwindigkeit habe wir meist deutlich unterschritten, ich muss mir also nichts vorwerfen.

Naja, so dachten wir zumindest, bis er uns fragt, ob wir denn das Fahrverbot nicht gesehen hätten. Fahrverbot??? Das kann nicht sein, uns kamen ja auch Fahrzeuge entgegen. Neee, der will mich sicher verarschen! Doch, doch meint er, es habe da ein Fahrverbot für Motorradfahrer. Jetzt glaube ich erst recht, dass er sich einen Scherz erlaubt. Hier sollen Autos durchfahren dürfen, Bikes aber nicht? Genau so ist es, wie er und seine zwei Kollegen mir anschliessend glaubhaft erklären, und einen Grund gibt es dazu auch. Auf dieser Bergstrecke haben sich in der Vergangenheit bevorzugt Turiner Biker ausgetobt und verursachten so wiederholt schwere, oft tödliche Unfälle.

Jetzt bin ich baff, ja gut, ganz leicht fange ich mich an zu erinnern, dass ich anfangs der Strecke ein Verbotsschild gesehen habe, allerdings war dies zwischen meiner Strasse und einer abzweigenden Strecke, so dass ich es nicht auf unsere Route bezog, wie sollte ich auch, war ja völlig unlogisch.

Wir entschuldigen uns ganz förmlich und sagen sofort zu umzukehren, schliesslich wollen wir ja nicht absichtlich das Gesetz brechen. Nachdem wir aber offensichtlich äusserst vertrauenswürdig aussehen und mit unserem schwer beladenen Lastesel rasen eh nicht in Frage kommt, bietet er uns an, dass wir die Strecke weiterfahren dürfen, sofern wir äusserst vorsichtig fahren würden. Natürlich sagen wir da zu, schliesslich spart uns dies viel Zeit. Ohne Busse und in gemächlichem Tempo lässt er uns ziehen – mal wieder Glück gehabt!

Nun, da ich die Geschichte dieser Strecke kenne, muss ich sagen, das hat schon was. Ich kann mir gut vorstellen, wie der eine oder andere sich hier überschätzt hatte, denn wenn ich ehrlich bin, die Strasse verlockt schon etwas am Gashahn zu drehen.

Wir allerdings bleiben bei langsamem Tempo, vor allem, da der Polizist uns vor weiteren Kontrollen gewarnt hat. Dies ist allerdings schnell vergessen, denn die Gegend ist echt super. Als führen wir durch einen Park, kommt es uns vor. Absolut ruhig, lichte Wälder entlang der Strecke, zwischendurch öffnen sich helle Wiesen und immer mal wieder passieren wir Wanderer, die ebenfalls dieser schönen Strecke folgen. Nun, weit daneben liege ich mit meiner Vermutung vom Park nicht, die Strasse führt nämlich teilweise durch den Parco Naturale Collina di Superga. Echt schade, dass es offiziell verboten ist, die Strecke zu befahren, wer aber eine Busse riskieren möchte kanns ja probieren.

Zum Schluss führt die Strasse steil und in etlichen Kurven wieder runter in Richtung Turin, doch glücklicherweise haben wir das meiste der Stadt so umfahren und können nun ziemlich direkt auf die Autobahn A4. Kurze Zeit später halten wir auf der A5 nach Aosta, und nach nur 25 Minuten er-reichen wir schon wieder die gewünschte Ausfahrt in Quincinetto. Von nun an heisst es, Augen offen halten nach einer geeigneten Unterkunft.

Von Settimo Vittone folgen wir einem schmalen Strässchen den Berghängen hinauf, die wir von der Autobahn her bereits gesehen haben. Sie bilden den Beginn der Alpen von der Italienischen Seite her und sind aus der Pooeben kommend ziemlich eindrücklich.

Das Weglein windet sich zwischen Felsbrocken hindurch und steigt immer weiter in die Höhe. Hier ist Vorsicht geboten. Nicht nur, dass sich immer mal wieder Velofahrer hinter einer Kurve harzig die Ansteigung hinauf quälen, auch Gegenverkehr ist hier möglich. Allerdings ist genau dies evtl. problematisch, denn Platz hat es nicht allzu viel und die Einheimischen kennen keine Geschwindigkeitslimiten, auch nicht auf den schmalen Strecken.

In Nomaglio werden wir dann endlich fündig. Im alten Ortskern stellen wir unser Moto unweit des Kirchturmes ab und beziehen ein kleines, aber sauberes Zimmer. Das heisst, wir müssen noch warten, bis die Bettwäsche aufgezogen ist und alles perfekt hergereichtet worden ist, denn um diese Zeit haben sie nicht mehr mit Gästen gerechnet und die Arbeit daher auf morgen verschieben wollen. Die Sonne steht aber noch derart hoch am Himmel, dass wir gar nicht an Schlafen denken mögen. So geniessen wir zuerst unseren Znacht, bestehend aus feinem geräuchertem Schinken, knusprigem Brot, frischen Erdbeeren und anderen Italienischen Leckerein, die wir uns auf dem Weg besorgt haben, bevor wir im Dorf noch einen kleinen Spaziergang machen, welchen wir ürbigens empfehlen können. Neben den für diese Bergdörfer typischen schmalen Gässchen bietet dieses Örtchen einen kleinen Laden mit dem Nötigsten an Lebensmitteln, ach ja, und nicht zu vergessen, mindestens ein Hund pro bewohntem Haus.

Tag 3 - Früh treibt es uns aus den Federn, denn mich nervt schon die ganze Nacht lang eine gemein beissende Nase. Der Frühling hat halt nicht nur seine Vorteile bzgl. Bikerwetter, sondern macht so manch einem auch einen dicken Strich in Form einer ewig laufenden Nase durch die Rechnung. Wir knabbern unser gestern Abend selbst noch eingekauftes Frühstück. Denn wenn ich eins nicht mag an Italien, dann ist es das meist kärgliche Frühstück, bei welchem man neben dem üblichen Kaffee nur noch mit trockenem Süssgebäck abgespiesen wird.

Die Strecke geht gleich so weiter, wie sie gestern aufgehört hat. Schmal, mit unzähligen Kurven und, besonders wichtig, mit kaum Gegenverkehr. Das hat dann aber auch den Nachteil, dass man kaum je „Etwas“ zum überholen hat. Doch seien wir ehrlich, wen stört das schon, bei diesen fantastischen Strassen.

Auf der Strecke von Donato über Netro nach Gralia ist die Strasse ziemlich verwinkelt. Meist geht es durch Wald und die Strasse ist teilweise etwas feucht von der Nacht. Zwischendurch erhaschen wir eine fantastische Aussicht. Wir schwingen den Hang entlang bis wir die Ausläufer Biellas erreichen. Hier zweigen wir ab nach Norden. Unser Ziel ist das Santuario di Oropa, eine grosse Kirche unterhalb des Monte Mucrone. Viele Velofahrer kämpfen sich die steile Strasse hinauf und auch einige wenige Motorradfahrer scheinen sich hierher verirrt zu haben. Diese kann man aber an einer Hand abzählen. Wir haben vor, danach über die Schotterstrecke gleich rüber bis nach Rosazza zu fahren. Um dafür noch etwas Kräfte zu sammeln, machen wir an einer kleinen Abzweigung Halt und geniessen die Sonne. Dabei beobachten wir, wie sich die Mountainbiker mit den Rennvelofahrern ein Rennen liefern. Keiner schient dem anderen zu gönnen, schneller zu sein.

Kaum erreichen wir Oropa, tritt die übermächtige Kirche in den Vordergrund. Weiss und voluminös steht sie wichtig im Zentrum des Tals. Als wäre die Kirche selbst noch nicht eindrucksvoll genug, scheint ein grosses Zugangsportal ihre Wichtigkeit hervorheben zu wollen. Davor befinden sich Parkplätze und die Strasse. Folgt man dieser auf der linken Seite entlang weiter nach oben, so gelangt man hinter die Kathedrale, wo sich ein kleiner Botanischer Garten befindet (2 Euro Eintritt). Wir folgen der Strasse noch weiter, doch schon kurz oberhalb ist Schluss, die Strasse ist wegen Reparaturarbeiten gesperrt. Nicht, dass ich mit der KTM nicht durchgekommen wäre, nein, ich hät-te mich sogar gefreut, meiner Enduristin mal wieder etwas Kies unter den Rädern bieten zu können, aber es hat mir hier eindeutig zu viele Zeugen.

So folgen wir der Strasse ins Tal und begeben uns auf der gegenüberliegenden Talseite wieder auf Nordkurs. Etwa auf Höhe von Oropa folgen wir einem kleinen Rechtsabzweiger nach Rialmosso. Dass dies kein Fehler war, zeigt sich uns schon kurz darauf. Völlig allein auf weiter Flur schwingen wir von einer engen Kurve zur nächsten. Dabei kommen wir an Tomati vorbei, einem winzigen „Weiler“ mit typischen, alten Häusern, wo die Wäsche zum Trocknen noch vor der Holzdiele hängt und nicht in der Waschküche. Aber auch die Einwohner sind nett, sie winken uns sogar nach, als wir weiterfahren.

Schnellfahren ist hier nicht, die Strasse ist nicht für hohe Geschwindigkeiten ausgelegt, dafür hat man sie für sich alleine. Die kleine Abzweigung nach Orio-Mosso ist zwar eine Sackgasse, aber schön ist sie trotzdem. Etwa ein Dutzend enge Haarnadelkehren leiten einen bis unter das Dörfchen, wo die Weiterfahrt einerseits durch ein Fahrverbot, andererseits (etwas später) durch enger werdende Treppen verhindert wird. Nun gut, mit einer kleinen Crossmaschine würde man es wohl schaffen, ob die Anwohner Freude am Druchfahrtsversuch hätte, mag ich zu bezweifeln.

So folgen wir dem Weg oberhalb der Talstrasse bis nach Campiglia Cervo, wo man wieder auf die breitere Talstrasse trifft. Von hier aus beginnt das eigentliche Highlight des Tages. Die Panoramastrasse hinauf nach Bielmont, einem kleinen Wintersportort. Unzählbar viele Kurven und ein immer wieder zwischen den Bäumen zu erhaschendes Panorama macht die Strecke zum Muss einer jeden Tour in dieser Gegend. Bei einem Fotohalt werden wir von einer Herde BMW GS überholt, die sich anständig nicht nur an die Geschwindigkeit hält, sondern vorbildlich Kurven auf ihrer Seite anfährt und dort auch während des ganzen Kurvenverlaufs bleibt. Wir hängen uns an sie und geniessen die wunderbare Freiheit.

Doch nicht nur die fantastische Sicht bei der Anfahrt nach Bielmont ist genial, sondern auch die danach folgende Abfahrt nach Trivero. Die Einwohner haben daraus lange Alleen gemacht und überall am Strassenrand blühen riesige Blütenstücke. Das ist zwar nicht gerade ideal für meine sowieso schon etwas Heuschnupfen geplagte Nase, aber ein oder zweimal mehr niesen nehme ich für diese gepflegte Umgebung gerne in Kauf.

Nun folgt die Querung hinüber zum Lago di Orta. Hier gibt es die Möglichkeit, entweder in Borgosesia nach Norden zu halten und über Civiasco einen kleinen Pass, „den Colma“, zu nehmen, oder aber, und diese Variante haben wir gewählt über Gozzano an der östlichen Seeseite nach Norden zu fahren. Wir werden nicht enttäuscht. Die Sicht auf den See ist sehr schön. Die Sonne glitzert auf den Wellen, kleine Schiffchen golden im Wind und wir fühlen uns, als wären wir eben am Gar-dasee angelangt.

Wer noch Zeit und Lust hat, kann in Omegna von der Hauptroute abzweigen und etwas zurück den 1355m hohen Baita Omegna fahren, um in Stresa der anderen Seestrasse nach Norden zu folgen. Diese Strasse empfiehlt sich eigentlich eher als das dunkle Tunnel nach Casale, aber wir haben leider die Abfahrt vepasst. Na, was soll’s, so erreichen wir wenigstens etwas früher unser Ziel.

Wir fahren quer durch das pulsierende Verbania und beobachten, wie sich zwei Rennmaschinen an jeder Ampel erneut ein Beschleunigungsrennen liefern. Mit unserem schweren Moto können wir da nicht mithalten und wollen wir auch nicht. Ziel ist es, vor den Autos wegzukommen und das gelingt immer. Und da wir die beiden Bikes ja an jeder Ampel wieder sehen, hat es doch noch einen gewissen Unterhaltungswert für uns.

Etwas ausserhalb des Stadtzentrums biegen wir ab in Richtung Premeno. Wer hier schon genug hat, der kann in Bée in einer regelrechten kleinen „Perle“ von Hotel übernachten. Das Hotel „Chi Ghinn“ liegt etwas versteckt und ist nicht leicht zu finden. Das hat allerdings den Vorteil, dass es ruhig liegt und nicht überlaufen ist. Allerdings hat es einen stolzen Preis. Wir fahren noch etwas weiter.

Es wird waldig und kühler, die Strasse ist irgendwie verlassener. Der Belag ist dafür ziemlich neu und sicherlich bietet er unglaublichen Grip, doch wer sich hier zu unüberlegten Aktionen hinreissen lässt, lebt gefährlich. Nicht nur, dass plötzlich uneinsehbare Kurven enger werden, sondern kann auch plötzlich ein kleiner Dreirad-Zweitaktstinker, wie sie hier noch üblich sind im Weg stehen oder gar Kurve schneidend entgegen kommen. Geschwindigkeit will hier wohl überlegt sein.

Um gut 16.30 Uhr erreichen wir unsere Unterkunft, die Herberge la Dislocanda. Es ist die letzte, bevor es hinauf zum Pass geht. Mit einem feinen Essen im integrierten Restaurant und viel gemüt-licher Atmosphäre beschliessen wir diesen Supertag.

Tag 4 - Im Wald herrscht noch Ruhe, als wir unsere Kati zur ersten Hochleistung antreiben. Gleich nach der Unterkunft beginnt der Anstieg zur Passhöhe. Viele Serpentinen führen im Wald den berg hinauf. Zwischendurch kann man an den Kurven jeweils ein grosses Panorama erhaschen. Ein halt am richtigen Ort lohnt sich. Sofern es nicht dunstig ist, reicht die Aussicht noch um vieles weiter.

Die Abfahrt nach Trarego ist eher einsam. Eigentlich genau das, was wir wollen, denn so haben wir die herrliche Aussicht auf den nördlichen Teil des Lago Maggiores vollständig für uns. Die alte, zerrissene Asphaltstrasse führt uns über Wiesen und an Farnfeldern vorbei, bevor sie dann steil und sehr kurvig an den See hinunter führt.

Dass die einheimischen Italiener es manchmal etwas übertreiben mit dem Fahren, erfahren wir beinahe am eigenen Leib, als es vor einer Kurve hinter uns plötzlich scheppert. Ich zucke zusammen, bin allerdings schon im Kurvenmanöver, kann also nichts mehr verändern. An der Kurvenausfahrt schaue ich und meine Sozia zurück, da sehen wir, wie ein Rollerfahrer gerade wieder aufsteht und in einer Windeseile seinen am Boden liegenden Roller aufstemmt. Er wollte mich offensichtlich noch kurz vor der Kurve überholen, hatte sich aber scheinbar im Bremsweg oder der Bremswirkung seines Mopeds geirrt, hat aber nochmals Glück im Unglück gehabt. Beruhigt fahren wir weiter. Keine drei Kehren weiter unten, ich folge eben in einem grösseren Abstand einem Personenwagen, überholt mich eben jener Rollerfahrer in einem irrwitzigen Tempo, wiederum auf eine Kurve hin. Ich denke mir noch, "Junge, Junge, hast Du denn das Auto nicht gesehen?" Und „Du musst mir aber scheinbar beweisen, dass Du besser fahren kannst als noch eben“, da komme ich um die Kurve und was sehen wir? Das Auto steht am Strassenrand, dahinter stösst der Rollerfahrer seinen Roller auf die Seite. Dieser ist ihm soeben hinten ins Auto gedonnert. Naja, verletzter Stolz, ob gerechtfertigt oder nicht sei dahin gestellt, kann manchmal üble Folgen haben.

Am See folgen wir der Seestrasse nach Norden. Während eines Fotostopps fährt, nun in angemessenem Tempo, der uns inzwischen bekannte Rollerfahrer an uns vorbei, uns keines Blickes würdigend. Na ja, wir hoffen, er hat wenigstens etwas aus seinem Unfall gelernt.

Die Seestrasse ist nicht gerade das, was sich ein Biker wünscht, denn mit Überholen ist da kaum etwas und die Durchschnittsgeschwindigkeit liegt etwa bei 50km/h. Wir haben aber eh nicht vor über die Gotthardroute nach Hause zu fahren. So zweigen wir eingangs Cannobio mit Ziel Malesco ins Landesinnere ab.

Diese Strecke kennen wir schon aus der Tour „Centovalli, Valle Onsernone und andere Tessiner Traumdestinationen“, aber von Cannobio her ist sie noch viel besser zum Fahren. Allerdings sollte es möglichst verständnisvolle Autofahrer haben, denn auch hier ist ohne das „Einverständnis“ der Autofahrers ein Überholen nur mit grösseren Risiken möglich, zumindest gilt das für den Anfang und für unser breites, mit Kisten beladenes Motorrad. Später wird es besser.

Die Strasse ist schmal, windig und verwinkelt, der Belag lässt teilweise zu wünschen übrig. Nichts desto trotz ist es eine geniale Strecke. Überall wachsen Büsche und Bäume gleich an der Strasse, Übersicht ist schwierig zu erlangen. Es heisst, die Finger an den Bremsen zu belassen.

Wir folgen einem 4x4-Offroader, der uns unbedingt beweisen möchte, wie gut er die Kraft des Motors auf die Strasse bringt. Allerdings missversteht er, weshalb ich nicht überhole. Nicht etwa, weil er dermassen schnell wäre, sondern, weil er durch sein Fahren die gesamte Strasse beansprucht und ich mit meinen breiten Koffern so keine Chance habe, an ihm vorbei zu kommen. Erst als ich ihn vor einer Baustelle dann doch mal überholen kann, können wir die Strecke voll geniessen.

Wir schwingen um die Kurven, als wären wir im Slalomtraining. Die Bremsen laufen heiss vom ewigen Runterbremsen vor den engen und uneinsehbaren Kurven, doch ich spüre es, die 990er läuft hier zu ihrer wahren Höchstleistung auf. Ebenfalls eine Höchstleistung erbringen aber auch all die vielen Velofahrer, die sich den Berg hinauf quälen und die wir ohne Probleme hinter uns lassen. Allerdings muss ich schon zugeben, dass eine Pässeüberquerung eine ganz andere Dimen-sion annehmen, wenn man sie anstelle per Moto eben mit dem Velo unter die Räder nimmt. Hut ab vor deren Leistung.

Etwa in der Hälfte wird die Strasse breiter und die Konzentration kann etwas zurück gefahren werden. Von Malesco aus könnte man nun durch das Centovalli in Richtung Lugano abzweigen, sollte man es sich doch noch einmal anders überlegt haben (bzgl. Gotthardroute). Wir allerdings folgen der breit ausgebauten, trotzdem kurvigen Strasse nach Domodossola. Sie führt durch ein Tal, das sich teilweise bis zu einer schmalen Schlucht verengt, um dann wieder breiter zu werden.

An Domodossola vorbei geht es ins Val Divedro, wo schon bald die Schweizer Grenze auf uns wartet. Stau hat es kaum und wenn, dann fahren wir einfach an ihm vorbei, immerhin muss man als Biker ja seine Vorteile nutzen. Durch die Gondoschlucht folgen wir nun dem Asphaltband in Richtung Simplonpass. Immer wieder taucht man in einen kurzen Tunnel ein, der meist aus Sicherheitsgründen vor Steinschlag errichtet wurde. Hier hat es nicht nur mehr Verkehr als bisher, hier treffen wir auf die meisten Motos der ganzen Tour. Da hat es Deutsche Fernreisende mit viel Gepäck, aber auch schlanke Ducatis mit Walliser Kennzeichen.

Kurz nach der Ortschaft Gabi hat es noch eine etwas enge Tunnelkehre, ab da muss man darauf achten, die Tachonadel nicht zu hoch steigen zu lassen, denn die Strecke verlockt dazu. Langgezogene Kurven und guter Belag lassen nichts zu wünschen übrig.

Je höher wir kommen, desto kühler wird es. Auf der Passhöhe pfeift der Wind dann schon gehörig um die Ecken und so belassen wir die Mittagspause bei einem kurzen Halt. Auch die Abfahrt ist lang gezogen und würde ein schnelleres Fahren erlauben, wenn da doch nicht die rechtlichen Vorgaben wären. Aber so ist es nun mal und so geniessen wir halt die schöne Aussicht auf die Umgebung. Von Brig aus folgen wir der Strasse durch das Goms, der Schweizer Sonnenstube, bis hinauf nach Ulrichen, bevor es wieder ernsthaft interessant wird für unsere KTM.

Die Strecke hinauf nach Gletsch ist super. Griffig und nicht zu eng, aber dennoch kurvig, geradezu ideal zum Überholen, wäre da nicht dieser etwas zu gross gewachsene Roller vor mir. Dieser 600-Kubik-Roller sitzt dem Auto vor uns am linken Hintereck und traut sich nicht nach vorn, denn offenbar fehlt ihm genau das Quäntchen Kraft, um hier zu überholen. Naja und ich kann nicht nach vorn, weil ich nie weiss, ob er nicht doch noch irgendwann überholt. Denn eins ist sicher, ich ken-nen „Murphys Law„ (in etwa: Wenn was schief geht, dann gleich richtig saftig und gleich alles was möglich ist auf einmal....) und wenn ich überholen würde, dann würde er sicherlich zum Gleichen Zeitpunkt rausziehen. Doch Fortuna ist mir Hold und so gelingt mir das Überholmanöver des Rollers bei einer günstigen Gelegenheit vor einem kleinen Felsentunnel doch noch ohne negative Folgen.

Während in Gletsch die meisten über den Grimsel abzweigen, ist unser Ziel der Fukapass. Ein gutes Dutzend Haarnadelkehren und viele schöne Aussichten später, gelangen wir auf die Passhöhe. Fast ebenso viele Kehren später erreichen wir über guten Belag das im Tal liegende Realp. Kein Wunder war der Belag gut, wurde er doch erst vor kurzem eingebaut. Dies merken wir kurze Zeit später, als wir selbst vor dem Lichtsignal der restlichen Baustelle stehen. Nun, lange warten müssen wir glücklicherweise nicht, dafür kann sich unsere Enduro endlich mal wieder beweisen, denn es folgt eine 500m lange Schotter- und Kiesstrecke. Während die Strassenmaschinen vorsichtig und langsam über den losen Untergrund hottern, gebe ich unserem „Skunk“ (so nennen wir unser Moto, weil es manchmal etwas „streng“ riecht) die Sporen. Die Federelemente arbeiten im Akkord und wir sausen an den anderen vorbei. Leider ist das Ganze nicht von langer Dauer, denn auf der folgenden Geraden überholen mich all jene Supersportler gleich wieder. Nun ja, immerhin ein kleiner Erfolg war es.

In Andermatt tanken wir ein letztes Mal, bevor wir über die Teufelsbrücke in die kurvenreiche Schöllenenschlucht eintauchen. Heute ist sie nicht besonders lustig, denn gleich zwei Cars und viel Gegenverkehr verunmöglichen ein angenehme zügiges Tempo. Aber was soll’s, immerhin kann man auch bei langsamer Geschwindigkeit die Kurven schön tief nehmen, bevor wir auf der Autobahn auf der weiteren Heimfahrt den Lenker meist gerade halten müssen.