Assieta- und Ligurische Grenzkammstrasse

1.Tag: Auch 2. Versuch beginnt mit Regen

Schon seit einiger Zeit habe ich mir vorgenommen, einmal die Ligurische Grenzkammstrasse zu befahren. Beim letzten Mal hat mir das Wetter einen ziemlichen Strich durch die Rechnung gemacht und so versuche ich es heute guten Mutes noch einmal.

Ich starte früh morgens mit meiner vollbeladenen Honda Africa Twin. Alles ist dabei: Kartenmaterial, Zelt, Werkzeug, Kleider und natürlich der Regenschutz. Schon als ich den Motor starte kribbelt es in den Fingern und ich kann es kaum erwarten einige Kilometer auf der lieben alten Honda zu drehen. Das Verkehrsaufkommen auf der Autobahn hält sich zu meinem Glück in Grenzen und so komme ich redlich gut voran. Auch an Bern bin ich schnell vorbei, allerdings spielt auch heute das Wetter noch nicht ganz mit. Schon kurz nachdem ich Bern hinter mir gelassen habe, muss ich meinen Regenschutz montieren. Plötzlicher Regen will mir die Reisefreude vermiesen und zwingt mich zu einem unplanmässigen Halt unter einer Autobahnbrücke. Das fängt ja gut an.

Ziemlich nass erreiche ich die Raststätte bei Monthey, wo ich mich mit meinem Bruder treffe, der mich auf der Tour begleiten möchte. Seine Yamaha XTZ 750 steht auch schon vor der Tür und so geselle ich mich zu ihm und wärme mich ebenfalls mit einer heissen Schokolade auf. Auch einen Halt auf der Toilette ist angesagt. Allerdings nicht um ein Geschäft auf dem stillen Örtchen zu verrichten, sondern um noch den letzten Regentropfen, die leider einen Weg durch den Regenschutz gefunden haben, mit dem Handfön den Garaus zu machen. Gemeinsam machen wir uns dann, wieder trocken hinter den Ohren, auf in Richtung Martigny.

Dort angekommen kaufen wir uns noch schnell einige Vorräte, um danach sorglos weiterfahren zu können. Dummerweise geschieht mir dabei jedoch ein Missgeschick: Ich verliere meine erst vor kurzem erworbene Brille und muss deswegen wohl die folgende Woche ohne Brille auskommen, denn nochmals zurück nach Zürich steht nicht zur Diskussion. Nur gut, dass ich lediglich eine schwache Korrektur habe und laut Gesetz nicht gezwungen bin, sie beim Fahren zu tragen. Als Gegenleistung hat nun Petrus ein Einsehen und lässt die Regenwolken mehrheitlich verschwinden. Erst hinter dem Grossen St. Bernhard begegnen uns wieder einige düstere Wolken.

Mehr oder minder unbeschwert nehmen wir den ersten kleinen Pass in Angriff. Aus der Stadt hinaus und gleich rechts den Hang hinauf, kurven wir indirekt via «Chemin-Dessous» nach Les Planches. Die kleine Strasse windet sich eng dem Felsen entlang in die Höhe und zum Teil passt nicht einmal mehr ein Auto neben mir durch, so eng ist die Strasse. Die schöne Aussicht auf Martigny versüsst einem trotzdem zusätzlich die Auffahrt zum Pässchen, bevor man nach einer kurzen Abfahrt in Sembrancher wieder auf die grosse Zubringerstrasse zum Gr. St. Bernhard stösst.

Wegen dem nur geringen Verkehr können wir schon bald abzweigen, um über den Pass, anstatt durch das kostenpflichtige Tunnel, über die Grenze nach Italien zu gelangen. Je weiter wir in die Höhe kommen, desto dunkler wird der Himmel. Petrus hat es doch noch nicht aufgegeben und beginnt uns kurz vor der Passhöhe mit Schnee einzudecken. Zum Glück bleibt dieser nicht liegen und bald geht es ja wieder hinunter, denn Winterbereifung haben wir natürlich nicht eingepackt. Eine geplante Pause bei den bekannten Bernhardiner-Hunden lassen wir sausen, dafür ist das Wetter zu schlecht.

Der Schneefall lässt auf der Talfahrt über die langezogenen Kurven ins Aostatal zu unserer Freude wieder nach und die Wolken geben endgültig auf. So kann ich bald wieder auf mein Regenkombi verzichten und dafür die nun zwischen den übrig gebliebenen Wolken durch blinzelnde Sonne beim Kurven schwingen geniessen. Von Städtchen fahren wir über Nebenstrassen in Richtung kleiner St. Bernhard und schon zeigt sich uns das erste mal die Italienische Mentalität: Obwohl Ausserorts bereits 90 angesagt sind (offiziell) werde ich mit meinen 100km/h schon fast zum Verkehrshindernis. Es bleibt mir nichts anderes übrig als mich anzupassen, will ich nicht von hinten abgeschossen werden. Auf Nebenstrassen carven wir weiter bis nach Pré St. Didier, wo die Auffahrt zum kleinen St. Bernhard lockt. Am unbewachten Zoll geht es vorbei auf die französische Seite, die EU hat ja auch ihr Gutes. Das Auge mag fast nicht mehr mithalten, so viele neue Eindrücke gibt es zu verarbeiten. Einen kleinen Schritt von der Schweiz entfernt und schon kommt Ferienfeeling in mir auf.

In Seez biegen wir ab in Richtung «Val d`Isére». Das Tal ist schön, schroffe Felsen begleiten uns während wir entlang dem Fluss Talaufwärts cruisen. Schon bevor wir durch eine Hand voll kleiner Tunnels den berühmten Skiort erreichen, sehen wir einige unschöne Hotelkomplexe, die wie als Begrüssungskomitee schon von weitem sichtbar sind. Nur eine wenige Hotels sind zu dieser Jahreszeit geöffnet und das ganze «Dorf» sähe wie ausgestorben aus, wäre nicht per Zufall an diesem Wochenende eine Ausstellung von 4WD-Geländewagen-Herstellern. Wäre ich nicht mit meinem eigenen Enduro-Funbike hier, würde ich die Möglichkeit zum Probefahren in den angrenzenden Hügeln bestimmt nicht auslassen.

Nach einer Kaffeepause machen wir uns wieder aufgewärmt auf den Weg und erklimmen den nächsten Pass. Es folgt der «Col de l`Iseran». Die Passtrasse erlaubt während der ganzen Fahrt eine schöne Weitsicht über das Tal und auf Val d`Isère, nur die vielen Bergbahnen passen nicht ganz ins sommerliche Bild. In Lanslebourg machen wir noch einen Tankstopp, bevor wir uns für diesen Tag an den letzten Pass wagen, nämlich den «Col de Mont Cenis» (2'084 m). Sieht man davon ab, dass die ursprüngliche Strasse noch von Napoleon I. erbaut wurde, so muss man eingestehen, dass die Strasse trotz langer Geraden und schön geschwungener Kurven nicht extrem aussergewöhnlich ist. Dafür ist die Aussicht während der Überquerung umso faszinierender. Vor uns liegt nun ein grosser Stausee, dessen tiefes Blau einen zum Träumen verleitet. Doch anstelle der guten, asphaltierten Strasse dem linken Ufer entlang zu folgen, biegen wir nach rechts ab, und fahren auf einem kleinen Kiesweg der rechten Seeseite entlang, sozusagen als Zückerchen vor dem Schlafen gehen, denn wir haben unser Tagesziel erreicht – das «Ancienne Fort de Variselle».

2. Tag Assietta-Kammstrasse

Das Bollwerk aus früherer Zeit thront über dem Stausee und bietet eine schöne Rundumsicht über die angrenzenden Gebirge. Wir kämpfen uns mit unseren schweren Maschinen über den steinigen Zufahrtsweg bis hinauf zum Tor. Vor der von Wind und Wetter gezeichneten Zufahrtsbrücke ins Fort müssen wir allerdings kapitulieren, wollen wir nicht das Motorrad mit samt Ausrüstung riskieren. Die rostige und nur noch sehr schlecht erhaltene Brücke mit ihren morschen Holzlatten, so haben wir das Gefühl, würde das Gewicht unserer Motos kaum mehr tragen. Wir balancieren also das benötigte Material in die altertümlichen Brugreste hinein, wobei wir vor allem im Eingangsbereich den durch Erosion entstandenen Löchern ausweichen müssen. Ein Sturz würde schmerzlich enden und ziemlich direkt in die dunklen und kalten Kellerverliese der Burg führen. Wir bevorzugen die Erdoberfläche und verzichten wegen fehlender starker Taschenlampen auch auf eine genauere Erkundung der Gewölbe. Unser Zelt stellen wir daher im Windschatten und in regengeschützter Position auf Erdbodenhöhe auf. Gemütlich und genüsslich vertilgen wir zum Tagesabschluss bereits im Mondschein ein kleines, geköcheltes Menü, bevor wir uns in unsere Schlafsäcke verkriechen.

Nach einer für mich äusserst gemütlichen Nacht, mein Bruder hat sich vom ewigen Windgeräusch ein wenig stören lassen, sitzen wir schon bald wieder im Sattel. Als erstes geht es hinunter nach Susa, einem kleinen, typisch italienschen Städchen. In einem winzigen, gemütlichen Laden decken wir uns erneut mit frischen Lebensmitteln und Wasser ein.

Der nun folgende Pass, der «Colle delle Finestre» (2'176 m) ist ein Stück zum geniessen. Anfangs noch asphaltiert schlängelt sich der schmale Weg teilweise in engen Serpentinen den Berg hinauf. Auf Grund des fast gänzlich fehlenden Gegenverkehrs können wir die unzähligen Kurven richtig geniessen. Erst etwas später wechselt der Belag auf Kies. Die Strasse wird zwar leicht unruhiger, ist aber trotzdem ohne Probleme befahrbar, zumal es ja trocken ist. Bei Regen würde die fahrt wohl eher ungemütlich. Ich habe den grössten Spass mit meiner Africa Twin, auch wenn ich von einem vorüber preschenden, einheimischen KTM-Crosser regelrecht stehengelassen werde. Endlich wieder Kies unter den Rädern – ich lasse sie scharren und freue mich über das ungewohnte Ausbrechen des Hinterrades. Nach 1’673 Höhenmetern erreicht man die Passhöhe, wo man von einer alten, ein wenig erhöht liegenden Burgruine erwartet wird. Auf der Anhöhe treffen wir auch auf ein paar Motocross- sowie einige Quadfahrer, die sich hier für eine sonntägliche Ausfahrt treffen.

Nicht weit unterhalb beginnt die so genannte Assietta-Kammstrasse. Sie ist sogar mit normalen Strassenpneus leicht und einfach zu befahren und ist deshalb auch für ziemliche Enduro-Neulinge geeignet (solange trocken, bei Regen verwandelt sich die Piste schnell in Schlamm).

Weit oberhalb der Baumgrenze kriecht der Weg entlang der Bergkette und überquert zwischendurch immer wieder kleine Anhöhen, darunter der Colle de Assietta (2`472 m), der Colle Blegier (2`381 m) oder der  Colle Bourget (2`424 m). Wir machen an verschiedenen Punkten Halt und geniessen die Ruhe. Doch meistens hält es uns nicht lange an einem Ort. Zu gerne rauschen wir über die unbefestigten Wege und ziehen eine Staubfahne hinter uns her.  Die Strasse führt uns auch an grösseren Abhängen entlang bis nach Sestriere. Fantastische Aus- und Weitsichten ins und übers Tal machen aus der Panoramafahrt ein interessantes und für Enduroanfänger bestimmt unvergessliches und unbeschwertes Erlebnis.

Ein kleiner Tipp sei hier noch angemerkt: Durch die Vibrationen ist ein Motorrad mit einer guten Kofferhalterung von Vorteil. Aus eigener Erfahrung in vergangenen Jahren kann ich sagen, dass es schon mal vorkommen kann, dass eine M5-Halterungsschraube durch die vielen Schläge verbogen wird. Zudem muss man als Enduro-Frischling ebenfalls beachten, dass sich die Bremswege auf unbefestigten Strassen um einiges verlängern und sich das Motorrad ob des geringeren Reibungskoeffizienten ein wenig anders verhält.

Von der Bergstation (ob Sestiere) machen wir zusammen mit einigen KTM-Fahrern die Abfahrt in den berühmten Skiort. Um mir durch das ewige Bremsen einen Krampf in den Fingern zu ersparen, fahre ich in entsprechend tiefen Gängen und lasse die meiste Arbeit vom Motor verrichten. Die anschliessende Pause kann ich dann richtig geniessen. Ziemlich hungrig schlinge ich meine Brote mit dem frischen und saftigen italienischen Schinken runter.

Von hier aus ist die Strasse wieder geteert und so wedeln wir die vielen Rundungen in einem Zug bis nach Cesana. Viel interessanter ist jedoch das altertümliche Städtchen Briaçon, welches nicht weit entfernt liegt. Einige grosse und kleinere Burgen sind hier in gutem Zustand erhalten geblieben und bilden das gemütliche Ambiente. Eine Rast lohnt sich hier vor allem der Atmosphäre wegen. Aber auch ein grosses Einkaufszentrum steht weiter unten, so dass für alle gesorgt ist. Wir mogeln uns durch den mittäglichen Verkehr, was auf Grund meiner Breite (mein Motorrad dazu gezählt) gar nicht immer so einfach ist. Aber die Franzosen sehen es in dieser Hinsicht locker, schliesslich nehmen sie es auch nicht gerade ultra genau mit den Verkehrsregeln.

Schon im Städtchen ist unser nächstes Ziel ausgeschildert, wenn auch nicht gerade aussergewöhnlich gut. In Richtung Colle de l`Izoard (2`360 m) fahren wir wieder einen kleinen Pass hinauf. Natürlich gibt es da auch unter uns hin und wieder ein Überholmanöver. Vorrangig aber nehmen wir uns nicht routenkundige Motorradfahrer vor, die sich anschliessend in unserem Windschatten mitziehen lassen.  

Uns solls recht sein solange sie uns nur nicht den Weg versperren. Beim letzten Mal hatte ich eine Gruppe unerfahrener Amerikaner vor mir, die so ungeschickt waren, dass sogar das Überholen ein Risiko darstellte.
Der Belag den Pass hinauf ist enorm griffig und selbst in Kurventieflage klebt die Maschine als hätte ich Slickbereifung und würde auf einer Rennpiste fahren. Das Wetter ist inzwischen richtig schön geworden und die Sonne strahlt uns regelrecht entgegen. Wir jagen einer 1000er Kawasaki nach, die in engen Kurven ganz schön ins Schwitzen kommt. Nun ja, es sind ja auch zwei Personen drauf. Trotzdem freut es mich, dass mich meine alte Africa Twin so zügig den Berg hinauf trägt.

Auf der Abfahrt müssen wir allerdings wieder mit vermehrter Aufmerksamkeit fahren. Die Kurven sind eng und z.T. nur mit schlechtem Belag ausgerüstet. Zudem sind an vielen Orten noch grössere Mengen Rollsplit, die einem eine unangenehme Überraschung bieten können, ist man nicht darauf gefasst.

Richtig in Fahrt gekommen starten wir gleich weiter in Richtung unseres nächsten Highlights. Das Ziel: Colle dell Agnello (2`744 m), gleich neben dem schönen Mont Viso. Wir zweigen nach links ab, auf die andere Seite ginge es nach Guilestre, von wo man über den Col du Vars und den Col de Larche nach Italien gelangen könnte. Doch wir haben anderes im Sinn.

Gemächlich rollen wir durch das, in ein schönes Tal eingebetetes und von einigen 3000ern umringtes, mittelalterliches Städchen Queyras. Wir steuern entlang dem schmalen, dem Felsverlauf folgenden Asphaltband in Richtung Queyras. Es führt zunächst über eine kleine Brücke am Dorfeingang um dann nahe unter der, im Zentrum hoch aufragenden Festung „Chateau Queyras“ vorbei zu ziehen. Die Atmosphäre dieses idyllischen Ortes springt auch auf uns über und wir geniessen diese Ruhe. Der Wind rauscht in den Ohren als wir nach den letzten Häusern wieder am Gashahn drehen. Die Africa Twin zieht heftig und will zeigen, was sie kann. Ich lasse ihr freien Lauf, denn viel Gegenverkehr hat es ohnehin nicht und die Strasse ist überall sehr übersichtlich. Über weite Strecken zieht sich die Strasse gerade den leicht ansteigenden Hang hinauf, bevor sie zum Ende in einigen für Supermotos idealen Kurven auf die Passhöhe zustrebt.

Die Aussicht ist fabelhaft. Nicht nur wir haben dies erkannt und so teilen wir uns die Aussicht auf den beinahe wolkenlosen Himmel mit einigen Touristen. Nach und nach finden sich auch einige Motos ein, und als diese weiter ziehen, können wir uns auch nicht mehr halten. Die Abfahrt führt uns das Tal hinab entlang grüner Wiesen und wir passieren einige heimelige, kleine Dörfchen. Doch die Sonne steht noch hoch genug, so dass wir uns noch nicht nach einer Schlafmöglichkeit umsehen müssen, obwohl ich mir eine Übernachtung in einem der Dörfchen gut vorstellen könnte.

Wir lassen Castedelfino hinter uns und steuern Sampeyre, bzw. den Colle di Sampéyre (2'284 m) an. Die Auffahrt ist wirklich sehr schön. Gesträuch, das in die Strasse hängt und die sehr unübersichtliche Strassenführung verlangsamen unsere Fahrt beträchtlich. Doch so kommen wir erst richtig in den Genuss der ganzen Umgebung. Der Geruch der vielen blühenden Blumen streicht uns um die Nase und ein Moosteppich verbindet die einzelnen locker stehenden Bäume. Hin und wieder müssen wir ganz eng dem Strassenrand entlang fahren, um entgegen kommenden Fahrzeugen Platz zu machen, doch im Grossen und Ganzen ist dieser Pass sehr schön und empfehlenswert. Die Abfahrt kann man gestalten, wie man will. Es gibt verschiedene Möglichkeiten an die im Tal fliessende Maira zu gelangen. Von Prazzo aus machen wir uns auf um die Maira-Stura-Kammstrasse zu erklimmen. Erst nach einer Weile ändert der Belag von Teer auf Kies. Auch wird sie immer steiler. Immer mehr grosse Steine liegen im Weg und oft ist es erheblich einfacher und bequemer, stehend über diese holprigen und stark abfallenden Abschnitte zu rattern, als sich sitzend dem Po und dem Rücken den Schlägen auszusetzen. Ziemlich weit oben ist dann aber Schluss für uns. Mit einer leichten Crossmaschine oder aber unbeladen könnte man evtl. weiter fahren, aber mit unseren schwer beladenen Maschinen ist da nichts mehr zu wollen. Wir überlegen uns noch, auf dem erreichten Hochplateau auf der saftig grünen Wiese neben dem quirlig sprudelnden Bach unser Zelt aufzuschlagen, doch wir lassen es und machen uns auf den Weg zurück. Ein wenig nach Prazzo biegen wir erneut nach Süden ab. Über Marmora schwingen wir in diversen Serpentinen den Berg hinauf. Wir sind so vertieft ins Carven, dass wir glatt die Abzweigung verpassen, wo wir auf einer unbefestigten Strasse bis zum Ciam di Test hätten gelangen können. Wir folgen also der gut asphaltierten Strecke aussenrum und kommen oberhalb wieder zusammen. Langsam kriecht die Sonne dem Horizont entgegen und so machen wir uns nun definitiv auf die Suche nach einem geeigneten Ruheplätzchen. Auf einem Vorsprung ist es genügend flach und hat auch eine weiche Grasdecke, so dass wir unser Zelt in fantastischer Panoramasicht-Position, umgeben von vielen Bergspitzen und völlig allein auf weiter Flur, aufstellen. Kurz bevor es dunkel wird, sausen noch zwei BMWs vorbei und winken uns zu, dann sind wir allein.

3.Tag: Problematisches Ende nach der Ligurische Grenzkammstrasse

Die Nacht auf 2`400 m ist kühl, aber nicht zu kalt, weshalb wir am nächsten Morgen erholt in die morgendliche Frische hinaustreten. Nicht weit weg streben die ersten Kühe den höher gelegenen Wiesen zu, um sich als erste an den saftigen Gebirgsgräsern köstlich zu tun.

Während die Sonne über die Bergrücken blinzelt, packen wir unser Zelt ein und machen uns fertig für einen weiteren erlebnisreichen Tag. Wir fahren bis nach Gias Bandia und versuchen dort über ein steiles Weglein direkt nach Sambuco runter zu fahren. Es bleibt bei dem Versuch. An einer kleinen Kapelle wird der Weg so eng, dass wir nicht mehr weiter kommen. Mit einiger Mühe können wir unsere Motos wenden. Steine und Kies spritzen unter unseren Antriebsrädern hervor, als wir unseren Maschinen die Sporen geben, um auf die Passhöhe zurück zu kehren. Um diese Tageszeit ist es noch ruhig und wir können beim Vorbeifahren Steinböcke und andere Gebirgstiere beobachten. Eigentlich könnten wir auf der unbefestigten Bergstrasse noch bis zum 2`664 m hohen „il Bric“ fahren, müssten dann aber denselben Weg zurück. Wir lassen es, zu fest lockt uns die Ligurische Grenzkammstrasse.

Von Demonte aus machen wir gleich den nächsten kleinen Pass ausfindig. In Richtung Valdieri geht’s weiter. Bei einer kleinen Pause auf der anderen Seite realisiere ich, dass mein Motorrad ruhig vor sich hin pfeift. Bevor ich allerdings feststellen kann, woher dieses Pfeifen rührt, verstummt es. Über Borgo nehmen wir die gute Strasse bis nach Limone Piemonte, von wo aus die Steigung zum Col di Tende beginnt. Hier hat es übrigens einen Zeltplatz, für solche, die sich einen ganzen Tag Zeit nehmen wollen für die Ligurische Kammstrasse, oder andere, die nicht das ganze Gepäck mitschleppen wollen. Für uns ist das nichts, schliesslich ist es noch nicht mal Mittag und zudem wollen wir gleich weiter bis nach Monaco.

Bei der Auffahrt zum Pass sind die Kurvenbeläge zwischendurch enorm abgefahren, ja man könnte fast sagen, schmierig. Bei mir sowie bei meinem Bruder kommt es schon mal vor, dass das Hinterrad beim hinaus Beschleunigen auf dem Asphalt ausbricht. Auf 1`871 m erreichen wir dann die Passhöhe. Auf derselben Höhe ist die Abzweigung auf die Ligurische Kammstrasse. Die vielen, zur Zeit noch nicht asphaltierten Serpentinen auf der südlichen Seite locken zwar ebenfalls, aber für uns steht im Moment nichts über der Ligurischen. Nur einige Meter nach der Abzweigung hört der Asphaltbelag auf und wir begrüssen das Enduroparadis mit einem Drifts. Die auch für Autos noch gut befahrbare Kiestrasse schlängelt sich in unzähligen Kurven und Serpentinen den Berghängen entlang. Mal geht es rauf, mal runter, doch was immer bleibt, ist die absolut unglaubliche Aussicht. Wir ziehen Staubfahnen hinter uns her und lassen unsere Antriebsräder tief im Kies scharren.

Anfangs ist die Strasse noch einfach zu befahren doch mit der Zeit kommen immer mehr Passagen, wo man sich ziemlich konzentrieren muss, um nicht per Zufall irgendwo seitlich mit dem Fels oder anderenfalls mit dem Abgrund negative Erfahrungen zu sammeln. Als ich zum Beispiel einmal in einer ansteigenden Kurve anhalten wollte, um auf meinen Bruder zu warten, schätzte ich den Abstand zum Boden ein wenig falsch ein und schon nützte mein Hobel die Situation aus, um nähere Bekanntschaft mit dem Boden zu machen. Allerdings ging daraus kein Schaden hervor, da ich ja bereits stand. Bei jeder Pause, und davon müssen wir etliche einlegen um wieder zu Schnauf zu kommen, sind wir vollkommen nass geschwitzt. Ok, inzwischen ist es auch schon wieder ziemlich warm und ich kann nicht behaupten, mein Lederkombi sei besonders atmungsaktiv. Aber teils Strecken, fordern einem wirklich sehr, vor allem, wenn man unter sich eine etwa 270kg schwere Maschine über ein abschüssiges, enges Strässchen aus locker liegenden Honigmelonengrossen Bollensteinen dirigieren soll. Nicht nur, dass das Vorderrad dabei gerne das macht, was es gerade will und nicht, das was man von ihm erwartet, nein, auch der hohe Schwerpunkt begünstigt die Tendenz der Maschine ein Päuschen in seitlich liegender Position zu machen. Genau das war u.a. das Verhängnis bei der XTZ meines Bruders. Er hatte auf Koffern verzichtet und stattdessen auf einen Tankrucksack sowie grosses Backcase gesetzt. Wie sich jetzt zeigt, sind besonders in solchem Gelände die Boxen vorzuziehen. Kippt meine AT nämlich um, so ist ein Aufstellen viel einfacher, weil sich die Maschine auf die Boxen legt und daher schon einen gewissen Winkel besitzt. Glücklicherweise handelt es sich bei den zwei „Legern“ bei uns beiden um die einzigen Nahbodenerfahrungen auf dieser Tour und so können wir die Fahrt ansonsten wirklich geniessen.

Manchmal durch lichte Wäldchen, sporadisch auch oberhalb der Baumgrenze, zieht sich die Ligurische Grenzkammstrasse in den Hängen der Gebirgskette dahin. Früher wurden die kleinen Strässchen vor allem vom Militär gebraucht, um die Grenze zu kontrollieren, doch dies ist nun schon einige Jahre her und wird dank EU auch in Zukunft kaum mehr der Fall sein. Somit ist nun diese einzigartige Kulisse auch gut für den allgemeinen Endurofan zugänglich.

An gewissen Stellen ist grosse Vorsicht geboten und selbstverständlich ist auch auf der ganzen Grenzkammstrasse stets eine adäquate Geschwindigkeit angesagt. Schliesslich ist immer mit Gegenverkehr zu rechnen. Neben den Motorradfans sind nämlich auch Mountainbikefahrer auf den Geschmack der Route gekommen. Zudem quälen sich auf einzelnen Gebieten auch 4WD-Fahrzeuge über die engen Strässchen. Ja und zu guter Letzt sind auch noch Fussgänger unterwegs, die auch nicht gerne immer wieder eingestaubt werden.

Bei mir schleicht sich langsam etwas Unsicherheit ein. Nicht etwa, dass ich plötzlich Mühe mit der Fahrunterlage hätte, sondern ich höre immer mal wieder dieses Pfeifen, das mir schon früher an diesem Tag aufgefallen ist. Immer wenn wir eine Pause machen, höre ich es. Doch bevor ich die Ursache ergründen kann, verschwindet es wieder. Ich fahre also weiter, bis es immer lauter wird, halte sofort an und horche an allen Teilen meiner treuen Africa Twin. Es kommt irgendwo unter dem Sattel hervor. Also nichts wie los, Sattel weg und nachschauen, was es ist, bevor es wieder verschwindet. Und tatsächlich, ich werde fündig. Doch leider ist mein Fund kein Grund in Freudentränen auszubrechen. Ich stelle nämlich fest, dass die Batterie die Ursache des Pfeifens ist und als ich die Batterie näher betrachten will, weiss ich auch gleich wieso die so pfeift. Ich verbrenne mir beinahe die Finger – die Batterie ist kochend heiss und muss offenbar einen so enormen inneren Druck haben, dass der Überdruck durch eine kleine Undichtheit hinausströmt und dabei pfeift. Sofort nehme ich ein wenig Toilettenpapier, benetze dieses mit kaltem Wasser und kühle damit die Batterie runter. Schon bald verstummt die Batterie erneut. So geht es von nun an weiter. Einige Kilometer fahren, anhalten, Batterie kühlen, weiter und dann das Ganze von vorn.

Gerade angenehm ist dieses Vorgehen ja nicht. Trotz dieses Hindernisses lasse ich mir aber die Reise nicht verderben. Immerhin kann ich nun bei jedem Halt die schöne Landschaft geniessen. Zudem haben wir genügend Zeit und auch ein Zelt dabei, sollte es heute nicht mehr bis nach Monaco reichen.

Irgendwann ist dann auch die letzte Kurve der Ligurischen genommen und wir erreichen bei einem hoch gelegenen Gasthaus wieder asphaltierte Strecken. Zügig zieht es uns nun nach Süden. Um unzählige Ecken und dutzende Kehren fliegen wir der Mittelmeerküste zu. Wir wechseln uns bei der Führungsarbeit ab, und als gerade mal wieder mein Bruder das Ruder übernommen hat, bremst er ab und meint, ich solle doch mal meine Elektrik prüfen. Als er eben in den Rückspiegel geschaut habe, hätten alle Lichter sowie die Blinker kurz aber heftig aufgeleuchtet und seien dann erloschen. Tatsächlich läuft nichts mehr bei meiner AT. Als hätte sie den letzten Atemzug getan, röchelt sie nur kurz, wenn ich den Anlasser drücke, dann nichts mehr. Keine Energie – rien ne va plus!

Ich baue also mein Bike auseinander und will mal schauen was los ist. Als wir sie anschieben wollen, gibt sie bloss ein kleines Räuchlein und den Gestank von verbranntem Gummi von sich. Mir schwahnt böses vor. Wir versuchen alles, mein Bruder geht auf die Suche nach einem Mechaniker, aber inzwischen ist es spät abends und keiner hat mehr offen, geschweige denn Lust einen Abschleppdienst zu erweisen. Wir schleppen also selbst ab, bis wir im Zentrum von Camporosso sind. Moderner Mobiltelefonie und dem TCS sei Dank können wir die Adresse eines Mechanikers auftreiben, der meine unfahrbare Maschine morgen mal genauer unter die Lupe nimmt.

Wir schleppen die Maschine also bis vor das Tor des Mechs und machen uns dann mit dem Nötigsten auf den Weg und suchen eine Unterkunft für diese Nacht. Ziemlich gerädert und total verschwitzt sichten wir aber ein kleines Hotel mit Pizzeria. Wir finden dort nicht nur ein nettes Zimmer, sondern auch sehr freundliche Leute, die extra für uns zu später Stunde nochmals ihren Pizzaofen anwerfen.

Tag 4: Unerwartete Rückkehr

Am nächsten Morgen machen wir uns als erstes auf zum Mechaniker. Wir informieren ihn, was vorgefallen ist und er stimmt zu, sich die Sache mal anzuschauen.

Kaum zwei Stunden später stehen wir schon wieder auf der Schwelle. Schlechte Nachtrichten: Mir hat es, aus welchem Grund auch immer, den Spannungswechsler verbraten. Dies wiederum hatte zur Folge, dass der vom Generator erzeugte Strom mit einer Spannung von 50-60 Volt direkt auf die Batterie gespiesen wurde (dies der Grund für die dauernde Überhitzung). Irgendwann hat das die Batterie nicht mehr ausgehalten und hat „kollabiert“. Der Strom ist hernach ungebremst auf alle anderen elektrischen Komponenten geflossen und hat nicht nur alle Lichter, sondern auch noch gleich die Benzinpumpe zerstört. Mit einer Reparatur ist nicht sofort zu rechnen, da der Mechaniker zur Zeit keine Ersatzteile hat und diese auch nicht innert nützlicher Frist besorgen kann.

Ein wenig bestürzt berate ich mich mit meinem Bruder. Eigentlich sollte unsere Tour auf der Französischen Seite wieder nach Norden führen und mit einigen schönen Pässen ihren Abschluss finden. Doch wie es scheint ist es mir nicht vergönnt diese Reise mit dem Motorrad zu beenden.

Während der TCS den Rücktransport meiner lieben AT organisiert (immerhin hat sie mich noch durch die ganze Ligurische getragen) fahre ich mit meinem Bruder nach San Remo, wo mir der TCS eine Autovermietungsstelle genannt hat. Tatsächlich haben die auch gleich ein Fahrzeug, das ich benützen kann, und so endet meine abenteuerliche Tour also mit einer Rückfahrt per Auto von San Remo nach Zürich. Diese mache ich allerdings nicht mehr ganz an diesem Tag, sondern übernachte wegen der einsetzenden Müdigkeit auf dem Rastplatz St. Gotthard Süd auf der Autorückbank, bevor ich am nächsten Morgen mein Ersatzfahrzeug in Zürich abgebe.