Schräglagentraining zwischen Locarno und San Pellegrino

Wieder einmal macht uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Anstatt, dass wir wie geplant ins Elsass fahren können, drängt uns der Regen einmal mehr in den Süden ab. Wir entscheiden uns also kurzfristig um, nehmen die Herausforderung an und lassen uns auf ein Kurvenerlebnis der Sonderklasse zwischen Lugano und San Pellegrino (I) ein.

Wie gewohnt starten wir unsere Tour von der Jugendherberge in Bellinzona aus. Um schneller ins gelobte Tourenland zu gelangen, nehmen wir gleich von hier aus die Autobahn bis nach Lugano Süd. Wer will, kann sich aber auch noch über den Monte Ceneri etwas aufwärmen, denn eines ist klar, diese Tour wird in Sachen Kondition einiges von Fahrer und Sozia abverlangen. Nicht, dass die Etappen aus extremen Distanzen beständen, aber die Kurvendichte hat es in sich. Man stelle sich die Italienische Seite der Centovalli-Strecke über einen Pass gelegt vor und das Ganze mehrfach aneinander gehängt, dann weiss man, was einen erwartet!

Diese Tour kann übrigens wunderbar mit jener des Centovallis bzw. des Valle Onsernone kombiniert werden (siehe Tour: Centovalli, Valle Onsernone und andere Tessiner Traumdestinationen). Wenn man diese allerdings gleich aneinander hängt, so sollte man definitiv über eine gute Grundkondition, sowie genügend Fahrerfahrung verfügen, weil man sie ansonsten nicht richtig geniessen kann.

„Melide“ ist unser Stichwort, um die Autobahn zu verlassen. Am „Swiss-Miniature“ vorbei, geht es über den Damm des Lago di Lugano. Schon in Bissone fühlt man den Einfluss der Italienischen Mentalität. Die Häuser verleihen der Ortschaft eine Art „Don Camillo-Flaire“ und die Palmen und Kastanienbäume gleich am Wasser zeigen einem, dass man sich in den wärmeren Gefielden der Schweiz befindet.

Gleich Eingangs Maroggia biegen wir links unter dem Eisenbahntrasse durch ab nach Arogno und der blau glitzernde Luganersee verschwindet kurzfristig aus unserem Blickfeld. Die Strasse steigt sofort steil an und schon kurz darauf werden wir mit herrlichen Ausblicken über den spiegelnden Lago di Lugano belohnt. Der Belag ist griffig und meine Pirelli-Finken greifen unbramherzig zu. Es ist ein wahres Vergnügen, sich unaufhörlich den Berg hinauf zu schrauben. Die Strecke folgt dem Val Mara, das uns zur Grenze nach Italien bringen soll. Kurz vor dem Grenzübergang wird das Tal zur engen Schlucht. Überall quillt grün hervor und irgendwie steigt in mir das Gefühl auf, durch einen kleinen versteckten Dschungel zu reisen. Die Strasse wird noch enger und die Windungen steiler. Mit immerhin 18% erreicht die Steigung hier ihren Höhepunkt. Wir treiben unsere KTM zur Höchstleistung an, um rassig aus den engen Kurven hinaus zu beschleunigen.

Viel zu schnell zieht das Kurvenparadies unter uns vorbei und am auftauchenden kleinen Zollhäuschen werden wir wie immer durchgewunken. Schnell finden wir uns auf der bewaldeten Hochebene von Piano di Noci vor Pellio Intelvi wieder. Sanft und durch gute Stossdämpfer geschützt, gondeln wir an üppig blühenden Wiesen vorbei. Die Strassenqualität lässt immer mehr zu wünschen übrig. Wie auch im Centovalli verändert sich die Belagsbeschaffenheit nach der Grenze keinesfalls zum Besseren. Aber was will man, dafür hat es kaum Verkehr. Wir jedenfalls können die uns entgegen kommenden Fahrzeuge bisher an einer Hand abzählen.

Unser nächstes Ziel ist der Monte di Tremezzo. Diesen kann man über zwei Wege erreichen. Der eine führt über Laino, der andere über Blessango. Wir wählen jenen über Blessango. Mitten im Dorf geht es links und gleich danach wieder rechts in Richtung Pigra. Aus dem Dorf hinaus wird die Strasse zum Teil ziemlich eng, so dass neben einem Moto sicherlich kein Auto mehr Platz finden würde.

Der Weg zieht sich dem Berg entlang und Wald begleitet uns. Neben der Aussicht sollte man sich hier aber besonders gut auf die Strasse konzentrieren. Als wir gemütlich und entspannt um eine der unzählbaren Kurven gewedelt kommen, muss ich heftig in die Eisen steigen. Eine ganze Schar Ziegen scheint sich vor uns auf die Fahrbahn verirrt zu haben. Bei näherer Betrachtung erkennen wir allerdings schnell, dass die sich ganz und gar nicht verirrt haben. Nein, die haben es sich hier richtig gehend bequem gemacht. Der Belag ist um diese Zeit warm und angenehm für das Getier und so haben die sich quer über die Strasse die besten Plätze gesucht und sich dort breit gemacht. Auch als ich mit knurrendem Motor zwischen ihnen durch zirkle, machen sie nur ungern etwas Platz.

Eingangs Pigra zielen wir gleich links den Berg hinauf. Eine Tafel weist darauf hin, dass dieser Weg nicht gewartet wird, was man dann in der Folge auch bald feststellen kann. Der Belag ist rissig und Schlaglöcher haben sich tief in den Asphalt gefressen. Sie zeugen vom kalten Winter hier oben. Öfters liegen auch mal Steine und kleinere Felsblöcke auf der Fahrbahn. Mit angepasster Geschwindigkeit aber kommt man ohne weiteres daran vorbei. Bald lassen wir den Halbwald unter uns zurück und über blühende Wiesen erreichen wir das Refugio Boffalora. Eine Herde Kühe hat es sich an diesem Ort gemütlich gemacht und verköstigt sich an den frischen und saftigen Bergkräutern. Die Strasse ist hier aber noch keines Falls zu Ende. Laut Strassenkarte wäre ab hier Privatstrasse, doch da wir kein Verbotsschild ausmachen können, geht es bis ganz hinauf. Das letzte Stück der Strasse ist nicht mehr asphaltiert, was mir den seltenen Genuss von etwas Kiesstrecke ermöglicht.

Einfach fantastisch, diese unglaubliche Aussicht von hier oben! Da verschlägt es einem glatt den Atem. Auf der einen Seite breiten sich Hügelketten in Richtung Como vor uns aus, auf der anderen Seite liegt Menaggio weit unter uns am ruhigen Comersee. Absolut alleine sind wir hier auf 1576m, obwohl es doch noch hin und wieder Leute hier hin zieht. Meistens allerdings an den Wochenenden. Nicht umsonst liegt ja das Refugio Venini gleich nebenan. Doch dies steht zu unserem Glück zur Zeit einsam und verwaist da. Das einzig störende sind die vielen Fliegen und Insekten, die uns um den Kopf brummen.

Eine 50mm Kanone aus dem Jahre 1938, die gleich vor dem Refugio steht, zeugt von der historischen Vergangenheit der Gegend, die damals aus taktischen Gründen zur Frontsicherung zur Schweiz hin genutzt worden war. Gleich oberhalb des Refugio ist auch noch ein kleines Obeservatorium. Näheres dazu kann man auf der Homepage finden (www.rifugiovenini.it).

Nach einer längeren und gemütlichen Pause machen wir uns völlig erholt wieder auf die lange, holprige Abfahrt. Ganze zehn Kilometer zieht sich die schmale und rumpelige Strasse dahin, bis man das kleine Pigra erneut erreicht. Doch auch von da zieht man noch eine Weile enge Schleifen um steinige Felsen, bevor man in Blessagno auf die Suche nach der richtigen Abfahrt gehen kann. Hält man im Örtchen nach links, sprich nach unten, so kommt man am ummauerten Friedhof vorbei und auf eine gewohnt schmale, aber umso ruhigere Strecke.

Über ein Dutzend enge 180er erwarten uns, bevor wir in Argegno wieder auf eine wirklich grössere Strasse kommen. Ziemlich überrascht werden wir dann aber plötzlich von einem Stau, denn das ist auf diesen kleinen und wenig befahrenen Strecken wahrscheinlich etwa so selten, wie Schnee in Zürich City. Irgend etwas lässt die Fahrzeuge schon bis ein ganzes Stück ausserhalb Argegnos zurückstauen. Nach kurzem Überlegen entscheiden wir uns jedoch, den stehenden Autos entlang nach vorn zu tuckern, anstatt ebenfalls wie die Autofahrer zu warten. Für irgendetwas haben wir ja ein schlankes Motorrad. Wie zu erwarten war, ist wieder einmal ein Unfall schuld. Unser Glück, dass der Unfall zwischen Argegno und Como passiert sein muss, denn so können wir dem Stau ohne Probleme in Richtung Tremezzo, also nach Norden ausweichen. Der Stau ist echt wuchtig, über einige Kilometer stauen sich LKWs, Autos und Busse dem See entlang. Viele stehen schon so lange, dass sie ausgestiegen sind und sich telefonierend und quatschend die Zeit vertreiben.

In Cadenabbia angekommen sehen wir gerade noch, wie die Autofähre nach Bellagio über den Comersee davon dampft. Jetzt heisst es warten, denn um den See herum ginge es viel zu lange, um Bellagio zu erreichen. Die Stunde bis zur nächsten, planmässigen Überfahrt überbrücken wir mit Mittagessen. Das feine und zum Glück nicht weit entfernte Restaurant Belle Isole offeriert genau das, was wir uns wünschen. Inzwischen knurren unsere Mägen nämlich beinahe lauter als der Motor unserer 990er. Das scheint auch der äusserst zuvorkommende Kellner bemerkt zu haben und beeilt sich besonders. Wir können kaum warten, bis die würzigen Tortelini an Salbeisauce serviert werden. Schon etwas gemässigter geniessen wir dann die frischen, zarten, in Butter gebrateten Fischfiltes mit Salat. Für den geschmackvollen, bereits aus der Küche duftenden Kaffee zum Abschluss hat es in unseren Mägen aber keinen Platz mehr, auch wenn er im Preis von nicht mal 15 Euro pro Peron inbegriffen gewesen wäre.

Ob des gaumenverwöhnenden Geschmacks des aromatischen, italienischen Essens waren so sehr abgelenkt, dass wir darüber fast die Zeit vergessen hätten. So müssen wir uns nun plötzlich sputen, um nicht noch eine Fähre zu verpassen. Doch diesmal geht alles glatt und keine fünf Minuten später stehen wir  zusammen mit einem halben Dutzend Autos auf der Fähre. Weitere fünfzehn Minuten und acht Euro später finden wir uns in Bellagio wieder. Wir folgen der Strasse dem See entlang nach Süden in Richtung Como bis nach Nesso, wo wir nach Asso abbiegen.

Sofort schliesst eine enge Kehre an die Nächste an und hebt uns mehr und mehr über Seelevel. Auch hier wird die Aussicht immer besser. Genial, wie sich die Italiener in die Berge hinauf schrauben, wenn sie Strassen bauen. Zwischendurch ebbt die Steigung etwas ab und man durchquert die Ebene Pian di Tivano, bevor es zum Schluss nochmals richtig steil wird. Kurz vor der Passhöhe Colma di Sermano auf 1124m offeriert einem die Strecke nochmals saftige 18% Steigung.

Danach folgt eine lange, gemächliche Abfahrt über Asso mit über einem Dutzend 180er Kehren, bevor wir in Onno wieder in den Verkehr eintauchen. Wir rauschen der Seestrasse entlang bis nach Lecco, wo wir, in einem winzigen Pärkchen gleich neben der Strasse, einen kurzen Boxenstopp einlegen, um uns und unserem Skunk (gemeint ist unsere KTM, die nach wie vor etwas spezielle Gerüche von sich gibt) eine VerschnaufPause zu gönnen. Allerdings gefällt uns diese Stadt nicht besonders. Sie ist schmutzig, laut und die Häuser sind meist sehr ungepflegt. Kein Wunder also, dass es uns rasch weiter zieht.

Die Strecke bis nach Moggio über den Colle di Balisio ist nicht sonderlich spektakulär, vor allem wenn man wie wir beinahe hinter einem stinkenden, Dieselwolken spukenden LKW versauert. Mit überholen ist da nämlich nichts, denn der üppige Gegenverkehr macht jegliche Möglichkeit gleich zu nichte. Dafür wird man danach umso mehr entschädigt, so lange durchgehalten zu haben.

Die Strecke über den Passo Culmine San Pietro nach Vedeseta alleine ist schon ein Traum für Kurvenjunkies, doch der Abschnitt dürfte auch jene, die es gerne mal etwas abgelegen haben, ins Schwärmen bringen. Sehr einsam und mit wenig Verkehr fügt sich die Strasse wunderbar in die Gegend ein und vor allem auf der Abfahrt nach Vedeseta fühlt man sich weit weg von jeglicher Zivilisation. Leider sehen das auch die Leute so, die für den Strassenunterhalt zuständig wären und so finden die Stossdämpfer öfters als sonst ihre Verwendung. Auch Rollsplit, der fast überall auf dieser Strecke auf der Strasse liegt, macht seinem Namen alle Ehre. Die „Leitplanken“, wenn man sie denn so nennen will, sind ziemlich mager. Aus dünnen Metallrohren bestehend erinnern sie an die dürftigen Absperrungen am Klausenpass.  

In Brembilla ist dann ein erstes Mal Tanken angesagt, denn die KTM hat zwar mit 22 Litern einen grossen Tank, aber ist mit zwei Personen und Gepäck auch entsprechend durstig. Auch wir können eine Abkühlung vertragen. Kein Wunder, schliesslich ist es auch annähernd 28°C warm und himmlisches Wetter! Die Sonne scheint vom blauen Himmel und man sollte auf keinen Fall vergessen Sonnencreme einzustreichen, sonst hat man abends das rötliche Geschenk in Form eines Visierstreifens im Gesicht.

Gleich nach der Tankstelle geht es links den Berg hinauf. Wir wollen schliesslich nicht schnurgerade dem Flüsschen bis ins Tal folgen, sondern Kurven wedeln. In frechen Schräglagen zischen wir den Hang hinauf. Schon von weitem sehen wir die gelb leuchtende Kirche von San Antonio Abbandondato. Mit jeder Kurve pirschen wir uns näher an sie heran, um zum Schluss gleich neben ihr vorbei zu fahren. Ebenfalls zu empfehlen ist übrigens ein Besuch im winzigen Örtchen Catremerio, wo man seine Pause mit dem Herumschlendern zwischen uralten Häuser verbringen kann.

In Richtung Zongo geht es dann wieder den Berg runter. Sofort fällt uns auf, dass die Leute hier Geld haben. Grosse Villen säumen den Wegesrand und die meisten scheinen ziemlich neu, zumindest aber erst kürzlich renoviert worden zu sein. Schon von weitem sticht uns die goldene Figur auf dem Dach der grossen Kathedrale ins Auge. Sie glitzert in der grellen Sonne, als wolle sie sich mit dem funkeln eines Sees im Abendlicht messen.

Am grossen und mächtigen Gotteshaus vorbei biegen nach links ab in Richtung San Pellegrino. Im starken nachmittäglichen Verkehr gleiten wir nach Norden. Wie ein böser Traum kommt es einem vor, wenn man der Strasse folgend nach San Pellegrino hinein kommt. Hat man sich in Gedanken ein kleines, altertümliches Städtchen vorgestellt, welches halb verschlafen vor sich hin dümpelt, so sieht man sich mit einer anderen Realität konfrontiert. Riesige Harrasenlager und Industrie machen uns schnell klar, dass hier Geld in Massen strömen muss.

Zum Glück aber, ändert sich das Ortsbild, wenn man in den bewohnten Teil des Dorfes kommt. Hier allerdings scheint das Geld, das weiter unten verdient wird, nicht so richtig anzukommen. Viele alte Häuser, ehemalige Prunkvillen und auch das mächtige Grande Hotel sind am Verfallen. Immerhin wird aber doch an vielen Orten renoviert. Unterkunftsmöglichkeiten hat es auch zu dieser Saisonzeit genügend. Nach einigem Hin und Her entscheiden wir uns für ein absolut zentral gelegenes, gemütlich anmutendes Hotel. Sogar eine Garage kann der Hotelier uns anbieten. Ideal für Biker also.

Da wir spät zu Mittag gegessen haben, muss es für uns nun nicht mehr ein ganzes Menu sein. Wir begnügen uns mit je einer halben Pizza vom Take-Away und schlendern danach noch etwas durch das ruhige Zentrum. Man sieht dem Ort an, dass es um 1900 herum die Sommerresidenzen des Mailänder Hochadels beherbergt hat. Aber diese Zeiten sind schon lange vorbei und viele Häuser bröckeln vor sich hin. Eigentlich schade, denn schön renoviert, könnte man sicherlich viel aus dem Ort machen.

Tag 2:
Schon um 7.15 Uhr sind wir auf den Beinen, denn eigentlich wollen wir den heutigen Tag mit einem Bad in der nahe gelegenen Therme gleich nach einem gemütlichen und feinen Frühstück beginnen. Nun ja, irgendwie scheint uns die Dame am Empfang der Therme nicht richtig verstehen zu wollen. Schlecht, dass die Frau weder Deutsch, noch Englisch noch Spanisch versteht, obwohl gerade Spanisch ja sehr eng verwandt ist mit Italienisch. Oder will sie uns etwa gar nicht verstehen?! Auf jeden Fall meint sie, hier könne man nicht baden, die Therme sei nur zum Kuren da und verweigert uns den Zutritt. Somit fällt unser morgendliches Bad wortwörtlich ins Wasser und wir ziehen mit einem etwas getrübteren Bild von San Pellegrino ab. Als Gegenleistung steht uns heute dafür ein weiterer langer und vor allem sehr kurvenreicher Tag bevor. Wir packen also rasch zusammen, sitzen auf und der Wirt, ebenfalls Motorradfahrer, winkt uns nach, bis wir um die nächste Ecke biegen.

Es geht zurück bis nach Zongo, wo wir über eine Brücke nach links abzweigen. Wir preschen den Berg hoch und jagen die Kurven, als wären sie die Beute und wir die Jagdhunde. Naja, knurren tut meine KTM ja schon mal nicht übel.

Über Somendenna fahren wir nach San Marco. Nachdem wir die Kirche und die super Aussicht bestaunt haben, müssen wir allerdings umkehren, denn ein unübersehbares Fahrverbot macht klar, dass der Fahrspass hier zu Ende ist. Etwas weiter die Strasse zurück und links abgebogen finden wir rasch zurück auf die richtige Fährte. Wir kutschieren gemütlich über die Wiesen und an einzelnen Häusern vorbei und geniesen die unglaubliche Weitsicht. Leider haben die vielen blühenden Blumen aber auch einen Nachteil. So bin ich immer am Niessen, denn die Pollen machen meiner Nase zu schaffen. Trotzdem gefällt es mir hier prächtig.

Eine Frau mit zwei Zwerghündchen kommt uns entgegen. Wir sind gerade noch etwa vier Meter von ihr entfernt, da braust plötzlich ein dritter, bisher nicht sichtbarer Zwergpuddel in der Grösse einer ausgewachsenen Bisonratte vor unserem Rad über die Strasse. Schneller als in diesem Moment hatte ich wohl kaum je gebremst. Ein Glück habe ich ABS, das hier auch zum Einsatz kam. Die Frau, als wäre gar nichts passiert, marschiert seelenruhig weiter. Scheinbar macht es ihr gar nichts aus, dass von einem ihrer Bodenlumpen beinahe nur noch ein roter Fleck auf der Strasse übrig geblieben wäre.

Dank der langen und fahrerisch sehr interessanten Abfahrt über Sambusita nach Algua, in der eine Kehre der anderen folgt, können wir uns wieder entspannen und uns auf die fünf Kilometer bis nach Selvino freuen. Erneut erwarten uns beinahe ein Dutzend 180er-Kurven, doch diesmal ist der Belag super und wir haben einmal mehr auf dieser Tour ein gratis Schräglagentraining. Beherzt gebe ich Gas und so spulen wir diese Distanz wie nichts ab.

Wir tuckern weiter in Richtung Gazzaniga. Der Weg führt durch ein kühles Wäldchen und ist ziemlich schmal und kurvig. Zwischendurch sehen wir durch die Bäume weit hinunter ins Tal. Im kleinen Dörfchen Orezzo genehmigen wir uns in einem kleinen Dörflädelchen ein kühles Gelati und lassen die Ruhe des gemütlichen Ortes auf uns wirken. Eben so gut, wie die den gemütlicheren Weg den wir gewählt haben, um ins Tal zu gelangen, könnte man aber auch die Abfahrt nach Nembro benutzen und dabei rund 20 Spitzkehren absolvieren, was auch nicht zu verachten ist.

Etwas später biegen wir in die stark befahrene Strasse nach Ponte Nossa ein. Bevor wir allerdings diesen Ort erreichen, zweigen wir schon wieder ab. Schliesslich wollen wir nicht im Verkehr ersticken, sondern interessante und kurvenreiche Strecken geniessen. Und die Strecke hinauf auf den Passo Zambla bzw. Oltre il Colle ist genau passend dafür. Allerdings werden wir hier auch immer mal wieder mit Schlaglöchern traktiert, um sicher zu stellen, dass wir auch ja nicht vergessen, dass wir in Italien sind, aber ansonsten schlängelt sich der Weg wunderbar den Berg hinauf. Nur ein langsamer LKW mindert uns kurzfristig den Spass, ansonsten sausen wir der Passhöhe entgegen, nach jeder Kurve nach einer neuen lechtzend. Nicht unbedingt 180-Kehren machen hier das Feeling aus, obwohl es von diesen auch zehn hat, eher die vielen kleineren, nicht einsehbaren 90-Grad Dreher. Auch die stetig ansteigende Aussicht trägt ihren Teil zum grossen Vergnügen bei.

Die Passhöhe ist dann eher unspektakulär, weshalb wir erst in Serina wieder Halt machen. Vogelgezwitscher und ältere Leute, die gerade mit ihren Einkaufwägelchen nach Hause spazieren, versprühen Idylle pur. Touristisch ist das Dörfchen aber trotzdem, auch wenn’s schön ruhig ist. Um erneut nach San Pellegrino zu gelangen nehmen wir nun aber nicht die grosse Strasse, auf der wir gerade eben gekommen sind, sondern die kleinere über Dossena.  

Bei San Giovanni Bianco, das etwas nördlicher von San Pellegrino liegt, biegen wir ins Valle Taleggio ab. Eigentlich wollten wir ja über den Paso San Marco, aber dieser ist wegen Schneefalls und Eis auf der Strasse kurzfristig gesperrt worden. Aber mit diesem Tal liegt man genauso richtig. Neben der Strasse und dem Fluss Torrente Enna, hat kaum mehr etwas anderes Platz. Die Schlucht ist so eng, dass die Strasse mehrmals über Brücken die Talseite wechseln muss, um Boden unter dem Belag zu haben. Das Wasser ist kristallklar und wechselt farblich zwischen Himmelblau und Türkis. Die massiven Felsen drohen von oben auf die Fahrbahn zu stürzen. Das haben offenbar auch die Strassenplaner bemerkt, weshalb sie an verschiedenen Stellen kleinere Tunnels gebaut haben.

In unzähligen Kurven entlang dem grobfelsigen Gestein erreichen wir Vedeseta, das wir schon vom Hinfahren kennen. Von hier wird die Strasse wieder schmaler und ist auch in schlechterem Zustand. Aber es lohnt sich trotzdem. Auf der gegenüber liegenden Seite steht eine mächtige Felswand, oberhalb der man sich kurz danach selbst in die Höhe schraubt, bevor man nach einer langen Abfahrt wieder in Moggio ankommt.

Hier allerdings halten wir diesmal nach Norden. Bellano ist unser nächstes Ziel und unser Treffpunkt mit dem Comersee. Die Strasse ist eher gerade und langweilig, erst kurz vor Taceno geht es wieder etwas in die Höhe und wird kurvig. Bald darauf taucht unter uns das helle Glitzern des tiefblauen Comersees auf. Wer Zeit und Lust hat, kann der Seestrasse entlang nach Norden folgen. Es bieten sich am einen oder anderen Ort schöne und gemütliche Möglichkeiten für einen Espresso. Wers schneller mag, der nimmt die Strada Statadale 36 und erreicht so durch einige Tunnels Curcio, von wo man dann entlang dem Lago di Mezzola nach Norden halten kann.

Die Strecke bis nach Chiavenna ist allerdings weder besonders schön, noch in irgendeiner Weise fahrerisch interessant. Sie ist mir von diversen Fahrten bloss als überhitzter Brutkasten in Erinnerung. Die Wärme scheint auf Grund der Windstille richtig gehend im Tal festzukleben. Die Strasse zieht sich lange hin, oft gerade und ohne jegliche Abwechslung und der Fahrtwind erscheint einem mehr als heisser Fön vor dem Gesicht. Ein Glück ist diese Strecke bloss 23 km lang, was eindeutig lange genug ist.

Bevor es über den geliebten Splügenpass geht, halten wir im „Armen Teufel“ (povere Diavolo) in Chiavenna nochmals an, um uns mit Sandwiches zu stärken. Als Dessert vertilgen wir noch ein feines Glace und geniessen dabei die Bikevorführungen von all den Bikern, die hier am zentralen Kreisel vorbei müssen, um in Richtung Splügen und Maloja donnern zu können.

Irgendwann juckt es uns dann aber auch wieder in den Fingern und wir machen uns selbst auf den Weg in Richtung Passhöhe. Die Passstrasse selbst hat ihren Ursprung übrigens bei den Römern. Auf dreissig Kilometern überwindet die Strasse rund 1800 Höhenmeter und schlängelt sich dabei geschickt von Chiavenna durch das Valle San Giacomo bis hinauf zum Zollhäuschen auf der Passhöhe. Der Belag ist meist sehr gut und die Kurven gleichmässig über die ganze Strecke verteilt, so dass man nie in einen Stress kommt, aber auch immer mal wieder ein Auto überholen kann und daher nie lange anstehen muss.

Hat man gerade keine Kehren, durch die man schwingen kann und die entsprechende Konzentration benötigen, so kann man die Gegend betrachten. Auf beiden Seiten wachsen die Felsen in den Himmel und vielerorts hat man das Gefühl durch ein wildes Tal zu schaukeln.

Nach Campodolcino finden wir uns auf der wohl speziellsten Stelle der Passstrasse wieder. Eine enge, verwinkelte Strecke führt in steilen Serpentinen den Berg hinauf. Wer auf Grund geringen Verkehrs die Möglichkeit hat, sollte es sich nicht entgehen lassen, von einer der oberen Kehren (am besten gleich vor einem der Tunnels) auf die beinahe senkrecht darunter liegenden Kurven runter zu schauen. Ein Anblick, der einem logisch erscheinen lässt, weshalb man es hier eher langsam und gemütlich angehen lassen sollte.

Unter einigen Gallerien hindurch erreicht man dann durch kurze, unbeleuchtete Tunnels Pianazzo, von wo es nicht mehr allzu weit ist bis zum Stausee, unter dessen Mauer noch eine schöne Kurvenkombination auf einen wartet. Aber Achtung hier ist im Sommer schon mal eine Alpenpizza (Kuhfladen) auf der Strasse zu finden, die eine fatale Wirkung auf die Haftung der Reifen auf dem Belag ausüben kann.

Etwas erhöht und auf der rechten Seite parallel zum See gelangt man schlussendlich zum winzigen Örtchen Monte Spluga, wo eine schöne Gartenwirtschaft zum Ausgeben der letzten Euroscheine verleitet.

Nur allzuschnell ist danach das Zollhäuschen auf der Passhöhe erreicht. Etwas weiter runter folgt das Schweizer Zollamt, doch an unseren Pässen haben die wie fast immer kein Interesse. Vereinzelte Schneefelder zeugen noch vom langen und Schneereichen Winter, es ist windig und ziemlich kühl. Kein Wunder also, dass die Zöllner lieber in der warmen Stube bleiben.

Der Splügenpass kann aber nicht nur auf der italienischen Seite mit Kurven glänzen. Ok, die Schweizer Seite ist nicht so lange, dafür bietet sie uns mit super aneinander gereihten Serpentinen eine interessante Abfahrt. Schon kurz nach der Zollpassage zuerst sechs, dann weitere zehn enge Kehren. Schalten ist da fast nicht mehr nötig, so kurz auf einander folgen sie sich. Ein etwas langsamerer Biker mit Sozia, der durch die Kühle etwas eingefrohren zu sein scheint und wohl bald mal wieder ein Fahrtraining absolvieren sollte, lässt uns freundlicherweise passieren, so dass wir das kleine Spektakel richtig auskosten können. Es wäre doch schade, während so einer Abfolge von Richtungswechseln langsam tuckernd hinter einem Anfänger zu verschmoren.

Danach geht es eher gemächlich durch das Tal. Dabei erschrecken wir offenbar die noch nicht lange wachen Murmeli, die sich auf der Futtersuche befinden und sich schon bei unserer Anfahrt schleunigst in ihre Höhlen verkriechen. Erst kurz bevor der Spass des Passfahrens ein jähes Ende in Splügen findet, wird man aber noch einmal mit einigen schönen 180Grad-Kehren belohnt. Die Strasse zieht sich langsam zuerst zwischen Bäumen hindurch und dann über schöne blühende Wiesen, die erneut meine Nase zum Ausrasten bringen.

Eigentlich wäre es möglich, parallel zur Autobahn auf einem schmalen Weglein dem Hinterrhein entlang bis nach Chur zu gondeln, doch für uns wird es langsam Zeit nach Hause zu kommen, denn der Weg bis nach Zürich ist noch weit. Wir halten uns daher nicht länger auf und ziehen auf der Autobahn gleich weiter. Nur einen letzten Stopp an der Raststätte Heidiland legen wir noch ein, um unseren Hintern etwas Erholung zu gönnen. Dabei machen wir uns auch gleich daran die KTM von den Insekten zu befreien, die ihr auf dem ganzen Weg bis hierher nicht widerstehen konnten, damit sie auch für eine nächste Tour wieder fit und einsatzbereit ist.