Durch Nordligurien zum Golf von Rapollo

 

Tag 1 – Eine eigenartige Stimmung umgab uns gestern Abend, als wir extra noch hoch nach Ca del Monte fuhren, nur um im Agriturismo, dass uns empfohlen wurde, ein Zimmer zu beziehen. Es liegt etwas abgelegen und kann so mit absoluter Ruhe aufwarten, eigentlich genau das was wir suchten. Ausserdem soll es einen fantastischen Ausblick in die Umgebung gewähren. Die Dämmerung war aber schon herein gebrochen, als wir in die Gegend kamen und die Landschaft versank langsam in der zunehmenden Dunkelheit. Am Horizont konnten wir nur noch die schönen Konturen der nahe gelegenen Hügel erspähen.

Das Strässchen ist eigentlich echt lässig zum befahren, bei Nacht ist aber Vorsicht geboten, weil es eng und teilweise steil und natürlich voller Kurven ist. Als wir endlich zum Landhof kamen, hatten die Betreiber leider kein Erbarmen mit uns und obwohl auf deren Homepage stand, dass es bis im Dezember offen sei, lassen sie nicht mit sich diskutieren und wir mussten wie Marie und Josef weiterziehen. Nun ja, auf jeden fall fahren wir heute nochmals dort vorbei, allerdings nicht, um erneut um ein Zimmer zu betteln, sondern um die geniale Aussicht zu geniessen.

Die Sicht reicht weit über das angrenzende Tal hinaus und bei dem zur Zeit einigermassen blauen Himmel kann man sich kaum satt sehen. Allzu lange bleiben wir aber nicht, wollen wir doch heute noch eine ganze Strecke in Richtung Meer machen und dabei einig Kurven drehen.

In Bagnaria biegen wir links ab, nachdem wir noch kurz aufgetankt haben, denn ab hier gibt es eine Weile keine Benzinsockel mehr. Etwa 80 m weiter, bevor man den nächsten Ort (Ponte Nizza) erreicht, zweigt ein kleiner Weg rechts ab und zieht langsam in Richtung nächstgelegener Hügel. Eigentlich hatte ich die folgende Passstrasse nicht erwartet, denn das Weglein ist nur schmal und der Hügel schien nicht besonders hoch, folglich erwartet man auch nicht knapp ein Dutzend wunderbar in die Region eingelegte Kehren.  

Ziemlich einsam führt der Weg danach über Anhöhen und durch kleine Dörfer. Ausser ein paar einheimischen Autos gibt es keinen Verkehr, der uns auf unserer Reise stört. Wir geniessen diese Abgeschiedenheit, denn wer kleine, schwach frequentierte Wege findet, kann die grossen den LKWs und den eilig Reisenden überlassen.

Etwas oberhalb Varzi machen wir Halt. Während wir mit Eifer auf der Karte nach unseren nächsten Kurven suchen, brennt uns die Sonne auf den Kopf. Das Wetter tut gerade so, als wollte es extra für uns nochmals den Sommer einläuten. Uns soll’s recht sein.

In Varzi zweigen wir nach links ab und folgen der SS461, die uns direkt zum Passo Penice führen soll. Nun, das „direkt“ hält sich zum Glück sehr in Grenzen. Viele Kurven und Kehren halten den Geschwindigkeitsdurchschnitt tief und ermöglichen uns so, viel von der schönen, oft waldigen Umgebung mitzubekommen.

In Bobbio ist dann die Zeit für ein reichhaltiges Mittagessen reif. Per Zufall finden hier und heute auch gleich noch die Motocross-Europameisterschaften statt, was uns Motorradfahrern natürlich besonders gefällt, da dies mit einer ziemlichen Anhäufung von ohrenbetäubenden Motocrossmaschinen einhergeht. Während wir gemütlich am Zentralplatz eine feine Portion Italienischer Penne bzw. Pasta verspeisen, lauschen wir glückselig der Musik der dröhnenden Motoren der an uns vorbei knatternden Bikes.

Da der Wetterbericht nicht gerade Gutes versprach, als wir zu Hause abfuhren, uns Petrus bisher aber trotzdem hold war, wollen wir ihn nicht mehr als nötig provozieren und organisieren telefonisch den aktuellen Wetterbericht für die Region bei meinem Bruder, der leider zu Hause bleiben musste.

Auf Grund seiner Angaben ändern wir unsere Route ab, kehren nicht mehr nach Norden zurück, sondern fahren mehr oder weniger direkt nach Süden. Wir folgen der S45 und geraten in ein Tal, das auf Grund seiner Kurvenabfolgen zuerst ans Centovalli erinnert. Etwas später, nachdem sich das Tal geöffnet hat, kommt mir das Bild des Grand-Canyon in den Sinn. Neben der kurvigen Strasse verläuft tief unten der Fluss Trebbia, der sich unaufhörlich seinen Weg in den Felsen gräbt. Nicht nur mir scheint diese Strecke zu gefallen. Immer wieder werden wir von rasenden Italienern mit ihren Supersportmaschinen überholt. Sie scheinen die Strasse mit einer Rennstrecke und sich selbst mit Valetino Rossi zu verwechseln. Nichts desto trotz kann ich diese Route wirklich empfehlen.

Kurz vor Ponte Organasco zweigen wir von der interessanten Strecke ab, die dem Fluss weiter folgt. Wir möchten wieder mehr hügelige Passagen fahren und halten nun auf Cerignale zu. Unser Wunsch wird erfüllt. Sofort steigt die Strasse an und wir erklimmen oft im Wald den ersten Hügel. Hat die Höhe erreicht, hat man einen fantstischen Ausblick über das Tal, in welches sich die Trebbia ihr Flussbett gefressen hat. Die nächsten Kilometer folgen wir der SP52, welche uns immer in etwa auf der gleichen Höhe der Bergflanke entlang in Richtung Süden führt. Neben der Strecke im Tal bietet werden uns auch hier unzählige Kurven geboten. Der Vorteil dieser Strecke gegenüber dem Tal ist allerdingsa klar der geringe verkehr und die schöne Aussicht.

Kurz vor Cariseto bietet sich einem als Kurvenliebhaber ein gutes Dutzend schön geschwungener, aneinander anschliessende S-Kurven. Doch danach ist nicht etwa einfach Schluss mit Kurven, nein, auf der Strecke von Selva bis über Rovereto liegen immer wieder ähnliche Leckerbissen auf der Strasse bereit und wenns gerade nicht kurvig genug ist, so kann man die schöne Aussicht geniessen. 

Bis jetzt hat sich Petrus zum Glück anständig zurück gehalten und wir konnten die Fahrt geniessen, doch nun scheint er uns doch noch eine Lehre erteilen zu wollen. Es gelingt uns zwar meist, seinen gemeinen, kleinen Regenanschlägen auszuweichen, aber wir müssen irgendwann dennoch klein beigeben und unsere Regenschütze montieren. Da die Strecke bei Regen nur noch halb so interessant ist und wir es verhindern wollen, bis auf die Haut durchnässt zu werden, lassen wir von unserem Plan ab, der SP62 direkt nach Süden zu folgen, und fahren von Rovereto runter nach Ottone, wo wir wieder auf die Talstrasse treffen, die wir zuvor verlassen haben. Allerdings und das ist etwas schade, ist sie hier nicht mehr so schön kurvig. Im Vollregen geben wir der SP45 folgend Stoff und halten nach Süden, immer darauf achtend, ja nicht vom Aquaplaning überrascht zu werden.

In Montebruno nehmen wir die einiges kleinere, aber dafür direktere und viel interessantere Strasse nach Favale di Malvaro. Die Strasse wäre der Hammer, würde der Regen nicht immer noch unaufhörlich gegen unsere Visiere poldern. Etwas heikel, vor allem bei solch nassem Wetter, ist vor allem die Kastanienbaumallee vor Favale. In gut einem Dutzend Haarnadelkurven haben sich soviel Laub und auch Kastanien auf der Fahrbahn angehäuft, als gäbe es eine regelrechte Verschwörung gegen Zweiradler. Die Mischung aus nassen Blättern und Kastanienschalen, vermischt mit steinharten Rosskastanien, die sich gemein unter den Blättern versteckt halten, bildet einen schmierigem Film auf der Strassenoberfläche und verlangen höchste Konzentration vom Fahrer.

Die SP225 befahren wir nur kurz, um zum nächsten kleinen Pass zu gelangen. Er führt von Coreglia Ligure direkt hinunter ins Zentrum von Rapollo an der Küste. Die Strasse ist eng und mit dem aufsteigenden Nebel erinnert sie mich an das Gebiet im Dschungel von Bolivien. Wir treffen kaum auf Verkehr, und wie als Bonus dazu kann man zwischen den Bäumen immer mal wieder einen fantastischen Ausblick auf den Golf von Rapollo erhaschen. Die Strasse führt uns in unzähligen Kehren den Berg hinunter. Inzwischen hat es aufgehört zu regnen und es wird auch merklich wärmer. Es scheint, als hätte unser privater Wetterfrosch tatsächlich recht gehabt. In Rapollo schlängeln wir auf der Suche nach einer angemessenen Unterkunft durch das Gewühl an Autos und Einbahnstrassen. Nach einigem hin und her finden wir ziemlich zentral eine schöne Bleibe, von welcher aus man das Stadtzentrum zu Fuss innert fünf Minuten erreichen kann.

Nachdem wir uns die nassen Kleider vom Leib gerissen haben, geniessen wir den restlichen Abend in einer gemütlichen Pizzeria um die Ecke.

Tag 3 – Heute ist ausspannen angesagt. Schliesslich wollen wir ja in unserer spärlichen Freizeit nicht nur auf dem Möff hocken, sondern auch etwas von der Ligurischen Gastfreundlichkeit profitieren. Nach einem ausführlichen Frühstück, bei welchem wir zwar freundlich aber fast etwas aufdringlich vom Hotelinhaber über die vielen Möglichkeiten Rapallos informiert werden, dass wir flüchten müssen, machen wir uns zu Fuss auf in Richtung Uferquai.

Eins ist mal wieder deutlich zu erkennen, die Italiener sind Motorrad-verrückt. Überall stehen und düsen Roller und Bikes verschiedenster Marken und Grössen, fast mehr als Autos. Da bleibt einem als interessierter Motorradfahrer keine andere Wahl, als sich an der Uferpromenade ins Gran Caffee zu setzen und sich die fast endlos scheinenden Bikerkolonnen zu begutachten. Dazu kitzelt uns, beinahe als hätten wir sie bestellt, die Sonne im Gesicht. Genau so stelle ich mir das Dolce Vita vor.  

Etwas später machen wir uns dann auf Entdeckungstour durch die engen Gässchen der Altstadt. Viele Läden buhlen um Kundschaft und bieten alles Mögliche feil. Ein wahres Paradies, um sich die Zeit zu vertreiben. Leider muss der Sonnenschein ob der schmalen Gässchen aber draussen bleiben und da wir vor allem nach der warmen Sonne trachten, zieht es uns wieder nach vorn ans Meer.

Feine Wellen klatschen auf den Sand und die Steine und die alte Burg, welche im Wasser steht, vermittelt ein Gefühl der Gemütlichkeit.

So verbringen wir den ganzen Tag mit sonnen, faulenzen und spazieren. Zwischendurch lassen wir uns mit kulinarischen Köstlichkeiten aus dem ligurischen Raum verköstigen und so vergeht der Tag wie im Flug und schon liegen wir wieder völlig zufrieden in unseren Betten und lassen den ganzen Tag Revue passieren.

Tag 4 – Nach diesem erholsamen Tag am Meer wollen wir heute wieder über einige Umwege, und vor allem Hügel, in Richtung Norden gondeln und sind daher schon um 9.00 Uhr auf dem Moto. Als erstes aber noch schnell an die Tanke an der ersten Kreuzung. Während das Benzin in den Tank gurgelt, programmiere ich noch kurz mein Zumo550 (GPS), nun kann es losgehen. Ich drücke auf den Anlasser, aber ausser einem Klicken ist nichts zu hören. Ja was soll das denn nun? Ungläubig versuche ich es gleich noch einmal... nichts! Oh nein, nicht die Batterie!!! Wie kann denn das sein? Da die Kati ja offensichtlich nicht mehr will, bleibt mir nachts anderes übrig, als sie zur Seite zu schieben und mal an ihrem „Herzchen zu lauschen“, sprich die Batterie in Augenschein nehmen. Ich nehme also mein Werkzeug zur Hand, löse den Motorschutz und schon halte ich das kleine Ding in der Hand. Glücklicherweise hat der Mechaniker einen Batterietester. Nach einigen Sekunden wissen wir, weshalb sich die KTZM weigert zu starten – die Batterie ist völlig entladen! Warum? Keine Ahnung, aber von Batterieproblemen dieses Models habe ich in Magazinen auch schon gelesen. So ein Pech aber auch. Immerhin, die Batterie ist grundsätzlich noch arbeitsfähig, allerdings muss sie mindestens drei Stunden aufgeladen werden., ansonsten wird sich die Orangende weiterhin weigern zu starten.

Naja, da bleibt mir wohl nicht viel anderes übrig, denn eine solche batterie hat der Mechaniker nicht vor Ort, die müsste man von Genua bestellen, was sicherlich länger dauert. So entscheide ich mich für das Laden. Die Zeit bis zur nächst möglichen Abfahrt verbringen wir im nicht weit entfernt gelegenen Bistro. Dort passen wir dann auch gleich unsere Route an.

Gute drei Stunden später habe ich die Batterie wieder eingebaut und den Motor erfolgreich gestartet. Da ich den Grund für die „schlappe“ Batterie nicht weiss bzw. gefunden habe, lasse ich den Motor nun lieber laufen und mache keine unnötigen Stopps mehr. Eigentlich schade, denn die Strecke dem Meer entlang nach Genua ist echt super. Geniale Sicht aufs Meer ist hier garantiert.

Wir gliedern uns in die Autoschlange in Richtung Genua ein, wobei wir uns das Überholen aber nicht verkneifen können. Erst kurz vor Genua nehmen wir die Autobahn in Richtung Norden. Kurvig ist die Strecke und durch Täler und viele Tunnels abwechslungsreich, eine meiner Lieblingsautobahnstrecken in Europa.

Eigentlich wollten wir noch in Salice Terme die Therme ausprobieren, aber ausgerechnet heute ist grosser Reinigungstag. So haben wir umsonst im Hotel eingecheckt. Das Personal ist aber äusserst freundlich und lässt uns ohne Kosten wieder auschecken. So fahren wir also am gleichen Tag weiter bis nach Lugano, wo wir uns in einer zwar motorradunfreundlichen Abzocker-Unterkunft, dafür aber relativ zentral gelegenen Hotel einmieten.

Das Nachtessen geniessen wir in einer kleinen Pizzeria in der Stadt, nachdem wir uns mit einer heissen Dusche wieder fit gemacht haben.

Fazit:
Eins ist sicher, wir haben nur einen kleinen Bruchteil dessen gesehen, was wir wollten und was für Biker wirklich interessant ist in Liguren, aber das war Klasse! Wer sich also nur am Meer aufhält und die Küste entlang donnert, der verpasst das Beste der Ligurischen Region, das Hinterland!!!