Cinque Terre - Viva Italia!

Tag 1 - Schon am Vorabend packten wir alles zusammen und beluden unser Lasteselchen. Bloss den wasserdichten Packsack mit dem Zelt, sowie einigen Kleidern drin müssen wir heute noch aufladen, dann kann es losgehen. Wir haben uns etwas Spezielles überlegt, um dem immer wieder kehrenden Wochenendstau vor den grossen Alpenpässen entgegen zu treten.

Ich habe heute extra den ganzen Nachmittag frei genommen, damit wir noch heute Freitagabend bis hinter den Grimsel kommen und so den restlichen Staumachern ein Schnippchen schlagen können. Kaum haben wir alles aufgeladen, geht es los. Erst vor kurzem habe ich meine alten Hepco und Becker Plastikkoffer gegen neue Aluminium-Zega-Cases von Touratech ausgetauscht, und nun heisst es damit umgehen zu lernen. Denn das Mehr an Platz, welches die grösseren Koffer mit sich bringen, soll richtig genutzt werden. Das Wort „richtig“ hat allerdings nicht bei allen die gleiche Bedeutung, und so hat vor allem meine Freundin den Platz sofort für sich in Anspruch genommen und mit diversen Sachen aufgefüllt. Auf Grund des nun um einiges grösseren Gewichts und der breiteren Dimensionen des Motos muss ich aus Sicherheitsgründen einige Male ein Überholmanöver abbrechen und wieder hinten einschwenken, bevor ich mich ganz daran gewöhnt habe.

Schon lange habe ich darauf gewartet, den in mir schlummernden Reisefiebervirus wieder einmal füttern zu können. Und auch meine Freundin freut sich riesig, dass es wieder los geht. Sie freut sich allerdings vorerst vor allem auf unsere heutige Übernachtungsmöglichkeit – das uns schon wohlbekannte, weil öfters benützte Hotel Nufenen in Ulrichen.

Zuerst fahren wir in Richtung Tessin, um dann bald möglichst die Alpen zu erreichen. Die Autobahn zieht sich dahin und neben uns gleitet die Landschaft vorbei. Es ist schon gegen 18.00 Uhr als wir die Ausfahrt Wassen erreichen, wo wir dann den Susten hinauf ziehen. Dieser Pass ist immer wieder ein schönes Erlebnis. Kurz nach der Abzweigung im Dorfzentrum von Wassen, führt uns die enge Strasse über eine kleine, schon von unten sichtbare Brücke, die eine enge Schlucht überspannt. Einige in den Fels geschlagene Tunnels dirigieren uns im Slalom den Berg hinauf. Schon bald erklimmen wir eine Zwischenanhöhe und können so noch einige der langsam hinter die Berge zurück kriechenden Sonnenstrahlen einfangen.

Die offene Passstrasse zieht sich nicht komplett über den Bergsattel. Am oberen Ende führt ein Tunnel auf die andere Seite, wo ein grosszügiger Parkplatz mit am Berghang stehendem Restaurant zur Pause einlädt. Doch für uns ist das heute nichts. Ein anderes Mal wieder, denn auf uns wartet schon der nächste Pass.

In Innertkirchen, wo sich die Abzweigung zum Grimsel befindet, hätte ich eigentlich noch tanken sollen. Jedoch hoffe ich, noch über den Grimsel heizen zu können. Ich ziehe also zuerst die langsam ansteigende Strasse hinauf. An den ersten Stauseen vorbei geht es rassig vorwärts, denn um diese Zeit hat es fast keinen Verkehr mehr auf der Strasse. Nachdem wir inzwischen am grössten der Stauseen vorbei sind, macht sich aber das zusätzliche Gewicht allzu stark bemerkbar und so muss ich kurz vor der Passhöhe, nach einer der unzähligen Kehren auf einem kleinen Kiesplatz ausrollen und auf Reserve umschalten.

Mit der Passhöhe erreichen wir erneut die Sonnenstrahlen. Nicht umsonst nennt man das Wallis die Sonnenstube der Schweiz. Auch am Abend leuchtet das Tal sonnendurchflutet in unseren Augen. In grosszügigen Schwüngen lassen wir uns den Hang hinunter gleiten, während der Motor vibrierend seine Bremsarbeit verrichtet. Die Aussicht ist glänzend und wir sehen neben der Furkapassstrasse auch den Aletschgletscher in der Abendsonne glänzen.

Von Gletsch, dem kleinen Örtchen beim Zusammentreffen der Furka- und Grimselpassstrasse, folgen wir den Gleisen der Zahnradbahn Richtung Tal und geniessen die vielen kleinen Kurven, die uns langsam in die Niederungen führen. Bald erreichen wir Ulrichen, wo uns unser Hotelzimmer und unsere AT eine regensichere Garage erwartet. Das Zimmer sollte man im übrigens möglichst im Voraus reservieren, da das Hotel dank gutem Service oft stark ausgelastet ist.

Tag 2 - Schon früh sind wir auf den Beinen, denn eine grosse Distanz will heute überwunden werden. Vom Hotel müssen wir keine 200 m zurückfahren, um zur Abzweigung in Richtung Nufenenpass zu gelangen. Kurz aufgetankt und los geht’s. Beim Atmen zeugen kleine Dampfwölkchen von der kühlen und frischen Luft. Nebelschwaden steigen über den Feldern auf. Zu dieser Tageszeit kommt uns kein Auto entgegen und auch die Motos, die uns begegnen, kann ich an einer Hand abzählen.

Der Nufenen teilt sich auf in zwei sehr kurvige Bereiche und eher lang gezogene Zwischenteile. Die Passhöhe ist bald erreicht, doch so früh morgens ist es einfach noch zu kalt, um anzuhalten und die Aussicht zu geniessen. Wir fahren also gleich weiter wieder hinunter ins Tal, um von Airolo via Autobahn weiter zu reisen.

Der Verkehr hält sich auch hier noch in Grenzen. Unsere Entstautaktik war also erfolgreich, aber es erstaunt mich trotzdem, wie viele Fahrzeuge in dieser Frühe ausserhalb der Ferienzeit unterwegs sind, immerhin ist Samstag. Nun wird es langsam monoton. Allmählich verlassen wir die Alpen, nur der Monte Ceneri ist noch ein kleines Zückerchen, das ein wenig Abwechslung bietet. Ab Chiasso, wo wir vor dem Zoll nochmals alle Reserven mit günstigem Benzin auffüllen, geht es mit 140 km/h weiter. Die Gegend wird immer karger und trockener und das Quecksilber im Thermometer erklimmt Grad um Grad. Die Hitze hat allerdings ihre Tücken. Während ich mich, wie sonst auch, mit den etwas speziellen Fahrgewohnheiten der Italiener beschäftige und mich durch den nervösen Verkehr schlängle, macht sich die enorme Wärme bei meiner Freundin bemerkbar. Da auch die Landschaft in der trostlos braunen, Steppen ähnlichen Poebene nicht viel Abwechslung bietet, fällt sie zwischendurch schon mal in einen dösenden Zustand. Davon merke ich beim stetigen Geradeausfahren aber kaum etwas, brauche ich doch meine ganze Energie, um nichts im Gewusel auf der Autobahn zu übersehen, bzw. selbst nicht übersehen zu werden.

Vorbei an Como, Milano in Richtung Genua. Kilometer um Kilometer fliegen unter uns dahin. Zwischendurch gönnen wir dem Tacho eine Erholungspause und nutzen die Gelegenheit, um Wasser und Treibstoff zu tanken. An einem kleinen Rastplatz setzen wir uns in den kargen Schatten junger, von der sommerlichen Hitze gezeichneter Laubbäumchen. Die Zungen kleben uns am Gaumen und ein Schluck kühles Wasser fühlt sich an, wie eine eiskalte Dusche nach der Sauna. Allerdings mit dem kleinen Nachteil, dass die Wirkung leider viel kürzer anhält.

Erst jetzt, nachdem wir unsere Hirnflüssigkeit wieder ein wenig nachgefüllt bzw. verdünnt haben, fällt uns auf, dass wir hier in so was wie einer inoffiziellen Abfalldeponie gelandet sind. Zumindest kommt es uns so vor, denn überall liegen Verpackungen, Müll und Zigarettenstummel aus diversen Aschenbechern herum. Es heisst nun, sich mit der italienischen Mentalität anzufreunden. Obwohl, bei uns würde es wohl genau so aussehen, hätten wir keine so fleissigen Putzequipen. Schnell ziehen wir weiter und füllen unsere rasch zur Neige gehenden Wasservorräte an der nächsten Tankstelle wieder auf.

Längst ist aus dem angenehm warmen Kombi vom Morgen ein heisses Dampfbad mit subtropisch feuchtem Klima geworden, an dem Algen ihre wahre Freude hätten. Der Helm ist zu einem tropfenden Schwamm mutiert und während er mich mit seinen feuchten Armen umklammert, träume ich davon, wie schön ein kühles Bad nun wäre.

Nach der Verzeigung Vigole wird auch die Autobahn einmal interessant. Sehr kurvenreich und in gutem Zustand schlängelt sich die Strasse entlang eines Tales. Wir mit unserer wendigen Maschine können auch hier mit offenem Gashahn fahren und dabei auch noch auf Vollgenuss schalten. Dagegen müssen sich die Italiener mit ihren waghalsig voll bepackten Fahrzeugen in Acht nehmen, damit sie nicht aus der Spur geraten. Denn auch sie können die physikalischen Grundgesetze nicht übertölpeln, auch wenn man das bei einigen kunstvoll überladenen Dachträgern tatsächlich meinen könnte. Es wundert mich schon, dass ein vor uns dahin schlingernder, auf die doppelte Fahrzeughöhe aufgeblasener Fiat Uno überhaupt noch vorwärts kommt.

Wir haben das Gefühl für Distanz längst verloren, als die Ausfahrt Busalla vor uns auftaucht. Nach soviel Autobahn haben wir definitiv genug davon und so lassen wir von unserem ursprünglichen Plan ab, noch das Meeresaquarium in Genua zu besuchen. Die nun folgende wunderschöne Strecke führt uns auf kurvigen Strässchen durch endlich wieder grünes, waldiges Hinterland. Dabei machen wir auch erstmals Bekanntschaft mit dem unbändigen Suizidtrieb Italienischer Motorradfahrer (davon später mehr).

Durch hübsche, verschlafen wirkende Örtchen führt unser Weg und wie ich es schon fast erwartet habe, glänzen Wegweiser äusserst zuverlässig durch ihre Abwesenheit. Wenn es dann aber mal Schilder hat, so werden anstelle von grossen Ortschaften irgendwelche unwichtigen Weiler genannt. Kein Wunder also, dass wir die richtige Abzweigung nach „Rapallo“ verfehlen. Wir gleiten auf gut Glück bzw. rein nach Gefühl durch die ruhige Gegend.

In den winzigen Dörfern, die sich wie Perlen an einer Schnur der schmalen Verbindungsstrasse entlang aufreihen, sitzen ältere Leute auf Klappstühlen vor ihren Häusern. Sie beobachten das Geschehen auf der Strasse, die sich wie der Lebensnerv durch die Siedlungen zieht. Als wir schlussendlich an einer Kleinst-Polizeistation nach dem Weg fragen, geben uns die Beamten mit Begeisterung Auskunft. Sowieso sind alle Leute von uns und unserer schwer beladenen Twin sehr angetan. Als wir mit den neuen Informationen versorgt weiterfahren, winken uns die freundlichen Leute sogar noch nach. Erst in Chiavari stossen wir auf die Küste. Es geht schon gegen Abend zu und so entscheiden wir uns, nach einer Bleibe für die heutige Nacht Ausschau zu halten.

Am südlichen Stadtausgang folgen wir einem Schild, das auf einen ein wenig erhöht am Hang liegenden Zeltplatz hinweist. Nach kurzer Besichtigung befinden wir den Platz für gut und entschliessen uns hier zu bleiben. Das Motorrad können wir ins umzäunte Gelände hinein mitnehmen, was uns sofort wieder sämtliche Aufmerksamkeit zuteil werden lässt. Nicht nur, dass es der einzige grosse Hobel neben den vielen anwesenden Rollern ist, auch sind wir hier die einzigen Ausländer zu dieser Jahreszeit.

Was wir anfangs als Vorteil werteten, stellt sich nachts als Nachteil heraus. Als wir nämlich nach einem schönen Nachtessen in einem Restaurant beim Strand müde zurück ins Zelt kriechen, denken die anderen noch lange nicht ans Schlafen. Auf dem Hauptplatz des Campings läuft die Musik auf Hochtouren und lautes Gegröle hindert uns noch lange an ruhigem Schlaf. Da lobe ich mir immerhin, dass die immer mitgeführten Oropax die Geräusche wenigstens grösstenteils abdämpfen. Einmal mehr ein wahrer Segen.

Tag 3 - Obwohl wir nicht sehr gut bzw. viel geschlafen haben, sind wir topfit, denn heute geht es eigentlich erst richtig los. Endlich haben wir alles gepackt und biegen wieder auf die grosse Strasse am Meer ein. Es geht in Richtung Süden. Doch schon nach nicht allzu langer Zeit beginnt es bei uns beiden im Magen zu knurren. So entscheiden wir uns spontan beim nächsten kleinen Restaurant anzuhalten und ein anständiges Frühstück zu geniessen. Gesagt, getan. An einem kurvenreichen Streckenstück, von welchem man das Meer sehen kann, liegt ein kleines Hotel. Wir versuchen es auf gut Glück, denn man weiss ja nie, ob die etwas zu essen anbieten oder nicht. Mit einem Gemisch aus Englisch, Spanisch und einer Zeichensprache mit Händen und Füssen geben wir der älteren Hotelinhaberin unsere Wünsche zu verstehen. Sie scheint begriffen zu haben und zeigt uns ein kleines Tischchen im Vorgarten, wo wir Platz nehmen sollen. Während wir darauf warten, was sie uns wohl auftischen wird, leisten uns zwei zutrauliche Katzen Gesellschaft. Tatsächlich hat uns die Gastgeberin verstanden und serviert uns Kaffee mit Milch, natürlich typisch Italienisch mit viel Zucker, was unseren Insulinspiegel wieder ins Lot bringt. Dazu gibt es warme Sandwichs für die länger anhaltende Energiezufuhr. Während wir also unsere Brötchen vertilgen, stellen wir erfreut fest, dass wir offenbar an einer bei Einheimischen sehr beliebten Übungsstrecke Rast gemacht haben. Einige Ducatis brettern gleich mehrmals an uns vorbei. Und am Sound der Italienischen Maschinen erfreue ich mich natürlich besonders, so einen Ohrenschmaus kann man nicht alle Tage zum Frühstück geniessen.

Als nächstes geht es weiter in Richtung La Spezia, dem südlichsten Punkt unserer Reise. Bei vielen ist dieser Ort bekannt als Ausgangsort ihrer Fähre nach Korsika oder Sardinien. Auf der Tour dahin fallen uns beim Überholmanöver eines offenbar ortskundigen Lenkers beinahe die Augen aus dem Kopf. So überholt dieser lebensmüde Biker in einer absolut unübersichtlichen Rechtskurve einen vor uns fahrenden Krankenwagen derart knapp, dass dieser voll in die Eisen steigen muss, will er den ihn schneidenden Biker nicht gleich an Ort und Stelle hinten einpacken und verarzten. Soviel zum Fahren mit Verstand und Weitsicht.

Trotz der vielen aufregenden Momente beim Fahren erreichen wir zum Schluss La Spezia ohne Schaden genommen zu haben. Irgendwie hätten wir aber von der Stadt mehr erwartet. Als wir so durch die Häuserschluchten der Ortschaft kurven, welche uns durch ihre vielen Einbahnstrassen immer wieder Rätsel aufgibt, haben wir den Entschluss schon gefasst, diese Stadt schnellst möglich wieder zu verlassen.

Trotzdem fahren wir zuerst noch kurz den Hafen an, um dort ein wenig Pause zu machen. Unzählige Roller stehen in einem wilden Durcheinander, wie man es sich in Italien gewohnt ist, umher und erschweren das Durchkommen. Wir pflanzen uns in den Schatten einer Statue gleich am Hafenport. Nachdem wir uns gestärkt und erfrischt haben, machen wir uns gleich auf, um eine erste Unterkunft zu suchen. Dies allerdings nicht in La Spezia, sondern im etwas ausserhalb gelegenen Porto Venere. Die Strasse dahin ist mit Kurven gespickt, so wie fast alle kleineren Wege in der Gegend. Trotzdem ist sie gut ausgebaut, kurz darauf finden wir auch heraus wieso.

Porto Venere ist eine Tourismushochburg. Es gibt kaum günstige Hotelzimmer, dafür umso mehr mühsame, stressende Touristen und Hoteliers. Nach der Anfrage bei zwei oder drei Hotels lassen wir es gut sein und ziehen weiter. Ich muss zugeben, der Strand wäre schön gewesen, aber es gibt auch noch andere Orte. Wir fahren zurück bis kurz vor Marola, wo wir der Abzweigung nach Riomaggiore folgen. Die Aussicht auf diesem Streckenabschnitt, der Via Litoranea ist wirklich super. Von weit oben sieht man auf die Küste mit ihren eindrücklichen Klippen hinunter, wo sich kleine Boote auf den Wellen wiegen.

Durch die schöne Aussicht abgelenkt, verpassen wir beinahe die unscheinbare Abzweigung hinunter nach Riomaggiore. Nur weil ein Fahrzeug vor uns abzweigt, komme ich überhaupt auf die Idee, dass wir bereits da sein könnten. Wir folgen dem Auto den Anhang hinab, bis wir vor der kleinen Ortschaft auf eine Abschrankung treffen. Weiterfahrt verboten! Ein Parkplatz lässt keine Fragen offen, wo man sein Fahrzeug platzieren soll. Das sagt mir allerdings gar nicht zu, denn ich habe nicht vor, mein ganzes Gepäck die Strassen runter zu tragen (und vor allem später wieder hinauf!). Etwas die Strasse hinauf ist uns ein Schild „Residence Ciqueterre“ aufgefallen, welches auf eine Unterkunft hindeutete. Wir versuchen unser Glück. An einem eisernen Tor hat es günstigerweise auch noch eine kleine Einbuchtung, gerade gross genug für unsere voll bepackte Maschine. Wir stellen sie ab und fragen nach.

Wie fast immer ist uns das Glück auch hier wieder hold. Wir bekommen ein günstiges, kleines Doppelzimmer in einem relativ neuen Hotel, das ich nur weiter empfehlen kann! Für uns kommt es etwas günstiger, da wir nicht reserviert haben, sonst ist es schon fast teuer. Aber die Zimmer können mit Klimaanlage, Badewanne und Kühlschrank aufwarten. Zudem hat jedes Zimmer eine kleine Terasse mit Liegen, um auch den Sonnenanbetern etwas bieten zu können. Wir beziehen also unsere Suite und machen uns danach auf Erkundungstour durch das verträumte Örtchen.

Riomaggiore ist eines der fünf Dörfer der Region Cinque Terre in Ligurien. An der Riviera di Levante haben sich diese einzigartigen Orte, die lange Zeit isoliert waren, bis heute ihren speziellen Charakter bewahren können. Einige von ihnen weisen allein schon durch den speziellen Häuserbau entlang der engen und steilen Taleinschnitte eine aussergewöhnliche Atmosphäre auf. Natürlich lassen wir es uns nicht nehmen und speisen in einem kleinen Italienischen Restaurant. Bei Dunkelheit, aber auf gut beleuchteten Weglein, machen wir uns, wie alle, zu Fuss auf den Heimweg. Es ist wirklich sehr ruhig und keiner vermisst den Lärm der Autos. Es war eine hervorragende Idee, den Verkehr draussen zu behalten. Naja, immerhin befinden wir uns hier in einem Gebiet, das 1997 von der Unesco ins Weltkulturerbe aufgenommen wurde.

Tag 4 - Der heutige Tag steht ganz im Zeichen der Erholung. Nach einem ausführlichen Frühstück machen wir uns auf den Weg und spazieren zu einem weiteren kleinen Ort. Manarola ist unser Ziel. Obwohl auch eine Zuglinie die beiden Dörfer verbindet, machen wir Hin- und Rückweg zu Fuss. Neben der südländischen Atmosphäre geniessen wir vor allem das ausgezeichnete Stracciatella-Glacé. Die kleinen Dörfchen sind einfach genial. Es läuft nichts, aber genau das fasziniert uns irgendwie. Es ist sehr ruhig, man hört hin und wieder eine Katze mautzen und die wenigen Touristen halten sich glücklicherweise auch angenehm zurück. Abgesehen davon isst man hier fantastisch und zwar vom Salat bis zum Dessert. Ich möchte gar nicht wissen, wie es hier zur Hochsaison zu und her gehen muss.

Als wir später erneut über die bekannte Via d`Amore, einer kleinen in den Fels getriebenen Wanderroute entlang der Küste (übrigens Rollstuhlgängig und kostenpflichtig), ins Hotel zurückkehren, müssen wir als erstes vom einen Zimmer in ein anderes umziehen. Unseres wird von jemandem benötigt, der anders als wir, reserviert hat. Das macht uns aber kaum etwas aus, haben wir dadurch doch die  Möglichkeit, auch gleich noch von der Abendsonne auf der Terrasse zu profitieren.

Trotz Mücken lassen wir es uns nicht nehmen und machen einen Spaziergang entlang der Schrebergärten. Diese drücken sich eng an den steilen Berghang und beginnen schon kurz nach den letzten Häusern. Auch Hühner werden dort in kleinen Gattern gehalten. Jetzt wissen wir wenigstens, woher uns Frühstücksei gekommen ist.

Manuela`s Blut übt auf die Mücken offenbar so eine starke Anziehungskraft aus, dass diese einfach nicht widerstehen können. Zudem sind die offenen Sandaletten, die sie trägt, geradezu eine Einladung zum Zustechen, was diese sich natürlich nicht zweimal offerieren lassen. Zu Manuelas Verteidigung muss man jedoch sagen, dass für bessere Schuhe, sprich Wanderschuhe, neben der ganzen Camping- und Regenausrüstung in den Koffern leider kein Platz mehr war.  Die Mückenstiche haben aber dann doch noch einen grossen Nachteil, denn sie jucken extrem in den hohen Motorradstiefeln und das kann über einen ganzen Tag hinweg sehr unangenehm werden.

Tag 5 - Trotz der üblen Hinterlassenschaften der Mücken zwängt sich meine Sozia tapfer in die Töffstiefel und wir fahren nach einem feinen, hauptsächlich aus Süssem bestehenden Frühstück weiter. Da die Dörfer nicht direkt an einer Durchgangstrasse liegen, müssen wir erst einmal zurück zur Hauptstrasse. Die Strasse ist so herrlich kurvenreich, dass man gar nicht mehr anders kann, als sich von einer Kurve in die nächste zu stürzen. Zwischen den vielen Bäumen sieht man immer wieder bis hinunter zum blau strahlenden Meer. Das nächste bekannte Dörfchen ist Corniglia und liegt auf einem Felsvorsprung. Es kann daher keinen direkten Anschluss ans Meer bieten, weil es rund herum abschüssig ist. Deshalb verschmähen wir dieses kleine Stückchen Erde und machen bloss ein Foto zur Erinnerung. Kaum haben wir den Fotoapparat weggepackt, da beginnt es fein zu fieseln. Gleichzeitig kühlt es stark ab. Schnell ziehen wir unsere Regenausrüstung an und fahren los. Vielleicht entkommen wir der anrollenden Regenfront ja. Gut, ich gebe es zu, diesmal sind die vielen Kurven bei der Flucht eher hinderlich, aber immerhin ist es eine selten genüssliche Flucht.

Tatsächlich entrinnen wir dem Regen noch einmal und als wir im nächsten Örtchen ankommen, scheint schon wieder die Sonne. Der Wache habende Polizist beim Parkplatz oberhalb des Dorfes scheint einen guten Tag zu haben, denn die erste Verkehrsschranke hinunter nach Vernazza dürfen wir als einzige Touristen fahrend passieren und kommen so noch ein ganzes Stück weiter hinunter. Allerdings müssen wir ihm versprechen, später, nachdem wir alles abgeladen haben, das Moto wieder auf den Parkplatz hinauf zu bringen. Das machen wir selbstverständlich, denn ich kann mir vorstellen, wie mühsam es werden könnte, das ganze Gepäck runter zu schleppen.

Am Dorfeingang ist dann aber ganz Schluss mit Fahren. Manuela macht sich zu Fuss auf die Suche nach einer geeigneten Unterkunft, während ich alles nötige aus den Koffern klaube und in die grosse Tasche packe. Einmal mehr bewährt sich unser Packsystem. Ich bin noch nicht ganz fertig, da kommt sie bereits wieder anmarschiert. Sie ist in einem der ersten Hotels fündig geworden.

Nachdem wir das entladene Motorrad wieder auf den oberen Parkplatz zurück gebracht haben, wandern wir den Weg entlang dem Fluss wieder runter. Das Rauschen der Wassers und die vielen, schönen, kleinen Gärtchen, die sich in der engen Schlucht an die Felsen pressen und in welchen Zitronenbäumchen und auch andere mediterrane Früchte wachsen, lassen in uns das Feriengefühl auf Höchstniveau steigen.

Der Preis für das Hotel ist gemessen an seiner Leistung eindeutig zu hoch. Dafür entschädigt uns aber das Städtchen umso mehr. Es ist eindeutig das schönste der vier bisher besuchten. Ein Aussichtsturm überragt den Ort und wer es sich leisten will, kann ihn gegen ein kleines Entgelt auch besteigen und die Aussicht geniessen. Für alle anderen hat es aber genügend Alternativen. Nach einem reichlichen Nachtessen in einem der netten und erstaunlicherweise günstigen Restaurants an der grossen Piazza (bei speziellen Platzwünschen oder in Restaurants mit Hafensicht sollte man vorreservieren) beenden wir unseren Tag mit einem romantischen Besuch des ruhigen Hafens.

Tag 6 - Heute sind nach diesen ruhigen Tagen wieder mehr Kilometer geplant. Ziel ist der Gardasee. Vor allem die Strecke weg von der Küste in Richtung Parma ist besonders reizvoll. Damit wir unser Ziel heute aber nicht mitten in der Nacht erst erreichen, fahren wir teilweise Autobahn. So kommen wir einiges schneller voran. In Cremona verlassen wir die Raser wieder und machen einen Zwischenstopp mit Essenspause bei einem Supermarkt. Wir füllen unsere Vorräte auf, geniessen frischen, saftigen Rohschinken mit knusprigem Brot, während wir uns auf einer Parkbank sonnen.

Über flache und trockene Ebenen erreichen wir bald den Gardasee. Während wir ihm folgen, halten wir Ausschau nach einem geeigneten und schönen Zeltplatz. Schliesslich sind unsere Ansprüche bzgl. Seesicht nach dem Mee(h)rstandard, welchen wir bisher genossen, gestiegen. Das Unterfangen ist gar nicht so einfach. An Zeltplätzen mangelt es hier wahrlich nicht, aber die Preise, die meist aussen gross angeschrieben sind, haben es in sich und lassen uns die meisten gleich von Anfang an umfahren. Zudem sind viele auch zu dieser Jahreszeit noch ausgebucht, da der Gardasee mit seinem sehr ausgewogenen Klima auch im Herbst noch viele Touristen anlockt.

Auch der viele Verkehr hat seine Tücken. Bleibe ich in der Reihe, so kommen wir kaum voran. Überhole ich aber, so sehen wir die angeschriebenen Zeltplatzpreise hinter den grossen LKWs nicht mehr. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als im steten Wankelgang, mal schnell, mal langsam dem See zu folgen. Zuletzt finden wir dann aber doch noch ein gemütliches Plätzchen.

Im Wettstreit mit einem anderen, gerade gestrandeten Schweizer Pärchen stellen wir unser Zelt auf. Unsere doch sehr ausgeprägte Campingerfahrung bringt uns den entscheidenden Vorteil. Direkt am Wasser sind wir platziert und das Motorrad können wir auch gleich neben dem Zelt parken, ideale Verhältnisse also. Man sollte allerdings nicht vergessen, dass ein Motorrad auf dem Hauptständer evtl. leichter einsinken kann, als auf Rädern. Um eine unangenehme Überraschung zu vermeiden, unterlegt man idealerweise beim Hauptständer eine leere, platt gedrückte PET-Flasche. Nachdem wir unsere Schlafmatten aufgeblasen und im Zelt verstaut haben, scheint die wärmende Sonne immer noch warm genug, so dass wir der Versuchung eines kurzen erfrischenden Bades im See nicht widerstehen können. Nach einem feinen, üppigen Mal im Restaurant des Campings lassen wir den Abend mit einem gemütlichen Verdauungsspaziergang ausklingen, da es sich erfahrungsgemäss mit vollem Magen nicht gut schlafen lässt.

Tag 7 - Wieder haben wir mit dem Wetter Glück. Die Sonne scheint uns einen netten Heimweg zu bescheren. Heute geht es nämlich allmählich zurück in Richtung Schweiz. Na ja, wir werden sehen, wie weit wir kommen.

Nach dem ganzen Abräumen folgen wir zuerst dem See bis nach Salö. Dort zweigen wir dann ab in Richtung Vestone und Anfo. Die Natur bzw. die Vegetation präsentiert sich schon fast etwas trocken. Sie erinnert uns stark ans Bündnerland. Nun, so weit sind wir ja auch nicht mehr davon entfernt. Auch die Häuser der diversen Dörfer sehen schon ähnlich aus. Nach Anfo beginnt der wirklich interessante Teil unserer heutigen Etappe. Nun folgen nämlich einige anspruchsvolle, deswegen aber nicht minder reizvolle Pässe mit vielen Kurven. Das Prunkstück ist definitiv der Paso di Croce Domini (auch bekannt als der „krasse“ Domini) bzw. davor der Paso di Maniva. Es ist fast unglaublich, man hat das Gefühl, der Pass wolle gar nicht mehr aufhören. Es geht hinauf und hinauf und man erwartet eigentlich ständig, dass gleich hinter der nächsten Biegung die Passhöhe erscheinen müsste. Doch nichts da. Dafür wird das Wetter plötzlich wieder schlechter. Haben wir etwa wie die Babylonier zu hoch hinaus gewollt? Je höher wir kommen, desto übler sieht es aus. Als wollten uns die Götter darauf hinweisen, dass wir gerade in unerlaubte Höhen aufsteigen. Wir fahren durch dichten Nebel und die Sicht sinkt gegen null.

Bevor wir allerdings von der Feuchtigkeit durchnässt werden, halten wir kurz am Strassenrand und ziehen unsere Regenschütze über. Wie sich zeigt, hatten wir ein gutes Gespür, was auf uns zukommen würde, denn keine drei Kehren später öffnet der Himmel seine Tore und begiesst uns als gäbe es ab Morgen für die nächsten zehn Jahre keinen Regen mehr. Doch immerhin einen Trost gibt es dabei. Wir sind nämlich nicht die Einzigen, die etwas von der Wasserpracht abbekommen. So können wir uns wenigstens etwas an der Schadenfreude laben, wenn sich vereinzelte Wanderer, die sich hierher verirrt haben, erfolglos unter ihren Regenmützen zu schützen versuchen.

Was mich aber am meisten freut ist die Tatsache, dass nun der Strassenbelag zu Ende ist und ich ein wenig Endurofahrtraining gratis absolvieren kann. Die breite, gut ausgebaute Strasse ändert sich in ein etwa eineinhalb Auto breites Kiesweglein, das auch mit diversen Schlaglöchern und Auswaschungen aufwarten kann. Leider kann ich dies allerdings nicht richtig auskosten, denn ein voll bepacktes Auto mit fünf Personen drin hottert vor mir her und quält sich langsam den Berg hinauf. Ich kann wegen der engen Platzverhältnisse nicht überholen. D.h. möglich wäre es theoretisch, aber leider fährt dieser Hirni so ungeschickt und ohne Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer, dass jeder Versuch schon im Voraus zum Scheitern verurteilt wäre. Erst als wir eine kleine Berghütte passieren schert er auf einen Platz aus und wir können frei fahren.

Es ist sehr feucht und die vielen kleinen Seen entlang unserer Strecke, gepaart mit der stark begrenzten Fernsicht, vermitteln uns irgendwie das Bild von Schottland. Nach einer kurzen Abfahrt über eine ausgewaschene Kiesstrasse gelangen wir dann auf 1892 m erneut auf die befestigte Passstrasse. Diese führt runter nach Breno und ist nun grosszügig ausgelegt. Sogleich hat es wieder viel mehr Verkehr. In einer kleinen Pension am Fusse des hinter uns liegenden Passes gönnen wir uns dann endlich eine wohlverdiente Portion Spaghetti.

Nun scheint die Sonne wieder, als könnte der Wettergott kein Wässerchen trüben. Wir legen unsere Kombis und die Regenschütze in die Sonne, bis wir wieder weiter ziehen. Die getrockneten Kleider verpacken wir in die Kisten, die restlichen ziehen wir einfach wieder über. Der Fahrtwind wird den Rest erledigen. Wir nehmen die SS45 und fahren Richtung Norden bis nach Edolo, wo wir gleich auf viel mehr Biker treffen, als zuvor. Die meisten von ihnen kommen vom Paso di Gavia her und schwenken ein in Richtung Aprica. Etwa  einen Kilometer ausserhalb des Dorfzentrums auf der linken Strassenseite sticht uns ein unauffälliges Zeltplatzschild in die Augen. Meine Sozia ist froh, als wir auf dem Zeltplatz einen schönen und ruhigen Platz finden.

Schnell sind wir uns über den Preis einig und stellen das Zelt in den fast leeren Platz unter einige Fichten. Der Boden ist von den vielen verstreuten Nadeln angenehm weich und verspricht eine gemütliche Nacht. Während Manuela das Zelt einräumt, sitze ich nochmals auf und fahre erneut in Richtung Zentrum. Mit einem Tankrucksack voller Esswaren komme ich kurz darauf wieder vom Supermarkt zurück. Unser Abendessen besteht dann aus erfrischendem Joghurt, Käse, Schinken und feinem, knusprigem Brot. Der Wind lässt die Äste etwas schwingen, ein leises Rauschen vermittelt uns eine ruhige, gemüt-lich Atmosphäre und wir geniessen es, auf diese angenehme Art in den Schlaf gewiegelt zu werden.

Tag 8 - Der heutige Tag ist anfangs eher langweilig, denn die Strasse von Edolo bis nach Tirano ist grösstenteils gerade und auch ziemlich flach. Gegen Mittag wäre dann eigentlich tanken angesagt gewesen, doch alle Tankstellenbesitzer in der Gegend  scheinen sich auf einmal gegen uns verschworen zu haben. Wirklich alle haben hier von 11.00Uhr bis um 14.00 Uhr geschlossen. Ich meine, ich kann ja verstehen, dass Leute ihre Mittagspause brauchen, aber gleich drei Stunden? Als ich wieder an einer vorbei fahre, sehe ich, dass die Türe offen steht. Ich halte an und triumphiere schon ein wenig, denn hier steht nichts von Pause. Noch nicht, denn kaum will ich vom Bock steigen, da kommt der Wart heraus und stellt das Schild hin, dass geschlossen sei. Das kann ja wohl nur ein Witz sein. Ich frage ihn, ob er denn nicht eine Ausnahme machen könnte, aber da ist nichts zu machen. Hätten die hier doch einfach Automaten, dann wäre das Problem gelöst. So bleibt mir nichts anderes übrig, als auf Reserve umzustellen und weiter zu fahren, in der Hoffnung irgendwo doch noch auf eine offene Tankstelle zu treffen.

Ich habe noch maximal Benzin für 15 Kilometer im Tank, als ich wieder an einer vorbei komme. Nun halte ich aber an, denn wer weiss, wann die nächste auftaucht. Doch diesmal meint es das Schicksal gut mit uns, denn diese ist zwar ebenfalls geschlossen, aber verfügt glücklicherweise über einen Tankautomaten. Ich tanke also für 5 Euro, denn die Schweiz mit ihrem günstigen Treibstoff ist nicht mehr weit. Als ich gerade fertig bin, fragt mich eine Frau, ob ich ihr wohl mit der Bedienung helfen könnte, da sie mit Automaten nicht gut zurecht käme. Ja, wen wundert das, sind doch normalerweise alle Tankstelle bedient und Automaten auch kaum anzutreffen. Kaum will ich also aufsteigen kommt der nächste mit derselben Bitte. Es scheint, ich habe eine Marktlücke entdeckt. Hätte ich mehr Zeit, so könnte ich mir hier ein gutes Taschengeld verdienen. Allerdings möchten wir weiter, so erkläre ich ihm den Vorgang und er solle es doch den weiteren, hinten anstehenden erklären, denn ich müsse weiter. Freundlich bedankt er sich und macht sich ans Tanken.

Es geht weiter in Richtung Bernina. Je näher wir dem Pass kommen, desto dunkler wird der Himmel. Wir satteln vorsichtshalber auf Regenkluft um. Es beginnt zwar nicht, aber da es mit zunehmender Höhe auch kälter wird, lassen wir sie gleich an. Die vielen schönen Kurven entschädigen uns für das schlechte Wetter. Anstelle der Aussicht geniessen wir die Schräglagen umso mehr. Auf dem 2330 m hohen Pass machen wir kurz Halt und verdrücken unsere Sandwichs am kleinen Seelein. Lange bleiben wir aber nicht, die Kälte kriecht uns unter die Kleider und so sitzen wir wieder auf.

Kurz darauf passieren wir die beiden Luftseilbahnen Curtinatsch – Lagalp und die Berinna-Diavoleza, die im Sommer die Wanderer und im Winter die Skifahrer in ihr jeweiliges Paradies be-fördern. Doch wir haben heute keine Lust mehr auf Drahtseilakte und so ziehen wir weiter das Tal hinab. Zu unserer Rechten begleiten uns diverse Geltscherzungen, die aus den Alpen hinab in die Täler kriechen.

Auch die Gleise der Bahn ziehen ihre Spuren neben uns her, entlang der Hochebene. Nur einmal muss man ziemlich aufpassen. An dieser Stelle kreuzt man die Gleise und diverse Bremsspuren zeugen davon, dass schon oft Biker, aber auch Autofahrer wohl etwas überrascht wurden von der welligen Streckenführung. Die Überquerung ist hier nämlich so ungeschickt gebaut, dass sich eine regelrechte Schanze daraus ergeben hat – und das ist nicht übertrieben! Blöderweise folgt darauf auch gleich noch eine Rechtskurve. Wer aber aufpasst, der hat eigentlich nichts zu befürchten.

Unweit nach Pontresina erreichen wir Samedan, wo wir dem Inn entlang nach Osten folgen. Obwohl es schon ziemlich kühl ist, tummeln sich eine ganze Menge Sky-Surfer mit ihren Schirmen auf dem See vor St. Moritz und lassen sich vom Wind übers Wasser und in die Lüfte tragen. Der Ort selbst ist bekannt für seinen Luxustourismus. Neben vielen VIP-Touristen verbringen auch englische Königshausmitglieder regelmässig ihre Ferien hier. Glücklicherweise fahren die aber nicht Motorrad, sonst wären die Strassen immer verstopft mit den rundherum fahrenden Bodygards.

In Silvaplana zweigen wir rechts ab hinauf zum Julier. Dieser Pass, das kann man offen sagen, eignet sich besser für eine Befahrung von Nord nach Süd als umgekehrt, denn während auf der Südseite nur eine knappe handvoll richtiger Kurven auf einen warten, ansonsten die Strecke aber meist ziemlich gerade verläuft, kann die Nordseite mit knapp drei Dutzend guter, schön geführter, enger Richtungswechsel aufwarten, wenn auch etwas in die Länge gezogen.

Aber auch das mag uns heute nicht mehr richtig in Stimmung versetzen, vor allem, weil wir ja von Süden her kommen. Über Churwalden erreichen wir Chur, wo wir direkt auf die Autobahn wechseln, um dann möglichst bald, noch vor dem Eindunkeln, daheim an zu kommen.