Route des grandes alpes - 895 km und 32000 Höhenmeter in 17 Stunden



Tag 1: Route des grandes alpes in einem Stück

Kühl windet es um meinen Hals, als wir um kurz nach 1 Uhr nachts über die Autobahn nach Genf düsen. Die dunkle Nacht huscht an mir vorüber, und der Fahrtwind rauscht beruhigend um meinen Helm. Verkehr? Fehlanzeige. I4rgendwie ja auch kein Wunder, wer verirrt sich schon unter der Woche um diese Tages- bzw. Nachtzeit auf die Autobahn, mal abgesehen von den Nachtkurieren.  

Obwohl eigentlich Regen angesagt war für diese Nacht, haben wir uns mal wieder voll auf unser Wetterglück verlassen und die Regenanzüge gar nicht erst ausgepackt, sonder sie ganz unten  in einem Koffer verstaut. So geht es also, stets in der Hoffnung trocken zu bleiben, Kilometer für Kilometer nach Westen.

Kurz vor der Grenze bei Genf tanken wir an einer um diese Herrgottsfrühe verlassenen Raststätte nochmals auf, obwohl das rein treibstofftechnisch noch lange nicht nötig gewesen wäre. So aber können wir einerseits vom günstigeren Benzin in der Schweiz profitieren und andererseits die Müdigkeit aus unseren Knochen treiben. Immerhin sind wir nun auch schon gute zweieinhalb Stunden in völliger Dunkelheit und in einschläfender Eintönigkeit untterwegs. Nur das leise, hypnotisierende Brummen unserer Boxermotoren und die dank Nebelscheinwerfern gut ausgeleuchtete Fahrbahn bringen etwas Abwechslung.

Bei Annecy verlassen wir für die nächsten paar hundert Kilometer die Autobahn. Nun geht es noch durch einige kleine, verschlafene Dörfer in Richtung Albertville. Nur einmal schrecke ich auf, als Nick von einem stationären Radarkasten geblitzdingst wird. Da hat er wohl für einen Moment nicht genug auf den Tacho geschaut. Naja, immerhin, viel zu viel kanns nicht gewesen sein, denn mich hats nicht geblitzt und ich war ja annähernd gleich schnell und kurz hinter ihm unterwegs.

Ab Feissons-sur-Isère beginnt unser Kurventraum, denn hier startet der Col de la Madeleinne. Schon von ganz unten aus beginnt das Kurvenfeuerwerk. Noch viel interessanter als bei Tag ist er eben bei Nacht, das haben wir ja auch schon bei unserem Night-Ride in den Schweizer Pässen festgestellt. Zwischendurch amüsieren wir uns wegen eines Ortschaftsschildes ganz kräftig über den Französischen Humor: Wer kommt schon auf die Idee eine Ortschaft tatsächlich „Pussy“ zu nennen? Das können ja nur Franzosen sein.

Langsam zeichnen sich die Konturen der knitterig-kantigen Alpengipfel am heller werdenden Himmel ab. Ob das noch reicht bis zum Sonnenaufgang oben anzukommen? Geplant war es auf jeden Fall. Wir haben uns extra ausgerechnet, wie lange die Anfahrt dauert, um möglichst zum Sonnenaufgang auf einem der ersten grossen Pässen der Route  des grandes alpes zu sein. Da wir aber gänzlich ohne Gegenverkehr fahren können, sind wir sogar so früh oben, dass sogar noch das eine oder andere Foto vor der Passhöhe drin liegt. Wenig später brechen die ersten Sonnenstrahlen über die Krete und kitzeln uns an der Nase.

Auf der Passhöhe angekommen treffen wir auf eine stattliche Anzahl Camper, deren Bewohner aber allesamt den schönen Sonnenaufgang verschlafen oder zumindest gerne verschlafen hätten. Mit unserem Geknattert wird das Schlafen wohl nicht mehr ganz so einfach gefallen sein – ein wenig Spass dürfen wir uns ja auch noch gönnen.

Nachdem noch kurz einige „fliegende“ Bullen-Kalorien in Form eines RedBulls in flüssiger Form runtergespült wurden, sitzen wir schon wieder im Sattel, ganz in der Hoffung die eben eingeworfenen „Flügel“ nicht tatsächlich je benötigen zu müssen. Mit knapp 8 Grad ist es für diese Jahreszeit doch empfindlich kühl hier oben. So geht es rasch runter vom Col de la Madeleine. Allerdings zweigen wir keine 2 Kilometer nach der Passhöhe links ab und folgen einer kleinen Kiesstrecke in Richtung Col de Chaussy. Es wäre doch schade, nur die normalen, jedermansstrassen zu fahren, wenns doch auch noch andere Wege über die Pässe gibt. Die Strasse, obwohl Kies, ist gut befahrbar. Trotzdem darf man seine Augen nicht zu viel in der Gegend schweifen lassen, denn es wartet doch das eine oder andere Schlagloch darauf ein fettes Rad einzufangen.

Unsere „Abkürzung“ über den Col de Chaussy führt uns auf der Südseite an super Felsformationen vorbei. Das Strässchen windet sich teilweise entlang von Felswänden und bietet gleichzeitig eine weite Sicht über das Tal. So früh am Morgen kriechen noch schläfrige, schwere Wolken über den Talboden weit unter uns. Während sich Softmatrazenschläfer nochmals im Bett umdrehen und der nächsten Tiefschlafphase entgegen schlummern, geht’s bei uns inzwischen zügig vorwärts.

Über die wenig befahrene Strecke erreichen wir fast direkt St. Jean de Maurienne, von wo gleich die nächste Kirsche der Tour folgt: Der Col de la Croix de Fer. Ein super Panorama bietet sich je weiter wir in die Höhe preschen und die Sonne heizt auch schon langsam ein. Wird aber auch langsam Zeit, dass ich meine Faserpelzjacke endlich wegpacken kann. Man sollte übrigens darauf achten, weder zu kalt noch zu warm zu haben bzw. sich entsprechend passend zu kleiden. So kann man die Konzentration stetig hoch halten und begeht keine fatalen Fehler auf Grund von vorzeitiger Ermüdung.

Auch auf dieser Passhöhe steigen wir ab, machen einige Fotos und die obligate, kleine Getränkepause. Wenn wir diese Passhöhenpausen für die heutige Tour beibehalten wollen, dann müssen wir uns aber bald Nachschub an Red Bull besorgen, die kleinen Dosen lösen sich in Nicks Nähe in unglaublicher Geschwindigkeit in Luft auf und es stehen noch einige ganze Menge Pässe an.

Auf dem Weg runter können wir noch kurz einen Blick auf den Col du Glandon erhaschen. Dieser verhält sich zum Col de la Croix de Fer nämlich in etwa so wie der seitliche Zustoss des Umbrailpasses zum Stilfserjoch. Wir geniessen kurz die noch kühle, saubere Alpenluft und die Aussicht auf die weitere Strecke. Sie ist nicht besonders gespickt mit Kurven, führt dafür an zwei schönen, blau schimmernden Stausee vorbei ins Tal und erinnert mich etwas an Norwegen.

Nächstes Ziel ist die nicht weit entfernte Alp d`Huez, ein bekanntes Etappenzielort der Tour de France. Schon nach kurzer Fahrt muss ich mir allerdings ernsthaft überlegen, ob ich Zukunft nicht evtl. einen der „bösen“ Kuhfänger vorn an mein Bike montieren lassen sollte. Noch besser und vor allem etwas weniger aufwendig, denn den Kuhfänger müsste man ja regelmässig säubern, dürfte es sein, einfach vor der Passfahrt zwei Pfadschlitten den Pass hoch zu jagen.

Die einen oder anderen werden sich da fragen, was ein Pfadschlitten im Sommer an der Alp d`Huez verloren hat. Diese Frage werden sich allerdings nur diejenigen stellen, der noch nie im Sommer diese Strecke gefahren ist. Der Grund liegt ursprünglich wohl bei der Tour de France. Diese hat den „Hügel“ so populär gemacht, dass es nun jeden Velofahrer dort hin zieht und sei er noch so überfordert mit der Strecke. So kriechen, schnaufen und quälen sich die lahmen Enten je höher desto langsamer und vor allem desto schwankender den Berg hinauf. Man könnte aus der Strecke aber natürlich auch eine Art Slalomtraining für Motorradfahrer machen, natürlich mit dem Ziel möglichst wenige der umher eiernden Rennvelofahrer „zu erwischen“. Ist wohl politisch nicht ganz korrekt, aber einer muss das ja mal los werden.

Regelrecht gemein und fies finde ich das. Es scheint als hätten ganze Horden rudelartig organisierter Velofahrer nichts anderes vor, als das ansonsten wahrscheinlich geniale Kurvenerlebnis von uns Bikern zu Nichte zu machen. Dabei haben wir Biker uns extra um eben diesen selbstzerstörerischen Meuten zu entgehen, früh morgen aus dem warmen Bett gequält, nur um dann umso enttäuschter feststellen zu müssen, dass diese Horden un(ter)motorisierter Barbaren uns zuvor gekommen sind.

Die Strasse selbst wäre eigentlich mit einer Handvoll geradezu idealer 180er-Kurven ausgestattet, aber die vielen Velofahrer sind wie Sand in Getriebe. Denn oftmals fahren dazu deren „Begleitfahrzeuge“, meist Minivans, ebenso langsam hinauf. Kein Wunder, sind das ja wohl die „Verpflegungs-“ und „Besenwagen“ der Hobbysportler, sprich viele, meist mindermotivierte Frauen, die dem Hausfrieden zu Liebe ihre spärlichen Ferien als „Wasserträger“ fristen.

Die Alp d`Huez ist zu allem Übel dazu dann leider auch noch ein so hässlicher Ort, das er eine Beleidigung für den Namen „Alp“ ist. Mit einer Alp hat diese Ortschaft rein gar nichts mehr gemeinsam. Ein Hotelklotz am Anderen kann ich auch in Nizza sehen, aber da hat es wenigstens blaues Meer vorne dran.

Wer gedacht hat, wir würden uns nun die Strecke zwischen all den verrückten Masochisten nochmals antun (bei der Talfahrt), der irrt. Nein, wir folgen wieder einem Kiessträsschen, dass uns über den Col du Sarenne führt. Wir treffen hier zum Glück kaum auf Verkehr, ja eigentlich hat es hier mehr Wanderer als Bereifte. Bei allen schönen Aussichten, die man hier geniessen kann, ist dennoch Vorsicht beim Fahren geboten. Hin und wieder gibt es schräg über die Strasse verlaufende  Wasserfuhrten. Übersieht man eine solche, so kann das ganz übel enden. Wer hier zudem noch etwas zu schnell unterwegs ist, der wird sich und wohl auch dem Bike heftig weh tun. Den die Furten sind teilweise kaum zu sehen und daher nicht ganz ungefährlich. Ansonsten ist er aber ganz klar zu empfehlen.

Auf der Südseite gelangen wir auf die Zufahrt bzw. die Nordrampe des Colle du Lautaret. Dieser ist zwar zu einer Hochgeschwindigkeitsstrecke ausgebaut, aber da er für grosse LKWs ausgelegt ist, finden sich leider auch des öfteren eben solche auf der Strecke. Daneben hat es auf Grund der inzwischen fortgeschrittenen Tageszeit inzwischen auch viele Camper unterwegs, was dem vorankommen auch nicht unbedingt förderlich ist. Im Gegensatz zu den Velos torckeln diese wenigstens nicht durch die Gegend und so ist das Überholen meist gut möglich (sofern es der Gegenverkehr zulässt, versteht sich).

Bisher haben wir bis auf zwei 125-er noch keine anderen Biker erspähen können. Um die Chance dafür etwas zu erhöhen machen wir gleich unterhalb der Zufahrt zum Col du Galibier, welcher auf unsere Strecke einmündet Pause. Wir verzichten allerdings auf die Fahrt zur Passhöhe hinauf, denn erstens kennen wir den Pass bereits ziemlich gut (und die Südzufahrt ist nicht mal annäherungsweise mit der Nordrampe zu vergleichen), andererseits werden wir heute noch genügend Höhenmeter absolvieren, dass dies nicht auch noch sein muss.

Schon kurz darauf kommt unser nächster geplanter Stopp – Briacon ist erreicht. Eigentlich wäre Briacon ein wunderschönes Örtchen und für eine Übernachtung ideal geeignet, wäre man denn darauf aus. Denn rund um die Ortschaft finden sich eine grössere Ansammlung an alten Forts, die man besichtigen kann und die eine mittelalterliche Stimmung verbreiten. Wie immer halten wir beim Supermarkt „Casino“ neben der Tankstelle, wo wir Verpflegung aufnehmen und unseren Bikes mal wieder etwas Treibstoff gönnen. Mit guten 14 Litern fällt deren Durst allerdings eher bescheiden aus, vor allem, da der Tank ja 33 Liter fasst.

Nun folgt der Colle d`Izoard. Seine Zufahrstrecke beginnt schon bei der Ausfahrt aus Briacon hinaus. Der Belag ist die Griffigkeit in Person und echt der Hammer, so dass wir gar nicht anhalten mögen um einige Fotos zu schiessen. Etwas ärgern wir uns schon, dass wir gerade hier nicht auf einige der Blümchenpflücker mit Supersportmaschinen treffen, denn die Kurvenradien sind perfekt (wenn man die richtige Übersetzung hat) und unsere heute bereits abgespulte Kilometerleistung erlaubt es uns, auch die letzten bisher hartnäckig verbliebenen Noppen am äussersten Rand der Pneukanten rigoros abzustreifen. Aber auch so ist dieser Pass einfach ein Muss im Lebenslauf eines jeden richtigen Motorradfahrers.

Oben angekommen müssen wir mal wieder unser Red-Bull/Blut-Verhältnis aufpeppen. Schliesslich folgen ja noch eine ganze Menge Kurven bis zu unserer Unterkunft. Daher habe ich auch Zeit den Fotoapparat auszupacken und das herrliche Wetter auf den Datenträger zu bannen. Wer zum ersten Mal hier ist, der sollte es sich wirklich nicht entgehen lassen und die Gegend auf sich wirken lassen sowie einige Fotos schiessen. Auch auf der Abfahrt nach Süden gibt es die eine oder andere Postkartenidylle festzuhalten! Man glaubt sich teilweise in einer Art Mondlandschaft zu bewegen. Riesige Felsnadeln ragen in den Himmel und bieten ein wunderbares Fotomotiv. Auch zum Wandern (sollte ein Biker jemals auf eine solch abstruse Idee kommen) wäre hier der ideale Ort.

Ab Guillestre  folgt wieder ein Pass, da er in unseren Augen aber leider nicht besonders aussergewöhnlich ist, nennen wir ihn hier lieber eine Art „Verbindungsetappe“. Es geht also über den Col de Vars. Eindrücklich ist dann dafür die Fahrt durch die folgende Schlucht. Wirklich schön und vor allem auch fahrerisch interessant wird es dann vor allem wieder ab Jausiers. Hier folgt der Col de la Bonette. Eine Perle, die man sich am besten gleich mehrmals unter dem Pneuprofil zergehen lassen muss. Einfach herrlich, die Kurven da hinauf zu düsen, den einen oder anderen „Vollverschalten“ in der Kurven stehen zu lassen. Naja, kein Wunder. In dieser Höhe laufen die zart abgestimmten Rennsportmaschinen halt nur noch mit halber Leistung. Der Belag und die Streckenführung kommen unseren Reiseenduros dazu noch viel mehr entgegen als den grossradien zugeneigten Rennmaschinen. Rund zwei Dutzend enge Haarnadelkehren und unzählige leichtere Kurven garantieren aber jedem ein richtiges Alpenerlebnis! Pura vida (reines, pures Leben), wie die Portugiesen zu sagen pflegen.

Die Sonne brennt inzwischen vom Himmel, dass wir uns den Wetterbericht kaum mehr vorstellen können, der uns mit einem richtig nassen, verregneten Tag gedroht hatte. Aber wann war es denn schon mal wirklich übles Wetter, wenn wir unterwegs waren... Muss schon seeeehr lange her sein....!

Auf dem Col de la Bonette kann man noch die kleine Zusatzschlaufe zum Cime de la Bonette machen. Erst dieser „Zusatzpass“ macht den Bonette zum höchsten, auf befestigter Strasse anfahrbaren Pass Europas. Und wenn man, wie wir Wetterglück hat, kann man ein atemberaubendes Panorama geniessen!

Wie auf der Auffahrt finden sich auf bei der Abfahrt an diversen Stellen Bunkeranlagen mit Schiessscharten direkt an der Strasse. Wir folgen der „ Gorges de Valabre“, einem schönen Tal mit genialen Kurven und Strecken, die zu ausgiebigem „Schwingen“ verführen. Aber auch wer weniger zackig unterwegs ist, wird seine Freude daran haben. Denn die Natur hat es hier mal wirklich gut gemeint mit uns visuell veranlagten Menschen. Die kantigen Felsen rund um die Strasse sind weinrot und heben sich fantastisch vom blauen Himmel ab.

Inzwischen sind einige Stunden seit unserem Tourenstart vergangen und die Müdigkeit macht sich bemerkbar. Anspruchsvolle Strecken sollte man man dann besser auslassen, will man nichts riskieren. So streichen wir den Col de Turini aus unserem heutigen Programm. Diesen Leckerbissen sparen wir uns lieber für einen der folgenden Tage auf, zumal wie gehört haben, dass ein Teil des Passes wegen einem Felssturz gesperrt sei.

Hätten wir ausserdem auch noch einige (leider zeitfressende) Fotopausen weniger eingelegt, hätten wir nun in Isola noch auf den Col de la Lombarde einschwenken können. Doch auch den lassen wir aus dem gleichen Grund heute aus. Man muss sich selbst und seine Grenzen für eine solche Tour gut einschätzen können, wenn man keine unnötigen Risiken eingehen will. Immerhin stecken ja doch schon an die achthundert teils intensive Kilometer in unseren Knochen. Zu guter Letzt bevorzugen wir ein kleines Stück Autobahn, um bis nach Ventimillia zu kommen, anstatt uns durch den Verkehr auf der Küstenstrasse zu quälen.

Bevor wir allerdings nach rund ca. 17 Stunden und rund 895km unseren Sattel gegen ein weiches Bett einzutauschen gibt’s am Strand des Ortes noch ein feines, typisch italienisches Gellati – das muss einfach noch sein.... und vor allem: Das haben wir uns verdient!

Tag 2: 100% Cote d`Azur

Nach einer warmen, aber nichts desto trotz erholsamen Nacht, lassen wir es heute gemütlich angehen. Als Erstes machen wir einen kleinen Besuch im nahen Fürstentum, welches ja sozusagen nur ein Katzensprung entfernt liegt.

Beim letzten Besuch hier, musste ich noch als Passagier auf Nicks Motorrad mitfahren, denn meine Honda AT von damals hatte eine der einzigen technischen Pannen, die ich mit ihr je erlebt hatte. Und so war unsere Tour frühzeitig beendet.

Wir folgen der Küstenstrasse nach Westen. Immer so nah an der Küste wie es nur geht. Da sich auch heute keine einzige Wolke am Himmel zu zeigen wagt (wer hätte auch etwas anderes vermutet als unseren ach so perfekten Wetterfrösche), brennt die Sonne schon am Morgen mit unbarmherziger Hitze vom Himmel.

Wir düsen im Normalverkehr zwischen Megavillen und verlotterten Buden hindurch. Dabei steigt uns stetig der Duft von harzigen Wäldern in die Nase. Ausserdem glitzert immer wieder das Meer blau zu uns herauf. Vor uns hat sich an der letzten Kreuzung ein Abschleppwagen mit einem Lambo eingereiht. Jetzt bloss keinen Bremsversager haben, das könnte sonst teuer werden! Ach ja, stimmt ja, das kam nur mit meiner KTM vor, aber ich fahre ja jetzt eine verlässlichere Marke.

Die Sicherheitslinien werden immer mehr zu Farce. Keinen, aber auch wirklich keinen, treffen wir, der sich auch nur annähernd an diese hält. Kein Wunder, käme der Verkehr auf Grund der intelligenten Parkierordnung sonst innert Kürze zum erliegen.

Schnell ist die Grenze zu Frankreich erreicht und noch viel schneller und wir erreichen das Zentrum der europäischen Superkapitalisten – Monte Carlo. Doch nicht nur für Steuerflüchtlinge ist Monaco bekannt, sondern eben auch für das legendäre Formel-1 Rennen quer durch die Stadt. Klar, dass wir auch einige der bekannten Kurven innerhalb der Stadt befahren möchten.

Vom Hafen mit seinem Schwimmbecken folgen wir der Zielgeraden hinauf zum Casino. Dabei bin ich besonders auf Grund der starken Steigung erstaunt, welche dieser Streckenabschnitt in Realität aufzeigt. Im TV kommt das nie so rüber.

Dann wieder die eine oder andere Abzweigung und wir sind an der 90-er Kurve vor dem Tunnel. Da muss man schon richtig gut fahren können und eine gehörige Portion Mut besitzen, mit den horenden Geschwindigkeiten durch diese engen Kanäle zu jagen wie das die F1-Profis tun!

Nach einigem rumkurven wird es uns langsam zu stickig. Ausserdem gehört Monaco defintiv nicht zu den schönen Städten Europas. Auf einer Skala von 1-10 würde ich wohl höchstens auf 3 tippen. Wer sich umschaut sieht vor allem eines: Riesige Wohnblocks. Würden sie in Ost-Deutschland stehen würde man wohl von Komunistenbunker sprechen (ok, etwas edler sind sie dann wohl doch noch, aber Block bleibt eben Block).

Es wimmelt von Polizisten, an jeder Ecke scheinen sie nur darauf zu gieren, einem das Geld aus der Tasche zu ziehen. Das vergällt uns den zweifelhaften Spass noch ganz und so geht es aus der stinkigen, lauten Stadt rauf auf den „Tete de Chien“, sozusagen dem Hausberg Monte Carlos. Von diesem ruhigen Plätzchen hat man eine wirklich geniale Aussicht über die gesamte Küstenstrecke bis rüber nach Nizza. Wer zur richtigen Jahreszeit vorbei kommt, kann sich noch mit kostenlosen, süssen Feigen versorgen, die an einem wilden Baum wachsen.

Anstelle über die verstopfte Küstenstrasse folgen wir nun einer parallel dazu verlaufenden Höhenstrasse nach Westen. Wer übrigens eine Unterkunft näher an Nizza sucht, der könnte hier fündig werden. Hier hat es einen Campingplatz mit wunderbarer Meersicht, an der weniger befahrenen Höhenstrasse. Günstig und i.a. Ok, aber eben, wenn man den ganzen Tag unterwegs ist evtl. nicht ganz das richtige um seine Sachen zu lagern.

Wir schlängeln uns durch Nizza. Das muss man ja auch mal gemacht haben. Unser Ziel ist allerdings Antibes, wo man wohl eine der höchsten Dichten an grossen Yachten in Europa zu Gesicht kriegt. Inzwischen ist es wieder sauheiss und uns treibt es den Schweiss aus allen Poren. Ein Glück können wir auf eine luftige Motorradkluft zählen. Nicht auszudenken, wenn wir hier mit einem luftdichten Lederkombi oder Textiljacken mit Regenmembrane drin rumfahren müssten. Da könnten wir uns ja gleich zu Hause in die Sauna stellen.

In Antibe geniessen wir am Stand eines Strassenhändlers einen kleinen Imbiss und bewundern die riesigen Schiffsrümpfe, die vor uns aus dem Wasser wachsen. Allein der Standplatz eines solchen Ungetüms im Hafen kostet täglich mehr als manch einer von uns im Monat verdient. Bevor wir umkehren folgen wir der Küstenstrasse noch etwas weiter nach Westen fast bis nach Cannes. Doch bevor wir in den Stadtverkehr stecken bleiben und ein never ending stop-and-go beginnt zweigen wir ins Hinterland ab.

Durch Wälder und immer mal wieder über ein kleines Pässchen suchen wir uns einen Rückweg über die kurvenreichen und verschlungenen Wege dieser Region. Hier kann man fahren soviel man will, man findet immer wieder eine neue, interessante Strecke. Auf Grund des teilweise hohen Verkehrsaufkommens schaffen wir es aber erst um 21.00 Uhr wieder ins Hotel. Nichts desto trotz war heute ein richtiger Tag zum ausspannen.

TAG 3: Kleine Inlandtour

Der heutige Tag steht ganz im Zeichen der bekannten Pässe dieser Region. Zuerst fahren wir von Camporosso nach Norden. Anfangs durch Olivenheine, wo uns harzige Luft um die Nase schwirrt, später dann durch trockene Hügel. Schon kurz nachdem wir die ersten hundert Höhenmeter hinter uns haben, beginnt auch die Temperatur zu steigen. Innert Kürze zeigt unser Thermometer knapp 30 °C. Wir hecheln den Berg hinauf und hoffen auf kühlere Gefielde. Kurz vor der Grenze treffen wir noch auf eine verlassene und bruchfällige Tankstelle. Früher machte diese wohl mächtig Umsatz, so nah an der Grenze. Doch seit die EU die Grenzen zwischen Frankreich und Italien aufgehoben hat ist da nichts mehr zu holen.

Kurze Zeit später fahren wir auch schon durch Sospel, dem Ausgangspunkt für unsere Erstürmung des Col de Turini. Endlich wollen wir diesen Pass, von dem wir bisher schon so viel gehört haben, selbst unter die Räder nehmen. Doch so einfach wie wir uns das vorgestellt haben wird das Unternehmen nicht. Kaum fünf Kilometer von Sospel entfernt, als wir gerade so gemütlich um die Kurven ziehen, ist die Strasse plötzlich blockiert. Ein riesiger Gabelstapler ist so auf der Strasse platziert, dass ein Durchkommen, auch per Bike, unmöglich ist. Zuerst überlegen wir, ob wir evtl. zu Fuss noch etwas weiter gehen sollen, denn wir haben uns ja schon vor der Abfahrt informiert und  gehört, dass ein Erdrutsch offenbar einen Teil einer Zufahrtsstrasse zum Pass verschüttet hat. Nur wussten wir erstens nicht welche Zufahrtsstrasse betroffen ist und zweitens war ja auch nicht sicher, dass die Sperrung auch bei unserer Ankunft noch bestehen würde.

Um trotzdem noch auf den Pass zu gelangen, bleibt uns nichts anderes übrig, als zuerst nach Sospel zurück zu fahren und von dort über den Col de St. Jean nach Norden zu gelangen. Aber auch die Ausweichroute enttäuscht uns nicht. Mal abgesehen von dem ziemlich schlechten Strassenbelag ab der Passhöhe des Col de Braus. Der schüttelt und rüttelt uns so durch , dass man danach nicht mehr weiss, wo man den Magen suchen muss, um des kühlende Getränk darin zu versorgen.

Vor allem die Strecke, die man etwas später über die D21 in die Höhe stürmt, ist wirklich sehenswert. Auf der Passhöhe legen wir eine Pause ein und geniessen ein feines Sandwich, das mit frischem, aromatischem Ziegenkäse und feinem, würzigem Schinken zubereitet wird. Dabei beobachten wir von unserem Tisch aus die Motorradfahrer, die so einer nach dem anderen langsam über die Passhöhe gluckern.  

Anstatt wie viele andere noch kurz den ca. 5 Kilometer langen Rundkurs nach Camp d`Argent zu fahren, gehen wir gleich zur Abfahrt über. Wir folgen der D70 hinunter und dann nach Roqiebilliere. Da kommt eine Kurve nach der anderen und man kann sich auch nicht über mangelnde Aussichten beschweren. Dieser Pass ist auf jeden Fall eine Reise Wert. Zudem sind wir froh, dass wir uns den Pass für heute aufgehoben haben.

Kurz vor Boréon fahren wir auf zwei Supersportmaschinen auf. Da es ab diesem Ort dann wieder in vielen Kurven auf den nächsten Pass, den Col de St. Martin, hinauf geht und wir uns offensichtlich auf diesen Strassen besser zu Hause fühlen als diese beiden mit Sozias besetzten Renner, lassen wir diese Anfangs Ortschaft hinter uns und düsen los. Doch da haben wir nicht mit dem betupften Ehrgefühl der französischen Racer gerechnet. Während ich in schönem Rhythmus, kurvenschwingend der Passhöhe entgegen rausche und dabei natürlich auch hin und wieder in den Rückspiegel schaue, sehe ich, dass einer der beiden schon als „überholt“ und damit „abgehakt“ taxierten Rennmaschinentreiber sich langsam aber kontinuierlich wieder an mich heranschleicht.  Ok, seine Fahrtechnik sagt mir nicht ganz zu, denn er scheint doch das eine oder andere mal ziemlich heftig die Kurve zu schneiden. Na, wenn das mal gut geht. Da gehe ich doch lieber etwas vom Gas, lasse ihn passieren und schon ist das Risiko hinter mir behoben.

Nick scheint mein Vorgehen beobachtet zu haben, will dem Racer aber offenbar mal zeigen, dass man auch hübsch zackig unterwegs sein kann, ohne die andere Strassenseite zu Hilfe nehmen zu müssen. Bei diesen Kurven, nicht zu eng, aber auch nicht zu langgezogen, sind sich unsere Maschinen so ziemlich ebenbürtig. Und da es keine langen Geraden gibt, geht hier nichts über die Kurven- und damit Fahrtechnik.

Mit etwas Abstand zu den beiden geniesse ich die wunderbaren Kurven, die sich durch trockenen, nach Harz duftenden Wald ziehen. Genau so müssen Motorradtouren sein. Kurvenreich, ohne viel Verkehr, dafür mit umso mehr guten Kurven in schöner, teilweise fast atemberaubernder Natur.

Vor allem auf der Fahrt runter vom Pass lohnt es sich gelegentlich anzuhalten und die Gegen auf sich wirken zu lassen. Auch lohnt es sich hier die Kamera auszupacken und zu knipsen, gehörte doch dieser Abschnitt früher zu einer der besten Teilabschnitte der Ralley Monte Carlo.

Über la Bolinette geht es nach Süden. In der Hälfte zwischen Roussillon la Condamine und Courbaisse zweigen wir dann auf ein kleineres Strässchen ab, dass uns zuerst nach La Tour bringt. Auf dieses abgelegene Pässchen verirrt sich kaum jemand und doch ist es wohl gerade deshalb besonderes interessant und auch schön zu fahren. Die Strasse ist leer, nicht in Top Zustand, des öfteren findet man auch Rollsplit auf der Fahrbahn. Aber der Weg hat definitiv seinen Reiz. In unzähligen kleinen und engen Kurven schlängelt sich der Weg hinauf über einen kleinen, einsamen Pass. Wer die Augen offen hat sieht neben der Strasse hin und wieder auch die Hütten von Aussteigern, die es sich hier mit ihren Tieren gemütlich gemacht haben. Naja, gemütlich ist wohl ansichtssache, gerade ordentlich schaut es nämlich meist nicht aus, aber das haben wir schon oft in Frankreich erlebt. Der Franzose lebt halt eher nach dem Motto „laisser faire“.

In Saint Jean la Riviere kommen wir dann auf die D2565, die sich durch das Tal in Richtung Küste zieht. Da es inzwischen schon wieder 16.30 Uhr ist, machen wir uns auf den Rückweg. Es hätte noch soviel,dass man hier befahren könnte, doch es fehlt an der Zeit. Naja, das hat auch sein gutes, so kann man sich schon auf das nächste Jahr freuen und so heisst es voller Vorfreude: Au revoir la route des grandes alpes, nous revenons une autre fois lànnee prochaine.

Wer übrigens doch noch einen Tag Zeit „auftreiben“ kann und eine endurofähige Maschine dabei hat, der kann diese Kurztour noch mit der Befahrung der Ligurischen Grenzkammstrasse garnieren. Vom Col di Tende geht’s dann schnell nach Cuneo und von dort am schnellsten über die Autobahn nach Norden. Aber Achtung, die LGKS will zuerst noch gemeistert sein.