Route des Crêtes – das Highlight des Elsass

Wer hätte gedacht, dass das einst bis auf die Knochen umkämpfte Gebiet in den Vogesen einmal zu einem Motorradfahrer-Paradies werden würde? Schon in der weiter zurück liegenden Vergangenheit, aber vor allem auch um die Zeit von 1915-1918, wurde im nur gerade 190 Kilometer langen und 50 Kilometer breiten Elsass erbittert um die Vorherrschafft über die Region gekämpft. Davon zeugen noch heute viele Soldatenfriedhöfe in der Region. Den ersten treffen wir schon ganz am Anfang der Tour, in Cernay.

Kreuz reiht sich an Kreuz, da kann es einem ganz mulmig werden. Um dieses Gefühl schnell verschwinden zu lassen, drücken wir auf die Tube. Ab Wittelsheim geht es direkt in die Vogesen und damit ins Reich der Kurven.

Denn eins ist sicher, die Vogesen sind ein wahres Motorrad-Wunder. Nicht nur, dass hier die Kurven in Rudeln auftauchen, die schönen Motorradstrecken liegen auch noch in einem Gebiet mit super Aussichten. Nun, dass dies so ist, ist offenbar nicht nur uns aufgefallen, denn obwohl es noch früh im Jahr ist und das Wetter nicht gerade prächtig angekündigt war, haben sich ganze Horden von Bikern hier versammelt.

Was gewisse Leute evtl. stören könnte, machen wir uns zu nutze. Wir setzen uns nach dem ersten Dutzend Kehren gemütlich an einer Kurve auf eine Bank und geniessen mit dem selbst mitgebrachten Caffe Latte viel Motorradsound von vorbei düsenden Bikes. Es gibt Motorrad satt! Eine Gruppe nach der anderen, meist angeführt von einer mit Leuchtweste ausgerüsteten „Führerbiene“, donnert an uns vorüber.

Lange halten wir das Zusehen aber nicht aus. Nach einem kurzen Blick über das unglaubliche Panorama setzen auch wir uns wieder auf die KTM. Inzwischen stellen wir auch fest, warum hier nicht so gerast wird, wie man es sich von den Schweizer Alpen gewohnt ist: Es hat viele Kurven, die gegen Ende schliessen, was bei zu schneller Fahrweise schnell ins Auge gehen kann.  

Da sich die Sonne inzwischen doch noch durch die Wolken gekämpft hat, macht es uns gar nichts, dass die Strasse anfangs viel durch Wald führt, zumal dieser ziemlich licht ist und immer wieder Blicke ins Umland ermöglicht.

Kaum richtig warmgefahren, kommt schon wieder ein Mahnmal des Krieges, das Vieil Armand. Dieser nur 956 Meter hohe Berg ging als Hartmannswillerkopf in die Geschichte ein. Mit einem 22 Meter hohen Kreuz wird den tausenden von Soldaten gedacht, die in einer gewaltigen Schlacht im Dezember 1914 ihr Leben verloren. Rund um das Kreuz sind noch heute Überreste von Bunkern, Schützengräben und Unterständen zu finden.

Nach dieser Geschichtslektion widmen wir uns nun endgültig den genialen Strassen der Vogesen. Wir folgen der berühmten „Route des Crêtes“, also der Strasse der Kreten. Sie führt nicht immer auf, aber meist nahe entlang der Hügelkreten in Richtung Norden. Wobei man da erwähnen muss, gerade in Richtung Norden verläuft die Strasse äusserst selten. Meist windet sie sich von einem kleinen Hügel in vielen kleinen Kurven in die eine Richtung, nur um es sich 100 Meter weiter wieder anders zu überlegen und doch in die andere Richtung zu tendieren.

Bei Le Markstein biegen wir links von der Route des Crêtes ab und steigen ab ins Tal. Unser Ziel ist der Stausee Kruth-Wildenstein. Nach gut zwei Dutzend schön geschwungener Kurven müssen wir schon wieder eine Pause einlegen. Die Idylle zwingt uns dazu. Kräuselnd steigt ein Räuchlein von einem kleinen Grill auf und es zwitschern Vögel in den Bäumen und wir kommen uns vor wie Asterix und Obelix nach einem ausführlichen Festmahl, als wir uns dabei die Sonne auf die Bäuche scheinen lassen.

Nach Wildenstein verteilen sich immerhin 18 Haarnadelkehren auf die Distanz bis wir wieder in die Höhenstrasse einbiegen. Der Abstecher hat sich allemal gelohnt. Wir halten kurz nach Süden, nur ca. 2 Kilometer später biegen wir links auf eine kleine Kiesstrasse ab. Sie führt zur Auberge du Steinwasen und, was gut für uns ist, auch daran vorbei ins Tal nach Metzeral. Endlich mal wieder etwas Kies unter den Rädern. Naja, gerade mit Ruhm kann ich mich mit dieser Kieseinlage nicht eindecken, aber Spass macht es trotzdem. Übrigens kann man in der Auberge auch noch feinen Käse kaufen!

Nachdem wir an einer gemütlich vor sich hin grasenden Gämse vorbei gefahren sind, die sich von meinem orangenen Knatterer so gar nicht beeindrucken lässt, dass ich darauf beinahe am richtigen Ton meiner Kati zu zweifeln beginne, erreichen wir Ketzeral, von wo wir gleich weiter bis nach Münster fahren. Wer Lust hat, kann noch einen Abstecher hinauf nach Gaschney machen, einem Wintersportort. Ausser einer Herberge, die sich als Übernachtungsort für Motorradfahrer anbietet, hat es ausser einer Handvoll schön enger Kurven und gutem Belag allerdings nicht gerade viel zu bieten.

In Munster hat man dann die Qual der Wahl, entweder man nimmt den Weg über den „Hohrodberg“ nach Norden, oder aber man folgt weiter der Strasse in Richtung Col de la Schlucht, was wir auch machen. Allerdings heben wir uns den Pass selbst noch für später auf und folgen dem Wegweiser zum Col de Wettstein. Hier kann man nun auch ziemlich ziehen, doch nicht allzu lange, denn die Aussicht ist so schön, dass wir auch hier wieder eine Pause einlegen müssen.

Wer sich mehr für das geschichtliche als für die Aussicht interessiert, der sollte noch bis ganz auf den Pass hinauf fahren. Dort findet man dann einmal mehr einen Soldatenfriedhof mit Gedenkstätte. Noch etwas tiefer in die Geschichte eintauchen kann man, wenn man hier nach Osten abzweigt. Man erreicht innert Kürze das “Musée Memorial le Linge“, wo man Bunker, Schützengräben und allerlei anderes Geschichtsträchtiges besichtigen kann.

Wir folgen weiter der D48, die meist durch den Wald führt und nur hin und wieder Wiesenflächen um sich scharen kann. Über Orbey gelangen wir an die Ausläufer des Col du Bonhomme. Doch auch den lassen wir links liegen und zweigen ca. 2 Kilometer nach Lapoutroie rechts hinauf in den Wald ab. Wir verlassen nun zwar die gut ausgebaute, breite Passstrasse, dafür finden wir uns völlig alleine auf einem schmalen Strässchen wieder, das sich in vielen Kurven über Wiesen und durch kühlen Wald, zwischenzeitlich auf ziemlich holperigem Kies, bis nach Aubure windet, wo man auf einen grossen Spitalkomplex trifft.

Wir verfolgen weiterhin die Richtung Norden und treffen bald auf die D416, die nach einigen grossen Kehren nach Ste. Marie aux Mines führt.

Inzwischen ist es späterer Nachmittag geworden und wir halten schon eine Weile Ausschau nach einer anständigen Unterkunft. So einfach wie ich mir das vorgestellt habe, ist es allerdings nicht, denn die Unterkünfte, welche interessant wären, sind alle schon voll. So steuern wir, in der Hoffung auf mehr Hotels, Colmar an, zumal wir Colmar sowieso noch besuchen wollten.

Mit viel Glück ergattern wir ein Zimmer mitten im Zentrum. Ich denke es war wohl eines der letzten Zimmer in der Stadt. Die Gäste nach uns werden nämlich informiert, sich ausserhalb der Stadt umzusehen, weil über die Festtage in der Stadt alles ausgebucht wäre. Tja, Glück muss man haben.

Nach einer feinen Pizza im Stadtkern und einem Verdauungsspaziergang legen wir uns aber schon früh hin, denn morgen wollen wir ja auch wieder fit sein.


Tag 2 – Nachdem wir heute anstatt im Hotel in der Colmarer Altstadt gemütlich gefrühstückt haben und zu einem feinen Croissant einen guten Latte Macchiato geschlürft haben, sind wir nun unterwegs nach Norden. Unser Ziel ist eine wahre Touristenattraktion, das Schloss Koenigsbourg.

Bei Saint Hippolyte verlassen wir die Autobahn und folgen der gut ausgebauten Strasse durch Weinberge. Die Burg ist schon von weitem gut zu sehen und thront über grünem Wald auf einem Hügel. Zuerst aber müssen bzw. dürfen wir unsere Konzentration nun der Strasse widmen. Genial geschwungene Kurven rollen sich vor uns aus und in tiefen Schräglagen durchstreifen wir eine nach der anderen. Schon kurz nachdem die Strasse merklich an Höhe gewinnt, taucht sie in den kühlen Wald ein. Eines aber sollte man auch bei solch schönen Strecken nicht vergessen, hinter jeder Kurve könnte etwas die Fahrbahn blockieren, oder in der Kehre könnte Staub auf der Fahrbahn liegen.

Nichts desto trotz reizt die Strecke zum Gas geben. In vernünftigem Mass „angewendet“ durchaus machbar. Allerdings, je schneller man fährt, desto kürzer die Freude, denn schon allzu bald erreicht man die imposanten Gebilde aus vergangener Zeit.

Neben der Besichtigung der Burg selbst, der Innenhof kann noch kostenlos betreten werden, ist aber auch die weitreichende Aussicht ein Highlight! Doch bevor man diese geniessen kann, muss man sich durch den meist herrschenden Stau der Autoströme zwängen. Immerhin hat man als Motorradfahrer das Privileg bis ganz nach oben fahren zu können, denn dort hat es einen extra Motorradparkplatz.

Nach einer erholsamen Pause machen wir uns wieder auf den Weg. Zuerst fahren wir runter nach Lièpvre und dann in Richtung St. Marie aux Mines. Diesmal allerdings über die Schnellstrasse. Von dort geht es dann der D48 folgend nach Südwesten in Richtung Col du Bagnelles. Wir nehmen die  Route des Crêtes weiter in Richtung Col du Bonhomme, zuerst aber noch über den Col du Pré de Rave. Von dieser Strasse aus hat man einen super Ausblick über das gerade erklommene Tal. Zuerst müssen wir uns aber den Weg bis auf die Anhöhe erkämpfen. Hier hat es nun wieder mehr Biker. Kein Wunder, immerhin ist die Strecke mal wieder gespickt mit Kurven und Kehren.

Die Passhöhe des Col du Bonhomme ist dann irgendwie nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe und etwas enttäuscht fahren wir weiter. Im kühlen Wald reiht sich eine Kurve an die nächste und es macht richtig Spass, die KTM von der einen Schräglage in die nächste zu bugsieren. Über den Col du Louschbach geht es in Richtung Lac Blanc. Allerdings biegen wir dann ab, bevor wir diesen sehen und folgen weiter der Route des Crêtes. Erst am Col de la Schlucht halten wir erneut an und legen eine Glacépause ein. Einerseits darum, weil es inzwischen wieder ziemlich warm geworden ist und andererseits weil hier dermassen viele Motos vorbei fahren, dass man sich kaum satt sehen kann.

Weiter geht es der berühmten Strasse folgend gegen Süden. Zwischendurch fährt man an braun-beigem hochmoorigem Buschland entlang, das mich ganz stark an die wildschönen Regionen Norwegens und Finnlands erinnert. Richtige Wanderparadiese gibt es hier, denn überall stehen am Strassenrand Autos und Leute, die sich bereit machen oder gerade von einer Wanderung zurückkehren.

Kurve um Kurve folgen wir einem Band aus Asphalt, das scheint, als wäre es extra für uns Motorradfahrer in die Gegend gelegt worden. Immer wieder bieten sich uns fantastische Aussichten über die gesamte Gegend, denn oft liegt die Route des Crêtes erhöht gegenüber den anderen Hügeln in der Umgebung.

In Le Markstein treffen wir wieder auf Teile der Strecke, die wir schon gestern gefahren sind. Trotzdem scheint es mir, als wäre es Neuland. Allein schon der Lichteinfall lässt die Gegend ganz anders erscheinen.

Wir geniessen die Fahrt dermassen, dass wir erstaunt wie aus einem Traum aufwachen, als wir in Uffholtz bei Cernay eintreffen und merken, dass die Route des Crêtes gerade zu Ende gegangen ist.

Eins kann ich aber ganz klar zu dieser Region sagen: Für das viele, was sie uns Motorradfahrern bietet, liegt sie für keinen zu weit entfernt und ich bin mir auch sicher, dass ich in Zukunft bestimmt wieder einmal in den Vogesen anzutreffen sein werde, denn neben der Route des Crêtes gibt es noch haufenweise andere fantastische Strecken zu erkunden!