Pässetaumel zwischen Hautes-Alpes und Piemont

 

Tag 1 – Nachdem sich Nick zu Beginn der Tour schon mal in Geduld üben muss, weil ich in Martigny noch schnell eine gelöste Kontermutter an meiner Topcasebefestigung ersetzen muss, machen wir uns auf in Richtung Forclaz. Dieser Pass, welcher sich zwischen Weinbergen über Martigny erhebt ist jedes Mal eine Freude, denn man hat vor allem auf der ersten Aufstiegsrampe eine super Aussicht über das ganze Tal in Richtung Norden. Die danach folgenden Kurven sind dann dafür umso besser um Schräglagen zu üben, denn sie sind absolut rund und daher sehr gut für besonders tiefe Schräglagen geeignet, natürlich nur sofern der Verkehr dies zulässt. Allzuz schade, dass er viel zu schnell vorbei ist. Dafür fährt man dann durch ein schönes, meist von Felsen umgebenes Tal hinunter nach Trient. Wer jetzt nochmals Geld sparen will, der sollte nun noch schnell seinen Tank vollmachen, denn in Le Chatelard kommt die Grenze und damit das „(T)Euro“-Land. Aber gleich vor der Grenze häufen sich wie fast überall vor der Grenze nochmals die Tankstellen.
 
Wir folgen der schön kurvigen Strecke hinunter nach Chamonix, wo uns der Mont Blanc mit seinem ausladenden, hellblauen Eisgletscher entgegenstrahlt. Allerdings können wir mit dem ganzen Schickimicki nicht viel anfangen und verziehen uns so schnell wie möglich auf die Autobahn, denn das Tal selbst ist heute nicht unser Ziel. So gelangen wir schnell zu unseren eigentlichen Ausgangspunkt der Tour, Saint Gervais les Bains.

Von hier aus führt uns eine gut ausgebaute Strecke hinaus zum Fuss des Mont Joly. Die wenigsten Motorradfahrer nehmen diese Strecke, denn erstens wissen nur die wenigsten, dass hier eine durchgehende Strecke ist und zweitens ist diese dann eben nur noch Kies bzw. leichter Schotter, was die meisten Biker abschreckt.

Es gibt verschiedene Wege auf den Col de Joly, wir folgen den hölzernen Wegweisern und finden uns auf einer meist angenehmen Kiesstrecke wieder. Je weiter man hinauf kommt, desto besser die Aussicht. Mal wieder ist Petrus sehr postiv gestimmt, was sich in anhaltend schönem Wetter ausdrückt. Inzwischen haben wir die halbe Distanz zur Passhöhe zurück gelegt und es liegen auch mal grössere Steine im Weg. Wie wir anhand der Beschilderung feststellen können, haben wir uns als Anfahrtsweg eine rote Skipiste ausgewählt. Nun, es müsste auf jeden Fall noch einiges schwieriger sein, bevor man mit beladenem Motorrad nicht mehr hoch kommt.

Auf der Passhöhe angekommen, hat man echt das Gefühl, man sein alleine auf der Welt (abgesehen vom Skilift und dem Restaurant unterhalb). Leider führt von der Westseite her bis zum Restaurant, das knapp unterhalb der Passhöhe liegt, eine asphaltierte Strasse hoch und so trifft man nur allzu schnell wieder auf Dosenfahrer und Wanderer. Allerdings sitzen die meist im Restaurant oder gehen ihrem Hobby nach.  

Nach einer kurzen Verschnauf- und Fotopause (ist bei schönem Wetter fast zwingend) ist es wieder Zeit für uns. Gemütlich folgen wir der guten Strasse ins Tal, und haben dadurch nochmals Zeit die schöne Aussicht zu geniessen. Dabei sollte man dem GPS allerdings nicht alles glauben, denn uns will es doch tatsächlich über einen kaum vorhandenen Wanderweg in die Tiefe lotsen. Dieses Abenteuer überlassen wir für einmal gerne den Mountainbike-Fahrern.

Als wir „unten“ ankommen gelangen wir direkt auf die D70, die kurvig direkt nach Beaufort runter führt. Wer gerne noch einige Kehren zusätzlich hätte, der kann anstelle dieser Abkürzung an Hauteluce vorbei nach La Praz, wo man dann in die D218b mündet. Das ergibt ein Plus von rund 7 Haarnadelkehren.

Die Strecke zum Col de Méraillet ist auf jeden Fall eine gute Übungsstrecke für Kurvenfanatiker, denn seine abwechslungsreiche Streckenführung bieten neben engen Haarnadelkurven auch schnell aufeinander folgende S-Kurven. Dazu wird man kaum vom Panorama abgelenkt, denn die Strasse verläuft meist im Wald.

Anstelle von hier aus auch noch hinauf auf den nicht weit entfernten Cornet de Roseland zu fahren, zweigen wir rechts ab und fahren durch ein kleines Waldstück hinunter an den Stausee, bzw. zur Staumauer des Roseland-Stausee. Da man für die Weiterfahrt zum Col du Pré über die Mauer fahren muss, hat man einerseits den schönen türkisfarbenen See zur einen und das tief unter einem liegende Tal auf der anderen Seite. Interessant wird es vor allem dann, wenn ein heftiger Wind blässt und einen fast aus dem Sattel hebt. Ansonsten lohnt sich aber auf alle Fälle ein Fotostopp.

Auf einer schmalen, aber wunderbar leeren Strasse gelangen wir schnell weg von den grossen Touristenströme. Ausser zwei anderen Motorrädern sehen wir hier niemanden, auch kein D4-rädrigen CO2-Schleudern. Allerdings hat es vor allem bei der Auffahrt zum Col du Pré viele schlecht einsehbare Kurven, bei denen Vorsicht geboten ist. Die kurvige Abfahrt (neben vielen kleinen Kürvchen immerhin zwölf 180er) hinunter nach Arèches bietet mal wieder eine super Aussicht. Schnell fährt man hier trotz der erwähnten Kehren kaum, denn erstens ist die Strasse sehr eng und zweitens wird hier einfach nur genossen! Von Arèches aus geht’s es dann direkt nach Süden bis nach L`Ami, wo man auf einen weiteren kleinen Stausee und meist einige Touristen trifft. Etwas weiter der Strasse entlang auf der linken Seite trifft man auf einen kleinen ca. 8 Meter hohen Wasserfall direkt an der Strasse. Ideal an heissen Tagen, um sich eine kleine Erfrischung zu verschaffen.

Irgendwann wechselt der Asphalt dann auf Kies und so bleibt er dann auch. Weiter oben schaffen kleine Alpmelchinstallationen für Kühe, Schaffe und Ziegen, die auch rege benutzt werden ein richtioges Heidiland-Feeling. Wir schalten das ABS aus und lassen unsere TKC-Stollenpneus Ihre Arbeit verrichten, atmen frische, würzige Alpluft und fragen uns, warum wir in der Schweiz keine solchen Strecken im Angebot haben.

Je höher wir kommen, desto eher werde ich von der Landschaft an die Ligurische Grenzkammstrasse erinnert. Ich fühle mich irgendwie wie ein kleiner Eroberer, als ich so alleine diese einsame Strecke ohne Verkehr und ohne Restaurants am Strassenrand erklimme. Schwierig zu fahren ist die Strasse nicht, da kommt auch eine Goldwing durch, wie wir später noch feststellen können. Es ist einfach lustig und speziell, weil es eben nicht jeder macht. Nach einem gemütlichen Stopp unterhalb der Passhöhe machen wir uns auf ins Tal. Der schwierigste Teil kommt eigentlich jetzt, nämlich sich auf die Strasse zu konzentrieren, wenn man ebenso gut ein solch grandioses Bergpanorama bestaunen kann.

In Aime tanken wir auf, kaufen noch kurz das nötigste ein und schon geht es wieder weiter, denn der Stundenzeiger spurtet mal wieder wie ein Irrer im Kreis um die Wette. Wir nehmen die N90 und fahren im Eiltempo in Richtung Westen, an Moutier vorbei. In La Léchère geht’s bereits wieder an den nächsten Höhepunkt, den Col de la Madeleine, eine häufig anzutreffende Bergwertung an der Tour de France.

Obwohl mit dem Stollenpneu TKC80 unterwegs, kann man hier seine Angst- oder Respektrand, ganz wie einem zumute ist, auf ein absolutes Minimum reduzieren bzw. ganz vom Pneu verbannen. Für uns ist es geradezu ideal, denn da wir an einem Freitag unterwegs sind, an dem die meisten anderen noch arbeiten, haben wir kaum mit Verkehr zu rechnen. Dazu kommt noch, dass es inzwischen schon gegen 18.00 Uhr ist, was wiederum bedeutet, dass auf der Nordseite inzwischen lange Schatten dunkel über die Strasse fallen. Und deshalb lassen wir unsere Fotostopps auch eher mal weg, was unsere fahrt etwas flüssiger macht und vor allem Nick gefällt, welcher sich öfters ab meinen andauernden Fotostopps nerven muss.

Unsere Motoren laufen so richtig heiss und wir halten uns beim Aufdrehen nicht mehr unbedingt zurück und legen die Bikes in die Kurve, bis Nicks Alu-Koffer funkensprühend die Grenzen des Möglichen aufzeigen. Die Stollenpneus kleben viel mehr am Belag, als ursprünglich gedacht und so nutzen wir aus, was der Pneu erlaubt.

Der Pass selbst brilliert nicht unbedingt durch seine vielen Haarnadelkehren, wie z.B. der Stelvio. Dem gegenüber ermöglicht er auf Grund seiner vielen kleinen, aber gut schwingbaren Kurven einen wirklich flüssigen Fahrstil, was für uns natürlich Fahrspass pur bedeutet. Da sind die zwei Dosenfahrer, die wir überholen dürfen wie das Salz in der Suppe. Wäre doch schade gewesen, bei so vielen Möglichkeiten kein Auto überholen zu können.

Die Abfahrt lassen wir wie immer eher gemässigt angehen, denn hier hilft die Erdbeschleunigung nicht beim Bremsen, sondern fordert die Bremsen zusätzlich. Ausserdem ist die Südseite wieder voll Sonnen beschienen und damit teilweise etwas schwierig, weil man oft vor allem beim Anfahren der Kurven geblendet wird.

Wer nun noch etwas mehr Zeit hat als wir, der könnte nun den kleinen Umweg über den Col du Glandon und retour über den Col de la Croix de Fer machen. Wir allerdings machen uns direkt auf und steuern den Col du Galibier an, der ca. 20 Kilometer entfernt liegt.

Von St. Michelle de Maurienne aus macht man zuerst den Aufstieg zum Col du Télégraphe, welcher zwar nicht sehr lang ist, aber an sich schon ein Highlight. Auf einer so kurzen Strecke verstecken sich derart viele kleine und grosse Kurven, dass man am liebsten gleich nochmals runter fahren würde, um das ganz zu wiederholen. Aber der eigentliche Pass, also der Col du Galibier folgt erst danach. Nach einem kleinen graden Stück beginnen die ersten Kurven und die hören so schnell auch nicht wieder auf. Hier lässt es sich wunderbar im Supermoto-Style hochdschleifen, denn der Belag ist griffig und die Kurven meist idealrund. Ausserdem erwartet einen mal wieder ein geniales Panorama, je höher je besser. Und die Abendsonne tut ihr übriges, um das Bild zu perfektionieren.

Der Galibier bietet ausserdem den Luxus eines kleinen Tunnels unterhalb der Passhöhe, so gibt es doch ordentlich viele Autofahrer, die sich für das Tunnel entscheiden und so die letzten Kurven und das perfekte Panorama den Bikern überlassen.

Wenn man schönes Wetter und etwas Glück hat, so kann man von der Passhöhe aus den Mont Blanc sehen. Leider versteckt sich der Mont Blanc bei uns trotz des schönen Wetters hinter einigen kleinen Wolken, naja, auf ein ander Mal.

Die Abfahrt vom Galibier auf die Südseite ist dann leider nicht mehr so aussergewöhnlich, denn sie hat leider eine Gemeinsamkeit mit dem Umbrail, nämlich, dass sie auf der Südseite in einen anderen Pass mündet. Bloss das der hier folgende Pass nicht einmal ein Bruchteil so lustig ist, wie der Stelvio. Hier handelt es sich im Gegenteil zum kurvenreichen, engen Stilfserjoch um eine lang gezogene, autobahnähnliche Strecke bis runter nach Briaçon, ideal für Supersportler also.

Inzwischen ist es bald 20.30 Uhr und wir sind immer noch fleissig unterwegs, allerdings ist unser Ziel nicht mehr allzu weit entfernt. Kurz nach Briaçon zweigen wir deshalb ins Valle des Prés ab um an den Col de l`Echelle zu gelangen.

Eine gute Asphaltstrecke führt uns ins Tal hinein und wir fahren völlig alleine. Kein Wunder, gehen doch die meisten Leute über den Montgenèvre-Pass, was auch ein Leckerbissen ist. Allerdings kann man auf unserer Route flüssiger und vor allem mit weniger Verkehr und auch mit weniger Polizeipräsenz fahren, was uns für heute entgegen kommt.

Eingangs Sallé finden wir die Abzweigung zum Pass hinauf. Eine kleine Hand voll Kurven später erreichen wir bereits die Passhöhe und damit eine schöne, an den Jura erinnernde Hocheben, die vor allem von den Einheimischen intensiv für Camping und Erholung benutzt wird. Heute haben wir keine Augen mehr für die Schönheit, denn wir möchten noch bei Tageslicht unser Zelt auf dem nicht weit entfernten Zeltplatz oberhalb von Bardonecchia aufstellen.

Wenn man an der Nordseite der Hochebene ankommt, so eröffnet sich einem ein weiter Ausblick und eine Sicht tief ins Tal hinunter, wo man schon den Zeltplatz aber auch die Serpentinen der folgenden Abfahrt sehen kann. Durch zwei kleine in den Fels geschlagene, völlig dunkle Tunnels geht es los. Der Belag ist gut, um einiges besser als noch vor einigen Jahren. NAufpassen muss man eigentlich nur bei den wellenförmigen Vertiefungen, die als Wasserablaufkanäle quer über die Strasse verlaufen. Da vor diesen aber jeweils gewarnt wird (schneller als angegeben sollte man da nur durch fahren, wenn man die Situation kennt und gute Sicht herrscht, denn schon ab ca. 70 hebt man ab, sofern das Fahrwerk das mitmacht).

Mit einer Portion Nudeln a la Pomodoro aus der Dose und auf dem Kocher erhitzt lassen wir den langen Tag ausklingen.

Tag 2 - Die ganze Nacht hat ein starker Wind am Zelt gezerrt und trotz Ohrenstöpsel habe ich kaum ein Auge zugekriegt, zumal mich Nick auch noch Nachts von der Luftmatrazze abgedrängt hatte. So stehe ich auf, als die ersten Sonnenstrahlen unser Zelt erhaschen. Für heute haben wir so machem Wecker in unserer Nachbarschaft ihre Arbeit abgenommen, denn durch das Röhren unserer Auspufftöpfe ist wohl manch einer in den näher gelegegen Zelten und Wohnwagen geweckt worden.

Als erstes versuchen wir unser Glück auf dem Colle du Sommeiller, aber als wir oben am Refugio Scarfotti ankommen ist der Schlagbaum schon unten, obwohl es theoretisch noch ca. 20 Minuten bis 9.00 Uhr sind, denn neuerdings ist dieser Gebirgsweg Freitags, Samstags und Sonntags jeweils von 9.00 Uhr bis 17.00 Uhr für Fahrzeuge geschlossen bzw. nur bis zum Refugio befahrbar.

So ziehen wir für diesmal ab, nehmen uns aber fest vor, heute Abend nochmals vorbei zu schauen. In Bardonecchia zieht es uns dann hinauf in Richtung Jauffraud. Jetzt werden die einen oder anderen sagen, es sei wohl auch verboten diesen zu befahren. Nun, das stimmt, aber wir machen ja auch nur eine kleine Fahrt hinauf zum Hotel Jauffraud, um von dort die Aussicht zu geniessen.

Für das Mittagessen fahren wir nach Oulx, wo wir ein kleines, eher unscheinbares Restaurant kennen, dass meist von einheimischen besetzt wird. Da gibt es feine Spaghettis und Pizzas.

Mit gut gefüllten Magen machen wir uns auf in Richtung Briaçon. Vor uns liegt die Passstrasse über den Col de Montgenèvre. Eigentlich ist er besonders von Briaçon her sehr schön zu fahren, von der Ostseite her ist er anfangs eher langweilig und dank fast durchgehend ausgezogener Linie die wahre Hölle für Verkehrsregeltreue Fahrer (vor allem wenn es giilt, hinter einem langsamen hölländischen Wohnwagen nach zu fahren). Ansonsten wird er erst ab den richtig touristischen Montgenèvre richtig interessant. Die Ortschaft selbst bietet einen super Rundumblick, aber ansonsten ist es vergleichbar mit dem Charme einer Wintersportmetropole im Hochsommer, menschenleer und nur mit vollem Portemonnaie wzu ertragen. Die Strasse selbst hat zwar nicht eine Unmenge von Haarnadelkehren zu bieten, aber eine anständige Höhendifferenzen und viele, kleine, Kurven, die einwenig an Skifahren erinnern. Ist der Pass einmal vorbei, so trauert man ihm trotz seiner Superkurven nicht besonders nach, denn schon von weitem sind die gewaltigen Befestigungsanlagen von Briaçon gut zu erkennen und locken mit Historischen Input.

Nachdem wir in Briaçon noch schnell das nötigste im grossen „Casino“ Supermarkt eingekauft haben, machen wir uns an die Be"steigung" des Col du Granon. Das ist ja nicht ein eigentlicher Pass, denn die Verbindungstrasse ins Val des Prés ist leider als militärisch eingestuft und damit mit einem Fahrverbot belegt. Allerdings habe wir da auch Motocrosser gesehen, die sich nicht auf der Strasse , sondern auf kleinen Nebenwegen umher getrieben haben, was sie ja offensichtlich mussten, denn auf der breiteren, offiziellen Strasse ist es ja aus militärischen Gründen verboten. Die Strecke ist vor allem wegen des sich bietenden Panoramas sehr interessant. Natürlich sind auch die Kurven vor allem im oberen Teil ziemlich cool - aber Achtung, diese sind oft nciht eindsehbar. Alles in allem würde ich den Pass aber vor allem dann benutzen, wenn ich mit dem Bike wie die Österreicher mal etwas ab der Strasse will (evtl. wäre dann etwas Schlamm nötig, der sich gerne am Nummernschild festklammert). Da es bei uns gerade zu tropfen beginnt, als wir oben ankommen, entscheiden wir uns gegen eine Schlammpackung, denn wir wollen ja noch den Sommeiller erklimmen und viel Nässe bekommt jener Auffahrt meist nicht besonders.

So machen wir uns schnell auf die Rückfahrt, um möglichst noch einigermassen trocken dort anzukommen. Als hätte Petrus unsere Stossgebete gehört, schiebt er nach einer halben Stunde die Wolken beiseite und wir beginnen die Auffahrt von Rochesmolles bei wunderbarem Sonnenschein.

Bis zum Rifugio kennen wir die Strecke ja inzwischen auswendig und so lassen wir die Räder hübsch durchdrehen. Wir fliegen den Bäumen entlang, unter uns der Stausee und später dem  Bergbach folgend hinauf.

Als wir zum Schlagbaum kommen, ist er tatsächlich offen und so geht’s gleich ohne Pause weiter. Es folgen die einfachen unteren Kehren, dann wird’s etwas schwieriger. Schnee und das Schmelzwasser haben teilweise zu kleinen Erdrutschen Geführt. Erdanhäufungen und kleine Haufen aus Schiefergestein machen einige Stellen so richtig interessant. Und wenn’s etwas kritisch wird heisst es dann einfach Lenker in die richtige Richtung halten und Gas geben. So schaffen wir es eigentlich ohne grössere Probleme die auf die erste Hochebene.

Kaum geht es so richtig in die Höhe beginnt meine KTM aufzumucken. Sie stottert und tut so als hätte sie sich kräftig verschluckt. Der Fehler, sofern man dass dann so nennen könnte, ist schnell eruriert. Es liegt im Luftfilter, denn vom letzten Endurotraining auf der Panzerpiste ist der Luftfilter ziemlich zu mit Staub zu gemauert. Kein Wunder macht sie in dieser Höhe einen auf bockig, denn in einer Höhe von gut 2700 Metern mag der Motor in hohen Drehzahlbereich einfach nicht mehr genug Sauerstoff für die Verbrennung nachziehen.

Da ich den Sommeiller eh schon kenne, überlasse ich es meinem Bruder, die Passhöhe zu knacken. Doch nach gut 40 Minuten und ziemlich verschwitzt kommt er retour. Der Schnee hat sich als unüberwindbares Hindernis herausgestellt. Dieser liegt so hoch, dass man nicht mal bis zum grossen Geröllfeld hoch kommt. Na ja, ein Versuch war’s wert.

Etwas müde, aber trotzdem happy, dass wir mal wieder den Sommeiller erfahren haben, machen wir uns auf den Rückweg.

Tag 3 – Heute sollte es besonders früh losgehen, denn die Rückfahrt steht an. Leider haben wir verschlafen. Kein Wunder, diese Nacht habe ich ja auch meine eigene kleine Luftmatraze aufgeblasen, um Nicks nächtlichen Vertreibungsaktionen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Schnell packen wir unser Währchen zusammen. Gar nicht so einfach, wenn man noch mit einem endurobegeisterten Holländer ins Gespräch kommt, der hier mit seiner Frau mit ihren Motorrädern Urlaub macht, schliesslich muss die eine oder andere Info noch ausgetauscht werden.

Da wir gehört haben, dass der Col de Mont Cenis auf Grund eines Erdrutsches gesperrt sei, nehmen wir das Tunnel bei Bardonecchia. Wer aber weiss, dass der Pass offen ist, der sollte sich diesen Pass sicherlich nicht entgehen lassen. Der Mont Cenis ist besonders von der Südseite nähmlich sehr zu empfehlen. Kurve an Kurve, mal eng, mal lang gezogen und immer mit vielen Möglichkeiten zum Überholen bietet er eine ideale Strecke für sportlich angenehmes Fahren mit einer wendigen Strassenenduro. Da kann man gar Strassenmaschinen mal das Fürchten Lehren.

Kaum sind wir durch das Tunnel drohen schwarze Gewitterwolken mit einer nassen Entladung. Nur kurz halte ich mal an, um den einen oder anderen Eindruck zu fotografieren, was besonders an Nick s Nerven zu reisen scheint, hofft er docvh noch trocken über die Pässe zu gelangen. Nun, diese Hoffnung habe ich schon länger in den Wind geschrieben. Für mich stellt sich nur noch die Frage, wo uns der Regen einholt.

Auf direktestem Weg donnern wir also nach Osten in Richtung Col de l`Iseran. Doch wir schaffen es nicht weit bevor wir vom Regen eingeholt werden. Schnell halten wir an einen kleinen Unterstand und ich ziehe mir meinen Regenschutz an, denn wenn ich die Wolken so ansehen, glaube ich auch nicht an ein schnelles Ende der Regenflut.

Die Tropfen trommeln nun in immer schnellerem und vor allem intensiverem Rhythmus auf meinen Helm. In der Gischt meiner KTM sehe ich die Lichter meines Bruders im Rückspiegel, der nun in zunehmend grössem Abstand hinter mir her rauscht. Der Regen alleine reicht ja schon, um nass zu werden, da muss er sich ja nicht unbedingt noch meine Nebenwand reinziehen.

Ein Vorteil hat das Wetter auf jeden Fall, ich habe diese Pässe noch nie mit sowenig Gegen- und Mitverkehr befahren können. So rauschen wir also auf Grund unserer Stollenpneus auch ohne Angst vor Aquaplaning um die nass glänzenden Kurven, bis wir auf der Passhöhe fast von Windböen von der Strasse gewindet werden. Kurz halte ich an, um ein „Beweisfoto“ zu schiessen, dann geht’s auch schon weiter. Nick ist schon jetzt bis auf die Haut durchnässt, irgendwie hat seine Jacke den Kampf gegen den Regen schon vor einiger Zeit aufgegeben und er hat gar keine Freude an meiner Beweissicherung, leiber würde er sofoert weiter fahren, bloss weg von hier ist sein Motto.

Bollernd machen wir uns an die Abfahrt. Ich ducke mich tief über den Tankrucksack, in der Hoffnung den bösartigen und rücksichtslosen Windböen etwas weniger Angriffsfläche zu bieten. Glücklicherweise legt sich der starke Wind etwas, je weiter wir uns von der Passhöhe entfernen. Es ist kühl und an meinem Hals spüre ich zerrende Verspannungen, die ersten Anzeichen einer Muskelunterkühlung. Nichts wie runter ins Tal, dort ist es wenn auch nicht trockener, so doch wenigstens etwas wärmer. Irgendwo unter uns sehe ich ein Motorrad. Aber auf die Distanz kann ich nicht erkennen was es ist. Immerhin sind wir nicht ganz alleine. Unbeirrt fahre ich weiter, denn das Wetter verlangt nun erst recht vollste Konzentration, vor allem, wenn man trotz dieser Situation möglichst schnell vorankommen möchte.

Kurz vor Val d`Isere überholen wir dann die einheimische Mutlistrada. Na der hat es gut und kann wohl bald in die warme Stube. Bei uns stehen noch der kleine und der grosse St. Bernhard auf der Liste.

Als wir kurz vor Saint-Foy-Tanrentaise endlich in Richtung kleiner St. Bernhard abbiegen, um damit einige Minuten und damit halt leider auch einige schöne Kurven einzusparen, hört der Regen auf. Die Sonne blinzelt zwischen den Wolken hervor und deutet an, wie es hätte sein können. Doch ganz trauen wir der Sache noch nicht, halten das Tempo weiter hoch, zumal wir ja kaum auf Gegenverkehr stossen. Es scheint, alle sonstigen Verkehrsteilnehmer haben sich ganz tief in den eigenen vier Wänden verschanzt.

Die Abfahrt ist dann teilweise etwas heikel, weil die Strasse noch sehr feucht ist und man doch hin und wieder auch in den Kurven auf Bitumen-Spuren trifft, welche zum Verschliessen von Rissen im Asphalt verwendet hat. Da spürt man schon mal, wie das ein Rad etwas an Halt verliehrt, sich aber einige Zentimeter später wieder im Asphalt festkrallt.

Wir folgen der Landstrasse bis nach Aosta, wo wir auf die Strasse in Richtung Grosser St. Bernhard abbiegen. Richtig interessant ist der untere Teil der Strecke nicht, aber Energie zehrt er trotzdem, deshalb machen wir dann in Etroubles an einer alten, nicht mehr in Betrieb stehenden Tankstelle Rast und verpflegen uns noch einmal, bevor es auf den grossen Pass gehen soll. Da die Strecke auf der Nordseite doch noch ziemlich lange ist, entscheiden wir uns, vor der Abzweigung zum Pass noch einmal aufzutanken. Das hätten wir wohl besser sein lassen sollen.

Als Nick zahlen will, fragt uns der Tankwart, ob wir sicher seine, dass wir Diesel bräuchten, worauf wir lachend verneinen und darauf hinweisen, dass wir Bleifrei getankt hätten. Dies wieder glaubt er nicht, was uns ziemlich verunsichert. Wir schauen nach.

Tatsächlich haben wir aus einer Zapfsäule Treibstoff entnommen, die zwar keinen grünen „Zapfpistole“ hat, dafür ist sie gleich neben der Zapfsäule mit „SenzaPb“ beschriftet. Das kann doch wohl nicht wahr sein. In mir steigt langsam aber sicher Ärger auf. Ich habe ja echt schon vieles erlebt, aber was soll man den jetzt glauben, einem Kleber neben der Zapfpistole oder der Farbe der Zapfpistole? Wir konfrontieren den Tankwart mit dem Aufkleber, was der gar nicht goutiert.

Eins ist klar, wir können nicht weiter fahren, denn Diesel macht sich im Benzinermotor gar nicht gut. Also bleibt nur eins, das Benzin-Dieselgemisch abzulassen. Nun, da sich der Tankwart nach unserer eher unschönen Diskussion nicht zur Mithilfe durchringen kann, beginnen wir das Gemisch in diverse Pet-Flaschen abzufüllen, die wir in allen Müllkübeln um uns herum finden. Ganz lässt sich das Problem aber nicht lösen, denn total müssen wir 40 Liter entsorgen, aber wir bringen höchstens 15 Liter in die PET-Flaschen. So leeren wir kurzerhand auch noch einen Kübel, der normalerweise für das Wasser der Scheibenreinigung zur Verfügung steht und planen halt einfach nur je eine Tankhälfte an beiden Töffs zu leeren und dann zu Hause weiter zu schauen.

Kaum haben wir die Idee ausgesprochen, da hat der Tankwart offenbar doch ein Einsehen. Er schafft einen grossen Kanister herbei, in welche wir das Gemisch schütten können. Gesamthaft rund 1,5 Stunden haben wir durch die Tankentleerung verloren. Immerhin müssen wir nach dem Auftanken mit bleifreiem Benzin (zur Sicherheit 98 Oktan) nur das Benzin bezahlen, der Diesel nimmt er auf sich.

Das Wetter hatten wir auf Grund dieses Zwischenfalls völlig vergessen, doch als wir losfahren, schont es mal wieder. Bis hinauf auf die Passhöhe kommen wir vollkommen trocken. Nach diesem Stress brauchen wir nochmals einen kleinen Break, beobachten von oben, wie andere Biker um die Kurven wetzen und ebenfalls die Passhöhe erklimmen, während unsere nassen Klamotten in der Sonne wieder etwas abtrocknen.

Dann, als wir wieder weiter wollen, beginnt der Regen erneut und lässt uns bis fast runter nach Martigny nicht mehr los. Aber was soll’s, Hautpsache, die meiste übrige Zeit war super Wetter, wir konnten viele schöne Kurven und Pässe geniessen – und dabei mussten wir die Strassen kaum mit anderen teilen – einfach super!