Korsika, mediterrane Bikertraume im Kurvenparadies

Tag 1 - Asterix im Comic „Asterix auf Korsika“ war wohl der erste, der mich auf die kleine Mittelmeerinsel  aufmerksam gemacht hatte und seit jenem Moment waren mir die dunklen und eher unfreundlichen wirkenden korsischen Gestalten etwas unheimlich. Nun endlich, nach Jahrzehnten der Unsicherheit, soll sich der Schleier von diesem dunklen Kapitel heben, so dass ich mir vor Ort ein eigenes, neues Bild des Ganzen machen kann.

Gierig ziehe ich am Gashahn, denn gerade eben habe ich die Grenze bei Chiasso hinter mir ge-lassen. Hinter mir ist das Röhren der XTZ meines Bruders zu hören, der mich auf dieser Tour begleiten wird. Nun sausen wir weiter in Richtung Süden, während unsere Arbeitskollegen schon bald zu Bett gehen, um auch morgen wieder fit zur Arbeit zu erscheinen. Doch unsere Fähre läuft um 23.00 Uhr von Savona her aus in Richtung Bastia. Nichts wie los also, immerhin ist es bereits gegen 18.30 Uhr.

Tag 2 - Nach einer ruhigen Nacht auf der Fähre von Savona nach Bastia röhrt schon um 6 Uhr eine unbarmherzige Stimme durch den Lautsprecher und fordert die Schlafenden auf, sich langsam aus den Betten zu quälen. Naja, bei uns ist das nicht so eine Sache, aber bei den vielen, die ohne Kabine einfach auf Deck übernachtet haben, sieht es anders aus. Die Sonne kriecht langsam hinter dem Horizont hervor und der Tau der Nacht klebt noch feucht auf deren Schlafsäcken. Äusserst mühsam schält sich einer nach dem anderen, der ziemlich übermüdet drein blickenden Gestalten, aus seiner Hülse, während wir bereits den ersten warmen Kaffe geniessen und die Sonne, sowie die nun schon klar erkennbaren Konturen des gebirgigen Korsikas uns ein erstes Lächeln aufs Gesicht zaubert.

Bald darauf vibriert bereits die KTM unter mir. Auch sie scheint es kaum mehr auszuhalten im riesigen Rumpf dieser Fähre. Endlich heben sich die schweren Bugtore und ein emsiges Treiben beginnt. Wir mogeln uns so gut es geht an den Autos vorbei. Die Sonne blinzelt über das Meer und taucht die Gegend in ein warmes Orange. Der Morgen ist noch frisch und wir sind mehr als bereit um eine uns neue Welt auszukundschaften.

Bastia, die Hafenstadt im Nordosten Korsikas, ist unser Ausgangspunkt für die Erkundung der urchigen Insel. Hohe, mehrstöckige, alte Häuser, ganz wie im Asterix-Comic, bilden den Stadtkern. Im Hintergrund türmen sich bereits die ersten grösseren Bergkämme, die einen heiden Spass ver-sprechen. Bevor wir allerdings ins Zentrum der Insel fahren und in Corte unsere Basis beziehen, zieht es uns nach Norden. Das Cap Corse liegt vor uns.

Statue Memhir vor St. Florent liegend ist unser erstes Ziel, denn wir wollen gleich als erstes nach der langen Poebene von gestern Abend mal wieder in die Kurven liegen, um unseren Pneus die Rundungen zurück zu geben, welche ihnen die lange Autobahnetappe genommen hat. In vielen Kurven windet sich die Strasse langsam den Col de Teghime hinauf. Bald schon bietet sich uns ein herrlicher Ausblick auf das noch verschlafene Bastia. Dahinter erstreckt sich das unberührte Meer. Nur eine schon kurz nach Bastia erscheinende Mülldeponie stört das idyllische Bild. Aber auch hier ist alles irgendwie anders als bei uns. Während Müllhalden in der Schweiz versteckt und gut verschlossen werden, wandern hier ganze Kuhherden über die Halde und suchen nach Fressbarem.

Schnell gewöhnen wir uns an die engeren Kurven und rauschen mit ansehnlicher Geschwindigkeit dem Pass entgegen. Der Belag ist gut und die wenigen Autofahrer vermögen trotz teilweise haar-sträubender Fahrweise das Vergnügen nicht zu trüben. Kurz nach der Passhöhe sehen wir auf die andere Küstenseite hinunter. Viele enge Kurven führen uns den Berg hinab und schon kurz darauf biegen wir in die Küstenstrasse nach Norden ein. Die Aussicht ist derart super, dass das Fahren schon fast gefährlich wird, da man ständig aufpassen muss, wegen der Ablenkung nicht die nächste Kurve zu verpassen. Ja und von denen hat es definitiv genug, so dass es den Vergleich mit dem Centovalli auf keinen Fall scheuen muss. Dazwischen bieten kleine Buchten und schöne Felskonturen ideale Fotomotive. Da können auch wir nicht widerstehen.

An einem kleinen, schwer zugänglichen Strand mit schwarzem Sand machen wir ein erstes Mal Halt. Inzwischen hat sich der Hunger an uns ran gepirscht und um nicht unvorbereitet von ihm überfallen zu werden, geniessen wir feine Sandwiches, während uns der leichte, salzige Wind, Wassertröpfchen von der Brandung um die Nase weht.

In Albo biegen wir von der Küstenstrasse ab, denn wir wollen nicht einfach rundherum düsen, sondern auch die super Pässe befahren. Zu Beginn ist der Strassenbelag noch in einem anständigen Zustand. Allerdings hat sich die Strasse nun plötzlich auf nur noch eine Autobreite verjüngt. Schmal kurbelt sich der Weg den Hang entlang in die Höhe. Die Kurven sind eng und es kommt schon mal vor, dass wir hinter einer Kurve auf eine frei laufende Kuh treffen. Da man aber bei diesen Strassenverhältnissen so oder so nicht schnell fahren kann, kommt es nie zu brenzligen Situationen.

Nun erst, nach dem kleinen Ort Lainosa, wechselt der Belag auf Kies. Genial, kein Gegenverkehr und eine Kiesstrecke zum Gasgeben. Wir drehen den Gashahn bis zum Anschlag durch und die Antriebsräder schaufeln kräftig Kies unter uns weg. In unzähligen Serpentinen schrauben wir uns hinauf und ziehen dabei grosse Staubfahnen hinter uns her. Wenn man dabei keine Lust auf „Staubfressen“ hat, so macht es Sinn mit etwas Abstand zu einander zu fahren. Grössere Steinbrocken und happige Schlaglöcher fordern einiges an Konzentration. Je höher wir kommen, desto karger wird die Gegend. Kleine Büsche und Gestrüpp krallen sich im ausgetrockneten Boden fest.

Auf der Passhöhe verschlägt uns die Aussicht fast den Atem. Auf beiden Seiten haben wir Sicht auf die Küste. Dunkelblau schimmern die Oberflächen zu uns herauf und locken mit einem kühlen erfrischenden Bad. Zum Baden ist es uns zwar noch zu früh, aber der Versuchung der genialen Abfahrt, die uns nun bevorsteht, können wir nicht lange widerstehen.

Viel zu schnell erreichen wir über holprige Strecken wieder eben befahrbare Wege, allerdings mit z. T. groben Belagsschäden. Die Küstenstrasse im Osten ist dann aber super ausgebaut, in einem guten Zustand und erlaubt tiefe Kurvenlagen, so dass wir schon bald unsere nächste Abzweigung erreichen. Wieder zieht es uns in die Höhe. Über Pietracorbara wollen wir den Col de la Serra erkunden. Dieser Pass soll nach Karte einige Offroad-Passagen für uns bereithalten.

Anfangs ist die Strecke flach und asphaltiert, erst nach Lapedina wechselt der Belag auf Kies. Uns wurde nicht zu viel versprochen. Langsam aber immerzu geht es auf Kiesstrassen aufwärts, bis man auf der Passhöhe eine 180er-Kurve antrifft, von wo es wieder langsam, aber glücklicherweise weiterhin auf Kies abwärts geht. Erst bei Luri treffen wir dann wieder auf die asphaltierte D180, die uns noch weiter bis zum Col di Santa Lucia hinauf führt. Auch diese Strecke hat es in sich. Die vielen dicht auf einander folgenden Richtungswechsel sind einfach ein Traum. Dazu kommt der ziemlich anständige Belag, der uns tiefe Seitenlagen ermöglicht.

Auf der Passhöhe treffen wir auf eine leere Kirche und zweigen gleich nebenan ab. Das schmale Weglein führt uns hinauf zum „Tour de Sénèque“. Kaum ein Tourist verirrt sich hierher. Von einem kleinen Parkplatz unterhalb des alten Turms versuchen wir uns noch am kleinen Kieswanderweg, der noch ganz hinauf zum Turm führt, aber irgendwann geht es dort auch per Bike nicht mehr wei-ter und wir müssen kapitulieren. Mit einer Trialmaschine wärs wohl noch etwas weiter gegangen, aber für 200-Kilo-Maschinen ist das nichts mehr, und so kehren wir um.

Kurz nach Pino fallen wir erneut auf die D80-Küstenstrassen ein und folgen ihr weiter in Richtung Norden. Während wir um die Kurven düsen und unsere Pneus in die Grenzbereiche treiben, wird es immer wärmer. Inzwischen hat sich die Temperatur bereits der 30°C-Marke genähert, was sich bei uns vor allem im Wasserverbrauch bemerkbar macht. Ein Glück sind heute alle Läden offen. So können wir uns immer mal wieder mit frischen, kühlen Nass versorgen.

Ganz ans Cap hinauf schaffen wir es dann aber doch nicht mehr, da sich die Strecken extrem in die Länge ziehen. Besser gesagt, die Strecken benötigen mehr Zeit, als bei uns auf dem Festland. Hier muss man mit einem Schnitt von etwa 60km/h rechnen, und dann ist man schon ziemlich flott unterwegs.

Von Botticella über den Col St. Nicolas, der sich übrigens empfiehlt, aber wegen des Verkehrs mit Vorsicht zu befahren ist, erreichen wir Macinaggio, wo wir dann Mittagshalt machen. Das „La Galere“ biete nicht nur eine gute Küche, sondern auch einen direkten Blick auf den kleinen Hafen.

Da wir schon bald in Corte mit dem Vermieter des Appartements verabredet sind, benützen wir für die Rückfahrt die sehr gut ausgebaute D80, welche komplett der Küste entlang bis nach Bastia runter führt. Einfach fantastisch ist das Cruisen hier. Zur Linken das türkisblaue Meer, wo die Wellen gemütlich an die Felsen klatschen, zur Rechten Agafen und andere mediterrane Pflanzen, die das Ferienidyll perfekt werden lassen.

Bevor wir die N193 nach Süden nehmen, füllen wir unsere Tankrücksäcke am Ausgang Bastias an einer Essotankstelle nochmals mit Red Bull auf (das man sonst übrigens kaum auf der Insel findet). Auf der Schnellstrasse kommen wir gut voran, so dass wir bald ins Landesinnere abzweigen können. Ab Casamozza ist die Strecke zwar nicht mehr ganz so schnell befahrbar, aber auf gute 95km/h im Schnitt bringt man es immer noch, trotz einspuriger Führung. Am besten hängt man sich einfach an einen Einheimischen, die wissen wo man wie fahren darf, bzw. kann.

In Corte angekommen, können wir schon bald das kleine, aber ruhig gelegene Appartement übernehmen. Nun haben uns die Ferien ganz eingeholt. Gemütlich packen wir aus und geniessen den ersten Abend auf Korsika im dämmrigen Abendlicht bei einem interessanten Buch.

Tag 3 - Ein weiterer Tag voller Schräglagen und Fussrastenschleifen steht vor der Tür und wir treten noch so gerne an, diese Herausforderung anzunehmen. Kaum haben wir den Schlaf abgeschüttelt, sitzen wir bereits wieder in den Sätteln. Die Motos müssen auf dieser Tour aber auch wirklich beweisen, was sie drauf haben. Die Wegfahrt von Corte zählen wir als Aufwärmtraining, obwohl auch diese Strecke in der Schweiz bereits Seltenheitswert erlangt hätte. Was dann folgt, gehört allerdings eindeutig ins Kapitel „Kurvenspektakel“! Die Strecke durch die „Gorges de la Spelunca“ führt durch einen engen, felsigen Canyon und wir jagen über ein derart schmales Strässchen, dass man in den Kurven manchmal das Gefühl hat, es wäre nicht einmal für das eigene Motorrad genug Platz vorhanden. Der Belag ist gut und das Getriebe läuft bei den vielen Schaltvorgängen beinahe heiss, Gas geben, raufschalten, bremsen, runterschalten, reinliegen, Gas geben, raufschalten, bremsen,... Doch auch im grössten Kurvenrauschen darf man nie vergessen: Der Gegenverkehr verhält sich oft sehr unlogisch und schneidet vor allem bei unübersichtlicher Strassenführung gerne die Kurven.

Nach einer solch konzentrationsintensiven Fahrt gönnen wir uns in Calacuccia erst mal einen Kaffee mit Croissant, bevor wir uns auf das nächste Highlight stürzen. Irgendwie komme ich mir vor, wie in Indien. Gemächlich wandert eine Herde Kühe durch die Ortschaft und verstopft die Strasse. Die sonst nicht unbedingt geduldigen Franzosen lassen sich viel Zeit, die vielen kleinen und grossen Hindernisse rücksichtsvoll zu umfahren. Es scheint, als wären ihnen die Kühe heilig.

Die Auffahrt vom Stausee bei Sidossi hinauf zum Col de Vergio ist trotz dessen Höhe von 1477m nicht zu vergleichen mit einem Schweizer Alpenpass. Dennoch ist er nicht minder anspruchsvoll. Vor allem diverse Brücken und starke Licht- Schattenwechsel machen die Fahrt interessant. Wie wir feststellen können sind besonders die Brücken tückisch, folgt auf eine normale Kurve vor der Brücke danach doch meist eine sehr enge. Hin und wieder ein Autowrack am Strassenrand lässt darauf schliessen, dass sich so manch einer hier schon überschätzt hat. Nichts desto trotz ist die Strecke einfach ein „Must“ und sollte nicht ausgelassen werden, denn der meist gute Belag lässt sich wunderbar bekurven und ermöglicht einmal mehr, die sogenannten „Angstränder“ am Pneu zu minimieren.

Immer öfter treffen wir auf grosse und kleine Tieren mitten auf der Fahrbahn. So kommt es nicht selten vor, dass gleich hinter einer engen und absolut uneinsehbaren Kurve eine Herde Kühe oder  Ziegen ihre Mittagsruhe auf der Strasse hält und sich auch durch Hupen nicht aus der Ruhe bringen lässt. Das Beste aber sind die Schweine. Ganze Gruppen von Schweinen, haben es sich am Strassenrand, auf Parkplätzen und einige gar auf der Strasse selbst bequem gemacht. Da bekommt der Ausspruch „Korsika ist voller Schweine“ eine ganz neue Bedeutung!

Die Abfahrt vom Col de Vergio nach Porto ist dann einiges spektakulärer. Die Strecke führt entlang tiefer Schluchten, riesiger, rötlicher Felswände und durch Wälder mit hohen, kräftigen Bäumen. Da kommt man sich als Biker vor, wie eine unbedeutende, kleine Laus.

In Ota, einem kleinen Ort, welcher an der Parallelstrasse auf der anderen Talseite ebenfalls in der „Gorges de la Spelunca“ liegt, gönnen wir uns ein grosszügiges Mittagsmenu, um danach voller Energie weiter fahren zu können. Sehr weit kommen wir allerdings nicht. Schon kurz nach Porto, dass an einem türkisfarbenen Golf liegt und mit einem schönen Strand aufwarten kann, werden uns derart gute Fotomotive geboten, dass ich unmöglich daran vorbei fahren kann. Der Fels zeigt Konturen, die mir fast surreal erscheinen und das gemütliche Cruisen wird zur Fahrt durch ein Felsskulpturenmuseum.

Nachdem meine Kamera beinahe heiss gelaufen ist, reissen wir uns los von den genialen Panoramen und entscheiden uns nur wenig weiter für eine kleine Abzweigung zu einer tief unter uns liegende Bucht. Ein schmales, kaum autobreites Strässchen führt von der D81 tiefer und windet sich dabei eng um die Felskonturen. Uns voran fährt ein Einheimischer mit einem Roller. Nun ja, fahren ist wohl etwas untertrieben, er rast! Er kurvt dermassen riskant um die absolut uneinsehbaren Ecken, dass uns spontan der Name „Opferroller“ für ihn in den Sinn kommt. Denn sollte einmal ein Fahrzeug entgegen kommen, so wird er wahrscheinlich seine Gesundheit sicher aber seinen Roller opfern müssen, denn ausweichen liegt hier schlicht nicht drin, vor allem bei seinem Höllentempo um die engen Kurven. Wir dagegen können ihm in sicherem Abstand ohne Probleme folgen und sind dabei auch noch sicher, dass wir nicht mit Gegenverkehr rechnen müssen, solange er vor uns her donnert.

Die Bucht ist schmal und quetscht sich zwischen zwei steile Felswände. Von einem Parkplatz aus müssen wir noch etwa 500m Treppen laufen, bis wir zum  kiesigen Strand gelangen. Trotzdem lohnt es sich. Leider vermiesen uns dann einige kleine, aber nicht minder „nesselnde“ Quallen die Freude am Baden und ich blase mit schmerzenden, feurigen Füssen zum Rückzug aufs Trockene. Nach einem kleinen Nickerchen in der Sonne ist aber alles halb so wild und ich habe auch in den engen Crossstiefeln keine Probleme.

Die Strecke über San Martinu nach Cargese bringen wir schnell hinter uns. Der Belag ist gut und die Strasse breit. So können wir uns gut auch mal auf die schöne Aussicht konzentrieren. Dies sieht offensichtlich auch ein Pilot einer FJR 1300 so. Immerhin hat er neben seiner Sozia hinter ihm auch gleich noch einen kleinen Rehpinscher im Tankrucksack verpackt, der in jeder Kurve nach Adrenalin lechzend sein flatterndes Zünglein in den Fahrtwind streckt.

Auf der Rückfahrt kommen wir natürlich nicht darum herum, „meinen“ Pass zu befahren, den „Col de Sevi“. Die D70 auf dem Weg dahin ist kurz gesagt eine Strecke zum „Schrauben“. Noch besser als mit unseren Enduros wäre er sicherlich mit einer Rennmaschine zu be“racen“, aber schon für uns ist er einfach genial. Langgezogene, kurz aufeinander folgende Kurven die dazu noch mit einem konstanten Radius aufwarten, verleiten jeden Biker zum Aufdrehen. Wer nach diesem Abschnitt noch „Angstränder“ haben sollte, hatte entweder Gegenverkehr auf der eigenen Spur, oder aber definitiv etwas falsch gemacht.

Auf der Passhöhe treffen wir dann mal wieder auf ein Rudel Schweine, das uns während der Erholungspause nach dem Adrenalinkick Gesellschaft leistet. Wurde man bei der Auffahrt zum Gasge-ben verleitet, so folgt nun eine Geniesserphase. Durch schöne, ausufernde Kastanienheine rollen wir nun wieder talwärts und lassen die Ruhe und Gemächlichkeit, welche die Gegend verströmt, auf uns wirken.  

Von Evisa aus nehmen wir die gleiche Strecke retour, die wir schon von der Hinfahrt kennen. Al-lerdings wirkt sie von dieser Seite ganz anders und ist deshalb genauso interessant, als würde man sie zum ersten Mal befahren. Vor allem aber die „Scala di Santa Regina“ nochmals zu fahren, ist ein Leckerbissen, der, als wärs geplant, bis kurz vor Corte aufgespart bleibt.

Tag 4 - Erst gegen 10.00 Uhr fahren wir los, quer durch das Stadtzentrum hindurch. Danach zweigen wir vor der Brücke rechts ab ins berühmte Tal der Restonica. Holprig mit Flicken übersäht beginnt die Strecke, nachdem sie Cortes Grenzen verlassen hat. Was uns hier geboten wird, darf kein Biker verpassen, der nach Korsika kommt. Obwohl der Strasse über eine Mittellinie verfügt, handelt es sich aber trotzdem immer noch um eine kleine, eigentlich einspurige Strasse. Ausserdem scheint es, als wollten die Korsen nach dem einmaligen Bau nun auf Teufel komm raus Asphalt sparen. Abertausende Flicken übersähen die ersten paar Kilometer und ich bin mir sicher, dass dieses Material ausgereicht hätte, die Strecke gleich nochmals ganz neu zu überdecken. Der Schüttelbecher endet aber nach gut fünf Kilometer und wir werden mit einer wunderbaren Idylle belohnt.

Die Umgebung ist einfach fantastisch und die Streckenführung ist definitiv erste Sahne. Das kleine Weglein krümmt sich durch die vielen Seitenarme der Restonica und viele kleine Brücken ohne Geländer machen das Bild perfekt. Wer übrigens per Zelt reist, der kann hier in diesem Tal auf einem Zeltplatz übernachten, der sich zwischen den grossen Nadelbäumen versteckt.

Wie ein Wurm windet sich das schmale Asphaltband das Tal hinauf. Immerhin, nach fünf Kilome-tern wird die Belagsqualität merklich besser, so dass man auch mal die Aussicht ohne „Schüttelfaktor“ geniessen kann. Leider ist der oberste Parkplatz tagsüber kostenpflichtig, neben dem Ver-kehr ein weiterer Punkt, weshalb man sich besser mal abends hierher verirren sollte.

Nach der heilen Rückkehr aus dem genialen Seitental folgen wir der nicht weit entfernten N193 in Richtung Süden. Hier ist „Easyriding“ angesagt. Eine breite, schön geschwungene und mit gutem Belag in die Gegend eingepasste Landstrasse macht das Kilometerfressen zur reinsten Erholung. Gemütlich gleiten wir durch die attraktive Landschaft, geniessen den Duft der Nadelbäume, während uns die Sonne die Bräune ins Gesicht treibt.

Bereits in Vivario biegen wir am Ortsausgang aber links ab auf die D343, die uns dann erneut auf schmalen, kleinen Rüttelpisten wieder vom grossen Verkehrsstrom wegführt. In den Kurven liegt oft feiner, kaum ersichtlicher Sand oder Rollsplit, so dass mein Antriebsrad oftmals ungewollt ausschert, wenn ich am Kurvenausgang etwas unsanft am Gashahn ziehe. Mit etwas weniger Drehmoment am Rad schwingt es sich aber wunderbar durch die einsamen Hügel. Am Bocca di Murellu, einem Aussichtspunkt, der ein wunderbares Panorama verspricht, machen auch wir kurz Rast und lassen die Eindrücke auf uns wirken.

Etwa sechs Kilometer nach Muracciole finden wir in einer langen Linkskurve an einem kleinen Rastplatz mit Brunnen unser Paradies. Im ruhigen Nadelwald kann man mit seiner Enduro so richtig Spass haben. Steile Wege führen hinauf zum Punta Muru. Aber Achtung, auch wenn er anfangs noch flach und einfach bezwingbar ist, so folgen darauf einige eher haarige Stellen, die dem Fahrer einer schweren Maschine einiges abverlangen können. Und es sei dazu angemerkt: Retour muss man auch wieder!

Über Rospigliani und Noceta erreichen wir schon bald die Brücke über den „Veccio“ und damit die D143. Hier, gleich bei der Brücke, findet man wunderbare, kleine Badeplätze, an welche sich auch hin und wieder ein Einheimischer verirrt. Kühl und erfrischend gurgelt das Flusswasser zwischen den Steinen hindurch und sammelt sich in türkisblauen Becken, die an die Maggia oder Vercasca erinnern.

Gleich nach der Brücke über die Tavignano beginnt links eine Strecke, welche gleich mehrere super Eigenschaften in sich vereint. Erstens super Belag, zweitens gut geschwungene, nicht zu enge Kurven, drittens wenig Verkehr und viertens eine atemberaubende Aussicht auf die Korsischen Berge, die man vorher durchfahren hat. Kurz gesagt ist die D314 ein „Schrauberpass“, allerdings mit zwei bis drei unübersichtlichen Haarnadelkurven und daher nicht ganz ungefährlich. Ein Auto am Strassenrand mit zwei geplatzten Reifen und kaputten Felgen bestätigt unsere Einschätzung der Strecke. Der Fahrer jenes unglücklichen Autos ist wohl etwas zu schnell in die Kurve und hat dann mit den Rädern den Bordstein touchiert. Trotzdem müssen wir diese Strecke unbedingt empfehlen, schliesslich ist jedem selbst überlassen, wie er fährt!

Ab Erbajolo kann man seine Tour über den Bocca di Santa Cervone beliebig verlängern. Wir allerdings wählen die D14, welche uns zuerst über eine lange ruhige Abfahrt mit Sicht über das Tal, dann durch einen kurvenreichen, kühlen und waldigen Abschnitt zur D39 bringt. Allerdings ist auf der ganzen Strecke mit gefährlichen Kies- und Kuhüberraschungen in bzw. nach Kurven zu rechnen.

Wer übrigens auch mal auf offenen Endurostrecken sein Bike testen möchte, der kann sich im Gelände rechts der D39 nach Feo austoben. Das Gebiet ist von der Strasse her gut sichtbar, da schon diverse Enduristen Ihre Spuren dort hinterlassen haben. Die N200 ist zum Schluss dann genau so, wie sie auf der Karte dargestellt wird, eine lange gerade Strecke, die uns auf direktestem Weg ins Zentrum von Corte zurückbringt.

Tag 5 - Wir gönnen uns einen Tag Ruhe. Nach so vielen Kilometern, und vor allem Kurven, in den letzten Tagen wollen wir uns heute etwas erholen, um dann erneut fit auf den Hobel sitzen zu können. Nach einem gemütlichen Frühstück schlendern wir ins Zentrum. Heute wollen wir mal Corte näher unter die Lupe nehmen. Die alte Festung, die Zitadelle, kann man als Museum bestaunen. Viel mehr interessiert uns allerdings die Altstadt.

Fünf- bis sechsstöckige alte Häuser, an welchen die Fassade längst einer Renovation bedürfte, stehen dicht an dicht. Durch die schmalen Gässchen krümmen sich Kopfsteinpflastertreppen empor. Eine Katze jagt an uns vorbei und wird von frei laufenden Hunden durch die Gasse verfolgt und verschwindet schräg miauend zwischen zwei Gitterstäben einer alten Tür.

Wir schlendern entlang der vielen kleinen Geschäfte, schauen uns die kulinarischen Köstlichkeiten an, die die vielen Restaurants anzubieten haben und landen zu guter Letzt in der „Rex-Lounge“ gleich mitten im Zentrum Cortes, an der „Cours Paoli“.

Mit einem feinen Drink in der Hand und einer Kugel Glace vor sich lässt es sich lange verweilen. Wir geniessen die nachmittägliche Sonne und beäugen den langsam dahin fliessenden Verkehr, wo sich jeder so gut wie möglich präsentiert, entspricht die „Cours Paoli“ doch sozusagen der Flaniermeile per Auto oder Moto par Excellence.

Erst als es dämmert, wandern wir gemütlich zurück in Richtung Appartement. Dort verbringen wir noch etwas Zeit mit dem kleinen, aber unermüdlichen Hauskätzchen, das sich uns als Spielkameraden ausgesucht hat. Nach einem feinen Essen legen wir uns früh ins Bett, um am nächsten Tag umso fitter aufstehen zu können.

Tag 6 - Der Norden ist angesagt! Kurz nach Ponte Leccia zweigen wir von der „Schnellstrasse“ auf die alte N197 ein. Der Belag lässt das Alter der Strecke erahnen, aber das Ambiente macht das Gehotter mehr als wett. Wir haben das Gefühl, in die Szenerie eines alten Westerns gelangt zu sein. Auch die Bahn mit ihren alten Wagen, die durch die trockene Landschaft dampft, deutet irgendwie auf einen Zeitsprung hin. Kühe trotten der schmalen, staubigen Strasse entlang, auf der vergeblichen Suche nach einem saftigen, grünen Grashalm. Gleich neben der Strasse wartet sehnlichst ein schon vor langer Zeit ausgetrocknetes Flussbett, bis es endlich wieder einmal regnet.

Bei einem kleinen Halt entdecke ich im Flussbett neben der Strasse einen Feigenbaum voller reifer Früchte. Natürlich muss ich die probieren. Weich und saftig süss schmecken die dunkelvioletten Feigen. So biologische Feigen hatte ich wohl schon lange nicht mehr.

Ab Belgodere folgt die „Route des vins“ dann den Berghängen entlang. Schöne Aussichten aufs Meer und nicht wenige grosse Kaktusse versüssen uns das Geniessen der unzähligen Kurven. Erst ab Lumio wandelt sich der Slalomparcour in eine normale Küstenstrasse. Im „Stadtverkehr“ hottern wir auf Calvi zu. Immerhin haben wir dank des langsamen Stop and go-Tempos genügend Zeit, die wuchtige und alles überragende Zitadelle zu bewundern. Den Stau ins Zentrum hinein umfahren wir allerdings und schon bald verschwindet Calvi hinter einigen Kurven, die sofort nach dem Ortsausgang wieder beginnen. Rechts unter uns schmiegen sich hellblaue Lagunen ins Land hinein und einige Yachten schaukeln wie Spielzeuge über die kleinen Wellen.

Um die Punte de la Revellata zu erreichen gibt es keine Asphaltstrasse. Nur eine Kiesstrecke führt weiter nach Norden. Gleich vor uns versucht eine Rennmaschine ihr Glück, um über diese Holperpiste an die nahe liegende Bucht zu gelangen. Schnell verschwindet sie hinter uns im aufgewirbelten Staub. Hier sind eindeutig wir die Könige der Strasse. Die Stossdämpfer arbeiten auf Höchstleistung und stecken Schläge im Akkord weg. Nach einigen Kilometern signalisiert allerdings ein Fahrverbot das Ende unserer „Nordpolsuche“. Etwas enttäuscht machen wir kehrt, finden dann allerdings beim Abgang zu einer einsam da liegenden Bucht unsere Herausforderung auf einem steilen, grobschottrigen Weg.

Nachdem wir beide die kleine Enduroaufgabe ohne Fall gemeistert haben, sitzen wir nun gemütlich am Strand der vollkommen menschenleeren Bucht. Das Wasser schaukelt etwas im der leichten Brise und wir geniessen die Ruhe und Abgeschiedenheit des Ortes.

Etwa später brausen wir bereits wieder an der schönen Befestigung Calvis vorbei nach L`Ile Rousse, wo wir uns an einem feinen, grossen, einheimischen Salatteller mit Ziegenkäse gütlich tun, bevor wir uns der heutigen Endaufgabe stellen.

Über Bastia soll es heimwärts gehen. Der Belag der D81 ist Anfangs noch alt und holprig, dafür startet sie gleich zu Beginn mit vielen engen Kehren. Etwas weiter oben geniessen wir dann die gut ausgebauten und regelmässig angeordneten Kurvenarien. Wieder einmal heizen wir über eine „Schleifer“strecke der Extraklasse.
Auch über den Col de Teghime nach Bastia ist nochmals genialer Belag angesagt. Selbst mit Verkehr ist diese Strecke schlicht und einfach saugeil. Übersichtliche Kurvenkombinationen ermöglichen immer wieder einfache Überhol“attacken“. Da kann man nur sagen: je mehr, desto besser. Die Abfahrt nach Bastia führt dann wieder an der grossen Mülldeponie vorbei ins Zentrum, von wo wir der Ostküste entlang wieder nach Corte steuern. Allerdings nicht, ohne unterwegs an der Esso-Tankstelle unsere Tankrucksäcke nochmals so richtig mit Red Bull vollzustopfen.

Tag 7 - Kaum biegen wir ein auf die D47, sind wir allein. Kein Verkehr verirrt sich hierher. Schnell kommt eine Art „Bonanza“-Feeling auf, denn wir gleiten auf langen Geraden zwischen eingezäunten Viehweiden dahin. Für einmal sind die Viecher eingesperrt, schon fast ein Wunder.

Je länger wir fahren, desto mehr beginnen sich die Kurven zu häufen. Bald schlängelt sich die Strasse wie ein abgerolltes Kassettenband durch die steppenartige Gegend. Irgendwann spielt mir dann mein mangelndes Sprachverständnis einen Streich. Den Namen „Vallé des Tortues“ verstehe ich „Tal der Torturen“ und denke dabei an schlimme Grausamkeiten, die sich hier abgespielt haben müssen. Erst als ich an der angekündigten Abzweigung vorbeifahre, erkenne ich mein Irren. Nun ja, wers übers Englische macht, kommt schneller darauf, dass wohl eher Schildkröten (turtles) damit gemeint waren. Wie auch immer, Schildkröten sind mir heute aber definitiv zu langsam, wes-halb ich mal lieber eine Runde am Gashahn drehe.

Auf einem kleinen Parkplatz legen wir die erste Rast ein. Nick nutzt sie dazu, seine Digikamera auf dem extra aufgeblähten Tankrucksack festzukleben, um ab jetzt hin und wieder einige Filmchen der Route zu machen.

Stetig wachsen neben uns die Berge in den Himmel. Die Schlucht wird zunehmend schmaler und die Strasse sucht sich zwischen Abgrund und Felswand ihren Weg. Die Stranciacone ist zur Zeit nur ein Schatten dessen, was offenbar während der Schneeschmelze daher kommt. Riesige Steinblöcke und Baumstämme deuten auf die Kräfte hin, die sie zur Schneeschmelze entfalten kann. Eine Eisenträgerbrücke über ihr Flussbett musste schon das Zeitliche segnen. Dem Druck der Baumstämme und anderem Schwemmmaterial waren die Stahlträger nicht gewachsen und haben irgendwann nachgegeben. So liegt sie auch heute noch wie ein Mahnmal zerdrückt und verknault über dem nun fast scheinheilig ruhigen Gewässer.

Die Sonne brennt unbarmherzig auf uns herab und zaubert schöne Schatten auf die kantigen, wuchtigen Felsen, die gleich zu unserer Rechten an uns vorüber ziehen. Im Flussbett sind hin und wieder kleine, türkisfarbene Pools zu sehen, in denen sich selten einige nach Erfrischung suchende Schwimmer verirrt haben. Immer wieder wechselt der Belag von gut auf extremes Flickwerk und wir werden entsprechend durchgeschüttelt.

Nach Asco wird es waldiger und damit angenehm kühl. Auch der Belag ist hier relativ neu und gut befahrbar. Die gute Strassenqualität verlockt allerdings auch die Einheimischen zu überhöhter Geschwindigkeit und damit zum Kurvenschneiden. So kommt es, dass ich nach einer Kurve beinahe von einem Auto abgeschossen werde und nur dank äusserst schneller und vor allem richtiger Reaktion meine KTM von seinem Wagen fernhalten kann.

Die Strecke ist sehr angenehm zu fahren, ist doch meist genug Platz für zwei Autos nebeneinander. Auch wir fühlen uns pudelwohl hier. Nachdem man die Talseite über eine schmale Brücke gewechselt hat, beginnt die Strasse anzusteigen. Kontinuierlich gewinnen wir an Höhe und der in der Talsole dahin fliessende Bach verschwindet mehr und mehr unter uns. Nur noch selten, wenn sich der Fluss unbemerkt der Strasse annähern konnte, erhaschen wir einen kurzen Blick auf die grün schimmernden Wasserstellen, doch sofort steigen wir mit der Strasse eine Stufe weiter an. Aus dem Fluss ist inzwischen ein Bach geworden, der zwischen dem ganzen Geschiebe kaum noch zu sehen ist.

Kurz bevor wir am Ende des Tals „Haut Asco“ erreichen, versüssen uns noch eine Hand voll runder 180-Grad Kurven die Auffahrt, sozusagen als krönender Abschluss der Auffahrt. Auf dem grossen Parkplatz bleiben wir nicht lange und machen uns schon bald wieder auf den Rückweg. Etwa fünf Kilometer vor Asco entdecken wir einen kleinen Abzweiger ins Tal hinunter. Die kleine Kiesstrasse ist zu verlockend, als dass wir sie einfach unbefahren lassen könnten. Sie führt parallel aber etwas tiefer als der asphaltierte Weg durch buschige Natur. Sie gaukelt einem eine Art weiter Abgeschiedenheit von der Zivilisation vor und erinnert mich etwas an Argentinien. Leider endet sie nur allzu schnell kurz vor Asco wieder auf der guten Strasse.

Inzwischen haben wir tüchtig warm bekommen und so lassen wir uns die Möglichkeit eines kühlen Bades im hellblauen, glitzernden Wasser nicht entgehen. Ein schmales Strässchen führt hinunter bis fast ans Wasser. Ein Parkplatz ermöglicht problemloses Parkieren und eine knapp zwei Meter tiefe Wasserstelle, die den heissen Sommer überlebt hat und ständig von frischem Wasser gespiesen wird, lädt zum Bad.

Schnell sind wir in die Badehosen geschlüpft und schon üben wir fleissig Canyoning. Korsika eignet sich übrigens sehr gut für Canoyning. Es sind sogar Führer dazu an den Kiosken in Corte erhältlich. Nun, wir begnügen uns mit etwas Felsenspringen, aber auch das ist schon lustig.

Völlig erfrischt machen wir uns auf den Heimweg, mit einigen schönen Eindrücken mehr im Gepäck.

Tag 8 - Als Abschluss der Woche wollen wir nun noch etwas den Süden erkunden. Nicht dass wir genug vom Norden gesehen hätten, aber diese Insel bietet derart viel, dass man sich einfach auf gewisse Gebiete beschränken muss, wenn man eine zeitliche Limite hat.

Zur Einstimmung folgen wir heute erneut dem ruhigen Belag der N194 nach Süden. Kurz nach Vivario beginnt dann die Strecke, die uns bis jetzt noch unbekannt ist. Genial beginnt dieser Teil daher, weil sich gleich nach dem Ortsausgang einige schöne Kehren mit super Belag befinden, die dann ansteigen. Hier ist ein erstes mal Kurvenschleifen angesagt. Richtig gut kann man auf dieser griffigen Unterlage um die Kurven ziehen. Allzu schnell erreichen wir darauf die Abzweigung auf die D69.  

Die Strasse wird abrupt schmaler und der Belag sinkt im Qualitätsstandard auf „Very poor“. Dafür muss man kaum mit Gegenverkehr rechnen. Ausserdem kommen schon bald darauf die Serpentienen hinauf zum Col de Sobra ins Sichtfeld. Wie die Tremola am Gotthard ist dieser Bereich der Strecke auf Stein gebaut und zieht sich so den kahlen Hang hinauf, um bald darauf schon wieder im kühlen Nadelwald zu verschwinden.

Vom Col de Sobra aus offenbart sich uns bei der langen und z.T. sehr waldigen Abfahrt ein wunderbares Panorama. Die hintereinander liegenden Bergrücken schieben sich einer nach dem anderen in den dunstigen Himmel und zaubern ein fantastisches Panorama. Glücklicherweise sind hier die Beläge wieder etwas besser, so dass man getrost auch mal die Gegend bewundern kann ohne Angst zu haben es schlage einem gleich den Lenker aus der Hand. Dafür finden sich hier vermehrt Kühe und Kälbchen auf den Strassen. So hat man das Gefühl weitab von jeglicher Zivilisation zu sein.

Die Strasse verläuft übrigens tatsächlich so kurvig, wie sie auf der Karte eingezeichnet ist. Ich ha-be während sechs Kilometern als Test mal die Kurven gezählt und bin auf stolze 68 Stück gekommen. Das macht pro Kilometer ganze 11 Kurven. Auf die Distanz Ghisoni, wo die D344 auf die D69 stösst, bis nach Aullène macht das hochgerechnet über 700 Kurven, wohlgemerkt auf gerade mal 63 Kilometern!

Ab dem Col de Verde bis hinunter nach Cozano ist die Strecke dann ziemlich flüssig befahrbar und der Belag so gut, dass man in Kurven öfters mal mit den Schuhen den Boden berührt. Allerdings sind die Strassenränder oft rutschig auf Grund der vielen Lerchennadeln, die sich dort angesammelt haben.

Von Zicavo bis hinauf auf den Col de la Vaccia wird der Belag je weiter man kommt immer schlimmer. Ist der Belag anfangs nur teilweise mit Flicken bestückt, so verdrängen etwas später die Fli-cken den ursprünglichen Belag fast ganz. Noch etwas weiter machen viele Flicken dann Schlaglöchern Platz. Die sind zum Teil Pizzatellergross und ziemlich tief ausgewaschen. Eine schöne Gegend ist es aber allemal und deshalb auch empfehlenswert.

Während einige Touris auf der Passhöhe halbwilde Schweine füttern und sich die kleinen Ferkelchen um die Krusten balgen, machen wir uns schon wieder auf den Weg. Die Abfahrt weist glücklicherweise weniger Schlaglöcher auf, dafür findet sich hier immer mal wieder Sand in den Kurven. Doch wer damit rechnet, kann die Abfahrt bis Aullène geniessen.

Kurz vor Zonza kommt man in ein kleines „Tal“ hinein und überquert eine schmale Steinbrücke. Im Fluss darunter befindet sich eine ideale Badebucht. Gleich nach der Bucht befindet sich ein kleiner Parkplatz, wo man das Moto hinstellen kann (näheres siehe Anhang).

Die D268 ist einfach genial. Von Zonza her führt sie ins Gebiet des „Forêt Domaniale de Bavella“, wo sich der gleichnamige Pass „Col de Bavella“ befindet. Die Strecke ist super, sie führt ins rauhe Gebirge. Gewaltige Felsen thronen über der Strasse und leuchten Grau auf uns herab.

Auf der Passhöhe befindet sich ein grösserer, trotzdem aber meist stark besetzter Parkplatz und eine Mariastatue mit vielen Kerzen davor. Diese haben allerdings in der Trockenheit der Gegend auch schon mal ein Feuer verursacht, wie die verbrannte und verkohlte Stelle gleich um den „Altar“ beweist.

Ab dem Aussichtpunkt „Bocca di larone“ wird die die Strasse dann wieder so uneben, dass wir uns mal wieder wie in einem Schüttelbecher vorkommen. Der holprige Untergrund erlaubt zudem maximal eine Durchschnittsgeschwindigkeit von knapp 60km/h und selbst diese ist nur für geübte Biker zu empfehlen. Der Belag ist extrem abrasiv und ich sorge mich nicht zu Unrecht um meine bereits ziemlich abgefahrenen Pneus. In Solenzara treffen wir dann auf die Küstenstrasse und finden mit ihr zurück auf guten, ruhigen Belag.

Die N198 führt hier in ziemlich gerader Linie nach Norden. Etwas besorgt machen wir bei der erst besten Möglichkeit Halt. Auf einem kleinen Parkplatz an der Marine de Solaro, gleich am Strand stoppen wir. Das Profil meines Pneus ist wortwörtlich auf der Strecke geblieben. Ein schön rund gefahrener Slickreifen bietet sich mir als Anblick da, wo eigentlich noch ein Minimumprofil sein müsste. Jetzt wüsste ich eigentlich nur noch gern, wie ich mit einem solchen Teil noch bis nach Hause kommen soll.

Während mein Bruder noch die Kette an seiner XTZ ein wenig nach zieht, mache ich es mir etwas im Sand gemütlich. Dann noch schnell Öl kontrollieren und schon geht es wieder weiter. Von jetzt an allerdings etwas gemächlicher, schliesslich möchte ich mit diesem Pneu nicht noch von der Polizei angehalten werden.

Dank gerader Streckenführung sind die etwa mehr als 30 Kilometer bis nach Aleria schnell hinter uns. Anstelle gleich auf die N200 abzuzweigen, folgen wir den Hinweistafeln zum Strand und natürlich zur Weinkellerei. Die liegt nicht weit weg vom Wasser. Neben Weinen werden einem dort auch diverse Liköre, Konfitüren und andere passende Leckereien angeboten. Da können wir nicht nein sagen.

Den Wein gut und vor allem rüttel- und schlagsicher in den Tankrucksäcken verstaut, geht’s heimwärts. Die N200 ist gut ausgebaut und führt vom Meer her langsam aber stetig hinauf nach Corte. Die Strecke ist meist gut einsehbar und erlaubt das nach so vielen Kurven willkommene „Entspannungsrasen“. Trotzdem darf aber die Konzentration nicht nachlassen, denn eine Hand voll fast unsichtbare, aber bei höherer Geschwindigkeit unangenehme Bodenwellen könnten einen ansonsten in sehr unangenehme Situationen bringen.
Einige schnell aufeinander folgende, lang gezogene, runde Kurven läuten den Schlussspurt ein. Bevor man Corte erreicht ist dann noch einmal die vier Kilometer lange Gerade zu bewältigen, aber Dank dem unglaublichen Kurvenpensum, welches wir heute absolviert haben, bin ich dem ein-fachen dahin Gleiten überhaupt nicht abgeneigt.

Tag 9 - Etwas gedrückt ist die Stimmung schon, als wir alles Material verstauen und die Motos abfahrbereit machen. Schliesslich gibt es hier noch soviel zu bestaunen und vor allem zu erfahren. Die Wohnung ist mit Herrn Donini, dem Besitzer, schnell und unbürokratisch abgegeben und um 11 Uhr verlassen wir Corte ein letztes Mal.

Voll bepackt kreuzen wir wie Schlachtschiffe über die uns inzwischen gut bekannte „Halbautobahn“ nach Ponte Leccia. Danach schwingen wir unsere schweren Geschosse durch die schnellen und gut ausgebauten Kurven bis nach Casamozza. Danach kommen wir dann sogar noch etwas in den Verkehr, aber da die Fähre ja erst um 14.45 Uhr ablegt, lassen wir es ruhig angehen und es kommt kein Stress auf. An der Esso-Tankstelle füllen wir unsere Tankrucksäcke nochmals mit Red Bull auf, um in Genua dann direkt auf die Autobahn zu donnern.

Eine feine Wolke schiebt sich vor die Sonne, als wollte das Wetter unsere Trauer teilen. Doch in Bastia angekommen ist die Sonne wieder so heiss und unbarmherzig, wie in der ganzen Woche zuvor. Wir besorgen uns nahe dem Hafen noch ein grosses und feines Sandwich und einiges Süssgebäck, um die Fahrzeit auf der Fähre gut zu überstehen und mit vollem Bauch die endgültige Heimreise anzutreten.

Bereits um 20.00 Uhr gelangen wir in den riesigen Hafen von Genua und ab dann heisst es Autobahn bis der Pneu flach ist. Egal, der ist bei mir jetzt schon flach. Korsika und seine abrasiven Strassenbeläge haben mich schon nach der Hälfte der Zeit zu einem halb illegalen Fahrer werden lassen. Nur gut zwei Stunden später erreichen wir den Zoll von Chiasso und damit unser angetrautes Refugium, ohne dass jemand mich wegen der Pneus angesprochen hätte. Nur gut, dass es bereits dunkel ist und die Zöllner nicht so genau hinschauen.

Wenn ich eins weiss, so ist es das, dass ich dieses Eiland auf jeden Fall jedem Biker fest an Herz legen kann. Mal schauen, vielleicht heisst es bereits nächsten Sommer wieder: Ab auf die Insel!