Fast eine Stella Alpina, aber eine Woche früher, bei viel besserem Wetter…



Samstag, 05. Juli 2008
Wir haben uns wirklich ernsthaft auf diesen Trip vorbereitet. Gut gepackt habe ich erst drei Stunden vor Abfahrt, aber extra sind wir mit dem Swiss KTM Adventure Club letztes Wochenende noch auf der Panzerpiste zu Bure unsere Off-Road-Fähigkeiten auffrischen gewesen, nicht ohne dass danach unsere Kati’s gestanden hätten vor Dreck. Jedenfalls fand das meine allerwerteste nicht ganz so erhebend wie wir…
Und nun das. Da machen die Italiener doch einfach tagsüber die Strecke dicht. Von 0900 bis 1700 ist es den nichtmotorisierten vorbehalten, sich in Richtung Col de Sommeiler aufzumachen. Nun gut, es ist Anfang Juli, die Sonne steht hoch am Himmel, da bleibt eigentlich auch zwischen 17 Uhr und Sonnenuntergang noch genügend Zeit, sich dem spannendsten Teil der Fahrt zum Sommeiler anzunehmen.

24 Stunden früher

Sevi und ich treffen uns wie verabredet um acht Uhr morgens beim Fressbalken (Raststelle Würenlos), tanken noch mal schnell unsere 990er Adventures auf und vergewissern uns, dass wir alles haben was wir brauchen. Da ich dieses Mal Zelt und Kocher und so weiter dabei habe, was dicke Boxen und Rolle vor dem Topcase bedeutet, kommt Sevi mit Rolle und Topcase durch. Na, da habe ich doch schon mal wieder die allenfalls benötigte Ausrede bereit…

Nun gut. Die kommenden 200 km versprechen nicht die grösste Spannung, Autobahn bis Martigny. Aber schon kurz nach dem Baregg müssen wir die ganze Konzentration zusammennehmen, damit wir die Gasse durch die stehende Blechlawine finden, ohne unsere Spuren auf den Carosserien der vierfach Bereiften zu hinterlassen. So geht das mehrfach bis nach Bern. Zwischen Chatel St. Denis und Vevey zahlt es sich wieder mal aus, dass sich sowohl Sevi wie auch ich nicht von Tempo-Bolzern, die uns zu Rennen herausfordern wollen, reizen lassen. Gut getarnt in einer Rechtkurve steht eine mobile Blitzanlage, die aber bei uns keinen Deckungsbeitrag eintreiben kann. Gemäss GPS Anzeige fahren wir zu dem Zeitpunkt exakt 122 km/h.

In Martigny füllen wir unsere Treibstofftanks und Sevi muss sich noch einen Satz Muttern für die Befestigungsschraube seiner Top-Case Verstrebung beschaffen, da haben wir wohl nach dem Off Road Training auf der Panzerpiste Bure was nicht richtig angezogen…

Endlich, wir sind wieder am Berg, dieses Mal geht es die Forclas hoch, natürlich nicht ohne mehrfaches vor- und rückwärts Fahren, es müssen ja noch ein paar fotographische Bedürfnisse für die Homepage gedeckt werden. Unterwegs sehen wir mehrfach ein paar verrückte Engländer, zwei Kati’s und eine BMW. Trotz Bayern-Affinität der Briten winken wir den dreien zu, und die zurück.

Den Col de la Forclaz haben wir bald hinter uns gebracht, in Chamonix wollen wir es ganz gut machen, nämlich nicht hinter dem stinkenden Car her und verheddern uns prompt im Einbahnstrassengewirr. Schliesslich kehren wir auf die grosse Strasse zurück, natürlich wieder genau hinter den Car. Nicht so schlimm, die nächste Abfahrt nutzt er um uns Platz zu machen. Wenn doch nur jeder Stinker der Landstrasse so nett wäre. Die Autobahn von Chamonix runter in Richtung Annemasse / Genf ist angenehm zu fahren, die Spur verläuft an den Fels geklammert in zum Teil engen Kurven Richtung Tal. Die Gegenfahrbahn dagegen schaut da etwas langweilig aus, mit den Tunnels und Brücken zu Vermeidung von Kurven.
Kurz bevor die Autobahn kostenpflichtig wird nehmen wir die Ausfahrt 22 in Richtung St. Gervais les Bains und folgen dann der kleinen Strasse in das Tal hinein Richtung Les Contamines-Montjoie. Der Verkehr, insbesondere der Motorradverkehr nimmt dramatisch ab, man kommt sich schon bald so vor, wie an einem Montag Morgen auf den Hügeln um das Tösstal.
Unsere programmierten Zumo 550 sagen uns dann schliesslich, dass es nun an der Zeit ist, sich von den asphaltierten Strassen zu verabschieden und auf Kiespisten bergan zu fahren.
Kaum aus dem Dorf gibt’s dann wirklich nur noch Kies und wir schalten mal das ABS aus. Höher und höher schrauben wir uns auf den Serpentienen, an kleinen Alphütten und Skiliften vorbei. Der Weg ist in ziemlich guter Verfassung, wenn man bedenkt, dass er im Winter eine rote Ski-Piste darstellt.

Am Col du Joly schauen uns ein paar Wanderer etwas schräg an, als erst Sevi, dann ich mit dem bepackten Schlachtross nochmals 100 Meter höher hinaus wollen, für eine Pause und vor allem für Fotos, von denen wir auch unterwegs immer mal wieder einige geschossen haben.

Die Westseite des Col du Joly ist wieder auf Asphalt, allerdings nur eine Spur breit, sodass die Aufmerksamkeit hochgehalten werden muss, herrscht doch reger Autoverkehr bis zur Gaststätte auf der Passhöhe.
Im Tal geht es dann über Beaufort südostwärts Richtung Barrage de Roseland. Auf der Höhe des Col de Méraillet biegen wir rechts von der Strasse zum Col de Roseland ab und nehmen die kleinere Strecke auf der Nordwestseite des Stausees und über die Staumauer zum Col du Pré. Die beiden nicht beladenen grossvolumigen Maschinen, die uns während eines weiteren Fototermins überholt haben müssen wir als bewegliche Verkehrshindernisse betrachten und gleich nach der ersten Kehre überholen und hinter uns lassen. Dies geschieht so gründlich, dass den beiden Sonntagsfahrern auch unser nächster Fotohalt nicht reicht, wieder aufschliessen könnten. Uns kann‘s recht sein.

Die Bergstrecke, in etwa parallel zur Strecke über den Col de Roseland, nach Aime ist wunderschön. Sie ist fast völlig frei von störendem Verkehr, zumindest von dem Punkt am Lac de Saint-Guérin an, wo man glücklicherweise auf eine Befestigung der Strasse verzichtet hat. Das heisst wir konnten viel Staub aufwirbeln, und niemanden hat‘s gestört. Allerdings ist etwas Mistrauen der Führung durch das GPS gegenüber angebracht. Während wir am Col du Joly das Gerät mit zwei nicht ganz zusammenhängenden Routen austricksen mussten, obwohl mehrere gut befahrbare Weg auf der Ostseite zum Pass hochführen, leitet uns die Elektronik hier zweimal in Sackgassen, das heisst, auf für unsere Packesel nicht befahrbare Pfade.
Ich konnte mich da zum Glück sowohl auf parallel mitgeführte Karten wie auch auf das untrügliche Gespür meines Bruders, wann der Zeitpunkt für die Umkehr erreicht ist, verlassen.
Etwas weiter unten, wir haben gerade mal wieder ein gutes Setting für ein paar Aufnahmen entdeckt, kommt uns aus dem Tal doch tatsächlich ein totesmutiger Goldwing-Fahrer mit Sohnemann auf dem Rücksitz entgegen. Hut ab, wie der das Schiff den Kiesweg hoch zirkelte; da könnten sich noch ein paar GS Fahrer ein Scheibchen abschneiden.

Im Tal unten geht es über Aime und Moutier in Richtung Col de la Madeleine. Da es inzwischen später Nachmittag ist, hat es nun auch auf dieser gut ausgebauten Strecke kaum Verkehr. Und so lässt sich die abwechslungsreiche Passtrasse flüssig fahren. Während wir auf der Passhöhe noch ein kurzes Päuschen zur Erhaltung der Konzentration während des Fahrens machen, fährt ein lokaler Pick-up an uns vorbei. Kurz nachher sind wir wieder im Sattel und laufen bald auf den Pick-up auf.

Wir dürfen feststellen, dass auch hier in Frankreich auf 100 freundliche Autofahrer der eine oder andere Idiot kommt. Da kann man ihn beobachten, wie er alle paar Sekunden in den Rückspiegel schaut, wohl um zu sehen, ob er uns schon abgehängt hat… Nein, nur um dann laufend die Kurven so zu schneiden, dass wir ein Überholmanöver nicht ohne Totalverlustrisiko wagen können. Da gibt es dann wirklich nur eins. Lassen wir dem Affen die Banane. Die nächste Gerade, wo wir Platz haben und er nichts zu schneiden, kommt bestimmt, und dann werden wir vorbei sein.
Die Zeit ist inzwischen doch schon etwas fortgeschritten. Wir entscheiden uns deshalb etwas abzukürzen. Statt über den Arc zum Col du Glandon drehen wir nach links um direkt, via St. Jean de Maurienne und St. Michel de Maurienne, den Col du Télégraph und den dahinter liegenden Col du Galibier anzufahren. Obwohl wir es nun langsam etwas eilig haben, nehmen wir uns Zeit für Fotos. Zum Teil aber nicht freiwillig, denn, wie damals auf Korsika stehen, auch hier plötzlich ein paar hundert Schafe auf der Strecke. Weiter oben bieten sich dann ideale Lichtbedingungen für ein paar sportliche Aufnahmen.

Das Motiv: Severin in bester Supermotard – Manier durch die Kurven flitzend.
Auf dem Galibier ist es nun schon empfindlich frisch, wir fahren nach wenigen Minuten weiter. Den Mont Blanc sehen wir wegen einiger hinterhältiger Wolken, die sich davor geschoben haben, auch nicht.

Über den Col du Lautaret fahren wir in Richtung Briancon und nehmen die nächste „Abkürzung“. Wir sollten später noch herausfinden, dass dies eine glückliche Entscheidung war. In Briancon biegen wir nach Montgenevre ab, drehen aber wenige Kilometer ausserhalb Briancon in Richtung Névache wieder nach Norden ab um über den Col de l’Echelle nach Melezet, einem Vorort von Bardonecchia, zu gelangen.
Auf dem Zeltplatz „Bokki Camping“ auf der Pian del Colle stellen wir im letzten Tageslicht das Zelt auf. Mit Stirnlampen bewaffnet bereiten wir uns zum Schluss auf dem Benzinkocher noch schnell ein paar Teigwaren, bevor wir leicht ermüdet auf der inzwischen aufgeblasenen, grossen Luftmatratze das Träumchen suchen.

Samstag, 05. Juli 2008; Wetter: schön.

Kurz nach Sonnenaufgang ist Severin wach, behauptet er zumindest. Ich hätte ihn von der Luftmatratze bugsiert. Naja, ich kann’s nicht dementieren, ich hab noch eine Runde weiter geschlafen. Kurz vor sieben Uhr wird es dann aber auch mir unbequem. Offenbar ist die gute alte Luftmatratze nicht ganz dicht und als Sevi davon runterrutschte, hatte sie nicht mehr genügend Luft mich noch zu tragen, und der Boden ist halt auch hier hart. Das Leck müssen wir ihr aber verzeihen, es ist ja klein und hält noch fast eine ganze Nacht die Luft an Ort. Kommt hinzu, dass sie ja auch schon vor bald 30 Jahren noch mit unseren Eltern im Tessin in den Zeltferien gewesen ist. Das war noch Qualität damals.

So, nun werden wir dann also die Strecke fahren, wegen welcher Severin und ich dieses Wochenende überhaupt auf Reisen gegangen sind. Die Strecke von Bardonecchia über Rochemolles, das Rifugio Scarfotti hoch zum Col de Sommelier, die Strecke die das kommende Wochenende Hunderte von verrückten anlässlich der alljährlichen Stella Alpina erleben würde. Ich bin ja gespannt, ob ich mit meiner, sagen wir mal, überschaubaren Erfahrung auf schwierigen Endurostrecken diese Herausforderung mit der schweren 990er schaffen werde. Eigentlich hätte ich für den heutigen Tag lieber eine leichte Motocross Maschine. So jetzt, Werner, Arschbacken zusammen, Augen zu und durch.

So gegen acht Uhr starten wir die Motoren. Das Problem, dass sich gestern Abend mit einer flackernden Öllampe angedeutet hat ist vorerst wieder weg. Allerdings scheppert der Motor meiner Adventure so eigenartig metallisch. Auf dem Weg zur Tankstelle geht auch das Flackern wieder los. Beim Tanken kontrolliere ich also wieder das Öl. Aber wie gestern abend stelle ich fest, dass es an der Menge nicht liegen kann. Einen Leistungsabfall kann ich nicht erkennen, ich wage es vorerst mal weiter zu fahren, mit dem Telefon in die Schweiz muss ich eh noch warten.

Wir fahren die kleine Strasse nach Rochemolles hinter einem „Opfer-Fiat“ her. So wie der Blind in die Kurve geht, arbeitet er für uns wie ein Pfadschlitten. Kurz nach dem Ort schalten wir das ABS wieder aus, Teerbelag ist bis auf weiteres ein Fremdwort. Entlang des Staussees geht es weiter das Tal hoch, ein paar Kehren, in anständiger Feldweg-Qualität. Bis jetzt noch nicht wirklich die grosse Herausforderung, aber dennoch schön zu fahren.

Über einen kleinen Steg muss ich mir gegen ein paar unwillige Kühe erst einen Weg schaffen, und gleich darauf steht Sevi neben seiner Maschine und vor einem abgesenkten Schlagbaum. Daneben steht eine grosse Tafel, die besagt, dass von hier (Rifugio Scarfotti) der weitere Weg nach oben in Richtung Sommelier an Wochenenden und Feiertagen von 0900 bis 1700 nicht motorisiert befahren werden darf. Der Schlagbaum ist unten. Hallo, es ist mal knapp 0830 Uhr. Zumindest die erste Reihe Serpentinen hätten wir noch üben können in der halben Stunde. Aber was soll’s. Wir entschliessen uns, einige Strecken, die wir gestern infolge Zeitmangels auslassen mussten, auszuprobieren. Nach ein paar Rekordverdächtigen Landschaftsaufnahmen nehmen wir den Weg zurück nach Bardonecchia unter die Räder. In einer der letzten Kehren vor Rochemolle treffen wir auf eine Gruppe Motorräder. He, die haben wir doch schon mal gesehen. Ja, gestern, an der Forclaz. Wir halten an, unterhalten uns mit den Engländern, die tatsächlich auf den Mopeds von der Insel bis hierher gefahren sind. Neidisch sind wir nur etwas auf die Nummerschilder: K 999 KTM.

Als erstes gehen wir gleich mal die Strasse Richtung Jaffreau soweit hoch, bis wir etwas unerwartet auf ein 4*Hotel bei der Bergstation einer Gondelbahn treffen. Wir umfahren das Haus bergseitig auf einer Kiesschicht, rutschen mit fast blockierendem Hinterrad eine Böschung auf ein Parkplätzchen neben der Gondelbahn runter. Erst dann stellen wir fest, dass wir den gleichen Weg zurück nehmen müssen, Sackgasse. Hui, etwas steil. Nach dem Red Bull – Päuschen will ich dann wissen, ob da wirklich Flügel wachsen; ich kann es bestätigen. Gegen ende der Böschung musste ich bremsen, um nicht den Weg obendran zu verpassen.
 
Zurück in Bardonecchia telefoniere ich mit meinem Mech. Ich schildere ihm meine Beobachtungen, für ihn sofort ein klarer Fall und für mich teilweise Entwarnung. Offenbar ist der Spanner der Steuerkette verklemmt, unmittelbar neben dem Ölsensor, deshalb das Flackern, das tönt zwar so mühsam metallisch, Folgeschäden seien aber auch bei Weiterfahrt nicht zu gewärtigen. Grosses Aufatmen bei mir. Nach wenigen Kilometern unserer Weiterfahrt bringe ich Severin, der hinter mir unterwegs ist, fast um den Verstand. Nachdem er zurückgeblieben ist fahre ich auf einen Ausstellplatz, will, als ich ihn kommen sehe, eben wieder losfahren, bemerke aber seine Hup- und Lichtsignale und bleibe stehen. Severin teilt mir mit, dass ich wohl doch einen ernsteren Motorschaden habe, es qualme ganz übel unten raus… Ich schaue runter, mein rechter Stiefel trieft von Öl, ja die ganze rechte Seite ist versaut. Da fällt mir ein, dass ich den Schraubstopfen des Ölgefässes nur reingesteckt aber nicht festgeschraubt hatte, als ich mit dem Mech telefonierte. Glück im Unglück, es hat während des Fahrens nur rausgespritzt, der Stopfen ist immer noch da. Den Füllstand nochmals kontrolliert, den Stopfen fixiert, die gröbste Sauerei aufgeputzt und dann geht’s weiter. Schwein gehabt.

Nächstes Ziel ist der Col de Montgenevre. Allerdings lassen wir uns in Oulx erst mal mit einer guten Portion Spaghetti aglio e olio verwöhnen. An der Dorfbeiz fahren nun im Minutenabstand Motorräder aller Couleur vorbei. Dabei sind Touristen und Lokalmatadoren recht einfach auseinander zu halten. Die Touristen sind, wie wir, mehrheitlich gut geschützt in langstreckentauglichen Textilanzügen auf Reiseenduros unterwegs. Lokale Helden bevorzugen die leistungsstarken Sportmotorräder. Was sie für ihre Mopeds mehr ausgeben, sparen sie bisweilen an der Fahrerausrüstung wieder ein. Neben mit Schleifern an allen mehr oder weniger sinnvollen Stellen ausgerüsteten Dompteuren von weit über 150 japanischen Pferdchen kommen doch recht häufig Jeansbekleidete potentielle Organspender auf italienischen Sport- oder deutschen Touren-Mopeds die Strasse rauf.
Ich glaube wir sehen im Laufe unserer stündigen Mittagspause mehr Motorräder als gestern den ganzen Tag. Es ist Samstag, und die Mopeds schlüpfen bei schönstem Wetter auf die Strasse.

Auf dem Weg hoch nach Montgenevre stellen wir dann schnell wieder fest, dass nun das gefährlichste für uns nicht etwa die Autos, sondern eben die Möchte-gern-Rossis und –Capirossis sind. Entsprechend umsichtig sind wir unterwegs. Auf der Westrampe des Passes legen wir dann bei einer schönen Kehre wieder mal einen Fototermin ein, bevor wir in Briancon kurz noch die wichtigsten Einkäufe erledigten.

Nun wollen wir via den gestern ausgelassenen Col de Granon und den Col de L’Echelle zurück zum Zeltplatz. Die Auffahrt auf den Col de Granon ist richtig gemütlich, allerdings auch gut bevölkert durch Fahrradfahrer. Etwas Rücksicht ist angebracht. Die Aussicht über Briancon ins Tal hinunter und auf die dahinter liegenden Bergketten ist eindrücklich. Oben angekommen erleben wir dann aber eine herbe Entäuschung. Wir müssen den gleichen Weg zurück, da die Strecke Richtung Névache als militärisches Sperrgebiet für die Durchfahrt gesperrt ist. Zum Glück sind wir gestern abend nicht hier hoch…

Wir amüsieren uns noch etwas mit dem Erdhügel am Rand des Parkplatzes und erleben mit, dass auf dem Fussweg, den wir bisher noch gar nicht beachtet hatten, eine Gruppe Motocross Fahrer den Pass von Osten her erklimmt. Sie fahren aber gleich weiter, sodass wir nicht fragen können, auf welchem Schleichweg sie hochgekommen sind. Als plötzlich grosse Regentropfen fallen ergreifen auch wir die Flucht. Über Briancon und den Col de l’Echelle kehren wir für eine Pause zu unserem Zelt zurück.

Um etwa Viertel vor Fünf machen wir uns Richtung Sommelier auf den Weg. Die Anfahrt bis zum Rifugio Scarfotti ist ereignislos, aber immer noch toll zu fahren. Das richtige Aufwärmprogramm für das was folgen sollte.


Diesmal ist der Schlagbaum oben, als wir ankommen und wir halten nicht mal an. Wir wollen hoch hinaus heute. Also geben wir den Kati’s die Sporen. Kurz vor der ersten Kehre kommt uns eine Dame in Leder und mit Helm in der Hand entgegen. Wohl eine Sozia, die eingesehen hat, dass das folgende Gelände zu zweit auf dem Moped nur noch schwer zu machen ist. Als wir zur ersten Bachquerung kommen kann ich mir vorstellen, weshalb der Fahrer keine Passagiere haben wollte. Ein Geschiebekegel liegt im Weg und nur eine Zentimeter-breite Spur zwischen dem losen Gestein ist erkennbar. Hui, ich frage mich plötzlich, ob ich mal wieder die Schnauze etwas voll genommen habe. Severin spricht mir Mut zu: „Du musst nur den Lenker, fest im Griff, in die richtige Richtung halten, vergiss die Kupplung, gib Gas, das Hinterrad kommt von selbst hinter her“. Gesagt, getan, er hat recht. Es sieht schlimmer aus, als es eigentlich ist. Mit einem dosierten Mass an Schwung geht es dann eigentlich problemlos. Die folgenden Kehren sind eng und abschüssig, aber recht gut zu fahren, wenn man sie schön von weit aussen her nimmt. Und es lässt sich so schön herausdriften…
Bevor wir es richtig schnallen sind wir schon über diese erste Hürde hinweg und in einem ganz stillen Talkessel durch den sich der Kiesweg nach hinten zur nächsten „Steilstufe“ zieht. Dort aber bockt Severins 990er Aggregat. Hört sich nach zu wenig Luft an. Es dürfte ein etwas stark belegter Luftfilter sein, dem Staub von Bure sei dank. Mit vereinten Kräften beginnen wir mitten am Berg die Maschiene auseinander zu nehmen. Wir hoffen, dass wir den Filter mit Ausklopfen etwas frei bekommen, sodass der Motor mehr Luft bekommt.

Die Schrauben sind zum Teil etwas unbequem angebracht, aber schliesslich kommen wir an den Filter ran. Leider nur um festzustellen, dass der ölgetränkte Fliess keine Aussicht auf Erfolg unseres Unterfangens bietet. Severin schickt mich dann allein den Berg hoch, wenigstens einer von uns soll soweit fahren, wie es dieses Jahr geht.

Eine Kehre weiter zerstöre ich beinahe meinen Untersatz. Ich habe die beiden grossen Steine mitten auf dem Weg schon gesehen, aber falsch interpretiert, und wollte zwischen durch. Im letzten Moment sehe ich den Grund für die Geröllbrocken; unvermittelt und von unten kommend sehr spät zu sehen, tut sich ein Graben auf. Eine Auswaschung mitten durch den Weg hat eine Schneise hinterlassen, bei der man sich locker mal schnell die Gabel brechen kann, so breit und tief ist sie. Bergseitig, ganz nah am Fels, lässt sie sich aber umfahren. Ein paar hundert Meter weiter fahre ich in den nächsten Talkessel. Über einen kleinen Steg folge ich der Kiespiste stetig höher bis die nächsten Serpentinen beginnen. Hier sind die Felsbrocken grösser und spitzer, ich hoffe, dass meine Reifen halten. Ein Stück weiter oben komme ich dann etwas unerwartet an einer Verbotstafel vorbei. Als ob man sich hier freiwillig mit einem Fahrzeug in eine Pfütze unbekannter Tiefe mit anschliessendem Schneefeld begeben wollte. Und dann ist auch für mich Schluss mit lustig.

An den ersten Ausläufern eines Schneefeldes konnte ich mich noch vorbeizwängen, nun aber liegt der Schnee für meinen Geschmack etwas zu hoch, als dass ich, alleine, die 200 kg meiner KTM in den Schnee stecke, und dann wahrscheinlich nicht mehr rauskriege.

Noch schnell das Beweisfoto, dass ich hier war, geschossen, und dann mache ich mich vorsichtig auf den Rückweg. Severin wartet nun doch schon einen Moment.

Wieder bei ihm, markiere ich die böse Schneise mit noch mehr Felsbrocken, dann machen wir uns talwärts auf den Weg. Bei meinem Fotohalt oberhalb des letzten Absatzes staune ich nicht schlecht. Einige Kehren weiter unten als Severin schon ist, sägt sich doch tatsächlich ein Hummer2 durch eine Kurve. Das heisst, er versucht sich aus der misslichen Situation zu befreien, in die er sich selbst hinein manövriert hat. Wie erwähnt sind die Kehren eng und abschüssig, also steil. Der Hummer ist breit, hat einen langen Radstand und ist etwas untermotorisiert. Er hat keine Chance und muss nun rückwärts runter, zur ersten Kehre, die er gerade noch geschafft hatte. Wir machen uns auch wieder auf den Weg und sind bald an ihm dran. Er lässt uns vorbei und tastet sich zaghaft nach unten.

Die wüsten Stellen machen mich inzwischen nicht mehr nervös, ich folge Severin zum Parkplatz, wo wir unsere Lastesel neben ein paar französisch beschilderte BMWs und KTMs stellen und sie etwas verschnaufen lassen.
Beim Gespräch mit deren Besitzern, mit Händen und Füssen (mein Französisch ist noch immer nicht wirklich gut) meint einer der Franzosen, er würde sich daran erinnern, uns auf Korsika begegnet zu sein. Kann sein, ich erinnere mich nicht mehr so genau. Aber lustig haben wir es mit den Jungs trotzdem, auch wenn wir das Angebot für ein Glas Weisswein dankend und mit Verweis auf die Rückfahrt ausschlagen. Und nun endlich fährt auch der Hummer wieder an uns vorbei. Wir rätseln noch eine Weile wie viele Liter er pro Höhenmeter wohl verbrannt hat.

Dann machen auch wir uns auf den Rückweg. In Bardonecchia wollen wir noch etwas Cash holen, damit wir tanken und den Zeltplatz heute noch bezahlen können, da wir uns morgen recht früh auf den Heimweg machen wollen. In dem Ort einen funktionierenden Bancomaten zu finden gelingt uns aber nur mit Hilfe zweier sizilianischer Carrabinieri, die hier ihren Dienst versehen. Während ich den Maschinen ein paar Scheinchen zu entlocken versuche unterhält sich Severin mit dem einen der beiden Gesetzeshüter und findet bald heraus, dass wir es mit einem Motorrad Fan zu tun haben. Natürlich fährt er einen Strassenflitzer, grossvolumig und giftig gelb. Er zeigt uns stolz ein Bild auf seinem Telefon, er hat das Moped ja auch erst seit wenigen Wochen. Wir tauschen noch ein paar Informationen über gute Strecken in der Umgebung mit ihm, dann müssen die wieder an die Arbeit und uns ruft der Hunger an den Herd, respektive an den Benzinkocher. Der will heute nicht mehr so recht und mit Müh und Not kriegen wir die Pasta weich. Gegessen wird direkt aus der noch beheizten Pfanne. Bis wir fertig sind ist es schon wieder stockdunkel, eine warme Dusche lassen wir uns heute aber nicht entgehen. Unter anderem deshalb sind wir ja auch auf dem Zeltplatz und nicht irgendwo wild in der Prärie.
Noch schnell einen Anruf bei unseren liebsten, dann liegen wir auch schon flach.

Sonntag, 06. Juli 2008, Wetter: zunächst schön, aber dann…

Als ich erwache liegt Severin immer noch neben mir. Das heisst es muss noch sehr früh sein, denn er ist im Zelt nicht wirklich als Langschläfer bekannt. Ein Blick auf die Uhr lässt mich dann aber ungläubig staunen. Es ist bereit halb sieben. Zu der Zeit wollten wir ja eigentlich schon fast unterwegs sein. Nun aber Strohm in die Hose. Severin hat gestern vorgesorgt und seine eigene Luftmatratze auch aufgeblasen. Die beiden passen genau nebeneinander ins Zelt, runter fallen ist nicht. Und so kam es, dass auch er eine gesunde Kappe Schlaf beziehen konnte.
In Windeseile packen wir bei stahlblauem Himmel unsere sieben Sachen zusammen, meine Boxen angeschnallt, die Rolle mit Zelt und Matratze gefüllt, dazwischen ein paar Schlucke RedBull und kurz nach sieben Uhr sind wir Fahrbereit.

Die Information, dass der Col de Mont Cenis infolge eines Erdrutsches, der die Passstrasse wegriss, nicht passierbar ist, haben wir am KTM Adventure Treffen in Bure aufgeschnappt. Heute Morgen liegt uns nichts daran, herauszufinden, ob das zutrifft oder nicht. Wir beabsichtigen via Frejus Tunnel in Richtung Col de l’Iseran zu fahren. Als wir auf der Nordseite aus dem Tunnel kommen, empfangen uns dunkle Wolken. Oje, nun aber schleunigst weiter, sonst werden wir nass. Ich finde Severins Fotoshootings plötzlich gar nicht mehr lustig, fahren sollten wir, und zwar so schnell wie möglich. Es hilft alles nichts. Noch vor Lanslebourg holt uns der Regen ein. Fairerweise muss ich gestehen, wenn Severin die Fotos nicht gemacht hätte, hätte uns der Regen wohl höchstens 10 km später erwischt.

Und nun lässt es aber so richtig runter. Wir fahren das Tal hoch, und testen was die Haftfähigkeit unserer TKC 80 im Wasser hergibt. Das ist erstaunlich viel, will heissen, hält und hält und hält. An den wenigen Baustellen kommen wir gut vorbei, mal abgesehen von dem Automobilisten, der es nicht verträgt, dass wir mit den Mopeds vorfahren. Kaum ist die Ampel grün, Severin ist schon vorbei, zieht er nach links um mich abzudrängen. Da hilf nur noch das Ausfahren des Endurostiefels, was er sieht und wohl in Angst um seine Carosserie sofort wieder nach rechts auf seine Spur zuckt. Idiot.

Und dann geht es den Col de l’Iseran hoch. Ich muss zugeben, diesen Pass bin ich an einem Sonntag noch nie so flüssig hochgekommen. Ganze drei Autos gab’s zu überholen, keine Mopeds, so weit das Auge reicht. Gut es hat vorher auch noch nie derart geregnet. Meine Textilhose ist nicht dicht, was sich negativ auf meinen Temperaturhaushalt auswirkt. Auf der Passhöhe will ich deshalb nicht lange verweilen. Severin kann es nicht lassen und auch noch ein Bild von meiner Misere.

Auf dem Weg runter nach Val d’Isere überholen wir dann doch noch einen Töff, einen Sonntagsfahrer auf seiner 1000er Multistrada. Entweder hat er ganz üble Reifen, oder er kann wirklich nicht fahren, so langsam ist er unterwegs. Nach Val d’Isere lässt der Regen zum Glück spürbar nach. Wir nehmen dann die Abkürzung Richtung kleiner St. Bernhard und kurz unter der Passhöhe beginnt sogar die Sonne wieder zu scheinen. Wir nutzen das für eine kurze Pause um wieder etwas anzutrocknen. Aber die nächsten Regenwolken sind schon in Sicht. Bei den ersten Tropfen sitzen wir wieder im Sattel und geniessen die Ostseite des Passes, die offensichtlich bisher vom Regen verschont geblieben ist. Jedenfalls ist die Strasse weitgehend trocken und wir können die Serpentinen voll ausfahren. In Aosta meint Severin es sei an der Zeit zu tanken. Ich bin anderer Meinung und wir fahren weiter den grossen St. Bernhard hoch. Je weiter wir fahren, desto weniger bin ich mir aber sicher, ob wir das wirklich bis runter nach Martigny schaffen.
In Etroubles machen wir bei einer ehemaligen Tankstelle und wieder einsetzendem Regen eine Pause und erkundigen uns nun doch, wo hier die nächste Tankstelle zu finden sei. Die sei nur ein paar Kilometer weiter oben, gleich bei der Abzweigung auf die Passstrasse. Also, nächstes Ziel: Tankstelle.

Angekommen, sind wir erst etwas verwirrt ob all der Werbung auf den Zapfsäulen, welcher Treibstoff denn nun aus welchem Hahn kommt. Wir halten uns schliesslich an die Angabe oberhalb der Eichplakette und tanken voll.
Der Fehler wird erst beim Versuch zu bezahlen offensichtlich. Der Tankwart meint nämlich die Zapfsäule würde Diesel abgeben. Wir glauben es nicht, und verlieren etwas die Contenance. Trotz unserer Einwände bleibt er fest der Meinung wir seien die Dummen, es sei ja völlig klar, hier unten stehe es doch geschrieben und ausserdem sei der Hahn ja gelb, das sei immer Diesel. Super, da drüben bei Säule 5 ist der Dieselhahn aber schwarz.

Nun, wir überlegen kurz welche Optionen wir haben. Es kommt aber nur eine wirklich in Frage: Sofort die Tanks leeren. Wir öffnen als unsere Werkzeugtaschen und beginnen damit unsere Mopeds vom üblen Saft zu befreien. Wohin aber mit 40 Liter Diesel. Erst einmal muss der Eimer mit dem Scheibenputzwasser dran glauben, Severin requiriert in kurzerhand. Aber das reicht nicht. Wir plündern also alle Abfalleimer um möglichst grossvolumige Getränkeflaschen einer neuen Verwendung zu zuführen. Und beginnen die Tanks via Verbindungsschlauch zu entleeren. Die linke Tankhälfte fliesst nur quälend langsam ab und wir sehen ein ernsthaftes Volumenproblem auf uns zukommen.
Nachdem der Tankwart erst noch wutschnaubend abgedampft ist, hat er nun doch ein einsehen und bringt einen riesigen Kanister mit Trichter. Wir leeren also was wir können da rein. Nach fast einer halben Stunde ist die erste Tankhälfte leer, Nachspülen mit Benzin aus dem Reservekanister, umstöpseln, rechte Tankhälfte leeren. Die läuft deutlich schneller. Dank der zusätzlichen Gebinde können wir nun bereits mit dem zweiten Moped beginnen.
Über eine Stunde nachdem wir unabsichtlich Diesel getankt haben gehen wir den Tankwart nun fragen, welcher Hahn denn nun 98 Oktan Benzin abgibt; wir wollen im Tank verbliebene Dieselspuren mit etwas höherwertigem Benzin kompensieren. Als positive Überraschung entpuppt sich der Tankwart dann gänzlich unerwartet, er verrechnet uns nur das Benzin, nicht aber den Diesel.

Die Fahrt über den grossen St. Bernhard ist dann geprägt vom Überholen vieler Cars und Wohnmobile, einigen Baustellen mit Kiespassagen und dem Grenzübertritt am kleinen See. Wenigstens hält sich der Himmel etwas zurück was den Regen betrifft. Die Fahrt runter nach Martigny ist ab der Nordrampe des Tunnels nicht mehr wirklich spannend und wir fahren in einem Zug durch bis zur Raststätte Deitingen, wo wir nochmals auftanken, die Maschinen und uns.

Und dann heisst es schon Abschied zu nehmen. Wir fahren dann zwar noch bis zur Verzweigung Limmattal in unserem bewährten Tandem-Flug, das heisst relativ nahe hintereinander aber immer seitlich versetzt, sodass wir unsere Fahrspuren auch bei Überholmanövern nicht schneiden. Ein letzter Wink, Severin fährt weiter auf dem Nordring und ich stürze mich in den Stadtzürcher Verkehr. Ich schaffe es soweit trocken bis zu mir in die Garage. Aber noch während ich die Kette schmiere, Öl und Wasser kontrolliere giesst es draussen schon wieder in Strömen.

Nun habe ich mir eine heisse Dusche aber redlich verdient. Und dann schaue ich mir erst mal die Bilder bei besserer Auflösung an.