Kurventraum Südschwarzwald

Kurventraum Südschwarzwald


Ab der Grenze Waldshut dauert es nicht lange und wir tauchen ein in das erste grössere Kurvenerlebnis dieser Saison. Der Schwarzwald liegt für uns Schweizer eigentlich ideal in der Nähe und ist innert angemessener Zeit zu erreichen. Vor allem ab Waldshut ist es eine Sünde, wenn man die Albschlucht nicht durchfährt. Nach ca. 9 Kilometern erreicht man Albbruck und damit den Beginn einer wirklich sehr schönen Schluchtenstrecke. Zu Beginn ist die Strasse ziemlich eng und folgt dem Flüsschen Alb entlang. Während die Alb je länger je mehr in der Tiefe verschwindet, zwingt sich das schmale Asphaltband stetig an Höhe gewinnend eng der Schlucht entlang nach Norden. Zwischendurch sorgen fünf kurze und daher unbeleuchtete, einspurige Tunnels für Abwechslung. Ansonsten ist der Blick auf die Strasse fixiert. Nur so kann man die teilweise schnell entgegen kommenden Bikern und Dosenfahrer im Blick behalten. An schönen Tagen röhren dutzende Bikes Minutentakt durch die Schlucht – reinste Musik für Liebhaber unterschiedlichster Motorendsounds. Etwas speziell dünken uns die Randsteine, denn sie erinnern einen zum Teil etwas an Grabsteine. Später, wenn die Strasse sich etwas weitet sind dann (anders als in der Schweiz) gewisse, risikoreiche Kurven sogar mit doppelter Leitplanke ausgebaut.

Die Motorräder hier fahren teilweise in Pulks und die Gruppenhintersten scheinen jeweils eher unsicher. Sowieso hat es viele Biker, die Anfang Jahr noch etwas unsicher auf den Rädern sind. Es ist halt wieder einmal Saisonbeginn und die lauen Temperaturen locken auch die letzten Winterschläfer aus ihrem Nest, wie glitzernde Edelsteine die Elstern. Die Strecke bis St. Blasien ist super und gefällt uns besonders, vor allem, weil wir es nicht eilig haben. Vor dem ersten kurzen Tunnel machen wir Pause und sind so immer gut unterhalten, wenn andere Biker vorbei donnern. Ausserdem haben wir hier eine für manche vielleicht etwas schwindelerregende Aussicht auf das weit unten liegende Tal, wo die Alb fliesst.

Sobald man die Albschlucht hinter sich lässt, wird man erstaunt feststellen, wie selten man nun auf andere Biker stösst. Normalerweise würde uns das in diesem weitläufigen Gebiet kaum auffallen, aber diese Ostern ist ausser im Schwarzwald überall schlechtes Wetter angesagt und so war zu erwarten, dass heute massiv viele Tourer nach Süddeutschland einfallen. Offenbar verteilt sich der Ansturm, nachdem man die grossen „Zubringer“ überwunden hat, aber gut auf die unzähligen Strecken.

Ein kleines Kurvenfestival gibt es dann ab Todtmoos Au hinauf nach Gersbach und danach über Riedichen runter nach Atzenbach. Kaum aus dem Einflussbereich der Zentrifugalkräfte einer Kurve raus, wird man schon vom nächsten Kräftefeld angezogen. Ein wahrer Festschmaus für alle, die Anfang Jahr mal wieder an ihrer Kurventechnik feilen wollen. Aber Achtung, man befindet sich hier auf öffentlichen Strassen und nicht auf einer Rennstrecke! Dies scheinen einige der wenigen Supersportmaschinen hier immer wieder zu vergessen, wie uns einheimische berichten.

Das Ganze ist nicht von aussergewöhnlicher Länge, dafür aber gewürzt mit einer fantastischen Aussicht oberhalb von Riedichen. Die Sonne brennt auf uns nieder und wir sind froh, uns am Aussichtspunkt etwas abkühlen zu können. War es heute Morgen noch angenehm frisch, so fühlt es sich in unserer Textilkleidung mittlerweile an, wie in einem Gewächshaus bei 100% Luftfeuchte. Also schnell an den Strassenrand und durchlüften. Bei der Gelegenheit lassen wir gleich die eine oder andere Schicht unseres Zwiebelprinzips im Topcase verschwinden.

Unser Weg führt uns immer wieder über kleinere Strecken, die sich wie von Gotteshand angelegt ideal in die Gegend einschmiegen. Die Kurven sind meist nicht wie im Centovalli eine an der anderen, sondern mehr auf eine gut verträgliche Konzentration „herunter“ geschraubt über die gesamten Strecken verteilt. Dies garantiert eine angenehme Tour ohne grosse Ermüdungserscheinungen. Sobald man allerdings auf eine grössere Strasse kommt, rauschen die Biker nur so an einem vorbei. So machen wir erneut Halt und lassen die Strasse Strasse sein, die Kurven werden uns schon nicht davonrennen.

Schnell stellen wir fest, dass wir mal wieder an einem idealen Punkt gestoppt haben, denn nun sausen im Minutentakt die unterschiedlichsten Bikegattungen vorbei, allerdings mit einer klaren Tendenz zu den grossen Tourenmaschinen.

Als hätte es sich herumgesprochen, dass wir nun auch noch einen Happen in den Mund schieben möchten, um den ungeduldig aufbegehrenden Magen zu beruhigen, werden wir nun regelrecht mit Winken beworfen. Unser Anstand verbietet es natürlich diese einfach zu ignorieren und so winken wir fast ununterbrochen zurück. So dauert das normalerweise kurze Vergnügen eines Mandelgipfels fast doppelt so lange wie sonst.

Kurz bevor wir unser heutiges Tagesziel erreichen, wartet nochmals ein Leckerbissen auf uns. Der Belchen. Ein Leckerbissen, vor allem dann, wenn man unter der Woche da ist und ihn  für sich hat, denn leider entdecken wir, dass es sich hierbei um eine wahre Racerstrecke handelt.

Während wir in einer 120° Kurve ein Päuschen einlegen, entdecken wir, dass viele Biker hier viel zu schnell unterwegs sind und neben sich leider auch oft andere Verkehrsteilnehmer massiv gefährden. Besonders stossend finden wir, wie auch einige andere Pausenmacher vor Ort, dass es sich bei den wildesten Rasern meist um Schweizer handelt. Innerhalb weniger Minuten kommt es gleich mehrfach zu brenzligen Situationen und ein Ortskundiger lässt uns wissen, dass es ein reines Wunder ist, dass nicht mehr passiert. Die Strecke ist so berühmt-berüchtigt, dass zu unterst am „Pass“ gar eine grosse Tafel darauf hinweist, wieviele hier schon ihr Leben liessen und wie viele Schwerverletzte diese Strecke schon gefordert hat.

Von der Passhöhe Belchen biegen wir ab hinauf zu unserer Unterkunft. Die letzten Kilometer cruisen wir durch den letzten noch liegenden Schnee, der sich aber teilweise noch fast bis zu einem Meter hoch türmt. Der Schnee strahlt deutlich Kühle aus, oder kommt uns das nur so vor, weil wir mal wieder ziemlich an Höhe gewinnen?

Nachdem wir unser Bumblebee, also unsere sehr hummelähnliche BMW in der Garage abgestellt  haben und uns das feine und ausführliche Nachtessen erfolglos an unseren Geschmackszellen vorbei in die Speiseröhre zu schmuggeln versucht haben, geht es bald ins Bett, denn wir wollen morgen ja auch noch einiges erfahren.

Tag 2:
Nach einer herrlich erholsamen Nacht und einem ausführlichen Frühstück geht es los. Vom Hotel aus folgen wir der Strasse ins Tal. Schon auf dieser kurzen Strecke wird man auf das kommende Kurvenhighlight im Schwarzwald vorbereitet. Kaum eine Gerade, wo man sich an der schönen Natur ergötzen kann.

Im Tal folgen wir einem Flüsschen, in welchem sich die Beute der Schneeschmelze gesammelt hat nach Westen. Allerdings nicht allzu weit. Ein kleiner Weg (hier gilt Sonntagsfahrverbot) führt uns weg von der grossen Strasse und wir sind wieder für uns alleine. Kein Gegenverkehr, dafür kleine Strässchen und Abgelegenheit.

Die Sonne hält sich auch heute kaum zurück, weshalb wir unsere Bekleidung bald anpassen müssen. Ist es auf den Passhöhen gerade angenehm, so steigt die Temperatur in unserer Kleidung mit jedem Meter talwärts gefühlte 10°C an. So köcheln wir also vor uns hin, bis wir einen geeigneten Pausenplatz finden, was hier im Schwarzwald zum Glück nicht besonders schwer ist.

Was uns besonders gefällt (abgesehen vom wenigen Verkehr), sind vor allem die kleinen Orte, wo man plötzlich aus dem Wald hervorsticht und mit einer weiten, nicht enden wollenden Fernsicht für die gefahrenen Kurven belohnt wird (als wäre das eine Unannehmlichkeit gewesen, von einer Kurve in die nächste zu gondeln). Da wir fast magisch von solchen Orten angezogen werden, machen wir auch heute mehr Pausen als eigentlich nötig wären, geniessen an eben jenen Orten die fantastische Aussicht, lauschen dabei den fleissig pfeifenden Vögeln und lassen uns die Sonne auf den Bauch scheinen. Verirrt sich dann doch mal ein Miniaturwölkchen vor die Sonne, ist es für uns das Zeichen zum Aufbruch.

Dass der Schwarzwald eigentlich sehr viele Ähnlichkeiten mit dem Appenzell hat, ist uns auch schon aufgefallen: Auch hier tummeln sich besonders viele Bauern, die, Ostern oder nicht, ihrer Arbeit nachgehen müssen. Einige markante Unterschiede gibt es aber dennoch: So fallen die Süddeutschen Bauernhäuser mit ihren schweren Dächern um einiges massiver aus, als jene im Herzen der Schweiz. Und um eines beneiden wir Schweizer diese Region besonders, um ihre unglaubliche Weite. Die einzelnen Häuser und Höfe liegen fern vom „Rest der Welt“ und man fühlt sich weit abgelegen vom Nachbarn. Genau das, was man sich bei uns oft wünscht und kaum je kriegt, weil schlicht zu wenig Platz da ist.

Ausserdem verstehe ich kaum mehr, weshalb so viele Deutsche unbedingt mal über die Schweizer Alpenpässe fahren wollen. Ich würde den Grimsel oder den Furka jederzeit gegen einige der kleinen aber feinen Pässchen des Schwarzwaldes eintauschen. Zumal hier kaum Verkehr herrscht, wobei man zur gleichen Zeit in der Zentralschweiz wohl in Kolonnen über die Pässe kriechen muss!

In Menzenschwand zweigen wir kurz von unserer geplanten Route ab. Wir wollen uns die Wasserfälle der Albschlucht ansehen. Die junge Alb drängt sich hier in einigen kleineren Fällen durch eine Schlucht. Wer eher abends unterwegs ist, dem sei die Schlucht doppelt empfohlen, weil  dann der Fluss mit Scheinwerfern noch beleuchtet wird, was das Ganze besonders einzigartig aussehen lässt. Wen das aber nicht interessiert, der kann evtl. mehr mit der Radonterme anfangen. Die Muskulatur dankt es einem zumindest.

Wer seiner Sozia oder für sich selbst noch etwas Kleines kaufen möchte oder einfach sonst mal einen Shoppinghalt machen möchte, der sollte diesen Halt am besten in Freiburg im Breisgau einlegen. Da findet sich alles, was das Herz begehrt.

Die Strecke hinaus aus der Stadt auf den „Hausberg“ Schauinsland, geniessen wir besonders. Die Strecke ist mehr als gemacht für Motorradfahrer. Wir scheinen aber die einzigen zu sein, die das gesehen haben... denn wir treffen nicht einen einzigen anderen Biker auf dieser extrem schönen und ziemlich kurvenlastigen Strecke.

Etwas weiter oben finden wir heraus weshalb: Offenbar ist an Wochenenden das Befahren der gut ausgebauten Strecke für Motorräder verboten. Was für ein Pech... für alle anderen, die sich daran gehalten haben. Da wir aber so oder so abzweigen müssen, lassen wir die Bergspitze aus, nicht das oben dann noch ein Strafzettel auf uns wartet.

Über eine kleine Waldstrasse gelangen wir wieder an den Fuss des Belchen, welchen wir heute also zum zweiten Mal fahren dürfen.

Tag 3:
Leider ist heute schon wieder Rückreise angesagt. Das bedeutet aber gleichzeitig, dass wir heute nochmals einen grossen Teil Strässchen und Weglein durch das schöne Schwarzwaldgebiet fahren dürfen. Also lassen wir auch so schnell wie möglich los. Heute fahren wir zurück zur Passhöhe des Belchenpasses. Den Belchen sind wir bisher zwar zweimal von einer Nordseite hinauf, aber nie auf der Südseite wieder runter gefahren, das holen wir nun nach.

Vor allem Anfangs hat man eine wunderbare Weitsicht, während man am besten immer mit der Motorenbremse leicht schwingend die Kurven nimmt So hat man am meisten Gelegenheit die Gegend zu geniessen. Etwas später taucht man dann in eine waldige Schlucht ein und kommt erst kurz vor Utzenfeld wieder heraus. Hier kann man die Bremse getrost etwas vernachlässigen.

Wir folgen der stärker befahrenen 317 bis kurz nach Wembach und zweigen dann nach Osten ab. Kaum 100m entfernt von der grösseren Strecke sind wir wieder für uns allein. Kein Auto und kein anderes motorisiertes Gefährt stört unsere Fahrt. Wir geniessen die frische Morgenluft und die fast im Abo gelieferten Kurven. Der Zufall hätte die Strecke nicht besser mit Kurven füllen können. Auch finden sich hier wieder die typischen Schwarzwaldbauernhäuser, inkl. der Bauernfamilien, die heute am Ostermontag zwar arbeiten, aber halt etwas geruhsamer und so nebenbei Zeit finden, uns zu zuwinken.

Von Häg geht es direkt nach Atzenbach und dort lassen wir die vielen Kehren und Kurven, welche wir vor zwei Tagen in umgekehrter Richtung gefahren sind, nun vom Tal hinauf in der „richtigen“ Reihenfolge auf uns zukommen. Einfach toll, wenn man solche Strassen vollkommen für sich alleine geniessen kann. In der Schweiz wäre so etwas kaum möglich.

Von der Hochebene bei Schlechtbach geht es nun kontinuierlich nach Süden. Immer die Nasen in Richtung nächster Kurve, und davon hat es so manche, immerhin sind es gute 8 Kilometer Kurvenstrecke, meist im kühlen Wald, bis man nach Hasel einbiegt. In Hasel wechseln wir auch die 518 und erreichen nach ca. 12 Kilometer schon Bad Säckingen, wo wieder die kurvenarme Schweiz auf uns wartet.

Eins ist aber nach diesem Ausflug klar: Hätte ich schon früher von den verwaisten Kurvenstrecken im Schwarzwald gewusst, wäre ich schon längst Stammgast in dieser herrlichen Region!