Farb- statt Schwarzwald

Heute überkommt es mich. Es ist eines der letzten schönen Wochenenden dieses Herbstes und da es schon unsicher ist, ob die Pässe dann auch wirklich noch offen sind für eine schöne Rundfahrt, entschliesse ich mich lieber für einen sicher Schneefreien Kurztrip in das nahe Ausland.

Ausgangspunkt für meine Reise ist Schaffhausen. Und ich wäre ja kein echter Schweizer, würde ich bei einer solchen Gelegenheit den Rheinfall links liegen lassen. Gesagt, getan. Ich zweige also nach links ab, hinunter zu den Parkplätzen für die Rheinfallbesucher. Es ist bewölkt, doch die Sonne drückt hie und da durch und ich geniesse es, wie die Sonnenstrahlen mich unter dem Visier kitzeln.

Da man am Rheinfall nicht ganz bis nach unten fahren darf, lasse ich die Maschine für einen Moment alleine. Kaum habe ich den Helm abgenommen und die Oropax aus den Gehörgängen gezogen, überfällt mich das donnernde Rauschen des grössten Wasserfalls der Schweiz.

Wasser spritzt in die Luft und feuchte Wolken aus aufgewirbelten Wassertröpfchen werden durch den Wind zu mir herüber getragen. Kühl legt sich der Nebel auf mein Gesicht. Unglaublich diese Wucht. Naja, ganz kann die SV 1000 da noch nicht mithalten, aber ein grosser Sprung ist es nicht mehr.

Erfrischt und bereit für eine richtige Tour mache ich mich auf in Richtung Grenze. Dort wird, nicht wie so oft zu hören, jeder intensiv kontrolliert. Nach kurzen 10 Sekunden bin ich in Deutschland und steuere das nächste Ziel an. Nach dem Zoll gleich links und nach etwa 100m wieder rechts. Ich befinde mich in Stühlingen. Das Dorf selbst wirkt nicht gerade einladend, aber die kurze Strecke danach, eine Anhöhe hinauf umso mehr. Zwei 180er erwarten mich. Die Strasse führt schnell bergauf und schon bald sehe ich durch das orange Laub auf die Dächer der Ortschaft. An der grossen, die Ortschaft überragenden Kirche vorbei, geht es zur nächsten Kreuzung und dort links. Ich will nicht direkt weiter fahren, obwohl die Panoramastrasse zwischen Stühlingen und Bonndorf nicht zu Unrecht diesen Namen trägt.

Das weg führende Strässchen ist weniger breit, aber in gutem Zustand. Durch abgeerntete Felder fliege ich dahin. Ein kleines Tobel hinab und dann richtig tief reinliegen in eine enge Linkskurve. Aber Achtung, Gegenverkehr ist möglich und wegen Bäumen kaum zu sehen!

Schon unweit nach Mauchen biege ich erneut in die Panoramastrasse ein. Mit etwas mulmigem Gefühl fahre ich an einem Golfplatz vorbei, der sich auf beiden Seiten der Strasse dahin zieht. Wie fest mein Helm wohl einen Schlag eines Golfballes abfedern würde?

Nach Bonndorf geht es ziemlich steil in ein Tal runter, wo man sich immer ganz links halten sollte, um auf die L159 zu gelangen. Auf dieser verweilt man dann, bis man kurz vor Dezteln nach rechts abzweigen muss. Doch bevor dies aktuell wird, kann man sich an einer Unmenge von Kurven und Kürvchen freuen. Allerdings muss man sich bewusst sein, dass jetzt im Herbst hinter jeder Kurve, oder eben noch schlimmer, IN jeder Kurve, eine gemeine Attacke der Laubbäume auf einen warten könnte. Diese offenbart sich dann vor allem in Form von Laub auf der Strasse. Wohl bemerkt, ich sage das nicht um Kurvenräuber von ihrem Temporausch runterzuholen, nein ganz und gar nicht, sondern lediglich darum, weil dem Kurvenräuber sonst allzu schnell ein gratis Schleuderkurs ohne Sturzraum droht. Vor allem, wenn es vorher geregnet hat, ist die Fahrt über das Laub ähnlich einer Fahrt auf Schneematsch. Zudem sollten sich Geschwindigkeitsfanatiker bewusst sein, dass auf dieser Strecke leider der Belag etwas zu wünschen übrig lässt, und dass neben den meist lang gezogenen Kurven einige wenige uneinsehbare und ziemlich enge und etwas tückische Kurven auf einen warten. Würde der Fall nun mal eintreten und man würde die Kurve nicht mehr kriegen, so wartet nicht selten eine harte Felswand um der daher fliegenden Maschine einen gebührenden Empfang zu bieten.

Kurz vor Detzlen bringt dann eine Kiesgrube mit uralten, verstaubten Maschinen und Förderbändern noch etwas Abwechslung in die lange, sich durch den Wald schlängelnde Strecke, bevor man dann rechts abbiegen muss.

Von Krenkingen gibt es zwei sehr schöne Strecken: Der eine Weg führt bis nach Witznau, von wo man nach Norden abzweigt. Die Strasse folgt in unzähligen Kurven der L157 entlang der Schlücht, einem kleinen Fluss, der rechterhand neben der Strasse dahin gurgelt. Der andere Weg zweigt schon etwa 1km nach Krekingen ab, mit dem Zwischenziel Berghaus. Anstatt aber nach Hagnau runter zu fahren, bleibt man auf der Anhöhe und folgt dem 1,5 Auto breiten Feldweg und geniesst dabei die schöne Aussicht. Dieser Weg führt parallel zur L157 bis nach Ühlingen, wo man wieder auf die Hauptstrasse L157 stösst und dieser weiter bis nach Birkendorf folgt.

Die nur einige Kilometer lange Verbindungsstrasse zwischen Grafenhausen und Schönenbach bietet neben wenig Verkehr eine sehr abwechslungsreiche Reiseroute. Zuerst geht es in einer Allee an vielen Obstbäumen vorbei, dann steil hinunter in ein Tobel. Einige Bodenwellen zwingen meine Konzentration auf die enge Strasse. Nebelschwaden hängen in den Bäumen und einige streichen geheimnisvoll um die Baumwipfel.

Kurz vor Seebrug erreicht man dann die breite B500, die am Ende des Schluchsees vorbei führt. Der Himmel färbt sich grau und nur noch am Horizont drückt die Sonne etwas durch. Etwas weiter nördlich muss es Bindfäden regnen, so dunkel ist der Himmel. Ich entscheide mich gegen den Regen, der da anrollt, und wechsle deshalb wieder die Richtung und folge der B500 nach Süden. Die Strasse ist noch patschnass und, um nicht gleich in der Gischt der vor mir fahrenden Autos zu ertrinken, muss ich das eine oder andere fast zwingendermassen überholen.

So was blödes, vor mir regnet es und das Unwetter hinter mir rückt mir immer mehr auf die Pelle. Ungeschickterweise habe ich heute Morgen meinen Regenschutz auf der Ablage zu Hause liegen lassen, und da ich nicht gerne in meinem Lederkombi dusche, ändere ich kurzfristig die Route. Anstelle der kurvenmässig viel attraktiveren Strecke über Immeneich, Göhrwil und Niederwil fahre ich nun direkt über Tiefenhäusern, entlang der grossen Verbindungsstrasse bis nach Waldshut. Auch diese Route hat ihren Reiz. So kann man hier äusserst gut überholen und vor dem anrollenden Gewitter flüchten. Zudem bietet sie immer wieder schöne Ausblicke.

Die Strasse ist von der Regenfront von heute Morgen noch ziemlich nass. In einer leichten Rechtskurve zieht es das Bike leider nicht in die von mir vorgegebene Richtung, sondern es gleitet ganz ruhig und etwas schwammig in der Lenkung in Richtung Strassenmitte. Das kenne ich irgendwie aus meinen Erfahrungen im Offroad fahren, doch ich hätte kaum erwartet, dass ich bei 90km/h plötzlich mit Aquaplaning konfrontiert werde, hat es doch keinen Fluss über die Fahrbahn und die Pneus haben auch noch ordentlich Profil. Ich kupple aus und bremse ganz fein mit der Hinterradbremse. Und schwupps, da greifen beide Räder wieder, ich ziehe nach rechts und alles ist wieder wie zuvor. Uff, noch mal Glück gehabt!

Von einer Anhöhe hinunter sehe ich auf das Atomkraftwerk Leibstadt. Ich kann demnach dem Zoll in Waldshut nicht mehr allzu fern sein. Und wie erwartet erreiche ich nach knapp 10 Minuten den Grenzübergang. Wer sich nun nicht hinter den meist längeren Schlangen am Zoll in Waldshut anstellen möchte, der hat die Möglichkeit, parallel zur Schweizer Grenze wieder in Richtung Schaffhausen zu fahren. Dies hat zudem den Vorteil, dass man ausserorts immer noch von den erlaubten 100km/h profitieren kann.  

Ich schliesse mich allerdings dem Tatzelwurm über die Brücke an und entkomme so zum Schluss ganz den feuchten Fängen des Regenwolkengottes. Dieser zieht sich nach verlorener Schlacht nach Norden zurück - auf dass er mich in Zukunft nur in kompletter Regenmontur erwischen möge!