Fahrtechnik

Kurvenfahren

Oft kommt einem ein Motorradfahrer am Ausgang einer Kurve auf der falschen Strassenseite entgegen. Wieso ist das so? Einerseits sicherlich, weil der Fahrer die Geschwindigkeit nicht an sein eigenes Können angepasst hat. Warum aber kommt ein zweiter Fahrer gleich schnell oder gar schneller ebenfalls um die Kurve, ohne dabei aber auf die falsche Seite zu gelangen?

Dies wiederum hat mit der Fahrtechnik zu tun. Wie also nimmt man am besten eine Kurve? Es gibt einige Grundsätze, die man beherzigen sollte, will man seine Motorradkarriere möglichst lange geniessen:

  • Eine Kurve sollte immer nur so schnell befahren werden, dass man jederzeit innerhalb der Sichtweite problemlos anhalten kann, also dabei nicht Platz auf der anderen Strassenseite benötigt. Es könnte ja sein, dass ein Tier auf der Strasse steht oder ein Pannenfahrzeug gleich hinter dem Felsvorsprung zum Vorschein kommt (habe ich alles schon erlebt!).
  • Man sollte eine Kurve so anfahren, dass man nicht in die Kurve hinein bremsen muss, sondern in der Kurve mit hängendem Gas fahren kann, um danach gegen Kurvenende wieder beschleunigen zu können. Dies kommt vor allem im Herbst und an frostigen Tagen zum Tragen, denn Laub oder Frost können ganz besonders in Kurven zum Problem werden.
  • Der Wechsel von bremsen auf Gas geben führt zu einer sogenannten Lastwechselreaktion des Motorrades. Diese kann je nach Bike unterschiedlich stark zur Geltung kommen und äussert sich durch Unruhe im Fahrwerk. Je stärker die Reaktion, desto schwieriger wird das Wechseln von bremsen auf Gas geben. Daher plant man die Lastwechselreaktion besser vor der Kurve ein, als in der Kurve!
  • Es ist immer mit einem unerwarteten Kurvenverlauf (z.B. schliessende Kurve) zu rechnen. Wer blind davon ausgeht, dass das Kurvenende gleich aussieht, wie der Kurvenbeginn, macht womöglich einen verhängnisvollen Fehler. Gegen Ende schliessende Kurven bringen immer wieder Biker in Bedrängnis, die sich diese Problematik zu wenig vor Augen führen.
  • Immer genug Abstand zum Vorausfahrenden Fahrzeug einhalten, besonders in Kurven, die nicht komplett einsehbar sind.
  • Man sollte seinen Blick vom Vorderrad lösen und mit dem Blick dem Kurvenverlauf folgen, denn es gilt: Man fährt, wohin man blickt!
  • Bremsen in der Kurve sollte ein TABU sein! Warum? Nun, weil beim Bremsen das Motorrad auf Grund von physikalischen Grundgesetzten (Kreisel- und Fliehkräfte) unweigerlich zum Aufrichten tendiert. Geübte Fahrer können dies kompensieren, indem sie das Bike mehr in Schräglage zwingen, ungeübte werden jedoch mit grösster Wahrscheinlichkeit auf die Gegenfahrbahn geraten.

Bei Rechtskurven

  1. Angefahren wird eine Rechtskurve nahe der Mittellinie und man reduziert auf eine angemessene Kurvengeschwindigkeit.

  2. Man wartet möglichst lange mit dem Einlenken, damit man soviel wie möglich vom Kurvenverlauf sieht. Eingelenkt wird wenn möglich mit „hängendem Gas“.

  3. Der Blick löst sich also vom Vorderrad und folgt dem Kurvenverlauf.

  4. Man verschiebt den „Scheitelpunkt“ der Kurve, also jenen Punkt, an dem man dem Strassenrand am nächsten kommt, so weit wie möglich zum Kurvenausgang hin.

  5. Hat man den Scheitelpunkt und damit eigentlich den engsten und somit meist langsamsten Punkt der Kurve hinter sich, kann man dem weiteren Strassenverlauf angepasst beschleunigen.

  6. Wer diese Grundregeln nicht in Fleisch und Blut übergehen lässt, wird sich früher oder später höchst wahrscheinlich nach einer Kurve auf die Gegenfahrbahn wieder finden, besonders dann, wenn er jemandem zu folgen versucht, der oben genanntes Vorgehen perfekt ausführt.


Bei Linkskurven

  1. Das Prinzip ist das gleiche, nur dass man die Kurve möglichst auf der Aussenseite anfährt, also vom Fahrbahnrand her. Der Grund ist einfach: Beim Einlenken gerät man zwingendermassen in Schräglage. Dabei aber braucht das Bike mit dem oben auf sitzenden Biker in der Breite mehr Platz, weil man ja schräg in die Kurve geht. Wenn man nun der Mittellinie folgen würde, so wäre das Bike noch auf der richtigen Strassenseite, während der Oberkörper bereits auf die andere Strassenseite ragen würde. Man stelle sich vor, in einem solchen Augenblick kommt einem auf einer engen Bergstrasse ein Postauto entgegen (keine Erfindung, am Klausenpass kann man das immer wieder sehen). Nun würde genau wieder das Gleiche passieren, wie oben beschrieben. Der Biker müsste bremsen, das Bike würde sich aufrichten und man würde ohne etwas Glück von der Strasse abkommen, sofern es überhaupt reichen würde, dem Postauto zu entkommen (auch das habe ich selbst schon mitansehen müssen!).

  2. In der Linkskurve ist zusätzlich auf entgegen kommende Fahrzeuge (vor allem andere Biker) zu achten, die sich eben nicht an die oben genannten Punkte halten und deshalb in missliche Situationen geraten.